Männerbilder: 

netzeitung.deEva Hermans neue Männer

 Herausgeber: netzeitung.de

The Kooks (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe The Kooks
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nicht nur die Rolle der Frau ist umkämpft, auch die Männer sind in der Krise. In der Popmusik wird daher schon seit geraumer Zeit versucht, wieder den starken Mann zu spielen.

Von Aram Lintzel

Eva Herman auf allen Kanälen. Aber nicht nur das Bild der Frau zwischen Häuslichkeit und Karriere wird derzeit heiß diskutiert – seit einiger Zeit tobt in den Feuilletons und auf dem Büchermarkt auch eine Debatte um den Mann: «Was ist nur mit den Männern los?», fragt sich die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», «Was ist männlich?» titelt die «Zeit». Von «lauter Problembärchen» ist die Rede, eine «Krise der Kerle» – so ein Buchtitel – wird diagnostiziert.

Die gängige These in Kürze: Angesichts der Aufweichung klassischer Geschlechterrollen und der postmodernen Angebotsvielfalt möglicher Männlichkeitsentwürfe sei die Krise des Mannes zum Dauerzustand geworden. Der Ärmste ist überfordert und verunsichert, da sein Selbstverständnis sich nicht mehr von selbst versteht. Der Psychologe Stephan Grünewald spricht in seinem Buch «Deutschland auf der Couch» denn auch genauer von einer männlichen «Krise der Selbstinszenierung».

Popmusik als Testlauf
Der Begriff der «Selbstinszenierung» macht bereits deutlich, dass es sich bei jeder Form von Männlichkeit nicht um eine Naturtatsache, sondern um ein eine Erfindung, eine Maske und einen Style handelt. Und eben das macht die aktuelle Männerdebatte zu einem eminenten Thema für die Popkultur. Schließlich war Pop schon immer ein Abenteuerspielplatz, auf dem neue Rollenmodelle erfunden und ausprobiert werden konnten, und wie im Rest der Gesellschaft gab es auch hier für Männer meist die größeren Freiräume.

Der anti-bürgerliche Halbstarke des Rock’n’roll, die androgynen Fantasy-Männer des Glamrock, die 'formalisierte', harte Maskulinität der Skinheads, die bewusst asexuelle Männlichkeit im Punk, die glamouröse 'Verweiblichung' des männlichen Körpers in New Romantic und Electro-Pop... immer wieder wurde die Frage «Wann ist ein Mann ein Mann?» (Herbert Grönemeyer) anders beantwortet. Selbst Megastars wie Freddie Mercury, Michael Jackson oder Prince irritierten mit ihren Verwandlungskünsten die herrschenden Rollenverständnisse des Männlichen – lange bevor die im Pop vorgelebten Männlichkeitsmodelle Eingang in den gesellschaftlichen Mainstream fanden. So ist zum Beispiel der gefeierte «Metrosexuelle», den David Beckham mustergültig verkörperte, eine Spätfolge des zwitterhaften Mannes der Popmusik.
Pop-Männer 2006
Wie steht es nun heute mit Popmusik als Labor für männliche Identitätsversuche? Bei einem Schnelldurchlauf durch neuere Pop-Phänomene fällt auf, dass in vielen Segmenten eine eindeutige und starke, von Effeminisierung und Androgynität unberührte Maskulinität zurückkehrt. Prominentestes Anzeichen sind die Heerscharen neuer männlicher Retro-Rock-Bands aus Großbritannien und den USA.

Gruppen wie die Strokes, Maximo Park, HardFi, Franz Ferdinand, The Kooks, Razorlight und wie sie alle heißen reinszenieren eine drahtige und robuste Maskulinität, die sich von «weichen» Identifikationsangeboten der neunziger Jahre absetzt – also der Kuscheligkeit der Ambient-Elektronik, dem Spiel mit uneindeutigen Geschlechterrollen bei intellektuellen Britpop-Bands wie Blur und Pulp, dem schlaffen Slackertum des Grunge, der geschlechtslosen Performance der Postrock-Bands.

Der Pop-Mann hat anscheinend also wieder das starke Geschlecht zu repräsentieren, selbst phallische Mickrigkeit wird da neuerdings zum Problem: Von den Bands Art Brut und The Kooks gibt es Songtexte, die sexuelle Potenzprobleme mehr oder weniger ironisch auf die Tagesordnung setzen. Doch auch in der elektronischen Musik gibt es eine Sehnsucht nach Männlichkeit mit klaren Konturen. Einen «massiven Backlash der Remaskulinisierung» stellte kürzlich der Berliner Musikjournalist Jens Balzer angesichts schwitzend rockender Laptopkünstler fest.

Die gezielte Verwirrung von Subjektivitäten und Geschlechterrollen scheint nun passé, nach den Verschmelzungs- und Verweichlichungsangeboten des Neunziger- Jahre-Techno wird wieder der harte Kern des männlichen Subjekts herausgekehrt. Selbst die einst autorlos sich gebende Musik des Minimal Techno nähert sich protziger Maskulinität an. In dem Hit «25 Bitches» des Minimal-Stars Troy Pierce etwa ist von der früheren Fragilität dieser Musik nichts mehr zu hören, mächtige Basslinien und Soundeffekte übernehmen hier von der einst verachteten «rockistischen» Gitarre die Aufgabe der symbolischen Phallus-Verlängerung. Der Bass ist der Boss.

Style-Panzer und Sound-Korsette
Nach Phasen vermiedener oder schwacher Männlichkeit in Pop, Rock und Techno ist also eine Affirmation des Männlichen unübersehbar. Sowohl auf der Ebene optischer Styles als auch auf der Ebene des Sounds werden wieder Panzer angelegt, welche «das Männliche» klar konturieren. Exemplarisch für diese Entwicklung steht die weltweit erfolgreiche Britrock-Band Franz Ferdinand. Nicht nur ein Blick ins Pop-Archiv beweist, dass deren sound- und stylesäthetisches Vorbild die schottische Band Josef K. ist – Franz Ferdinand betonen in Interviews immer wieder, dass sie große Josef K.-Fans sind.

Gemeinsam mit ihren Label-Kollegen von Orange Juice spielten Josef K. Anfang der achtziger Jahre einen hypochondrischen, schwächlichen und schrabbeligen Gitarren-Pop, der später die Bezeichnungen «Wimp-Pop» (Wimp: der Schwächling) und «Shoegazer-Pop» (weil die Musiker auf der Bühne schüchtern nach unten blickten) erhielt.

Franz Ferdinands Aneignung dieser Ästhetik geht aber sowohl visuell als auch musikalisch mit der Wiederaneignung maskuliner Gesten und Posen einher: Live ist ihr Verhältnis zum Gitarrenhals ein gänzlich unentfremdetes, und die adrett gekleideten Musikerkörper geben sich selbstbewusst, poserhaft, vital und viril. Burschikos-ironische Gesten dienen Franz Ferdinand oft nur als Schutzbehauptung, um ihr neues Mackertum ausleben zu dürfen.

Auch der Sound ist wesentlich konturierter als bei Josef K., statt nachlässig gibt er sich zackig und «schmissig». Das ist die im Zusammenhang mit Franz Ferdinand am häufigsten zu lesende und hörende Vokabel, die nicht zufällig an soldatische Studentenverbindungen denken lässt.

Angst vor dem Fließen
Überhaupt klingen die aktuellen Retro-Rockbands heute durchgängig «fetter», expansiver und undurchlässiger als ihre Vorbilder aus den achtziger Jahren. Vergleicht man etwa Bands wie Arcade Fire oder Bloc Party mit deren Referenz- und Reverenzband, der legendären Postpunk-Band Gang of 4, so lässt sich auch hier eine heroische Vermännlichung des Sounds nicht abstreiten. In Anlehnung an Klaus Theweleits These von den «Männerphantasien» lässt sich angesichts solcher Tendenzen von einer neuen Verpanzerung des Pop-Mannes sprechen.

Theweleit beschrieb in seinem Buch einen männlichen Körperpanzer, der sich vor den Einbrüchen fließender Weiblichkeit befestigt und so seine männliche Macht sichert und die Kontrolle verstärkt. Der «Wall of Sound» bei den neuen Gitarren-Bands erscheint so als eine Schutzmauer, welche eine unberührte Männlichkeit gegen mögliche Bedrohungen – starke Frauen, Pop-Feminismus und verwischte Geschlechterrollen – abschottet.

Das Ende des Flirts
Während im neuen Gitarren-Rock neben solchen Sound-Panzern auch visuelle Style-Panzer die männliche Autorität aufs Neue befestigen sollen, verlassen sich neuere Spielarten elektronischer Musik ganz auf die Kontrollfunktion des Klanges. Das neueste und publizistisch aufgeheizteste Beispiel ist die neue hippe Londoner Clubmusik Dubstep. Es handelt sich dabei um eine basslastige Mischung aus House, Reggae und Drum&Bass.

Vergleicht man nun diesen Stil – etwa bei den wichtigsten Vertretern Burial und Kode9 - mit seinen Vorläufern, so wird auch hier eine Remaskulinisierung des Sounds deutlich: Waren die Vorgängergenres noch eindeutig sexuell kodierte Dancefloor-Soundtracks für die Flirt- und Anbandelungsspiele zwischen den Geschlechtern, so ist Dubstep von einer klangästhetischen Verschmelzungs- und Einflussangst im Sinne Theweleits geprägt.

Statt euphorisch entgrenzender Vocals hört man durchgängig massive, von jeder erotischen Message getilgte Bassmonumente und Science Fiction-Sounds. Hinter diese Schutzwälle ziehen sich die verunsicherten männlichen Individuen gern zurück: Es ist kein Zufall, dass Londoner Dubstep-Clubs mehrheitlich von Jungs besucht werden. Sie wollen unter sich bleiben, anstatt sich auf erotische Vermischungen einlassen zu müssen.

Die leise Macht der Melancholie
Heute steht im Pop nicht mehr die experimentelle Neuerfindung von männlichen Rollenmodellen im Vordergrund, sondern die Selbstvergewisserung und Bestätigung männlicher Stärke. Im Kontext der eingangs beschriebenen Verunsicherung dient sie einer kompensatorischen Verstärkung des Männlichen. Denn während die gesellschaftliche Rolle des Mannes immer diffuser und prekärer wird, lassen sich in den genannten Popstilen noch Restbestände einer einigermaßen gefestigten Männlichkeit genießen.

Der symbolische, gefühlte Mangel an Männlichkeit wird durch verstärktes Zurschaustellen der bedrohten Geschlechtsidentität maskiert und ausgeglichen. Männermacht und Männerangst sind dabei also nur zwei Seiten der Remaskulinisierungs-Medaille: Denn auch die vielen neuen introvertiert-melancholischen Singer/Songwriter – Adam Green, Devendra Banhart, Patrick Wolf etc. – widersprechen keineswegs der Rückkehr des starken Manns im Pop.

Begreift man nämlich Melancholie psychoanalytisch als das Gefühl des Verlustes einer Macht, die man nie besessen hat, so versuchen sich auch die Vertreter der neuen Innerlichkeit – wenn auch unter anderen Vorzeichen – an einem symbolischen Männlichkeitsbeweis. Im Medium der Trauer und der melancholischen Thematisierung des eigenen Machtverlusts eignet sich das verängstigte männliche Subjekt eine imaginäre Macht an. Das Singen über die eigene Schwäche wird so letztlich zum Ausweis der Stärke. Auch der leise Mann im Ohr darf so doch ein großer sein.