Fernbedienung:
Adé XXP
31. Aug 2006 07:14
 |  'Auwa' Thiemann führt durch die Sendung «Fish'n'Fun» des neuen Senders Dmax | Foto: DMAX |
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Am 1. September verschwindet von den hinteren Plätzen der Fernbedienungen ein Sender, der ziemlich eigenartig war. Ein Nachruf auf XXP.
Von Christian Bartels und Ronald DükerKriege können langweilig sein. Jedenfalls gleichen noch die ereignisreichsten von ihnen, etwa der Zweite Weltkrieg, wohl kaum dem, was später im Kino zu sinnträchtigen Erzählungen voller Heroismus und Moral verdichtet wurde. Die Realität führt im Gegenteil ein Eigenleben mit lauter losen Enden.
Schließlich wird im Krieg nicht überall gekämpft und überall gestorben, und der Jahreszeiten Gang ist auch nicht aus der Bahn geworfen. Im Winter schneit es folglich nicht nur in Stalingrad, und im Frühling blühen überall die Blumen. Man muss zum Beweis nur die Kamera drauf halten. Und selbst, wo Flugzeuge, Panzer und Soldaten den Kriegszustand bezeugen, erzählen die Bilder dann nicht von selbst eine dramatische Geschichte.
Das Geräusch der Motoren
Das konnte man sich in den vergangenen fünf Jahren kaum irgendwo sonst so gut klarmachen, wie auf dem Fernsehsender XXP, der oftmals stundenlange Folgen einer von Spiegel TV produzierten Dokumentarfilmreihe zeigte. Die Sendungen hießen einfach «Das Dritte Reich in Farbe», «Der Korea-Krieg in Farbe» oder «Der Kalte Krieg in Farbe». Ob hier von Dokumentarfilmen, von denen man ja gemeinhin ein gewisses Maß an Arrangement durch Schnitt, Regie oder Kommentar erwartet, überhaupt die Rede sein soll, ist ungewiss.Weil die oft vom «Spiegel TV»-Haushistoriker Michael Kloft gemachten Sendungen das Material – meist in Militärarchiven aufgefundene Farbfilmrollen – und eben nicht das strukturierende Arrangement oder gar den Kommentar in den Mittelpunkt stellten, blieb der Zuschauer lange allein mit den Aufnahmen, die amerikanische Maschinen bei ihrem Flug über das umkämpfte Italien gemacht hatten, und dem monotonen Geräusch ihrer Motoren, das nicht durch zugespielte Filmmusik überdeckt wurde.
Oder mit Soldaten der Alliierten, die durch die üppigen Landschaften der befreiten Normandie nach Westen vorrückten und dabei mehr oder weniger zerstörte Dörfer passierten. Es handelte sich um eine Fernseherfahrung gleichsam in Echtzeit, was nun noch einmal dadurch unterstrichen wurde, dass XXP am Dienstag dieser Woche Ausgewähltes unter dem Titel «Zeitgeschichte live» wiederholte.
Abspielfläche macht dicht
Auf das Rohmaterial mussten sich die Betrachter selbst ihren Reim machen – das exakte Gegenmodell zum Historien-TV des ZDF-Professors Knopp, der vor schwarzem Hintergrund die Talking Heads von Veteranen und deren Abkömmlingen Geschichte machen lässt. Damit ist es nun vorbei.Am ersten September verschwindet die große, ruhige Abspielfläche XXP. Der Sender macht sang- und klanglos dicht. Ihn kannten wahrscheinlich mehr Menschen aus dem «Spiegel»-Heft als vom Zusehen, auf den letzten Seiten des Nachrichtenmagazins wies stets eine Anzeigenseite auf das Programm hin.
Bilderstrecken im Autopilot
Ob die extended versions dort nun einer ambitionierten Idee von Fernsehen geschuldet waren, der Notwendigkeit, das Programm zu füllen, oder wirtschaftlich sinnvoller Zweit- bis Viertwertung – in seinen besten Zeiten stellte XXP einen hochinteressanten Kontrapunkt zum Mainstream der deutschen Privatsender-Landschaft dar. Eine kontemplative Zone von Bilderstrecken im Autopilot.Natürlich geht das Geschichtsfernsehen von Spiegel TV nicht verloren, schon weil es einen florierenden Geschäftszweig darstellt. In komprimierter, einschaltquotenoptimierter Aufbereitung wird es weiterhin auf diversen Sendern zu sehen sein.
Das Ende von XXP ist also nicht schlimm für die umtriebige Fernsehproduktionsfirma Spiegel TV, die für viele Auftraggeber Fernsehen herstellt, auf vielen Sendern mit Formaten unterschiedlicher Qualität präsent ist und künftig umso profitabler arbeiten wird. Auch wird man vieles aus dem XXP-Programm nicht vermissen: die Studiodiskussionen über die aktuelle «Spiegel»-Titelstory etwa, oder die Übertragungen ländlicher Reitturniere, die «Spiegel»-Chef Stefan Aust bekanntlich auch am Herzen liegen. Auch so etwas hatte das selbst ernannte «Metropolenprogramm» zeitweilig übertragen.
Qualität in homöopathischen Dosen
Bedenklicher mag stimmen, dass der Exitus von XXP auch auf den Rückgang des Kluge-Fernsehens deutet – jener Programme der Düsseldorfer Produktionsfirma «Development Company for Television Programm» (dctp), die der Autorenfilmer, Schriftsteller und Medienmanager Alexander Kluge 1988 gegründet hat.
 |  Alexander Kluge | Foto: dpa |
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Kluge hatte damals im Namen der SPD-Medienpolitik rundfunkpolitische Regelungen ausgehandelt, um dem neuen Privatfernsehen «Qualität zumindest in homöopathischen Dosen» (Kluge) zuzuführen. Seither müssen kommerzielle Sender mit mehr als zehn Prozent Marktanteil zur Sicherung der Meinungsvielfalt Teile ihre Sendezeit an «unabhängige Anbieter» abtreten.
Die Angst vor dem Quotenkiller
Als Partner für die Sender hatte der clevere Geschäftsmann Kluge gemeinsam mit der japanischen Werbefirma Dentsu und dem «Spiegel» (sowie später der «Neuen Zürcher Zeitung») die dctp gegründet. Sie schließt langfristige Verträge mit den Sendern; «die für dctp lizensierten Sendezeiten ... werden in der Gesamtverantwortung der dctp von den Partnern in redaktioneller Unabhängigkeit bestückt», heißt es etwas umständlich in der Selbstdarstellung.Das Spektrum solcher dctp-Sendungen ist unübersichtlich. Ein wichtiger Partner ist der Miteigentümer «Spiegel». «Bestückt» werden kommerzielle Sender ferner mit Kluges Magazinen wie «news and stories», die dort als «Quotenkiller» gefürchtet werden. Aber auch die BBC, um deren Programme inzwischen alle deutsche Sender rivalisieren, gehört zu den dctp-Partnern. Zudem ist die «Süddeutsche Zeitung» mit dabei und der «Stern» mit dem quotenstarken «Stern TV», das die Gruner+Jahr-Illustrierte ins RTL-Programm verlängert (allerdings zu 75 Prozent von Günter Jauch persönlich produziert wird).
Sender ohne time slots
Irgendwann wurde den Medienwächtern bewusst, dass der «Spiegel» zu mehr als einem Viertel dem G+J-Verlag gehört, der seinerseits eine Bertelsmann-Tochter ist, und dass es daher mit der Unabhängigkeit nie so weit her war. Seither bestückt auch «Focus» -TV die dctp-Sendeplätze mit «Reportagen» wie «Alles Wurst?! Die Geschichte einer deutschen Leidenschaft» – das Bild des Kluge-Komplexes erodiert.Die Idee stimmt also schon längst nicht mehr. Und mit XXP entschwindet nun die einzige große Spielwiese, über die nicht die strikt formatierten Time Slots der anderen Sender herrschten, und die dennoch 27 Millionen Haushalte erreichte.
Kluges Intelligenztransport
Beklagenswert ist hier vor allem der Wegfall jener assoziativen und verstiegenen, bruchstückhaften und experimentellen Interviews, die XXP im Unterschied zu anderen Sendefenstern eben gar nicht homöopathisch, sondern in massiver Länge aufführte.Gespräche, die Kluge – selbst nicht im Bild, sondern nur als Stimme präsent – mit Geistes- und Naturwissenschaftlern, Kulturschaffenden aller Sparten, Leuten aus der Theorie und solchen aus der Praxis geführt hat. Hier öffnete sich immer wieder der Blick in ein über die Jahre gewachsenes Archiv, das historisch informiert das Gegenwärtige luzide und das Zukünftige erahnbar machte und den Transport auch randständiger Intelligenz ins Massenmedium Fernsehen organisierte.
Berling redet keinen Unsinn
Mit dem Geschichtsfernsehen haben diese Interviews gemein, dass jede Menge lose Enden liegen bleiben – nur, dass das hier eben ganz bewusst und mit voller Absicht passiert. Kluges eigentlicher Streich besteht darin, dass er der Macht des Denkens und der verspielten Intelligenz das Primat über das Faktische als ureigenster Bezugsfolie des Fernsehens erlaubt.So ließ sich in der Reihe «Facts & Fakes» der Schauspieler Peter Berling wechselweise als gealterter Torero, Görings Löwenbändiger, Heldentenor oder anarchistischer Meuchelmörder der Kaiserin Sissi befragen. Was dabei herauskommt, ist aber kein Unsinn, sondern eine intellektuelle und literarische Überformung von Geschichte und Wirklichkeit.
Programme werden sich immer ähnlicher
Dennoch: Die großen Ambitionen, die XXP zum Sendestart 2001 hatte, sind längst verschwunden. Im März 2006 zahlte – in Erwartung der großen Umkremplung des deutschen Fernsehmarktes durch die Digitalisierung – der amerikanische Pay-TV-Betreiber Discovery Communications viel Geld an Spiegel TV und dctp – nicht für den Sender als solchen, sondern für den Kanal und seine Reichweite.Erste Veränderungen im Programm führten bereits zur homöopathischen Steigerung des Marktanteils von 0,2 auf 0,5 Prozent: Es gab seither mehr «Discovery»-Formate – wie es sie auch beim öffentlich-rechtlichen ZDF, beim privaten Kabel Eins und im Pay-TV gibt. Die Programme werden einander immer ähnlicher.
Nur das x bleibt
Der XXP-Nachfolgesender Dmax übrigens wird zwar marktschreierisch als «erster Factual-Entertainment Kanal für Männer» beworben, ist aber wohl nur halb so schlimm. Die softpornografischen Clips und Spots, die sonst nachts das private Free-TV weitgehend füllen, sollen hier gar nicht laufen.Stattdessen viele Reportagen, etwa von Morgan Spurlock, dem Macher des bemerkenswerten Anti-McDonald's-Films «Super Size Me». Von XXP aber wird außer dem X im Namen nach kaum sechseinhalb Jahren nichts übrig bleiben.