Fernbedienung:
Adé XXP
Kriege können langweilig sein. Jedenfalls gleichen noch die ereignisreichsten von ihnen, etwa der Zweite Weltkrieg, wohl kaum dem, was später im Kino zu sinnträchtigen Erzählungen voller Heroismus und Moral verdichtet wurde. Die Realität führt im Gegenteil ein Eigenleben mit lauter losen Enden.
Schließlich wird im Krieg nicht überall gekämpft und überall gestorben, und der Jahreszeiten Gang ist auch nicht aus der Bahn geworfen. Im Winter schneit es folglich nicht nur in Stalingrad, und im Frühling blühen überall die Blumen. Man muss zum Beweis nur die Kamera drauf halten. Und selbst, wo Flugzeuge, Panzer und Soldaten den Kriegszustand bezeugen, erzählen die Bilder dann nicht von selbst eine dramatische Geschichte.
Weil die oft vom «Spiegel TV»-Haushistoriker Michael Kloft gemachten Sendungen das Material – meist in Militärarchiven aufgefundene Farbfilmrollen – und eben nicht das strukturierende Arrangement oder gar den Kommentar in den Mittelpunkt stellten, blieb der Zuschauer lange allein mit den Aufnahmen, die amerikanische Maschinen bei ihrem Flug über das umkämpfte Italien gemacht hatten, und dem monotonen Geräusch ihrer Motoren, das nicht durch zugespielte Filmmusik überdeckt wurde.
Oder mit Soldaten der Alliierten, die durch die üppigen Landschaften der befreiten Normandie nach Westen vorrückten und dabei mehr oder weniger zerstörte Dörfer passierten. Es handelte sich um eine Fernseherfahrung gleichsam in Echtzeit, was nun noch einmal dadurch unterstrichen wurde, dass XXP am Dienstag dieser Woche Ausgewähltes unter dem Titel «Zeitgeschichte live» wiederholte.
Am ersten September verschwindet die große, ruhige Abspielfläche XXP. Der Sender macht sang- und klanglos dicht. Ihn kannten wahrscheinlich mehr Menschen aus dem «Spiegel»-Heft als vom Zusehen, auf den letzten Seiten des Nachrichtenmagazins wies stets eine Anzeigenseite auf das Programm hin.
Natürlich geht das Geschichtsfernsehen von Spiegel TV nicht verloren, schon weil es einen florierenden Geschäftszweig darstellt. In komprimierter, einschaltquotenoptimierter Aufbereitung wird es weiterhin auf diversen Sendern zu sehen sein.
Das Ende von XXP ist also nicht schlimm für die umtriebige Fernsehproduktionsfirma Spiegel TV, die für viele Auftraggeber Fernsehen herstellt, auf vielen Sendern mit Formaten unterschiedlicher Qualität präsent ist und künftig umso profitabler arbeiten wird. Auch wird man vieles aus dem XXP-Programm nicht vermissen: die Studiodiskussionen über die aktuelle «Spiegel»-Titelstory etwa, oder die Übertragungen ländlicher Reitturniere, die «Spiegel»-Chef Stefan Aust bekanntlich auch am Herzen liegen. Auch so etwas hatte das selbst ernannte «Metropolenprogramm» zeitweilig übertragen.
Das Spektrum solcher dctp-Sendungen ist unübersichtlich. Ein wichtiger Partner ist der Miteigentümer «Spiegel». «Bestückt» werden kommerzielle Sender ferner mit Kluges Magazinen wie «news and stories», die dort als «Quotenkiller» gefürchtet werden. Aber auch die BBC, um deren Programme inzwischen alle deutsche Sender rivalisieren, gehört zu den dctp-Partnern. Zudem ist die «Süddeutsche Zeitung» mit dabei und der «Stern» mit dem quotenstarken «Stern TV», das die Gruner+Jahr-Illustrierte ins RTL-Programm verlängert (allerdings zu 75 Prozent von Günter Jauch persönlich produziert wird).
Die Idee stimmt also schon längst nicht mehr. Und mit XXP entschwindet nun die einzige große Spielwiese, über die nicht die strikt formatierten Time Slots der anderen Sender herrschten, und die dennoch 27 Millionen Haushalte erreichte.
Gespräche, die Kluge – selbst nicht im Bild, sondern nur als Stimme präsent – mit Geistes- und Naturwissenschaftlern, Kulturschaffenden aller Sparten, Leuten aus der Theorie und solchen aus der Praxis geführt hat. Hier öffnete sich immer wieder der Blick in ein über die Jahre gewachsenes Archiv, das historisch informiert das Gegenwärtige luzide und das Zukünftige erahnbar machte und den Transport auch randständiger Intelligenz ins Massenmedium Fernsehen organisierte.
So ließ sich in der Reihe «Facts & Fakes» der Schauspieler Peter Berling wechselweise als gealterter Torero, Görings Löwenbändiger, Heldentenor oder anarchistischer Meuchelmörder der Kaiserin Sissi befragen. Was dabei herauskommt, ist aber kein Unsinn, sondern eine intellektuelle und literarische Überformung von Geschichte und Wirklichkeit.
Erste Veränderungen im Programm führten bereits zur homöopathischen Steigerung des Marktanteils von 0,2 auf 0,5 Prozent: Es gab seither mehr «Discovery»-Formate – wie es sie auch beim öffentlich-rechtlichen ZDF, beim privaten Kabel Eins und im Pay-TV gibt. Die Programme werden einander immer ähnlicher.
Stattdessen viele Reportagen, etwa von Morgan Spurlock, dem Macher des bemerkenswerten Anti-McDonald's-Films «Super Size Me». Von XXP aber wird außer dem X im Namen nach kaum sechseinhalb Jahren nichts übrig bleiben.
