Grassomania:
Wer richten will, soll eben richten
18. Aug 2006 07:56, ergänzt 09:39
 |  Günter Grass | Foto: dpa |
|
Jeder habe das Recht, sein spätes SS-Bekenntnis zu kritisieren: Souverän hat Günter Grass im Gespräch mit Ulrich Wickert zu Vorwürfen Stellung genommen. Viel Neues hatte er allerdings nicht mitzuteilen.
Von Manuel KarasekEs dauerte nicht lang. Genau genommen betrug die Gesprächszeit, in der Ulrich Wickert Günter Grass zu seinem Bekenntnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, befragte, gerade mal eine halbe Stunde. Und wenn man es noch mal genauer nimmt, spielte die Zeit auch im übergreifenden Sinne eine nicht ganz geringe Rolle bei der nicht ganz so neuen ARD-Sendung «Wickerts Bücher» – die übrigens schon ein paar Mal im NDR lief.
Warum erst jetzt dieses Bekenntnis, fragte der Tagesthemen-Moderator. Der Sechzehnjährige von damals sei ihm fremd, erklärte der mittlerweile achtzigjährige Literaturnobelpreisträger – und umriss damit schon den Kern des Problems. Dass dabei der Pilotfilmcharakter des künftigen TV-Literaturratgebers mit dem kaminfeuereinladenden Titel etwas in den Hintergrund geriet, ist aufgrund des Wirbels um Grass' Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» verständlich.Jedoch einen besseren Start für seine Büchersendung hätte sich Wickert nicht wünschen können. Obgleich Günter Grass mit seiner bifokalen Brille und seinem unverwechselbaren Schnauzbart nichts Neues zum skandalisierten Fall mitzuteilen hatte – jedenfalls nichts, was nicht schon in diversen Zeitungen als O-Ton oder Kommentar zu lesen war.
Wer richten will, soll richten, so der Tenor des Gesprächs mit dem Schriftsteller, der den Vorwürfen und Äußerungen, die von tiefer Enttäuschung künden, souverän begegnete. Jeder hätte das Recht, sein spätes Bekenntnis zu kritisieren, so Grass weiter. Erst in dem größeren Zusammenhang mit der Arbeit an der Autobiografie sei es ihm aber möglich gewesen, sein Schweigen bezüglich der Mitgliedschaft bei der Waffen-SS zu brechen.
Grass' Verhalten bigott oder ehrlich?
Vielleicht lag es ja an dem nordischen Sanddünenlicht im dänischen Hotel, in dem das Gespräch stattfand, dass Wickerts Fragen, obgleich vom Charakter insistierend, die milde Stimmung nicht störten. Als Grass 1967 die Rede in Israel gehalten hatte, wäre da nicht der richtige Zeitpunkt gewesen, das Schweigen zu brechen, fragte er. Oder nachdem, wie es Grass in seinem Buch «Örtlich betäubt» beschrieben habe, ein Mann bei einer Theaterveranstaltung spektakulär die Bühne gestürmt, die SS hochleben lassen und sich dann mit einer Zyankalikapsel vergiftet habe – wäre das nicht ein günstiger Zeitpunkt gewesen, zu sagen: Ich war bei der Waffen-SS? Man kann wild spekulieren über das mehrmalige Schulternzucken sowie die nicht unverständliche Ratlosigkeit in Grass' Antworten. Letztendlich muss das jeder für sich beantworten, ob Grass' Verhalten bigott oder ehrlich ist.
Dabei ist das Reaktionsmuster, welches Grass im Gespräch mit Wickert offenbarte – und das auch phänotypisch für all jene ist, die unmittelbar von den Folgen eines barbarischen Krieges betroffen waren - nicht neu. Die dunkle Seite eines offenbar von schweren Erlebnissen geprägten, jahrzehntelangen Schweigens mit den dazugehörigen schwarzen Löchern in den Erinnerungen zeigte sich schon vor Grass' späten Bekenntnis als ein Merkmal im psychischen Grundriß von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Willi Brandt, Herbert Wehner, Walter Jens, Martin Walser und anderen – also unabhängig davon, ob diese vom Nationalsozialismus infiziert waren oder nicht.
Grass' Rechtfertigungen, wenn man seine Antworten überhaupt als solche werten möchte, in der Sendung am Donnerstagabend warfen nicht zum ersten Mal ein Licht auf eine historische Situation, deren Teilnehmer bei ihren Entscheidungen mehr riskierten, als die falsche Wahl der Braut zu treffen.
Verblendeter Siebzehnjähriger
So sprach auch Günter Grass von jener Verblendung des Siebzehnjährigen, der an den Endsieg glaubt und, als dieser unter Trümmern begraben liegt, die von den Amerikanern organisierte Zwangsbesichtigung des Konzentrationslagers Dachau, an der er teilnimmt, als Alliiertenpropaganda wertet. Die Dimension all dessen sowie das daraus resultierende Entsetzen sei ihm damals nicht klar gewesen, erklärte Grass. Aber nicht nur die frühe Fehleinschätzung des Holocaust, die er später als tiefe Schande empfand, habe das Schweigen verstärkt. Verschweigen sei das eigentliche Ergebnis des Krieges gewesen, sagte Grass. Erst Jahrzehnte später habe er über seine Schwester von den Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee an den deutschen Ostflüchtlinge erfahren.
Das Interview hatte einen unaufgeregten Charakter – was vielleicht angesichts der allgemeinen Debattenaufladung den einen oder anderen erstaunte. Guter Gradmesser dieser emotionalen Erhitzung war die von Wickert vorgetragene Äußerung Lech Walesas, der gefordert hatte, Grass müsse die Ehrenbürgerschaft Danzigs aberkannt werden.
Wandeln durch eine pechschwarze Epoche
Dass Grass dies mit dem Hinweis parierte, er sei schon früh für die polnisch-deutsche Versöhnung eingetreten und sein literarisches Werk habe eine Brücke zwischen beiden Nationen geschlagen, spricht für seine Souveränität im Umgang mit den Vorwürfen. Und die scheint ein Ergebnis der Beschäftigung mit seiner Autobiografie zu sein. Als Grass erzählte, wie er nach einem gefährlichen Scharmützel mit den Sowjettruppen in der Nacht allein durch einen Wald geirrt sei, dabei «Hänschen klein» singend, verdeutlichte dies nochmal das Ausmaß der Kriegserlebnisse. Man mag sich über die Liedauswahl ja lustig machen, jedoch offenbarte die Anekdote, durch was für eine pechschwarze Epoche jene Protagonisten gewandelt waren. Und wer richten möchte, soll eben richten.