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Reza Aslan: 

Der pluralistische Kern des Islam

03. Aug 2006 07:26
Reza Aslan
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Können Islam und Moderne zusammenfinden? Reza Aslan ist zuversichtlich und erinnert an die modernen und politischen Impulse des Religionsstifters Mohammed.

Von Ralf Hanselle

Jedem Text wohnt ein Geheimnis inne. Ob Talmud, Bibel oder Telefonbuch: Stets geht es darum, durch die Striche und Bögen der Buchstaben hindurch zum eigentlichen Kern hinter der Schrift vorzudringen. Die Wege hierhin sind vielfältig.

Während man sich im Abendland seit Beginn der Moderne darauf geeinigt hat, den Sinnspeicher mit den Mitteln der hermeneutischen Deutungswissenschaft zu knacken, setzt man im islamischen Orient auf andere Techniken. Dies gilt besonders bei der Auslegung der einst von Mohammed offenbarten Rede Gottes: dem Koran.

Koran ohne Kontext

Obwohl es unter den verschiedensten Rechtsschulen der Scharia immer auch solche gegeben hat, die die heiligen Texte im Kontext ihrer Entstehung beurteilt wissen wollten und Suren wie die Hadithe nach rationalen Methoden ausgelegt haben, ist eine nicht geringe Zahl gläubiger Muslime anderer Auffassung.

Für die Traditionalisten ist Gottes Offenbarung unveränderlich. Der Koran kennt für sie keinen Kontext. Was einst für die kleine Gemeinde Mohammeds in Medina galt, das hat auch noch wortwörtlich 1400 Jahre später für eineinhalb Milliarden Muslime auf der ganzen Welt zu gelten.

Historisches Denken ist Ketzerei

Diese exegetische Enge hat besonders in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zu Gewalttaten geführt. Statt alte Zöpfe zu opfern, opferten Traditionalisten lieber kritische Geister. Als etwa der Rechtsreformer Mahmud Muhammad Taha öffentlich feststellte, es gebe eine Differenz zwischen den in Medina und den in Mekka geoffenbarten Koransuren, die auf eine unterschiedliche Zuhörerschaft zurückzuführen sei, wurde er hingerichtet.

Nicht ganz so grausam verfuhr man mit Hamud Abu Zaid, einstiger Professor der Universität Kairo. Als dieser behauptete, der Koran sei ein kulturelles Produkt aus dem Arabien des siebten Jahrhunderts, wurde er als Ketzer gebrandmarkt und zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen.

Die versiegelte Zeit

Betrachtet man die wechselhafte Geschichte im Umgang mit der sogenannten «Mutter des Buches», so hat es zuweilen den Anschein, als wäre manchem Korangelehrten eher daran gelegen, mit Hilfe kunstfertiger Kaligraphien die Hülle der Schrift am Leben zu erhalten, als das Wort Gottes selbst als einen lebendigen Text zu begreifen.

Dass man auf diese Weise, wie es Dan Diner jüngst formulierte, die «Zeit versiegelt» und den Islam von der Moderne abschneidet, ist eine Sache. Fast noch schlimmer wiegt, dass sich die Traditionalisten damit dem Inhalt der Texte selbst verschließen.

Ein Kämpfer für die Gerechtigkeit

Welche Schätze der Koran birgt, betrachtet man ihn vor den sozialen, kulturellen und politischen Lebenshintergründen der frühen Gemeinde, das beweist nun der im Iran geborene Islamwissenschaftler Reza Aslan. In seinem Buch «Kein Gott außer Gott» erzählt Aslan vordergründig nicht weniger als die Geschichte des Islams von seinen Ursprüngen in Mekka bis zu seiner tiefen Krise nach dem 11. September.

Aslan, der seine Religionsgeschichte stets auch als Politik- und Sozialgeschichte erzählt, entdeckt in Mohammed nicht nur den Propheten, sondern auch einen Kämpfer für die Gerechtigkeit. Mit Worten und Taten, so Aslan, hat Mohammed Heiliges und Profanes zusammengebracht.

Islam als politische Bewegung

Folgt man Aslan, dann ist das seit der Kolonialisierung schwelende Problem der islamischen Gesellschaften – die Frage nach der Vereinbarkeit von Religion und weltlicher Macht – von Beginn an im Kern der islamischen Religion angelegt.

Letztlich nämlich, so die anregende These des Buches, ist der Islam selbst eine Reaktion auf die ungerechtfertigte Verbindung von Politik und Bekenntnis und dem daraus resultierenden wirtschaftlichen Gewinn einer oligarchischen Oberschicht im Mekka des siebten Jahrhunderts.

Gegen die Vielgötterei

Bereits zu Mohammeds Lebzeiten war Mekka eine religiöse Pilgerstätte. Die Ka’ba, in der die polytheistische arabische Gesellschaft den Sitz ihrer Götter vermutete, bescherte der Stadt nicht nur Wallfahrer, sondern ebenso unzählige Händler. Den Gewinn hieraus zogen die Quraisch – ein Stamm, der die Schlüssel zum Wüstenheiligtum hütete und sich somit berechtigt sah, Steuern von den Händlern zu erheben. Mit einer ausgeklügelten Mixtur aus Politik, Religion und Ökonomie bestimmten die Quarisch darüber, wer in Mekka zu Wohlstand kam und wer aus der Gesellschaft ausgeschlossen blieb.

Es war dieses System der Ausbeutung wehrloser Bevölkerungsmassen, das Mohammed nicht mehr hinnehmen wollte. Eine seiner ersten und entscheidenden Offenbarungen kam daher nicht nur einer theologischen, sondern ebenso einer sozialen Revolution gleich. Mit dem Bekenntnis: «Kein Gott außer Gott», brachte er ein korruptes Machtgefüge zum Einsturz, das unzählige Menschen in Sklaverei und Armut hielt.

Die Umma der Abrahamiten

So betrachtet wohnt dem Islam in seinem Beginn ein laizistischer Impuls inne. Kaum jedoch, dass der Prophet verstorben war, geriet dieser Aspekt in Vergessenheit. Für Aslan jedoch muss diese religiös-politische Urszene bis in die Gegenwart hinein nachwirken. Geht es um die immer wieder diskutierte Demokratiefähigkeit islamischer Gesellschaften, dann birgt Mohammeds Aufstand gegen die Quraisch Hoffnung, dass Islam und Moderne sehr wohl zueinander finden können.

Von der ägyptischen «Moslembruderschaft» bis hin zur faschistoiden Theokratie im heutigen Iran wirkt dieser Gedanke aber auch bedrohlich. Doch Aslan, der nach der Revolution Ayatollah Chomeinis mit seiner Familie in die USA emigrierte, geht noch weiter. Er sieht in der frühen Umma – der muslimischen Gemeinschaft – eines der ersten Projekte pluralistischer Gesellschaften:

«Mohammeds Anerkennung von Juden und Christen als schutzwürdige Bevölkerungsgruppe, sein Glaube an ein gemeinsames heiliges Buch und sein Traum von einer einzigen, geeinten Umma aller drei abrahamitischen Religionen waren erstaunlich revolutionäre Ideen in einer Zeit, in der Religionen die Menschen spalteten und entzweiten». Nicht nur für Aslan wäre die Wiederentdeckung eines solchen Pluralismus der erste Schritt für eine wirkungsvolle Menschenrechtspolitik im Nahen Osten.

Interpretation der Religion ist entscheidend

Wie viele Zeitgenossen innerhalb und außerhalb der arabischen Welt träumt Reza Aslan den Traum von der islamischen Reformation. Die gewaltsamen Konflikte der Gegenwart sind für ihn daher weniger Ausdruck eines Kampfes, den der Islam mit dem Westen führt, als vielmehr Manifestationen einer fundamentalen innerislamischen Kontroverse.

Es geht um nicht weniger als um die Interpretation von Vergangenheit und Zukunft, von Geschichte und Geschichten – letztlich um eine neue Lesart heiliger Texte: «Da nicht die Religion, sondern die Interpretation der Religion über das befindet, was als moralisch zu gelten hat, muss diese Interpretation stets durch den Konsens der Gemeinschaft erfolgen».

Ans Versprechen erinnern

Dies vorausgesetzt, ist Reza Aslan zuversichtlich: Eine Befreiung des Islams wird kommen. Wenn die ursprünglichen Visionen von Toleranz und Eintracht über die falschen Idole von Frömmelei und Fanatismus gesiegt haben werden, wird auch dem Islam eine hoffnungsvolle Zukunft bevorstehen; eine Zukunft, wie er sie spätestens seit der Kolonialgeschichte des Nahen Ostens nicht mehr erlebt hat.

Auf eine solche Zukunft kann man hoffen. Denn im Zentrum des Islams steht bis heute unverrückbar das Versprechen der sozialen Gerechtigkeit. An dieses Versprechen stets neu zu erinnern, darin könnte eine der wesentlichen Aufgaben des Islams in der globalisierten Moderne liegen.

Reza Aslan: Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart. C.H. Beck Verlag 2006, 340 Seiten, 24,90 Euro

 
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