26.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Eispenderin Kari Ciechoski ist blond, blauäugig und musikalisch
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Die Eier und Spermien von Blonden und Blauäugigen sind weltweit gesucht, Embryos werden nach wünschenswerten Eigenschaften selektiert. Die Filmdoku «Frozen Angels» zeigt, wie die Eugenik schleichend zurückkehrt.
Von Ulrich GutmairEingangs fliegt ein Helikopter durch den Nachthimmel, es könnte ein Szene aus «Blade Runner» sein. Seine Suchscheinwerfer tasten ins Dunkel des Hafens, und eine Frauenstimme aus dem Off hebt zu sprechen an: «Wissenschaftler schlagen vor, in menschliche Embryos Eigenschaften von Pflanzen und Tieren einzusetzen, wie etwa das Gen für die Photosynthese. Menschen müssten dann nicht essen und könnten wie Pflanzen Energie aus der Sonne beziehen.»
Diese Spekulation der Life Sciences fällt zwar noch in den Bereich der Science Fiction, hofft aber auf baldige Verwirklichung. Mit ihr beginnt «Frozen Angels», der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm von Frauke Sandig und Eric Black, der jetzt auf DVD erschienen ist. «Frozen Angels» lässt Akteure und Beobachter des biotechnologischen Fortschritts von unserer Gegenwart und nahen Zukunft erzählen, in der Embryos genetisch verbessert, Haustiere geklont und tote Männer Väter werden.
Im Mekka der ReproduktionsmedizinDie Stadt, in der dieser Film spielt, heißt Los Angeles, sie ist das Mekka der modernen Reproduktionsmedizin. Hier wird an einem Traum gearbeitet, der sich nicht mit den glamourösen Bildern Hollywoods begnügen, sondern «das Leben» als solches schöner machen will: «Es wird uns möglich sein, die Gene unserer Kinder auszuwählen, bis hin zum bewussten menschlichen Selbst-Design», ist da gleich zu Anfang zu hören.
In Los Angeles ist seit jeher die Zukunft zuhause, und Grenzen sind dazu da, überwunden zu werden. Da ist zum Beispiel der Gründer der California Cryobank, Cappy Rothman, dessen Unternehmen sich auf die Gewinnung, Lagerung und den Vertrieb von Spermien, Embryos und Stammzellen spezialisiert hat. Rothman ist einer der Pioniere der Reproduktionsbranche, insbesondere der Post-Mortem-Samenspende. Sie ermöglicht es Witwen, von ihren bereits verstorbenen Gatten schwanger zu werden. Das erste Kind eines Toten stammt von einem Mann, der bereits 30 Stunden tot war, als Rothman ihm auf Wunsch seiner Frau Samenzellen entnahm.
Rassenprobleme vermeidenDoch die meisten Samenspender sind jung, potent und quicklebendig. In so genannten Masturbatorien entledigen sie sich ihrer Ware, die der Cryobank 65 Dollar pro Ejakulation wert ist. Rothman berichtet stolz davon, der einzigen Samenbank vorzustehen, die das Spendermaterial in nach Farben getrennten Behältern verwahrt, «um Rassenprobleme zu vermeiden». Es gibt weiße, schwarze und gelbe Ampullen, das Sperma von «ethnisch nicht reinen» Spendern wird in orangefarbenen Behältern verwahrt. Allerdings ist die Nachfrage nach Spermien von weißen Spendern mit 90 Prozent am höchsten.
Die Biotechnologie-Expertin Lori Andrews glaubt daher, der neue Imperialismus werde per FedEx in die Welt getragen: Aus Südkalifornien wird inzwischen die ganze Welt mit den Spermien weißer, blonder und blauäugiger Amerikaner versorgt. Auch die 27-jährige Kari Ciechoski profitiert von der hohen Nachfrage nach nordischem Genmaterial. Die Eispenderin ist nicht nur blond und blauäugig, sondern auch noch musikalisch. Letzteres ist ein begehrtes Spender-Merkmal, auch wenn Karis Vermittlerin vom Center for Surrogate Parenting & Egg Donation augenzwinkernd Zweifel äußert, ob es das Gen für Musikalität wirklich gibt.
Warum liebt die Kundschaft aber nun blonde und blauäugige Spenderinnen, fragt Kari. Ihre Sachbearbeiterin kann es nur so erklären: «Die Leute lieben einfach das typische Aussehen des American Surfer Girls, den All-American-Look.»
Die angemessene sexuelle OrientierungDie neuen Reproduktionstechnologien haben in den letzten zehn Jahren einen riesigen Markt geschaffen. Cappy Rothman schätzt allein die Umsätze des Spermienhandels per Internet auf 45 Millionen Dollar im Jahr. Kunden können männliche Samenzellen dort bereits nach Haarfarbe, der Textur der Haare, Größe, Gewicht und den Sportarten wählen, die vom Spender beherrscht werden.
Lori Andrews berichtet von einer neueren Umfrage, die dem Biotechnologiesektor eine goldene Zukunft verheißt, weil sie zeigt, dass viele Amerikaner die genetische Verbesserung des Nachwuchses befürworten und diesen gern nach Maß produzieren würden. Ein Drittel der Befragten würde demnach gerne die «angemessene» sexuelle Orientierung ihrer Kinder festlegen, 42 Prozent deren Intelligenz durch genetische Eingriffe erhöhen. Die genetische Verbesserung von Embryos ist demnach der eigentliche Zukunftsmarkt der Branche.
Die genetische Ausstattung verbessernKinder werden so zu Konsumgütern, und die Folgen dieses Trends zeichnen sich bereits ab. Vor kurzem verklagten Eltern eine Samenbank, weil diese versäumt habe, durch eine bessere Auswahl des Samenspenders ein attraktiveres Kind zu produzieren. Bill Handel sind solche Überlegungen nicht fremd. Er unterscheidet zwischen positiven und negativen Aspekten der Eugenik. Warum sollte man Geld für die Ausbildung seiner Kinder sparen, aber Investitionen scheuen, wenn es möglich werden sollte, seinem Kind durch genetische Manipulationen bessere Chancen mitzugeben?
Bill Handel ist kein Skeptiker, was nicht verwundert: Er ist Propagandist in eigener Sache. Der bekannte Talk-Radio-Moderator leitet die weltweit größte Agentur für Leihmütter und Eispenderinnen, besagtes Center for Surrogate Parenting. Handel ist Vater künstlich gezeugter Zwillinge und hält es für einen Skandal, dass die Leute sich weiterhin mit der höchst unsicheren traditionellen Methode des Geschlechtsverkehrs fortpflanzen.
Wo soll das hinführen?Doch auch Handel bekommt es mit der Angst zu tun, wenn er den Blick in die Zukunft schweifen lässt. In seiner Sendung sinniert er über die eugenischen Praktiken nach, die bereits alltäglich sind. Künstlich gezeugte Embryonen werden schon heute auf alle möglichen genetischen Defekte untersucht und selektiert. Das sei im Hinblick auf lebensbedrohliche Krankheiten auch nicht verwerflich, meint Handel. Es stelle sich aber die Frage, was passieren werde, wenn das Fett-Gen, das Irischer-Säufer-Gen oder das Homo-Gen erst einmal entdeckt sei? Oder wenn ein milder Fall des Down Syndroms vorliege?
«Wo werden die Selektionsgrenzen gezogen werden?», fragt sich Handel also schaudernd, dessen Großeltern in nationalsozialistischen Vernichtungslagern umgebracht wurden, weil sie als Juden und damit als Angehörige einer minderwertigen Rasse klassifiziert worden waren. Nichtsdestotrotz ist er ein vehementer Vertreter einer libertären Politik.
Ganz liberalDas Sterilisationsprogramm der Nationalsozialisten, das der Vernichtungspolitik vorausging, basierte auf einem amerikanischen Modell und radikalisierte es, erklärt Lori Andrews. Nun waren es amerikanische Wissenschaftler, die sich bei ihrer Regierung beschwerten, die Deutschen würden mit ihrer Sterilisationspolitik die USA mit ihren eigenen Waffen schlagen.
Amerikanische Eugeniker konnten noch in den Siebzigern im Stillen ihre Idee vom gesunden Volkskörper umsetzen: «Die Politik der Sterilisierung richtete sich gegen farbige Frauen, die auf die staatliche Gesundheitsfürsorge angewiesen waren», sagt Andrews. Meist wurden die Frauen ohne ihr Wissen sterilisiert. Auch heute gebe es Gesetzesentwürfe, die dafür sorgen sollen, armen farbigen Frauen finanzielle Anreize für eine Sterilisationsentscheidung zu geben ganz liberal und ohne Zwang.
Genreiche und GenarmeZwar würden die westlichen Gesellschaften heute vor staatlichen Eugenikprogrammen geschützt, sagt Andrews. Doch die Eugenik sei durch die Hintertür des Marktes längst wieder auf der Tagesordnung, wenn Eltern versuchten, durch gentechnologische Eingriffe ihre Kinder aufzuwerten. Allein die immensen Kosten dieser Verfahren könnte zu einer Spaltung der Bevölkerung in Genreiche und Genarme sorgen.
Aktuelle Forschungsvorhaben, die auf die Einführung eines zusätzlichen Chromosoms beim Menschen abzielen, um diesen genetisch zu verbessern, könnten im schlimmsten Fall zur Aufspaltung in zwei Spezies führen. Einzelne Exemplare aus den verschiedenen Gruppen könnten aufgrund der massiven genetischen Veränderungen dann womöglich nicht einmal mehr gemeinsame Kinder zeugen.
Der Hippie-ÜbermenschSelbstverständlich wird diese Entwicklung nicht von Fakten, sondern von Wunschvorstellungen angetrieben, die spätestens dann hart mit der Realität kollidieren können, wenn die neuen Übermenschen erst einmal groß geworden sind. Doron Blake war lange das Vorzeigekind von Robert Grahams Nobelpreisträger-Datenbank. Denn der junge Mann verfügt über einen IQ von 180. Er spielt Sitar und ist auch sonst der fernöstlichen Kultur zugeneigt.
Blake fragt sich, ob Robert Graham wohl begeistert wäre, hörte er, dass der junge Doron keinesfalls im Sinn hat, Wissenschaftler zu werden. Er hält nicht viel von der Idee, Menschen genetisch zu verbessern, schon weil er die genetische Ausstattung nicht für das entscheidende Kriterium hält, das über Persönlichkeit und Fähigkeiten des Einzelnen entscheiden.
Außerdem befürchtet Blake, die Amerikaner würden ohnehin nur Menschen züchten, «die mir zuwider wären». Er glaubt, «der durchschnittliche Amerikaner hat lieber ein attraktives Athletenkind als ein intelligentes Bücherwurmkind». Diese Vermutung bestätigt das Ex-Model Shelley Smith, sie ist Direktorin der Agentur Egg Donor Program. Selbst ein hochbegabtes Professorenehepaar habe vor kurzem eine attraktive junge Frau einer hochintelligenten Studentin als Eispenderin vorgezogen: «Am Ende entscheiden alle nach dem Aussehen.»
Genug, um eine Stadt zu bevölkernEs wird nur selten hell in «Frozen Angels», denn hier geht es um die dunkle Seite des kalifornischen Traums. Ein Helikopter überquert Downtown, der Blick schweift über ein Kraftwerk, das mit einer riesigen amerikanischen Flagge geschmückt ist. Die Industriegesellschaft war gestern, heute dringt der Forschergeist zu den Bausteinen des Lebens vor. Geregelt wird das Geschäft nur von den Gesetzen des Kapitalismus.
Doch Cappy Rothman ist ein verantwortungsbewusster Mann. Derzeit lagert er einige hundert tiefgefrorene Embryonen, um die sich bankrotte oder aus anderen Gründen aufgelöste Firmen und Labors nicht mehr kümmern können oder wollen. «In den USA gibt es eine halbe Million eingefrorener Embryos, genug, um eine Stadt zu bevölkern», erzählt eine Stimme aus dem Off.
Frauke Sandig / Eric Black: Frozen Angels. 90 Minuten plus 60 Minuten Bonusmaterial. 19,90 Euro.