Fussball-Götter: 

netzeitung.deFußball, die friedlichere Religion

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Miroslav Klose bekreuzigt sich nach dem 1:1 gegen Argentinien (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Miroslav Klose bekreuzigt sich nach dem 1:1 gegen Argentinien
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die monotheistischen Religionen basieren auf Ausschluss, der Fußball hingegen auf friedlicher Auseinandersetzung. Warum Fußball die bessere Religion ist, erklärt der Historiker Moshe Zimmermann im Gespräch mit der Netzeitung.

Der Historiker Moshe Zimmermann leitet seit 1986 das Richard-Koebner-Center für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dort forscht Zimmermann über die deutsch-jüdische Geschichte, einmal in der Woche spielt er auf dem Campus Fußball.


Netzeitung: Herr Zimmermann, den Sportplatz der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg haben Sie einmal Ihr «Allerheiligstes» genannt. Sind Sie ein Anhänger der Religion des Fußballs?

Moshe Zimmermann: Eindeutig ja. Fußball, Sport überhaupt, ist eine Religion, zumindest eine Ersatz- oder Zusatzreligion. Das allermeiste, was man in der Religion sucht, findet man auch im Fußball, sei es als Fan oder als Spieler.

Netzeitung: Was finden Sie im Fußball, dass er für Sie zur Religion geworden ist?

Zimmermann: Das ist ein Rahmen, ein Glaube und ein Ritual. Das alles macht eine Religion aus. Natürlich werden gläubige Menschen – Juden, Christen oder Moslems – sofort mit dem Vorwurf reagieren: Da fehlt uns der liebe Gott, die Moral und manche andere Sachen.

Netzeitung: An was für einen Gott glauben Sie denn?

Zimmermann: Gott muss nicht wichtigster Bestandteil einer Religion sein, das sagen auch Religionshistoriker. Und: Religionen müssen nicht monotheistisch sein, es gibt auch polytheistische Religionen, da hat man mehrere Götter. Auch beim Fußball gibt es mehrere Götter.

Netzeitung: Welche sind das?

Zimmermann: Ich kann mich erinnern, dass ein deutscher Reporter im Jahr 1954 jemanden «Fußballgott» genannt hat: Das war Toni Turek, der Torwart der legendären Mannschaft von '54. Zwar intervenierte der Präsident der Bundesrepublik, indem er sagte, dass man Menschen nicht zu Göttern erklären sollte.

Aber die Reaktion des Reporters Herbert Zimmermann war symptomatisch: Die Fußballer sind äquivalent zu dem, was man früher Götter nannte. Auch die Art, wie man diese Leute heute, in der kommerzialisierten Phase des Fußballs, verehrt, zeigt, dass die Fans ihre Idole als gott-ähnlich ansehen.

Netzeitung: Haben sie auch einen persönlichen Fußballgott?

Zimmermann: So weit würde ich nicht gehen. Wie gesagt kann eine Religion auch ohne einen Gott funktionieren. Aber ich kann mich gut an meine Jugend erinnern: Da waren manche Spieler für mich Götter oder Halbgötter.

Netzeitung: In israelischen Fußballstadien rufen die Fans, wenn ein Tor geschossen wurde: «Jesch Elohim – Gott ist da». Warum dieser Ruf, wenn ein Tor fällt?

Zimmermann: Weil die Fans auf den Rängen davon ausgehen, dass die Entscheidung vom lieben Gott mitgetragen wird. Also in dem Moment, wo unsere Mannschaft – selbstverständlich unsere und nicht die andere – ein Tor schießt, offenbart sich der liebe Gott des Judentums. Das darf man nicht allzu ernst nehmen, aber trotzdem besteht für die Leute eine Verbindung zwischen dem, was auf dem Feld passiert und dem, was Gott im Himmel angeblich entscheidet.

Netzeitung: Aber zeigt das nicht auch, dass die Fußballanhänger letztlich an den herkömmlichen Gott glauben? In europäischen und lateinamerikanischen Fußballstadien bekreuzigen sich Fußballspieler mitunter vor oder nach dem Spiel.

Zimmermann: Die Religion des Sports erlaubt es, mehr als einen Gott zu haben: Man kann Jude und Fußballanhänger sein. Der Gott des Judentums entschied sich für das Tor gegen uns oder für uns – also eher für uns. Da gibt es keinen Konflikt, sondern einen Kompromiss zwischen der herkömmlichen Religion und der Religion des Fußballs.

Religion bedeutet ja nicht automatisch Monotheismus. Wir haben uns leider daran gewöhnt, monotheistische Religionen hoch zu schätzen, die auf Ausschluss basieren: Entweder glaube ich an den richtigen Gott oder nicht. Ein Teil der Religionskriege ist ein Resultat dieser Denkweise. Entweder haben wir Recht oder die anderen. Man will zeigen, dass man selber Recht hat, in dem man in den Krieg zieht und für den Gott kämpft. So etwas gibt es im Fußball nicht.

Netzeitung: Sie meinen, dass die Religion des Fußballs friedlicher ist als die monotheistischen Religionen?

Zimmermann: Wenn man das in Jerusalem sagt, ist das umso deutlicher: Wie viel Blut wurde vergossen, um das Quadrat des Tempelbergs zu erobern? Auf meinem Fußballplatz kämpft man selbstverständlich, um Tore zu schießen, aber die Leute werden nicht getötet, und es ist auch nicht die Absicht, jemanden zu verletzen.

Netzeitung: Aber anlässlich von Fußballspielen kommt es auch immer wieder zu Gewalt. Sie ist ein Begleitphänomen des Fußballs.

Zimmermann: Es gibt auch falsche Götter und falsche Religiosität. Die Gewalt außerhalb des Sportplatzes ist nicht symptomatisch für den Fußball. Das sind Erscheinungen, die man erklären kann: Es gibt Aggressionen im Fußballspiel, und die übertragen sich auf die Zuschauer auf den Rängen. Es gibt Leute, die nur deswegen zum Fußball kommen, weil sie dort eine Arena finden, um ihre Aggressionen loszuwerden.

Aber das sind eher Randerscheinungen, besonders, wenn man das mit den anderen Religionen vergleicht: Ein Religionskrieg im 17. Jahrhundert kostete zigtausende Menschenleben. Das, was im Jahr 1985 im Heysel-Stadion geschah, kostete 39 Menschenleben. Das ist selbstverständlich viel zu viel. Aber im Vergleich sieht man, dass die Religion des Sports weniger tödlich ist als die Religion, die wir in der Regel hoch schätzen.

Netzeitung: Aber so wie Sie würden doch auch die Vertreter der monotheistischen Religionen argumentieren: Die Gewalt ist ein Begleitphänomen, wenn man falschen Gottesvorstellungen anhängt. Im Kern seien die Religionen friedliebend und förderten Versöhnung.

Zimmermann: Das bestreite ich. Dort, wo die eigene monotheistische Religion gewonnen hat, herrscht Friede. Aber bis dahin muss man kämpfen. Es geht ja um ein Entweder-Oder. Die historische Erfahrung zeigt, wie bellizistisch Judentum, Christentum und Islam waren. Diese Religionen können nicht mehr sagen, der Krieg gehöre nicht zu ihrer Essenz und sei nur ein Randphänomen.

Netzeitung: Was könnten die monotheistischen Religionen Ihrer Meinung nach vom Fußball lernen?

Zimmermann: Die friedlichen Regeln als die bestimmenden Regeln zu akzeptieren. Und sie können Toleranz lernen – nicht nur gegenüber der anderen Mannschaft, sondern auch gegenüber Andersdenkenden und Andersglaubenden. Ich idealisiere die Religion des Fußballs etwas, aber es gibt dort Regeln und Fair Play. Das sind die Merkmale, die den Fußball zu einer friedlichen Religion machen.

Netzeitung: Kann Fußball auch zur Versöhnung beitragen? Wäre ein Nationalmannschafts-Spiel Israel – Palästina denkbar?

Zimmermann: Der Fußball versöhnt nicht weniger als andere Religionen: Auch über die 90 Minuten des Spiels hinaus kann ein Prozess der Versöhnung in Gang kommen. Man sieht es ja sehr oft, dass Anhänger der einen Mannschaft jenseits des Feldes mit den Anhängern der Anderen als Gläubige derselben Religion zusammenkommen: Wir sind für 90 Minuten, vielleicht auch auf längere Zeit, Rivalen – aber Rivalität bedeutet nicht Feindschaft und Kriegsbereitschaft.

Netzeitung: Nochmal: Wäre ein Fußballspiel Israel – Palästina ein Beitrag zur Versöhnung oder würde das die Emotionen so anheizen, dass es ins Gegenteil umschlagen kann?

Zimmermann: Beide Alternativen sind denkbar. So wie es im Moment steht, würde ein Fußballspiel die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein. Dann haben wir am Ende doch Krieg, Feindschaft und Krawall. Die Voraussetzung für eine Versöhnung zwischen beiden Nationen liegt in der Entscheidung vor dem Fußballspiel. Fußball als Ersatz für politische Bemühungen um den Frieden nutzen zu wollen ist meines Erachtens illusorisch.

Christoph Fleischmann sprach mit Moshe Zimmermann. Von ihm sind zuletzt auf Deutsch erschienen: «Goliaths Falle. Israelis und Palästinenser im Würgegriff», (Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 2004); «Deutsch-jüdische Vergangenheit. Judenhass als Herausforderung» (Schöningh Verlag Paderborn 2005).