WM:
Die Stadt der Frauen
04.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Es hatte mit einem BBC-Interview begonnen:
«Sie mögen keinen Fußball, ist das richtig?»
«Ja.»
«Sie haben sich noch kein Spiel angesehen?»
«Stimmt. Aber die Atmosphäre in der Stadt ist nett.»
«Werden Sie sich das Finale angucken vor allem wenn Deutschland es schafft?»
«Mal sehen, vielleicht...»
«Ok, versprechen Sie mir einfach, dass Sie sich das Finale ansehen, wenn Deutschland es schafft!»
Abweichler, Außenseiter, Marsmännchen steht in den Augen derer zu lesen, die sich erst wundern und dann kopfschüttelnd abwenden vor allem aber ist man eins: wahrscheinlich eine Frau. Das ist zwar ein Klischee, aber eben auch ein wahres und den mittlerweile wohl weniger WM-begeisterten Briten offensichtlich sogar ein Interview wert.
Zu beweisen ist der Gemeinplatz der fußballgelangweilten Zicke bereits mit einer kurzen Reise durch Berlin. Am Freitag um Viertel nach fünf, Deutschland spielt gegen Argentinien, gehen vier Frauen gemächlich über die Fußgängerbrücke an der Friedrichstraße, ein Mann rennt mit Verzweiflung im Gesicht in Richtung der Bildschirme, die an der Promenade aufgebaut sind.
Der Bahnhof Friedrichstraße scheint von Frauen übernommen oder von Männern verlassen das kommt auf die Perspektive an. Am Doughnutstand: eine Frau, am Obststand: eine Frau (ok, die ist immer da), im Bahn-Reisecenter: Frauen, Brezlstand: Frau. Sogar vor dem Mobiltelefonladen steht eine, die sich die Auslage anschaut, wie bestellt. Frauen wohin frau blickt. Obwohl: Da hinten rennen wieder zwei Männer in Schwarz-Rot-Gold.
Ist es nicht viel schöner so ohne Männer? Denken Sie nur an die Exemplare, die vor dem Anpfiff durch die Stadt getorkelt sind, grölend, schwitzend, stinkend, mit schwarz-rot-goldenen Irokesenperücken, Stammtischpublikum.
In Berlin leben 1.736.608 Frauen, aber nur 1.660.382 Männer. Reicht der Überschuss von 76.226 für einen Putsch? Als die Bahn wieder anfährt, rollen verlassene Bierflaschen quer durch den Gang, manche leer, manche leider nicht. Gibt es eigentlich eine Sportart, für die Frauen sich vergessen würden? Synchronschwimmen? Reiten? Bodenturnen?
Nein, Merkel geht nicht, die ist gerade im Stadion. Ob unsere Kanzlerin nur so tut, als sei sie fußballbegeistert? Was wäre eigentlich, wenn sie die Mundwinkel unten lassen würde, wenn sie sagen würde, dass sie leider arbeiten müsse? Schätzungsweise Neuwahlen.
Hat sie Angst vor dem Fußball? Schließlich kann man ihm nicht entkommen. Es gibt sogar Haarspraydosen mit WM-Logo. WM-Brötchen, WM-Hüte, WM-Shirts, WM-Kornflakes, WM-Saft, WM-Bier, WM-Schinken, WM-Kekse, WM-Schals, WM-Bärchen, WM-Fliegenklatschen, WM-Fußbälle, WM-Schlüsselanhänger, WM-Perücken, WM-Tattoos. WM-Kotze auf meinem Bahnsteig. Fünf Tage noch, Angie, maximal.

