Die Macht der Suchmaschinen :
Wenn Google tanzt
29.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Rachel Whetstone ist Director European Corporate Communications & Public Affairs, so steht es auf ihrer Visitenkarte geschrieben. Dass die Chefin der Öffentlichkeitsarbeit von Google in Europa, die auf der Buckingham Palace Road in London residiert, einst für Tim Allans Portland PR gearbeitet hat, lässt sich mit Hilfe von Google leicht herausfinden.
Zumindest, so die kluge Einschränkung der Veranstalter, sollten angesichts der schwer übersehbaren Fülle von Problembereichen die wichtigsten Fragen herausgestellt werden. Doch schon beim Stellen der Fragen zeigte sich schnell, dass sich eine solche Diskussion ohne klare Zielvorstellung und Fokussierung schnell im Kreis dreht, wie eine Wissenschaftlerin aus dem Publikum zurecht anmerkte, und, schlimmer noch, sich widersprechende Forderungen schnell zu unerfüllbaren Double Binds auswachsen können, wie der Psychologe sagen würde.
Im nächsten Atemzug aber schon wurde die Gefahr beschworen, Google könne leicht von Dritten manipuliert werden. Dass Google aber immer wieder «tanzt», wie es im Jargon heißt (also Suchanfragen plötzlich ganz intransparent andere Ergebnisse erzielen), liegt schlicht daran, dass das Unternehmen ständig den Taktiken von Manipulateuren entgegensteuern muss, um wenigstens halbwegs die «Objektivität» der eigenen, natürlich in gewisser Hinsicht willkürlichen Setzung von Relevanzkriterien aufrecht erhalten zu können.
Es tut dies, indem es seinen Algorithmus immer wieder neu justiert, der im Übrigen im Großen und Ganzen keineswegs so geheim ist, wie ebenfalls gerne behauptet wird. Im Kern sieht er so aus: PR(A) = (1-d) + d( (PR(T1)/C(T1)) + ... + (PR(Tn)/C(Tn)) ), wobei PR(A) der PageRank von Seite A ist; PR(T1) ist der PageRank von Seite T1. C(T1) wiederum ist die Anzahl der Links, die von Seite T1 auf eine andere Seite verweisen, d schließlich ist ein Dämpfungsfaktor, der üblicherweise auf 0,85 festgesetzt ist. Der PageRank einer Seite errechnet sich laut «Google Hacks» demzufolge als Summe der PageRanks aller Seiten, die auf jene Seite verlinken, jeweils dividiert durch die Anzahl der Links, die von diesen Seiten auf andere Seiten verweisen.
Einerseits steht also ständig die Angst im Raum, Google könnte eine unbekannte Agenda verfolgen. Sobald sich das Unternehmen aber darauf beruft, bewusst auf jede Agenda zu verzichten, wird der Ethik-Hammer hervorgeholt, wobei darauf verzichtet wird, offen zu legen, wie diese Ethik denn eigentlich auszusehen habe.
Die Werte- und Ethikdiskussion verstellt so den Blick auf den politischen Charakter der Auswahlkriterien selbst, die den Algorithmen der Suchmaschinen zugrunde liegen. Whetstone hatte angesichts dieser diffusen Ansprüche daher keine großen Probleme, sich mit britischem Understatement aus der Affäre zu ziehen und schließlich mit einer Feststellung zu punkten, der kaum zu widersprechen ist: Es sei schließlich nicht an einem Unternehmen zu entscheiden, was von der Meinungsfreiheit gedeckt sei oder nicht. Das sei Aufgabe der Politik.
Dummerweise ist Google aber auch in China ganz gesetzestreu, was übrigens auch für Yahoo gilt, das laut einer jüngeren Studie der Reporter ohne Grenzen in China sogar noch restriktiver vorgeht als die chinesische Suchmaschine Baidu. Auf «subversive» Anfragen reagiert die Suchmaschine nicht nur mit Listen regimefreundlicher Seiten. Das System antwortet auf besonders heikle Suchbegriffe erst mit einer Fehlermeldung und blockt weitere Anfragen eine Stunde lang ab. Da Google den Platz des Bösewichts jedoch schon besetzt hält, kann Yahoo unbehelligt seine chinesischen Geschäfte weiterführen.
Auf genuin «westliche» Übereinkünfte kann man sich dabei wohl kaum berufen, ist doch etwa das Zeigen von Hakenkreuzen in den USA durch das First Amendment geschützt. Eben dieser Umstand ist es aber eigentlich, den man Google zum Vorwurf macht, wenn man wie der Moderator und Mitorganisator Marcel Machill kritisiert, dass eine Suchanfrage nach der «NSDAP» früher die Website des amerikanischen Neonazis Gary Lauck auf Platz eins listete. Im wissenschaftlichen Workshop, das der Tagung voranging, hatten Wolfgang Schulz und Thorsten Held diesbezüglich bereits die richtige Frage gestellt: «Ist eine (Re-)Nationalisierung des Internet mit den völkerrechtlichen Grundsätzen eines free flow of information, ideas and knowledge vereinbar?»
Diese Kombination legte die tendenziell nationalistische Unterströmung der hiesigen Diskussion offen. Denn die deutschen Volksvertreter hatten offensichtlich seinerzeit kein Problem damit, dass der Monopolist Telekom noch vor der Privatisierung vollkommen willkürlich seine Tarife erhöhte und sein De-facto-Monopol auch nachher noch weidlich ausnutzte, um schlechte Services überteuert zu verkaufen. Es gab kaum Alternativen: Das war Pech für die deutschen Nutzer, aber gut für die neuen (und alten) Shareholder, also unter anderem den deutschen Staat.
Auch Norbert Schneider hob die zentrale Rolle des Zugangs hervor, die bereits in Artikel 5 des Grundgesetzes festgehalten sei, und formulierte ganz foucauldianisch die These, dass Macht nicht an einen fixen Ort gebunden sei, sondern sich bewege. Staatliche Regulierer hätten daher die Aufgabe, ihren Bewegungen zu folgen und so mögliche Probleme schon vorab zu erkennen: Die Frage des Rankings sei es, die derzeit in der Aufmerksamkeit stehen müsse.
Diese Dominanz Googles auf der Ebene globaler Zeichen korrespondiert dabei mit der eigentlichen Herausforderung, die Google für den Journalismus im Netz darstellt: Zwei Drittel der Umsätze mit Onlinewerbung werden bereits heute von dem amerikanischen Unternehmen gemacht. Eine Gefahr für die Vielfalt öffentlicher Meinung wird Google spätestens dann, wenn qualitativ hochwertige journalistische Produkte im Netz nicht mehr finanziert werden können.

