Die Macht der Suchmaschinen :
Wenn Google tanzt
29. Jun 2006 16:12
 |  Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin | Foto: dpa |
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Google ist zu nett zu den Chinesen, ignoriert viele deutsche Sites und dominiert den Anzeigenmarkt im Netz. Eine Tagung der Friedrich Ebert Stiftung widmete sich der Macht der Suchmaschinen.
Von Ulrich GutmairRachel Whetstone ist Director European Corporate Communications & Public Affairs, so steht es auf ihrer Visitenkarte geschrieben. Dass die Chefin der Öffentlichkeitsarbeit von Google in Europa, die auf der Buckingham Palace Road in London residiert, einst für Tim Allans Portland PR gearbeitet hat, lässt sich mit Hilfe von Google leicht herausfinden.
Allan ist der Spin Doctor, der Tony Blairs New Labour treu zu Diensten ist, wenn es darum geht, die öffentliche Meinung von unangenehmen Fakten abzulenken. Sein jüngster, aber gescheiterter Coup bestand darin, eine heimlich aufgenommene Tonaufnahme einer labortreuen Zeitung zuzuspielen. Darauf ist der Moderator der wichtigsten BBC-Nachrichtensendung «Today», John Humphrys, mit deftigen Kommentaren über Labour-Politiker zu hören. Ziel der Operation sei der Rauswurf Humphrys gewesen, so mutmaßte man in Großbritannien.
Im Kreis drehen
Vor kurzem hat sich auch Google der Dienste des kreativen Strippenziehers versichert, um das ramponierte Image des Suchmaschinen-Imperiums wegen seiner Aktivitäten in China zu verbessern. Aber nicht erst Googles China-Politik, die sich durch die Kooperation mit dem Regime und die Zensur unliebsamer Sites auszeichnet, lässt aufmerksame Beobachter seit einiger Zeit über die Frage meditieren, wie mächtig Google eigentlich geworden ist.
 |  Ein Mann sitzt in einem Internet-Cafe in Qingdao in China am Computer | Foto: dpa |
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Was seit Jahren auf hohem Niveau auf einschlägigen Websites und Mailinglisten diskutiert wird, hat die Friedrich-Ebert-Stiftung nun zu einer Tagung inspiriert, die sich der «wachsenden Macht der Suchmaschinen im Internet» und ihren Auswirkungen auf User, Medienpolitik und Medienbusiness widmen sollte. Zumindest, so die kluge Einschränkung der Veranstalter, sollten angesichts der schwer übersehbaren Fülle von Problembereichen die wichtigsten Fragen herausgestellt werden. Doch schon beim Stellen der Fragen zeigte sich schnell, dass sich eine solche Diskussion ohne klare Zielvorstellung und Fokussierung schnell im Kreis dreht, wie eine Wissenschaftlerin aus dem Publikum zurecht anmerkte, und, schlimmer noch, sich widersprechende Forderungen schnell zu unerfüllbaren Double Binds auswachsen können, wie der Psychologe sagen würde.
Nicht ganz geheim
Die Liste der im ersten Panel an Rachel Whetstone herangetragenen Vorwürfe zeigte das Dilemma deutlich: Google sei intransparent und solle seine Algorithmen offenbaren, legte nicht nur der Direktor der Landesmedienanstalt NRW, Norbert Schneider, dem Unternehmen nahe. Im nächsten Atemzug aber schon wurde die Gefahr beschworen, Google könne leicht von Dritten manipuliert werden. Dass Google aber immer wieder «tanzt», wie es im Jargon heißt (also Suchanfragen plötzlich ganz intransparent andere Ergebnisse erzielen), liegt schlicht daran, dass das Unternehmen ständig den Taktiken von Manipulateuren entgegensteuern muss, um wenigstens halbwegs die «Objektivität» der eigenen, natürlich in gewisser Hinsicht willkürlichen Setzung von Relevanzkriterien aufrecht erhalten zu können.
Es tut dies, indem es seinen Algorithmus immer wieder neu justiert, der im Übrigen im Großen und Ganzen keineswegs so geheim ist, wie ebenfalls gerne behauptet wird. Im Kern sieht er so aus: PR(A) = (1-d) + d( (PR(T1)/C(T1)) + ... + (PR(Tn)/C(Tn)) ), wobei PR(A) der PageRank von Seite A ist; PR(T1) ist der PageRank von Seite T1. C(T1) wiederum ist die Anzahl der Links, die von Seite T1 auf eine andere Seite verweisen, d schließlich ist ein Dämpfungsfaktor, der üblicherweise auf 0,85 festgesetzt ist. Der PageRank einer Seite errechnet sich laut «Google Hacks» demzufolge als Summe der PageRanks aller Seiten, die auf jene Seite verlinken, jeweils dividiert durch die Anzahl der Links, die von diesen Seiten auf andere Seiten verweisen.
Lieber mit oder ohne Agenda?
Das immer wieder tanzende Google zeigt wie gesagt zwar, dass sein Algorithmus keineswegs «neutral» ist. Das aber ist weder überraschend, noch wurde das von Google so je behauptet. Google stellt sich allerdings auf den durchaus einleuchtenden Standpunkt, dass es kein genuin journalistisches Medium sei, und daher auch keinen redaktionellen Einfluss nehmen wolle. Eben das widerspreche geradezu der Idee der Suchmaschine. Aber auch das wird dem Unternehmen vorgeworfen, nämlich mit Hinblick darauf, dass es a) nicht akzeptabel sei, dass etwa Enthauptungsvideos von Terroristen von Google gelistet würden und es also b) offensichtlich keiner Ethik folge.Einerseits steht also ständig die Angst im Raum, Google könnte eine unbekannte Agenda verfolgen. Sobald sich das Unternehmen aber darauf beruft, bewusst auf jede Agenda zu verzichten, wird der Ethik-Hammer hervorgeholt, wobei darauf verzichtet wird, offen zu legen, wie diese Ethik denn eigentlich auszusehen habe.
Die Werte- und Ethikdiskussion verstellt so den Blick auf den politischen Charakter der Auswahlkriterien selbst, die den Algorithmen der Suchmaschinen zugrunde liegen. Whetstone hatte angesichts dieser diffusen Ansprüche daher keine großen Probleme, sich mit britischem Understatement aus der Affäre zu ziehen und schließlich mit einer Feststellung zu punkten, der kaum zu widersprechen ist: Es sei schließlich nicht an einem Unternehmen zu entscheiden, was von der Meinungsfreiheit gedeckt sei oder nicht. Das sei Aufgabe der Politik.
Yahoo liebt seine Chinesen noch mehr
In der Tat hält sich Google längst an nationale Gesetzgebungen, in Deutschland darüber hinaus auch an einen Verhaltenskodex der Suchmaschinenbetreiber, und sorgt dafür, dass beispielsweise deutsche User keine Inhalte zu sehen bekommen, die hierzulande unter den Tatbestand der Volksverhetzung fallen. Dummerweise ist Google aber auch in China ganz gesetzestreu, was übrigens auch für Yahoo gilt, das laut einer jüngeren Studie der Reporter ohne Grenzen in China sogar noch restriktiver vorgeht als die chinesische Suchmaschine Baidu. Auf «subversive» Anfragen reagiert die Suchmaschine nicht nur mit Listen regimefreundlicher Seiten. Das System antwortet auf besonders heikle Suchbegriffe erst mit einer Fehlermeldung und blockt weitere Anfragen eine Stunde lang ab. Da Google den Platz des Bösewichts jedoch schon besetzt hält, kann Yahoo unbehelligt seine chinesischen Geschäfte weiterführen.
Der Drang zurück
Der Umstand der willigen Kooperation mit dem Regime in Peking ist daher besonders unangenehm für das Image von Google, lässt aber auch die Argumentation der europäischen Ethikfraktion fragwürdig erscheinen. Verrät, wer sich angesichts des globalen Charakters von Suchmaschinen auf nationale Gesetze und Code of Conducts zurückzieht, nicht eigentlich den Universalismus der Menschenrechte? Anders gefragt: Wie kann man Google und Yahoo wegen China zur Rede stellen, wenn man sie gleichzeitig auf nationale Gepflogenheiten und Rechtsordnungen festzunageln trachtet? Auf genuin «westliche» Übereinkünfte kann man sich dabei wohl kaum berufen, ist doch etwa das Zeigen von Hakenkreuzen in den USA durch das First Amendment geschützt. Eben dieser Umstand ist es aber eigentlich, den man Google zum Vorwurf macht, wenn man wie der Moderator und Mitorganisator Marcel Machill kritisiert, dass eine Suchanfrage nach der «NSDAP» früher die Website des amerikanischen Neonazis Gary Lauck auf Platz eins listete. Im wissenschaftlichen Workshop, das der Tagung voranging, hatten Wolfgang Schulz und Thorsten Held diesbezüglich bereits die richtige Frage gestellt: «Ist eine (Re-)Nationalisierung des Internet mit den völkerrechtlichen Grundsätzen eines free flow of information, ideas and knowledge vereinbar?»
Monopol sind immer die anderen
Eben das ist das Dilemma nationaler Politik, das in der Friedrich-Ebert-Stiftung nicht diskutiert wurde. Die Grünen-Abgeordnete Grietje Bettin klagte stattdessen darüber, dass deutsche Seiten von der amerikanischen Suchmaschinenübermacht nicht ausreichend erfasst würden. Sie wandte sich außerdem gegen jedwede Monopolstellung. Diese Kombination legte die tendenziell nationalistische Unterströmung der hiesigen Diskussion offen. Denn die deutschen Volksvertreter hatten offensichtlich seinerzeit kein Problem damit, dass der Monopolist Telekom noch vor der Privatisierung vollkommen willkürlich seine Tarife erhöhte und sein De-facto-Monopol auch nachher noch weidlich ausnutzte, um schlechte Services überteuert zu verkaufen. Es gab kaum Alternativen: Das war Pech für die deutschen Nutzer, aber gut für die neuen (und alten) Shareholder, also unter anderem den deutschen Staat.
Von der Maut lernen
Eine europäische Alternative fordert Bettin nun auf dem Sektor der Suchmaschinen. Wenn man sich allerdings ansieht, wie deutsche Groß-Unternehmen ein nicht gerade futuristisches System wie die Autobahnmaut gemanagt haben, dürfte sich Google angesichts solcher Euro-Utopien gemütlich zurücklehnen. Bettin trug aber auch einen wesentlichen Gedanken vor, der seit langem im Forderungskatalog der Google-Kritiker auftaucht: Wenn Google eine marktbeherrschende Stellung einnimmt, dann muss es sich auch dazu verpflichten lassen, den Zugang für alle bestehenden Seiten zu garantieren. Von dieser Überlegung ausgehend ist der Schritt nicht weit, ein Recht auf Indizierung, also Aufnahme in die Verzeichnisse der Suchmaschine, abzuleiten, das Bettin auch folgerichtig in den Raum stellte. Auch Norbert Schneider hob die zentrale Rolle des Zugangs hervor, die bereits in Artikel 5 des Grundgesetzes festgehalten sei, und formulierte ganz foucauldianisch die These, dass Macht nicht an einen fixen Ort gebunden sei, sondern sich bewege. Staatliche Regulierer hätten daher die Aufgabe, ihren Bewegungen zu folgen und so mögliche Probleme schon vorab zu erkennen: Die Frage des Rankings sei es, die derzeit in der Aufmerksamkeit stehen müsse.
Den Markt beherrschen
Tatsächlich besteht die Macht der Suchmaschinen unter anderem darin, dass sie bereits vorhandene Inhalte in neue Kontexte bringen und so gewissermaßen ideell monopolisieren. Auf dem zweiten Panel der Tagung, das sich dem Verhältnis von Google zum Journalismus widmete, wies Nic Newman, Leiter Produktentwicklung und Technologie von BBC News Interactive, daher mehrmals auf das Problem hin, dass neue Kanäle wie Suchmaschinen, aber auch Dienste wie Apples iTunes, zwar BBC-Inhalte weiter verbreiteten, dabei die Marke BBC jedoch ins Hintertreffen gerate. Diese Dominanz Googles auf der Ebene globaler Zeichen korrespondiert dabei mit der eigentlichen Herausforderung, die Google für den Journalismus im Netz darstellt: Zwei Drittel der Umsätze mit Onlinewerbung werden bereits heute von dem amerikanischen Unternehmen gemacht. Eine Gefahr für die Vielfalt öffentlicher Meinung wird Google spätestens dann, wenn qualitativ hochwertige journalistische Produkte im Netz nicht mehr finanziert werden können.