Stars: 

netzeitung.deRonaldinho ist nicht Paris Hilton

 Herausgeber: netzeitung.de

Ronaldinho (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ronaldinho
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Fußballer sind keine It-Boys. Sie faszinieren die Massen, obwohl man sich doch bereits an den Gedanken zu gewöhnen begann, dass zum Star ausschließlich der taugt, der nichts kann.

Von Ronald Düker

Fußballspiele werden auf dem Platz und nicht auf dem Laufsteg entschieden. Niemand, der einfach nur geradeaus laufen kann und ansonsten nichts als seine Visage zu bieten hat, wird also bei der WM ein Tor schießen. Er wird erst gar nicht aufgestellt.

Und diejenigen, die augrund ihrer Visage oder ihres Auftretens auch ein Thema für die Klatschspalten sind, werden dadurch für keinen Trainer interessant. In einem Interview mit der «Welt» hat sich die argentinische Trainerlegende Cesar Luis Menotti jüngst voller Anerkennung über den Inbegriff dieses Spielertypen geäußert:

«Er ist ein Popstar, er trägt die Haare jede Woche anders, er kann ohne Bodyguards keinen Schritt mehr machen. Aber Sie haben über David Beckham noch nie gehört, dass er sich hat gehen lassen oder dass er sich in einem Spiel nicht aufgeopfert hätte. Diese Generation ist äußerst pflichtbewusst, auch wenn ihr Status das Gegenteil suggeriert.»

Ein palästinensischer Kameltreiber
Dass David Beckham in die Glitzerwelt des Pop eingeheiratet hat, dass er dem niederen Feuilleton zum Illustrationsobjekt des metrosexuellen Männertyps wurde und seine wechselnden Frisuren zum Sujet haarmodischer Trendforschung – all dieses Brimborium wird seinen Trainer nur unter dem Aspekt interessieren, dass es nicht die Oberhand über den Sport gewinnen darf. Sobald Beckham seine Flanken serienweise in die Rabatten schießt, ist er raus, denn er ist kein It-Boy, kein Nichtleistungsprominenter.

Und so sagt die WM und die gesteigerte Aufmerksamkeit für Fußballspieler derzeit auch etwas über das Wesen von Prominenz und darüber aus, wie Stars gemacht werden. Fußballer sind deshalb Idole für Millionen, weil sie etwas können, was den Massen abgeht.

Als Leistungsprominente stellen sie andere Berühmtheiten, die sich vor allem dadurch auszeichnen, nichts zu können – und somit den Massen zum Verwechseln ähnlich sind – derzeit spielend in den Schatten. Die gerade über den Ticker gelaufene Meldung jedenfalls, dass Daniel Küblböck unter Hypnose darauf gekommen ist, dass er vor 2000 Jahren als palästinensischer Kameltreiber gewirkt hat, interessiert momentan keine Sau.

Status durch Können
Nichtleistungsprominenz, so legt es der Journalist Mark van Huisseling, der sich für seine Kolumne in der Schweizer «Weltwoche» schon mit vielen Stars unterhalten und nun ein Buch über das Berühmtwerden geschrieben hat, nahe, ist ein noch junges Phänomen. Einst war es nämlich so, dass Prominenz aus Abstammung erwuchs, also Königen und Adligen vorbehalten war. Berühmt zu sein, bedeutete, zugleich Macht über eine geknechtete Masse auszuüben, die nicht aus freien Stücken zu diesem oder jenem aufschauen konnte.

Die spätere Herausbildung von Leistungsprominenz ist somit eine demokratische Errungenschaft. Sie verspricht Berühmtheit und sozialen Status nicht durch Abstammung, sondern durch Können. Als ersten Vertreter dieser Spezies führt van Huisseling übrigens den Amerikaner Charles Lindbergh an, der sich durch seinen Flug über den großen Teich der ganzen zivilisierten Welt bekannt machte.

Mehr Medien, mehr Stars
Die vom Autor so genannte Nichtleistungsprominenz, also jene It-Girls und It-Boys, die eine frühe Ahnin etwa in Peggy Guggenheim haben mögen und heute insbesondere durch Paris Hilton oder hierzulande durch kläglichere Abklatsche à la Küblböck vertreten werden, sind in dieser Evolutionskette des Starkults das jüngste Glied.

Van Huisseling hält zur Erklärung die Vervielfachung der Massenmedien bereit – man müsse sich nur vor Augen halten, dass etwa in Großbritannien parallel zu einem jeden Erzeugnis der Yellow-Press ein beinahe identisches anderes existiere. Dies habe zu einer sich proportional dazu verhaltenden Vervielfachung von Stars geführt. Diese Beschreibung einer sich explosionsartig verändernden Aufmerksamkeitsökonomie leuchtet ein, greift aber kurz.

Zu schön, zu begabt, zu reich
Es ist klar, dass der vergrößerte Bedarf an Stars zu einer medienproduzierten Multiplikation derselben führt, und doch scheint sich gerade angesichts der Nichtleistungsprominenz noch ein ganz Bedürfnis bahn zu brechen. Schließlich arbeiten Castingshows weltweit an einer Selbstermächtigung der Mediokren und Geknechteten, und ihrer triumphalen Behauptung, dass zum Berühmtsein keinerlei besondere Merkmale, schon gar nicht ein wie auch immer geartetes Können, oder auch nur extraordinäre Schönheit gehören.

Hier scheint sich also ein kollektiver Überdruss an den allzu Schönen, den allzu Begabten und allzu Vermögenden kund zu tun, die dem Selbstbewusstsein der Massen durch ihre offenbare Unerreichbarkeit eher abträglich zu sein scheinen. Der Nichtleistungsprominente taugt zum Star, weil er in seiner ganzen Unfertigkeit, die die Massen wie einem Bildungsroman in zig Folgen nachvollziehen können, ihnen ähnlich ist.

Ronaldinho in spe
Hier geschieht die Anverwandlung des Stars an seinen Fan. Der letzte Schritt einer Demokratisierung von Prominenz, die eingesetzt hatte, als die ersten Leistungsprominenten berühmt wurden, obwohl sie doch nicht von höherer Abstammung oder ererbtem Reichtum waren.

Die Frage ist, ob diese Demokratie der Nichtskönner gewollt werden kann. Gestern sah ich hingegen auf der Straße zwei etwa neunjährige türkische Jungs mit einem Fußball. Sie trugen Trikots, auf denen hinten Ronaldinho und Lionel Messi stand.

Gerade als ich hinsah, droschen sie den Ball in die Fensterscheibe einer Parterrewohnung, die dann auch spektakulär zu Bruch ging. Gut, sie üben noch – aber für eine gute Sache. Wenn sie nun auch noch dauerhaft von einem Interesse an Paris Hilton verschont bleiben sollten, dann wäre das doch ein ermutigender Moment. Alles in allem.

Mark van Huisseling: How to be a Star, Nagel & Kimche 2006, 128 Seiten, 12,50 Euro