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39 Fragen Spezial: 

Harald Schmidt: Die Fernstenliebe boomt

04. Apr 2006 07:21
Liebt es, Zitate zu verbraten: Harald Schmidt
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Das große Interview. Im fünften Teil schwärmt Schmidt von Ratzinger, der zeitungsfreien Stadt Singapur und der deutschen Gelassenheit in Sachen Vogelgrippe.

54 Herr Schmidt, ist die Vogelgrippe eigentlich noch da oder schon weg? Sie beobachten das genauer.

Die Vogelgrippe wird sich halten. Sie gibt einem großen Publikum die Möglichkeit, sich entspannt und gelassen zu zeigen. Am Anfang gab es vereinzelt Leute, die sich mit Tamiflu versorgt haben, aber in diesem Fall zeigen die Deutschen nun, dass sie sich den Gefahren der Zukunft gewachsen fühlen.

55 Sie tun vielleicht nur so. Ich kriege verzweifelte Mails von Hotels aus Rügen.

Da habe ich auch schon anderes gehört. Das ist vielleicht eine einzelne Überreaktion. Es kann aber auch daran liegen, dass sogar Mali besser zu erreichen ist als Rügen. Ich wollte immer schon mal nach Rügen. Aber für mich ist das von hier aus eine unglaublich anstrengende Reise.

Und schauen Sie sich die ausgebuchten Hotels überall an, je weiter desto besser. Selbst Orte, wo man nicht weiß, ist es ein Selbstmordattentäter oder die Hygiene, die einen erwischt, laufen. Da zeigt sich eben die große deutsche Qualität: die Fernstenliebe. Und die Fernstenliebe boomt.

56 Eigentlich sehen Sie die Dinge doch sehr positiv.

Ja, aber man glaubt immer, es sei schon positiv, wenn die Renten gesichert sind. Das stimmt ja nicht, man muss das größer sehen, irgendwie katholischer. Alles, was nun in den Feuilletons geschrieben wird, fordert Joseph Ratzinger seit dreißig Jahren. Besser, sprachlich kraftvoller, stilistisch brillanter, inhaltlich ungebeugter.

57 Spricht nicht auch ein Ratzinger von Werten? Sobald man von Werten sprechen muss, ist die Sache verloren, meinte mein Philosophielehrer, ein Konservativer.

Spricht Ratzinger von Werten? Mein Lieblingsbegriff bei Ratzinger ist der «vorpolitische Raum».

58 Klingt ein wenig nach dem «Vorhof der Macht».

Das ist größer! Das ist im Grunde jenseits von Landtagswahlen. Natürlich braucht man die, für die Mühen des Alltags, das Volk muss ja auch beschäftigt werden, aber der vorpolitische Raum ist natürlich bigger than life.

59 Immer, wenn der Raum als Begriff ins Spiel kommt, wird es ganz groß. Carl Schmitt: Die Raumrevolution.

Ja, Carl Schmitt, ich bin ja nur so ein Zitatemixer. Da habe ich jetzt gelesen: Carl Schmitt, der flirrende Staatsrechtler und der ideologisch nicht Unbedenkliche. Aber wenn ich das richtig einschätze, wird er schon als Großer gesehen. Auch wenn leider ungesunde Tendenzen zu beobachten waren. War das so?

60 Natürlich liegt etwas brauner Staub - wie sich Ernst Jünger einmal ausdrückte -auf dem Werk Schmitts. Aber heute darf man Schmitt wenigstens faszinierend finden. Stichworte: Dezisionismus, Freund-Feind-Denken, bloß keine Grauzonen!

Aber dieses Freund-Feind-Denken haben Sie heute immer abgeschwächter, oder? Innerlich ist es unfassbar und stark wie nie vorhanden. Aber man kann natürlich nicht laut damit hausieren, denn sonst ist man einerseits politisch bedroht, andererseits auch unmittelbar.

61 Im so genannten Kampf der Kulturen könnte Ihnen das passieren. Aber gibt es diesen Kampf wirklich?

Ist zu kompliziert, damit sollte man sich nicht beschäftigen.

62 Sondern?

Sondern noch ein Getränk bestellen, das ist meine Haltung. Sehen Sie, meine Lieblingsstadt ist Singapur, ich war da unterwegs und wollte eine Zeitung kaufen, bis mir auffiel, dass es da gar keine Kioske gibt. Und nach weiteren drei Stunden fiel mir auf, dass es überhaupt nur eine Zeitung gibt, und die wurde von niemandem gelesen. Da habe ich gleich ein ganz schlechtes Gewissen gekriegt, weil ich festgestellt habe, dass so eine Welt ohne Zeitungen unheimlich entspannend ist.

Die ganze Stadt ist voller schöner Frauen, schon am frühen Morgen herrschen unglaubliche Vibrations. Und das Allerschönste kommt gleich beim Landeanflug: Death to Drugtraffickers steht da in Rot.

63 Da sind Freund und Feind ja klar bestimmt. Carl Schmitt hätte seine Freude.

Und es steht wirklich da, wo in amerikanischen Formularen steht: Bringen Sie Heimaterde oder Haustiere mit, oder haben Sie Gemüse im Koffer? Death to Drugtraffickers. Ich kannte den Ausdruck gar nicht, ich dachte, es heiße Dealer.

64 Es ist schon das gleiche gemeint?

Ich denke schon. Tolle Stadt. Allerdings sagte der Taxifahrer «this fucking SARS killed us almost last year». Er meinte natürlich nicht das Virus, sondern dass die Touristen ausblieben. Ich höre jetzt aber, dass Singapur zur Biotechnologiezentrale der Welt heranwächst. Die besten Wissenschaftler der Welt werden mit Traumkonditionen gelockt, es gibt Supergebäude, vierzig Mikroskope pro Mann.

65 Ade, Forschungsstandort Deutschland?

Mein ganz großes Lieblingsthema war ja die Aufregung, die es damals um die Green Cards für Inder gab. Man hatte nicht ganz kapiert, dass Inder a) nicht wussten, wo Deutschland auf der Landkarte liegt, b) gleich nach Kalifornien gingen oder c) Alles schon in Indien haben und zwar besser. Da waren die deutschen Lokalpolitiker nicht ganz informiert.

66 Aber ganz à jour, wenn man an die heutige Fruchtbarkeitsdebatte denkt: Kinder statt Inder.

So hieß das damals.

67 Wie schnell es wieder vergessen wurde!

Die Halbwertszeit beträgt meiner Meinung nach mittlerweile vierzehn Tage. Das muss aber schon Größenordnung Tsunami sein. Oder Osthoff.


Mit Harald Schmidt spricht Michael Angele. Lesen Sie am Mittwoch den sechsten Teil des Gesprächs.

NZ-Audio
Aus dem Gespräch
  • Schmidt telefoniert


  •  

    Thema
    Das Harald-Schmidt-Interview
  • Teil eins: Mit Backing von Ratzinger
  • Teil zwei: Mensch oder Natur
  • Teil drei: Deutschlands zweitgrößter Intellektueller
  • Teil vier: Der Klappentexsurfer
  • Teil sechs: So will ich den Fußball sehen
  • Teil sieben: Zynismus in der DNA festgelegt!
  • Teil acht: Die Arroganz des Menschen

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