13. Sep 2006 06:43
Proust gehört zu den Großen der Weltliteratur, die man sich vornimmt, mal zu lesen. Jochen Schmidt ist mit gutem Beispiel vorangegangen. In einem Blog berichtet er über seine Lektüre. Und im Gespräch mit der Netzeitung.
1 Herr Schmidt, haben Sie Ihren Proust heute schon gelesen?Nein. Einmal die Woche ist Pause. Ich muss aber noch den Eintrag von gestern tippen. Ich lese meine Ration, und stelle den Text am nächsten Tag rein. So dass wenigstens eine Nacht dazwischen liegt. Schließlich hat Proust ja auch viel mit Schlafen zu tun.
2 Ihr Blog heißt «Schmidt liest Proust». War Ihnen der Bezug zu Harald Schmidt bewusst, der Prousts Werk ja einmal mit Playmobil-Figuren nachspielen wollte?
Nein, aber ich bekam rasch eine Mail: Na ja, Harald Schmidt hat es ja nicht gemacht. Aber, Du Jochen Schmidt, machst es nun.
3 Wie sind Sie auf die Idee gekommen, «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit»* zu lesen? (*franz.: «A la recherche du temps perdu», kurz «Recherche» genannt.)
Nun ja, der sicherste Weg, zu erfahren, was in einem Buch steht, ist es zu lesen. Und ich wollte wissen, was in der «Recherche» steht. Es lässt sich aber nur schwer für andere zusammenzufassen.
4 Jedenfalls hat keiner den Monty Python Proust- Zusammenfassungswettbewerb geschafft, den Inhalt der «Recherche» in fünfzehn Sekunden wiederzugeben. Kurz einige Randdaten: zwischen 1913 und 1922 entstanden, sieben Bände. Sie lesen jeden Tag zwanzig Seiten. Ist es schwierig, diese Zahl einzuhalten?
Ja, ich höre jeden Tag nach 20 Seiten auf, denn so habe ich es mir nun einmal vorgenommen. 3800 Seiten insgesamt, macht 190 Tage. Jetzt bin ich bei gut 60 Tagen, und merke, dass es zeitlich ausartet. Ich bin ein sehr langsamer Leser, eine Stunde für 20 Seiten. Und dann beschreibe ich in meinem Blog nicht nur das, was ich bei Proust gelesen habe, sondern auch noch etwas von den flüchtigen Dingen, die einem im Leben passieren, und die man vielleicht nur beachtet, weil man durch die Brille von Proust sieht.
5 Es ist immer sehr viel Originaltext dabei. Sie sind Schriftsteller: Ist das Abtippen dieser Stellen Teil Ihrer schriftstellerischen Arbeit?
Ja, das Rausfiltern ist eine eigenständige Arbeit. Ich habe festgestellt, dass ich von Büchern, in denen ich nur angestrichen habe, nichts behalten habe. Beim Notieren bleibt es schon eher haften, wenn man streng ist. Ich schreibe mir sowieso seit Jahren alles auf. Neben dem Proust-Blog kommen täglich noch zwei Stunden normale Chronik. Es ist gerade etwas viel.
6 Dieser Aufschreibzwang ist schon schlimm, oder?
Als Grafomane belastet einen das: die Tage, die ich noch nicht vom Notizbuch abgetippt habe, und dann all das, was mir entgangen ist. Was ich nicht aufgeschrieben habe, hat eigentlich für mich nicht stattgefunden. Es ist aber auch schwierig. Wenn ich auf einer Party mein Notizbuch raushole, reagieren die Leute extrem beleidigt.
7 Die selben Leute haben aber keine Probleme, sich vor der Kamera zu entblößen. An die Kamera hat man sich gewöhnt, die Schrift wird einem immer suspekter.
Autoren gegenüber ist immer ein Verdachtsmoment da, weil es sich der Kontrolle entzieht, was sie denken.
8 Damit sind wir mitten in Proust. Sie sind nun am Ende des zweiten Bandes «Im Schatten junger Mädchenblüte» angekommen. Charlus, der schwule Baron, wurde ja als sehr verdächtige Person eingeführt.
Als sie sich das erste Mal sehen, trägt Charlus einen Schnurrbart und einen komischen Strohhut und wirft Marcel, dem Erzähler, einen «raschen aber tiefen Blick zu». Marcel hält ihn für einen Geisteskranken, einen Spion oder einen Dieb. Und warum? Weil Charlus sich etwas in sein Notizbuch schreibt! So wirkt man, wenn man in der Öffentlichkeit schreibt. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich dafür nicht mehr schämte.
9 Für Charlus als Spion gibt es bestimmt einen Vergleich. Die «Recherche» ist ja voller Vergleiche.
Ich schreibe jedes Mal ein «B» an den Rand, wenn ein vergleichendes Bild auftaucht. Mich interessiert schlicht auch die Frequenz der Bilder. Oft kommen sie aus der Wissenschaft, der Biologie oder neuester Technik, wie Elektrizität und Telefon. Die Vergleiche von Proust sind leicht schräg und doch erhellend, immer originell. Ich glaube, es gab eine Zeit, da waren Vergleiche unter Schriftstellern verpönt. Dabei ist es eine große Kunst.
10 Fällt Ihnen spontan ein Bild bei Proust ein?
Wenn man einer unbekannten Frau ein paar Worte sagt, von denen man nicht weiß, wie sie ankommen, kann es passieren, dass man «ins Blickfeld einer Hirschkuh geraten» ist.
11 Da gibt es aber subtilere Bilder.
Ok. Als die Prinzessin von Luxemburg mit dem jungen Marcel und seiner Großmutter spricht, muss sie, da sie adlig ist, sich zu ihnen hinunterbeugen, berechnet aber die Distanz falsch und deshalb, ich zitiere mal: «tränkten sich ihre Blicke mit derartiger Güte, dass ich den Augenblick kommen sah, da sie uns streicheln würde wie zwei nette Tiere, die im Jardin d'Acclimatation durch ein Gitter ihren Kopf vorstreckten.» Toll, oder?
12 Aber der Anfang des ersten Bandes der «Recherche» war schon hart?
Die Einschlafszene geht ja noch, aber wenn dann Seitenweise Beschreibungen von Seerosen kommen...
13 Was raten Sie jemandem, der Proust lesen möchte, aber von diesem Anfang abgeschreckt wird?
Bevor er aufgibt, sollte er an solchen Stellen lieber ein bisschen blättern. Ich habe es allerdings nicht gewagt. Außerdem kann das ja alles noch wichtig werden. Nehmen Sie die vielen Seiten, die Marcel nur der Frage widmet, wie er seiner Mutter noch einen Gute-Nacht-Kuss abtrotzen kann. Da geht es gar nicht nur um ein verwöhntes Kind, darin steckt schon das Schema seiner späteren Beziehungen zu Frauen. Aber so richtig los ging das Buch für mich mit «Eine Liebe von Swann», da musste ich plötzlich jede Menge zitieren.
14 Herr Schmidt, der Bruder von Marcel Proust, ein Arzt, hat einmal gesagt: 'Schön und gut, aber wann soll ich dieses Monsterwerk lesen? Da müsste ich schon einen Beinbruch haben'. Wären Sie notfalls bereit, sich eine Verletzung zuzufügen, um Proust zu Ende lesen zu können?
Na ja, ich werde jeden Winter mehrmals krank.
15 Was für ein Glück.
Nein, schon bei leichtem Fieber kann ich nichts mehr machen, nicht mal fernsehen und schon gar nicht lesen.
16 Aber hören können Sie doch? Kaufen Sie doch eine der wunderbaren CD's, auf denen Peter Matic Proust vorliest. Das werde ich mir mal runterladen. Wobei ich sonst keine Hörbücher höre, weil ich immer Randbemerkungen machen will. Und wenn ich erkältet bin, kann ich keine Stimmen ertragen. Ich bin ein Hypochonder, wie Proust auch.
17 Hypochonder? Das erleichtert den Zugang zu Prousts Werk enorm.
Natürlich. Ich leide immer mit. Wie jeder Leser fühle ich mich als der erste Mensch, der den Autor wirklich versteht.
18 Aber Sie nehmen keine Symptome an?
Mal sehen was noch kommt. Bisher war Marcel ja nur als Kind etwas krank. Gut, er wird in Momenten krank, wo er verliebt ist. Bei Gilberte, wenn ich mich recht erinnere, zu der geht er sogar mit Fieber. Oder, weil er sich so freut, dass ihn seine Eltern endlich ins Theater gehen lassen, da wird er schon von der Ankündigung krank. Nein, es ist noch raffinierter, er weiß schon, dass er bei seiner Rückkehr krank sein wird, das ist ganz selbstverständlich für ihn. Was für ein furchtbares Kind.
19 An Ihrem Blog gefällt mir besonders die Rubrik «verlorene Praxis». Einen «Rohrpostbrief schreiben» zum Beispiel. Die Rubrik fehlte neulich.
Manchmal kommt eben nichts vor, da kann man nichts machen. Ich verweigere mich auch, die Sachen, die man nicht kennt, zu googeln oder bei Wikipedia gucken. Ich bin der Durchschnittsleser und will das auch so abbilden. Es sind eben Dinge verschwunden, so ziemlich alle Stoffsorten zum Beispiel.
Auch über Proust selbst habe ich bis jetzt nur wenig gelesen, obwohl mich das brennend interessiert. Den Wikipedia-Eintrag habe ich mir allerdings gegönnt, den hat übrigens der Vorsitzende der deutschen Proust-Gesellschaft geschrieben. Aber ich habe daraus erfahren, dass das Vorbild für Marcels Geliebte, für Albertine, ein Mann ist, und das stört dann doch beim Lesen.
20 Ich habe ein kleines Quiz dieser Proust-Gesellschaft dabei, man kann es sich downloaden. Das meiste können Sie bestimmt bereits beantworten. «Was spielt Marcel mit der kleinen Schar auf den Falaisen bei Balbec.» a) Schach, b) das Ringleinspiel, c) Tennis.
Das Ringleinspiel.
21 Wer hat ein Haus in Montjouvian: a) Vinteuil (der Komponist), b) Bergotte (der Schriftsteller) oder c) Elstir (der Maler)?
Hm. Ich würde auf Vinteuil tippen, der wohnt doch so abseits.
22 Ist es eigentlich unter dem Niveau eines Proust-Lesers, solche Fragebogen auszufüllen?
Warum denn? Proust hat es doch selbst getan. Am liebsten würde man mit seinem Wissen natürlich bei Günter Jauch auftrumpfen. Hier, die 100 000 Euro-Frage: «Worin ähnelt die Küchenhilfe in Combray der 'Charité de Giotto?'» Wobei, hier bin ich mir nicht sicher.
23 Ich glaube c) Leibesfülle. Auf der Homepage der Proust-Gesellschaft gibt es auch einen Link auf die Mitglieder der Gesellschaft. Aber um zu erfahren, wer Mitglied ist, muss man selbst Mitglied sein. Wäre das nicht ein guter Grund es zu werden? Allerdings ein snobistischer...
Ein proustischer. Aber für mich selbst gilt hier der Brothers-Spruch: I don't care to belong to a club that accepts people like me as member. Ich möchte kein Mitglied in einem Club werden, der Leute wie mich aufnimmt.
24 Ist Proust Lesen elitär?
Heutzutage ist eigentlich jede Form von Bildung elitär. Ich habe mir vorgenommen, dass mich das nicht abhalten soll. Aber als ich neulich bei einem ziemlichen Hooligan-Fan-Turnier Fußball gespielt habe, habe ich doch gezögert, in den Pausen meinen Proust rauszuholen. Aber er gehört natürlich genau an solche Orte.
25 Sind Sie der einzige in Ihrem Kollegenkreis, der Proust liest?
So ziemlich, aber das ist ok, Proust hat uns ja auch nicht gelesen. Aber unter den Bloggern bei meinem Provider sind schon überraschend viele, die sich dafür interessieren. Ich hoffe natürlich, dass auch noch ein wenig mehr Fachpublikum bei mir hereinschaut. Wobei die dann glauben, ich sei nicht qualifiziert genug. Ich fürchte auch, dass seine Fans sehr eifersüchtig sein können.
26 Ja, gerade wie Proust selbst. Echte Proustianer gelten als gnadenlos. Die halten uns jeden Irrtum einzeln vor. Fragen wir lieber: wo hilft Ihnen Proust im Alltag?
Darin, sich nicht für seine sinnlosen Aktivitäten zu schämen. Wenn er eine Nachtlang eine Blüte betrachtet, um ein versunkenes Gefühl wieder zu finden... Man kann nie genau genug beobachten. Man kann immer noch besser werden.
27 Herr Schmidt, wie lesen Sie Proust?
Wenn möglich im Liegen. Im Grunde genommen bräuchte man einen erlesenen Ort, den man sich extra für Proust aussucht. Eine Heterotopie im Sinne Foucaults. Auf einem Friedhof, im Knast, oder in der Kugel vom Fernsehturm, das wäre schön. Ich hatte vor, noch viel mehr zu verreisen in der Zeit, in der ich Proust lese. Um zu beschreiben, wie das Buch zur Ersatzheimat wird.
28 Ist es nicht vor allem wichtig, beim Lesen nicht abgelenkt zu sein? Jalousien runter. Notfalls Korkdichtungen, wie Proust sie in seinem Zimmer hatte.
Die Korkwände habe ich in einem Museum in Paris gesehen, sehr sympathisch. Das kann ich gut verstehen, in meiner alten Wohnung hätte ich die auch gerne gehabt, jetzt brauche ich sie nicht mehr, allerdings schlafe ich mit Ohrstöpseln und einer speziellen Outdoor-Schlafbrille.
Aber mein zentrales Moment ist der Trost der Lektüre. Als ich zuletzt in Odessa war und mich ein bisschen einsam fühlte, habe ich mich immer gerne in Proust hereingeflüchtet. Man müsste sich ja eigentlich verlieben während der Lektüre, aber ich habe schon gemerkt, dass man dann nicht weiter lesen kann.
29 Da muss man natürlich Prioritäten setzen. Proust versetzt sogar seinen besten Freund Robert de Saint-Loup-en-Bray, wenn Wichtigeres ansteht.
Naja, wichtigeres... weil er mit einer Gruppe sportlicher Mädchen «Bäumchen wechsle dich» spielen will. Aber das ist das Grundproblem, dass sich Schreiben und Leben und natürlich auch Lesen und Leben nicht so gut vertragen. Dafür wird man durch Lesen ein besserer Mensch, weil man mehr über die Seele lernt. Ich mag es, wenn Menschen komplex sind. Natürlich sind sie dann auch empfindlicher für Unglück.
30 Was kann Ihre Schriftstellergeneration von Proust lernen?
Es gibt ja den Nostalgievorwurf an junge Schriftsteller. Den Vorwurf also, sie würden zu sehr um sich kreisen, sich zu sehr mit ihrer Kindheit und ihrer Pubertät befassen. Wenn man Proust liest, könnte man im Gegenteil sogar sagen: Sie beschäftigen sich noch viel zu wenig damit, jedenfalls noch nicht genau genug. Proust sagt ja, er sei wie ein Baum, seine Entwicklung kommt aus ihm selbst, sogar Freundschaften lenken davon ab. Er ist nicht wie irgendein Gebäude, an das jeder ein paar Steine herantragen kann. Das ist eine extreme Sicht, die mir aber gefällt.
Als Autor hat man natürlich Angst, dass diese Momente, die für einen sehr bedeutsam sind, letztlich banal sind. Ein Psychoanalytiker nimmt alles an mir ernst, der Leser ist aber nicht mein Analytiker. Ich befürchte schon, dass es lächerlich wirken könnte, wenn ich beschreibe, wie glücklich ich war, wenn ich in meiner Kindheit «Dalli Dalli» gucken durfte.
31 Das ist doch eine weitere Lehre von Proust: Es gibt nichts Banales unter der Sonne. Ein Sandtörtchen in einen Lindenblütentee zu tunken, kann ein sehr bedeutsamer Vorgang sein. Eine Bemerkung in Ihrem Blog finde ich hier ganz falsch. Sie schreiben, dass «normale Menschen» bei Proust nur am Rande vorkämen.
So stimmt es natürlich nicht, ich wollte eigentlich dazu schreiben, dass Françoise, die Köchin, ein starkes Porträt bekommt. Sie ist ja im Grunde auch eine Aristokratin. Eine Aristokratin der Küche, wie bei «Das Haus am Eaton-Place» - eine göttliche Serie - wo die Bediensteten die Verhältnisse und Hierarchien der Herren abbilden. Für viele andere interessiert er sich aber auch nicht. Aus marxistischer Sicht müsste man das vielleicht alles verwerfen. So brechtmäßig, Fragen eines lesenden Arbeiters: «Wer kochte Proust seine traumhaft zarte Mousse-au-chocolat?»
32 Sein bester Freund Saint-Loup hegt immerhin Sympathien für den Sozialismus.
Über den macht er sich ja auch lustig.
33 Zu Recht. Marcel erkennt in dem permanenten Erröten seines Freundes das schlechte Gewissen eines Kindes seiner Klasse.
Stimmt, ich kenne das auch aus meinem eigenen Umfeld. Ein Mädchen aus München z..B. hat geerbt. Sie schämt sich regelrecht dafür, weil sie sehr politisch denkt, und sie will das Geld in einen Ökofonds anlegen oder irgendwie loswerden. So kann man nur denken, wenn man von Geburt an reich war. Ich würde schamlos zugreifen, mit dem guten Gewissen des Ausgebeuteten. Ihr Onkel war auf einer Löwensafari, das findet sie nun peinlich, und ich sage, das ist doch spannend, so ein Onkel.
34 Das hätte Proust vermutlich auch gefunden, gleichzeitig hatte er eben den Blick für Herrschaftsstrukturen.
Was er ganz toll beschreibt, ist die Schichtung innerhalb einer Klasse. Für die einen ist ein Salon schon ganz nobel, aber für die nächst höhere Schicht ist es dort noch ganz unmöglich. Aber eines fehlt bei ihm eben doch: Wir sind doch sehr gewöhnt, zu fragen, wer arbeitet eigentlich, damit wir so leben können? Und die Frage stellt er sich kaum.
35 Da haben Sie Recht. Verspüren Sie denn selbst den Impuls, in die gehobenen Kreise zu kommen? Den Impuls hatte Proust natürlich schon. Er, Halbjude, homosexuell, wollte da hin.
Er galt ja, glaube ich, als sehr geistreich in Gesellschaft. Ich dagegen sehe mich nur versagen, sobald ich irgendwo anders als auf der Bühne unterhaltsam sein soll. Auf irgendwelchen Soirées im Literaturbetrieb stehe ich nur da und verstumme zusehends, weil ich mir plötzlich dröge vorkomme.
36 Da müssen Sie aber den Film von Raul Ruiz sehen. «Die wiedergefundene Zeit». Nach dem letztem Band der «Recherche». Da lächelt Proust, oder sagen wir besser: Marcel nur, wenn er in den Salons sitzt, die in der «Recherche» so minutiös beschrieben sind. Die anderen sprechen zu ihm, er nimmt auf.
Ja, vielleicht wäre man enttäuscht, wenn man ihm begegnen würde. Wie er ja permanent enttäuscht wird. Der Roman ist ja eine Geschichte von Ernüchterungen. Immer wenn etwas Realität wird, von dem er lange geträumt hat, ist es erst einmal schwach. Das Paradebeispiel ist natürlich die Berma, die große Schauspielerin. Oder wieder Albertine: Da bemerkt er ja erst einmal den großen Leberfleck und eine hässliche Entzündung an der Schläfe, als er sie von nahem sieht. Er verliebt sich dann aber trotzdem. Das gleiche Muster wie bei Odette.
Ihr Mann, Swann, fragt sich irgendwann, was hat eigentlich diese Frau da mit meiner Liebe zu ihr zu tun? Eine Aufgabe ist es, in meinem Blog solche Ernüchterungsmomente zu protokollieren, da kommt eine hübsche Liste zusammen.
37 Enttäuschungen bereiten ihm auch die Landschaften. Balbec hat er sich doch immer im Nebel vorgestellt.
Genau und dann scheint die Sonne. Er ist einerseits in der Lage, nur aus dem Namen des Orts heraus eine ganze Welt zu imaginieren, andererseits reicht dann schon ein «Billard»-Schild neben der Kirche, um alles zu zerstören. Aber ohne Projektionen wäre das Leben doch langweilig. Jeder projiziert. Frauen mögen das natürlich gar nicht. In Zukunft sage ich dann, wenn sie mit mir streiten wollen: «Hast du nicht Proust gelesen?» Und dann lassen sie mich vermutlich sitzen und ich habe wieder viel Zeit zum weiter lesen.
38 Interessant ist, dass Marcel nicht die wählt, die ihm am besten gefällt. Ich glaube Andrée würde ihm gut gefallen.
Er will ein bisschen leiden. Andrée ist ihm zu ähnlich, da macht er keine Erfahrungen, die er dann aufschreiben kann. Ich denke, das spielt implizit eine Rolle bei der Figur, auch wenn er, sympathischerweise, beim Schreiben erst einmal noch völlig versagt. Das kenne ich gut aus der Jugend.
39 Für Sie als Schriftsteller verkörpert Proust natürlich den Schriftsteller in Reinformat.
Man wird ja im Alter immer vorsichtiger damit, jemanden in seinen Pantheon aufzunehmen. Aber Proust würde ich nun schon noch aufnehmen. Helden waren ja erst einmal andere: Beckett, Kafka, Heiner Müller. Und Heiner Müller ist hier natürlich der ideale Antipode. Für ihn wäre vermutlich das meiste, was Proust schreibt, «privater Scheiß». So wie er sagt «Thomas Mann verdirbt die Zähne». Aber ich glaube, als privater Leser hätte er ihn schon genossen.
Mit Jochen Schmidt sprach Michael Angele.