14. Jun 2006 07:12
Fragen wir ihn doch selbst: Die Netzeitung sprach mit Schriftsteller Feridun Zaimoglu über einen schlechten Witz, eine gute Mutter und positive deutsche Tugenden.
Zaimoglu (41), geboren in Bolu (Türkei) und aufgewachsen in Berlin und München, ist Schriftsteller, Journalist und bildender Künstler. In diesem Frühjahr erschien sein neuer Roman «Leyla». Er erzählt die Geschichte der Kindheit und Jugend seiner Mutter in der Türkei. Wir haben uns mit Zaimoglu vergangene Woche im Restaurant des Hotels «Honigmond» in Berlin-Mitte getroffen. Das Interview war lange vor den Plagiatsvorwürfen um den neuen Roman vereinbart. In den letzten Tagen ist einiges geschehen: Der Verlag Kiepenheuer & Witsch erklärt, Emine Sevgi Özdamar habe «zu keinem Zeitpunkt Plagiatsvorwürfe» erhoben. Und ein in unserem Gespräch von Zaimolglu nur off the record geäußerter Erklärungsversuch wurde am Samstag in der «FAZ» publik gemacht: Özdamar habe Mitte der 60er Jahre seine Tante Güzin Cecen - die Schwester seiner Mutter also - in einem Berliner Frauenwohnheim kennen gelernt. Und aus deren Erzählungen sei dann vielleicht dieses oder jenes Detail aus dem Leben seiner Mutter in Özdamars Roman «Das Leben ist Karawanserei» (1992) geflossen.
Im ersten Teil des Interviews wird Zaimoglu zu den Vorwürfen befragt. In den am Donnerstag und Freitag folgenden Teilen nicht.
1 Herr Zaimoglu, wie würden Sie an meiner Stelle den Verdacht ansprechen, einiges in «Leyla» sei gar nicht von Ihnen?
Ich würde sagen: Feridun Zaimoglu, wir sitzen hier zusammen an einem Tisch und wollen es nicht auf ein Blickduell ankommen lassen. Daher ganz direkt: Haben Sie gestohlen, plagiiert, abgeschrieben? Haben Sie die Öffentlichkeit getäuscht? Haben Sie Ihren Lektor, Ihren Verlag, Ihre Leser betrogen?
2 Nehmen Sie diese Fragen als gestellt an.
Nicht eine Silbe davon ist wahr. Ich wurde bereits vor Wochen von meinem Lektor darüber informiert, dass es solche Gerüchte gibt. Zuerst habe ich das für einen schlechten Witz gehalten, es dann aber schnell ernst genommen. Das ist ja der schlimmste Vorwurf, den man einem Schriftsteller machen kann. Denn wenn er wahr wäre, könnte er einen Schriftsteller vernichten. Er ist aber nicht wahr.
3 Woher kommen diese Gerüchte?
Eine Germanistin, die namentlich nicht genannt werden will und die auch nicht will, dass man aus ihrer Arbeit zitiert, behauptet in einer sehr eindeutigen Art und Weise, ich hätte alle Bücher der türkischstämmigen Autorin Emine Sevgi Özdamar geplündert und aus Dutzenden dieser Versatzstücke «Leyla» gesponnen. Ich habe nun meinen Anwalt eingeschaltet und eidesstattlich versichert, dass ich keins ihrer Bücher gelesen habe.
4 Nebenbei gefragt: Was lesen Sie denn gerne?
In der Literatur habe ich große Bildungslücken. Früher habe ich gerne Agentenromane gelesen, heute lese ich fast nur noch Psychothriller und Krimis.
5 «Leyla» ist die literarisierte Biografie Ihrer Mutter. Wie verhält sie sich zu der aktuellen Diskussion?
Auch meine Mutter hat eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, in der sie versichert, dass «Leyla» nichts anderes als ihre Lebensgeschichte sei, die sie mir in Wochen und Monaten erzählt und aufs Band gesprochen hat.
6 Werden Sie diese Bandaufnahmen veröffentlichen?
Jederzeit. Aber erst müssen die Gespräche, die wir auf Türkisch geführt haben, übersetzt werden. Meine Mutter sitzt auf gepackten Koffern und ist bereit, vor Gericht auszusagen. Für sie war dieses Buch eine Art Teufelsaustreibung. Sie sagt, ihr Gefühl bei diesem Buch sei es, ihr hartes und manchmal widerliches Leben habe nun einen Nutzen. Und jetzt droht man, ihr und mir das alles wegzunehmen. Aber ich kann beweisen, dass es sich um eine ungeheure Verleumdung handelt. Die Wahrheit wird ans Licht kommen.
7 Liegt Ihnen daran, dass das Ganze juristisch ausgefochten wird?
Nein. Aber ich muss mich einfach gegen solche Vorwürfe wehren. Ich möchte, dass öffentlich alle Zweifel gegen mich und gegen mein Buch ausgeräumt werden.
8 Was ist schwieriger: Der Umgang mit einem Gerücht oder der Umgang mit einem öffentlich geäußerten Vorwurf?
Ich bin sehr froh, dass diese Geschichte nun an der Öffentlichkeit ist. Denn jetzt kann ich mich dagegen wehren. Vorher war ich entsetzt, wütend, vor allem aber fühlte ich mich wie in einem Vakuum. Ich weiß, wie dieses Buch entstanden ist und es bedeutet mir mehr als jedes andere meiner Bücher. Und plötzlich dieser Rufmord, das Gutachten machte wohl schon länger die Runde. Nun fechten wir das öffentlich aus, notfalls auch vor Gericht. Das ist gut, denn so kann ich mein Recht auf eine Richtigstellung bekommen.
9 Ich habe mich sehr gewundert, als diese Vorwürfe gegen Sie aufkamen. Viele Ihrer Bücher zeichnen sich gerade durch eine radikale Authentizität aus, zum Beispiel «Kanak Sprak» oder «Abschaum». Liegen die Vorwürfe vielleicht im Stoff von «Leyla» begründet, also darin, dass sich Biografien anatolischer Frauen in einer bestimmten Zeit zum Verwechseln ähneln können?
Ja und nein. Ja, denn diese Germanistin muss sich kulturelle Ahnungslosigkeit vorwerfen lassen. Wenn sie als Plagiatsbeleg bringt, dass in den Büchern Özdamars und in «Leyla» von Wachsfladen die Rede ist, mit denen sich die Frauen epilieren, dann weiß sie einfach nichts über die Realitäten von Frauen im Osten der Türkei. Es gab damals nur diese eine Möglichkeit, wenn sie sich die Körperhaare entfernen wollten. Zum Teil ist das bis heute so geblieben. Oder Malatya und Aprikosen. «Leyla» spielt überwiegend in Malatya, einer von Özdamars Romanen auch. In beiden Büchern geht es um Aprikosen. Aber Malatya ist für seine Aprikosen bekannt. Was für ein absurder Vorwurf ist denn das?
Da kann nur jemand misstrauisch werden, der diese ganze historische Matrix, aber auch die kulturelle Matrix aus Aberglauben, Alltagsbräuchen und Ähnlichem nicht kennt. Den tradierten Aberglauben, dass man sich nachts nicht die Nägel schneiden darf, weil sonst der Teufel kommt und sie sich holt, hört in der Türkei jedes Kind. Das gehört zur Alltagskultur und deswegen taucht so etwas auch in verschiedenen Romanen auf.
10 In «Leyla» ist, als es ums Kino geht, an einer Stelle von «Kessrin Hepörn» die Rede. In einem Roman Özdamars wird von «Humprey Pockart» gesprochen. Dass das eine seltsame Übereinstimmung ist, können Sie doch nicht bestreiten.
Das ist einfach nur typisch für das Türkische. Aktuell übrigens immer noch. Das «th» gibt es nicht, man sagt «ss». Das ist so, jeder weiß es, und wer Humor hat, kann darüber lachen. Hören Sie sich mal an, wie ein türkischer Fußballkommentator die Namen deutscher Spieler ausspricht. Da schmeißen sie sich weg.
11 Eben haben Sie auf meine Frage, ob sich Biografien zu Verwechseln ähnlich sein können, «Ja und nein» gesagt und das «Ja» begründet. Was ist mit dem «Nein»?
Meine Mutter hat 17 Jahre lang in Malatya gelebt, sie hat dort ihre Kindheit verbracht, ist dort zur Schule gegangen und zu einer jungen Frau herangewachsen. Ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Biografie und der Biografie ihrer Familie spielt da. Das kann man beweisen, über Urkunden und Zeitzeugen. Frau Özdamar hat aber, wenn ich es richtig verstanden habe, nur ein Jahr in Malatya gelebt.
12 Kennen Sie sie?
Wir sind uns drei Mal begegnet, zuletzt bei den deutsch-türkischen Kulturtagen in Stuttgart. Bisher war sie sich meiner Wertschätzung sicher und ich dachte, es wäre umgekehrt genauso. Nun bin ich umso überraschter.
13. Beinhaltet Literatur nicht immer eine sanfte, nicht justiziable Form von Diebstahl? Es gibt doch kaum noch Orte, Figuren, Symbole, Handlungsstränge, über die noch nicht geschrieben wurde.
Sehen Sie sich doch mal die deutsche Nachkriegsliteratur an. In den sechziger und siebziger Jahren sind die Romane voller Nazi-Väter, die sich teilweise mehr als nur ähnlich sind. Aber: Wenn mir vorgeworfen wird, meine Quelle sei die Literatur Özdamars, dann kann ich das hundertprozentig ausschließen. Meine Quelle war meine Mutter.
14 Herr Zaimoglu, Lassen Sie uns nicht länger über ein Gerücht reden, sondern über Greifbares. Sie sagten, Ihr Roman «Leyla» sei die Lebensgeschichte Ihrer Mutter. Wie ist das Verhältnis zu Ihr?
Sehr gut. Und zu meinem Vater auch. Wir leben zwar auf völlig unterschiedlichen Planeten. Aber ich liebe sie sehr.
15 So etwas hört man heutzutage selten.
Sie haben mich und meine Schwester sehr streng erzogen. Aber zu Hause wurde auch jeden Tag gelacht, viel gelacht. Immer war was los. Am 12. März 1961 kam mein Vater nach Ludwigshafen, als Arbeiter in der Lederindustrie. Meine Mutter kam später mit mir nach. Sie dürften so um die 35 Jahre in Deutschland gelebt haben. Als sie in Rente gingen, sind sie zurück in die Türkei gezogen, nach Ankara.
In der Türkei leben die Verwandten, die soziale Umgebung war ihnen wichtig und über Jahrzehnte hatten sie sich ein kleines Sommerhaus am Meer zusammengeschuftet. Sie haben sich trotzdem gut gehalten. Wenn ich ihr Alter erreiche, wäre ich auch gerne noch so frisch, kernig und witzig.
16 Wenn man seine Eltern so liebt, ist es dann ein Vorteil oder ein Nachteil, die Biografie der eigenen Mutter als Roman zu schreiben?
Ich bin sehr kalt beim Schreiben. Es geht nicht anders. Sobald ich warm werde, klappt es nicht mehr. Ich kann beim Schreiben keine Musik hören, weil ich sonst zu sehr bei der Musik bin. Ich kann mir Gefühle beim Schreiben nicht leisten. - Auch bei «Leyla» bin ich sehr nüchtern vorgegangen, wohl wissend, dass das eine hoch emotionale Geschichte ist. Auf den Tonbändern hört man sehr gut, wie meine Mutter zwischendurch schluckt und dann nicht mehr weiter reden kann.
17 Und da können Sie nüchtern und kalt bleiben?
Ich sage dann: Mensch, Mutter, soll ich Ihnen – ich sieze sie ja – ein Glas Wasser holen? Seien Sie doch nicht so traurig. Für sie ist das eine sehr emotionale Zeitreise, denn sie ist froh, diese schwere Zeit hinter sich gebracht zu haben. Kalt lässt mich das nicht, ich habe so vieles über sie und unsere Familie erfahren, wovon ich nichts wusste. Für sie und mich war das emotional sehr schwierig. Aber in dem Moment, als es darum ging, aus dieser Geschichte ein Buch zu machen, wollte und konnte ich nicht anders, als nüchtern zu sein. Und das ist mir auch gelungen.
18 Gab es Momente, in denen Sie oder Ihre Mutter das Ganze stoppen wollten? Wo es zu nah, zu intim wurde?
Genauso war es. Meine Mutter hat manchmal gesagt: «Ich kann nicht mehr.» Dann haben wir das Gespräch sofort abgebrochen. Schließlich hat sie aber doch weiter erzählt. Sie ist eine starke Frau und wollte die Dämonen austreiben, wollte sagen, dass auch die schwerste Zeit zu etwas Nutze war. Und Sie wollte sagen, dass, egal was passiert ist, sie nie zu Boden gegangen ist. Nie. Auch deshalb sind wir immer wieder zusammengekommen. Manchmal nach ein paar Stunden, manchmal nach einem Tag.
19 Hat Ihr Vater Einfluss auf die Gespräche genommen?
Nein. Er durfte nicht dabei sein. Egal, ob wir in Ankara oder im Sommerhäuschen am Meer gesprochen haben, die Türen und Fenster waren immer zu. Es sollte keiner mithören. Auch mein Vater nicht.
20 Wie hat Ihre Mutter reagiert, als sie zum ersten Mal im Manuskript gelesen hat?
Erst hier kommt mein Vater ins Spiel. Das Manuskript war auf Deutsch, und meine Mutter spricht nicht gut Deutsch. Mein Vater hat sich durchgeackert, umgeben von Wörterbüchern. Erst durch seine Übersetzung und Vermittlung hat sie den Rücklauf bekommen. Sie meinte: «Wenn ich deinem Vater glauben darf, dann ist das ein gutes Buch geworden». Und sie hätte wohl noch mehr zu erzählen gehabt. Ich habe dann gesagt, es reicht jetzt. Auch um sie zu schonen.
21 Im Buch macht sie die Entwicklung vom kindlichen «Frauengegenstand», wie sie ihr patriarchaler Vater nennt, zur mehr oder weniger freien, selbständigen Frau durch. Dabei spielen Bildung und Selbstfindung eine große Rolle. Schreiben Sie mit «Leyla» die Tradition des klassischen deutschen Bildungsromans fort? Und das auch noch mit türkischen Figuren?
Es ist ein Familienepos. Es ist ein typischer deutscher Bildungsroman. Und es ist die Geschichte von 20 Jahren aus dem Leben einer Frau aus dem einfachen Volk. Eine Fortsetzung wird folgen. Darin geht es dann um so etwas wie «Es war einmal in Deutschland». «Leyla» ist nur die Vorgeschichte dazu.
22 Die deutsche Literatur wird durch solche Bücher weniger selbstbezüglich - ein interessanter Ausblick.
Ich finde deutsche Literatur gar nicht so selbstbezüglich, sondern eher reich. Aber gut: So weit ist es mit uns Zugewanderten also schon gekommen. Eine türkische Vorgeschichte gehört jetzt eben zu Deutschland. So wie eine Ost- oder West-Vorgeschichte.
23 Was genau verbindet «Leyla» mit Ihren anderen Büchern?
Ich habe immer Bücher mit Aktualitätsbezug geschrieben. Ich liebe die Unterschicht, da komme ich schließlich her. Und ich liebe die bürgerliche Dekadenz, diese kleine Freiheit, die einem die Beschäftigung mit der Kultur gibt. Insofern bin ich von allem abgerückt, was Kollektive und Kollektiveigenschaften sein sollen.
24 Und doch kommen sie nicht ganz daran vorbei, wenn sie in ihren Geschichten von den tausend Erscheinungsformen und -folgen der Migration erzählen.
Jetzt steigen wir mal aus dem Roman aus und in meine Realität ein. Meine Großeltern sind Tschetschenen, die in der Zeit der Deportationen unter Stalin aus der Sowjetunion in die Türkei geflohen sind. Dort bekommen sie den türkischen Pass und sind in meiner Familie die erste türkische Generation. Meine Mutter gehört zur zweiten türkischen Generation. Meine Eltern kommen nach Deutschland, sind also dort – aus der Sicht unserer Familie gesprochen - die erste Generation. Ich gehöre zur zweiten Generation und bin Deutscher.
25 Eine hübsche Familiendynastie.
Sie sehen, ethnisch ist unsere Familie einfach nur Kraut und Rüben. Und sie sehen, die Sesshaftigkeit ist nur ein Mythos. Die Menschen waren ständig in Bewegung.
26 Das sehen nicht wenige Deutsche anders.
Nicht nur sie. Auch meine Großeltern wären, wenn sie gekonnt hätten, in Tschetschenien geblieben. Meine Eltern wären in der Türkei geblieben, wenn sie dort eine befriedigende Arbeit und finanzielle Absicherung gefunden hätten. Der Impuls, einfach so etwas Neues entdecken zu wollen, ist selten. Mir würde auch nicht einfach so die Idee kommen, Deutschland zu verlassen. Hier habe ich meine Leute, hier zu leben ist eine Herzenssache für mich.
27 Herr Zaimoglu, ein Leitartikel von Ihnen in der «Zeit» vom April dieses Jahres trägt den Titel «Mein Deutschland». Hat die Redaktion die Schlagzeile gewählt oder ist sie von Ihnen?
Sie ist von mir. Ich komme aus Verhältnissen, in denen man nicht Larifari redet. Und was musste ich mir wegen dieses Textes anhören? Das sei deutsch-völkischer Multikulturalismus. Darauf wäre ich nie gekommen. Die Ethnie ist für mich langweilig. Sie ist mir egal. Darauf beziehen sich nur die Ausgebremsten, die Idioten.
28 Wie weit ist eine Aussage wie «Mein Deutschland» von Ihren ersten Büchern entfernt? Etwa von «Kanak Sprak», worin Sie die subversive Kraft der Sprache junger Deutsch-Türken gegen deren deutsch-konservative Gegner verteidigen.
Nicht weit.
29 Da kann man aber auch anderer Meinung sein.
Diese konservativen Pfeffersäcke mit ihren strikten Konzepten von Ethnie und Nation habe ich schon immer gefressen und ich tue es bis heute. Als Schreiber hatte ich Lust auf andere Geschichten, auf ein anderes Erzählen und mochte nicht beim Kanak-Jargon, den ich immer noch sehr mag, hängen bleiben. Außerdem gehört zu meinem Deutschland auch die Eigenschaft der schönen Selbstverätzung.
30 Gibt es eine deutsche Tugend, der Sie etwas abgewinnen können?
Ja, es ist eine derer, die häufig denunziert wird: Nüchternheit.
31 Gibt es eine deutsche Tugend, der Sie gar nichts abgewinnen können?
Es gibt eine, aber sie ist keine rein deutsche: Stolz. Das ist was für Affen. Und damit beleidigt man die Affen auch noch. Mit Stolz kann ich gar nichts anfangen.
32 Mit Europa offensichtlich auch nicht. In einem Interview haben Sie mal gesagt: «Es würde mir nie einfallen, mich als Europäer zu bezeichnen.» Ist Europa für Freunde der Migration nicht ein Muss?
Europa, das ist so Wischiwaschi. Ich bin Unterschichtler. Gott sei dank sind mir einige Proleteneigenschaften ausgetrieben worden. Aber ich habe gelernt, geradeaus zu gucken und keinen Scheiß zu erzählen. Europa – das ist billiger Humanismus und billiger Universalismus. Jeder Lackaffe kann hingehen und sagen: «Ich bin Europäer!» Viel Glück damit. Dieses großbürgerliche Getue besitzt doch für die meisten Menschen keine Wirklichkeit.
33 Wie könnte eine solche Wirklichkeit denn aussehen?
Weiß ich nicht. Auf jeden Fall anders als das, was man beobachten kann. Da feiert die EU an der polnisch-deutschen Grenze zum Beitritt Polens ein Riesenfest und ein, zwei Jahre später wird in Frankfurt an der Oder per Referendum durchgesetzt, dass die polnische Straßenbahn an einer Grenze, die es offiziell nicht mehr gibt, umkehren muss.
34 In Ihrem Artikel «Mein Deutschland» sprechen Sie am Ende von dem «eigenartigen Volk, das wir in 30 Jahren abgeben werden». Was meinen Sie damit?
Der Satz heißt: «Die heute lebenden Westdeutschen, Ostdeutschen und Fremddeutschen sind vielleicht nur Vorfahren des eigenartigen Volkes, das wir in dreißig Jahren abgeben werden.»
35 Und was bedeutet er?
Auch wenn die Konservativen Blut kotzen, die – um in ihrem Jargon zu bleiben –«Durchrassung» und «Durchmischung» sind in vollem Gange. Sie können sich dagegen stemmen, wie sie wollen, aber so läuft es nun mal. Die Wirklichkeit ist ja schon viel weiter als dieses ganze Gerede von der «Integration». Wer «Integration» sagt, trennt Deutsche von Ausländern. So etwas ist doch längst passé. Und das macht die ganze Geschichte hier in Deutschland noch spannender.
36 Nicht nur gegen Konservative, auch gegen Freunde der Multikultur haben Sie sich stets gewandt.
Sich für Multikulturalismus auszusprechen, bedeutet doch nur, für die friedliche Koexistenz von Speisekarten zu sein. Das geht so: Ich esse beim Italiener oder beim Portugiesen, werde mein Kind aber ganz sicher in keine Schule schicken, in der viele Türken sind. Multikultur kulturalisiert außerdem soziale Phänomene. Sie lässt vergessen, dass es in Deutschland ein ungleiches Rennen um Jobs und Ausbildungsplätze gibt. Und tatsächliche Armut von Menschen.
37 Am Hype um Multikultur sind migrantische Vereine und Verbände ja nicht ganz unschuldig.
Auch wenn Multikulti von türkischen Vereinen angeführt wird, wird sie dadurch nicht besser. Sie sagen: «Lass uns umarmen und zusammen feiern, aber Hauptsache wir bleiben Türken». Multikultur - das bringt gar nichts.
38 Wie sieht die Alternative dazu aus?
Ich bin kein Freund der Ökumene. Ich habe keine Angst vor Parallelgesellschaften. Unterschiede sind da und man soll die Differenz ruhig zulassen. Aber es braucht Regeln. Wenn ein Arschloch losgeht und seine Schwester wegen «freizügigen Verhaltens» auf der Straße abknallt, dann pfeife ich auf die Differenz. Verbrechen ist Verbrechen.
39 Welcher Weg war weiter? Der von Ihrem ersten Buch «Kanak Sprak» nach «Leyla» oder der Ihrer Mutter von Anatolien nach Deutschland?
Der meiner Mutter. Das war kein Weg, sondern ein Hindernislauf. Es ist knallharte Arbeit, Schreiber zu sein. Aber verglichen mit dem Leben meiner Mutter ist das ein Witz. Amen.
Mit Feridun Zaimoglu sprach Maik Söhler.