39 Fragen:
Ulmen: Wahnsinnige Angst, diebische Freude
07.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Eben noch war er als Michael in Oskar Röhlers «Elementarteilchen» und als Paul in Ute Wielands «FC Venus» im Kino zu sehen. Nun steckt er in neuen Dreharbeiten, die sich schon einige Monate hinziehen. Es läuft für Christian Ulmen (30). Umso wichtiger der ruhige Wohnort: Potsdam. Zum Interview in der «Enoteca La Cantina» in der hübschen Innenstadt kommt er mit dem holländischen Rad.
1 Herr Ulmen, Potsdam hat sich ja enorm gemausert.
Absolut. Hier gibt es sogar ein Karstadt. In Berlin hat man das kaum wahrgenommen, wenn aber hier auf einmal zwischen all den Boutiquen und herrlichen Einzelhandelsfachgeschäften Karstadt auftaucht, ist das regelrecht aufregend.
2 Es leben ja schon einige Prominente in Potsdam. Formiert sich da so etwas wie eine «Potsdamer Gesellschaft»?
Ich nehme es an, auch wenn ich da nicht teilnehme. Vermutlich ja.
3 Beobachten Sie das denn nicht?
Ich wüsste nicht wo. Gut, als der Heilige See zugefroren war, konnte man über den See laufen und dabei zufällig auch jene Grundstücke erspähen, die ja von vorne sehr geschützt sind. In wahnsinniger Angst, dass das Eis bricht, habe ich mich herangepirscht, habe aber keine wilden Feiern gesehen.
4 Leider denken viele Leute bei Potsdam momentan eher an diesen rassistischen Vorfall.
Ja, und das ist gar nicht weit von hier passiert! Dort hinter dem Tor. Man kann es sich nicht vorstellen, zumal das Publikum hier so aussieht, als wäre es zumindest liberal, und ich habe in den letzten sechs Monaten keinen einzigen Skinhead gesehen.
5 Vielleicht lauern die hinter dem Tor?
Man darf nicht hinters Tor, das hat der Heye schon gesagt, es gibt No-Go-Areas.
6 Reizt Sie eigentlich die Welt hinter Potsdam?
Das Brandenburger Land? Ich könnte mir vorstellen, mal eine Fahrrad-Tour zu machen. Es gibt ja im «Tagesspiegel» diese kleinen Radtour-Kärtchen. Aber ich bin nun nicht so an Landschaft interessiert.
7 Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang eine Frage, die man kaum zu stellen wagt: Welche Hobbys haben Sie?
Die erste Agentin, die ich in meinem Leben hatte, hat mich genau das gefragt, und ich war so deprimiert, weil ich keine Antwort wusste. Mir wurde klar, ich bin ein Mensch ohne Hobbys. Das ist ein trauriges Gefühl, es lag aber daran, dass ich in meiner Schulzeit im Offenen Kanal permanent moderiert, Videos gedreht und geschnitten habe. Und nach der Schulzeit ging das eben weiter für Geld.
8 Das ist doch wunderbar!
Ja, aber mir wurde erst später klar, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, es ist zwar eine Floskel, aber bei mir stimmt's schlicht. Gut, heute würde ich vielleicht antworten, dass Fußball mein Hobby ist, oder unser Kind.
9 Man kann doch unmöglich sein Kind zum Hobby haben.
Wenn Hobby eine Beschäftigung ist, die man gerne in seiner Freizeit tut, dann doch.
10 Jedenfalls trifft bei Ihnen der Spruch zu «er macht in Medien».
Das war eben mein Schülerwunsch, und es war mir dabei egal, was genau. Ich wäre vermutlich auch ein ordentlicher Kameramann geworden.
11 Nun machen Sie Radio, spielen in Filmen mit, machen Fernsehshows. Sie sind also ein Medienkomparatist. Vergleichen Sie: Gibt es da Unterschiede oder ist das alles eins?
Für mich in meiner Motivation alles eins, ja. Schon immer. Aber Sie interessiert sicher das unterschiedliche Miteinander in diesen verschiedenen Medienkreisen. Ich würde sagen, die Verhaltensweisen sind nahezu identisch, es wird in den Arm genommen, es wird geküsst, es wird die Zunft gefeiert und natürlich geklatscht und getratscht.
Und ich habe noch immer den Eindruck, dass die einzelnen Sparten einander argwöhnisch beäugen. Kino und Fernsehen zum Beispiel. Ich erinnere mich, wie mich ein Filmproduzent nebenbei gefragt hat, was ich als nächste mache. «Einen Krimi», sagte ich. «Fürs Fernsehen?» - «Ja..., hallo?» - und es herrschte erst einmal Schweigen in der Telefonleitung.
12 Und umgekehrt, gibt es dann wohl Neid auf den Film?
Das Klischee vom leidenden Fernsehredakteur, der eigentlich ein ganz großer Filmregisseur ist, stimmt hin und wieder, zumindest wie ich es erlebe. Ich finde es aber ungerecht, wenn der Film per se als etwas geachtet wird, das über dem Fernsehen liegt. Man kann im Fernsehen grandiose Sachen machen, die im Kino gar nicht möglich sind. «Mein neuer Freund» zum Beispiel funktioniert nur im Fernsehen.
13 Und Ihre Radioaktivitäten, momentan bei EinsLive? Läuft das so nebenbei?
Ja, das ist... auch ein Hobby! Ich mache das so gerne, weil es so leicht ist. Man kann alle möglichen Szenarien aus dem Nichts entwerfen. Und das Radiopublikum ist so wunderbar schnell empört, wenn mal was aus dem Ruder läuft. Das macht großen Spaß.
14 Herr Ulmen, was fällt Ihnen zum Begriff Heimat ein?
Da ist mir noch nie viel eingefallen. Ich bin sehr leicht zu verwurzeln. Als ich in London lebte und manchmal zu Besuch nach Hause kam, war da sicher so ein wohliges Gefühl. Und wenn ich heute nach Hamburg komme und am Hafen die Kräne sehe, habe ich vielleicht auch so etwas wie Heimatgefühle. Da bin ich aufgewachsen, kenne jeden Winkel etc. Aber ich habe noch nie Heimweh gehabt oder diesen Begriff je für irgendetwas gebraucht.
15 Und welche Heimat wäre ganz unmöglich?
München, da habe ich mich unwohl gefühlt.
16 Geboren sind Sie in Neuwied. Wissen Sie, wieso mir das ein Begriff ist?
Weil da das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich steht.
17 Nein, weil da der Luchterhand-Verlag war. In den bibliographischen Angaben hieß es dann Neuwied: Luchterhand. Höre ich Neuwied, denke ich an Luchterhand.
Ich denke immer an das hässliche Atomkraftwerk, das nun aber abgeschaltet wurde. Weil Neuwied Mülheim-Kärlich erdbebengefährdet ist. Ich wusste nicht, dass da der Luchterhand-Verlag ist. Meine Eltern würden das aber wissen.
18 Ist Literatur ein Medium, das Sie interessiert?
Schon, ich habe wahnsinnig viel gelesen, bis ich 17 oder 18 war, dann hat sich mein Medieninteresse verlagert. Dadurch, dass meine Eltern so einen winzigen Fernseher hatten undsoweiter, habe ich den Film erst mit 17 richtig kennen gelernt. Und dann habe ich «A streetcar named desire» eben als Film geschaut und nicht als Buch gelesen. Ich wurde über «Endstation Sehnsucht» im Abitur geprüft, habe aber das Buch nicht gelesen. Klappte trotzdem.
19 Haben Sie bei der Verfilmung von «Elementarteilchen» nur das Drehbuch gelesen oder auch die literarische Vorgabe von Michel Houellebecq?
Auch die literarische Vorlage, aber immer in Hinblick auf meine Figur. Ich kann ein Buch dann nicht genießen oder als Gesamtwerk betrachten. Automatisch fällt die Aufmerksamkeit auf die Figur: Wie ist die beschrieben? Was denkt sie? Um die Motivation der Figur nachzuvollziehen, ist das schon hilfreich. Und wenn sie mal nicht vorkommt, beschleunigt man das Lesen, um dann wieder etwas konzentrierter zu lesen, wenn es wieder um die eigene Figur geht.
20 Aber «Herr Lehmann» konnten Sie schon genießen?
Auch bei «Herr Lehmann» ging mir das so. Wobei der Witz in Regeners Schreibe auch trotz Lampenfieber immer klar gewirkt hat.
21 Und später holen Sie dann das Lesen eines ganzen Buches nach?
Nein, weil man danach echt mit dem Thema durch ist. Man muss ja auf Interviewreise gehen und redet ununterbrochen darüber, und hat am Ende gar keine Lust mehr, je wieder ein Houellebecq-Buch in die Hand nehmen
22 Welche Figuren sind leichter zu spielen, die introvertierten oder die extrovertierten?
Bei den extrovertierteren ist die physische Anstrengung natürlich größer. Bei den introvertierten ist es eine fast meditative Arbeit. Also beides auf seine Art leicht oder schwer.
23 Das Beste an «Herr Lehmann» finde ich den Namen der Bar, in der Lehmann arbeitet: «Einfall». Das bringt die 80er Jahre auf den Punkt. Sie sind ja ein Kind der 90er. Haben Sie in der Szene recherchiert?
Ich kenne diese Welt, in der sich Herr Lehmann bewegt, aus dem Buch und aus Erzählungen. Der Geist, der diesem Teil von Kreuzberg in den 80ern inne war, ist ja heute nicht mehr da, ich habe da also auch nicht intensiver recherchiert. Es ist unerheblich, ob Du Liebeskummer in den 90ern oder in den 80ern hast.
24 Die Figur, wie Sie sie interpretieren, ist stimmig, gab ja auch den Bayerischen Filmpreis, also kein Vorwurf.
Nein, aber ich habe auch lange darüber nachgedacht: muss ich mich nun mit den 80ern beschäftigen?
25 Ich will auf dem Thema nicht herumreiten. Aber bei «Verschwende Deine Jugend» spielen Sie einen Musikredakteur aus den frühen 80ern.
Aus den «Sounds», da gibt es auch ein Vorbild, das sollte ursprünglich Diedrich Diederichsen darstellen. Ich habe ihn aber bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Ich weiß nicht mehr, ob das Absicht war.
26 Sprechen wir von Figuren, die sehr gut gelungen sind. «Mein neuer Freund». Welche dieser von Ihnen verkörperten «Freunde» geht Ihnen am meisten nach?
Alexander von Eich.
27 Herr Ulmen, Sie sind mir als möglicher Interviewpartner eingefallen, als ich ein sehr kritisches Interview las, das Sie mit Hertha BSC Manager Dieter Hoeneß geführt haben.
Man wirft Hoeneß immer vor, dass er derjenige sei, der bei Hertha keine Kritik zulässt. Und ich glaube mit diesem Interview im «Tagesspiegel» wollte er das Gegenteil beweisen, auch wenn es ein wenig auf Kosten der Marketingabteilung ging.
28 Sie meinen die Distanzierung von der Kampagne «Play Berlin»?
Genau. Und ich fand das sehr wichtig. Fans interessiert, was für Farben der Verein hat, welche Parolen und Hymnen gesungen werden...
29 Nun Sie sind ja selbst Fan von Hertha. Aber das Olympiastadion ist schon eine Hypothek?
Es gibt ja immer noch die Führertreppe dort. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie nur intern so genannt wird, oder ob es nach wie vor der offizielle Name ist. Ansonsten finde ich gut, dass man die Tartanbahn blau angemalt hat, ein origineller Zug, und ich mag das neue Dach.
30 Aber das Schwere und Steinerne kriegen Sie nicht weg. Man hätte ein neues Stadion bauen sollen.
Wie die Allianz-Arena. Nun ja, der Verein ist fast pleite, die Stadt ist total pleite, das wird der Grund sein.
31 Sie müssen es wissen. Ihre Kolumne «Hertha lieben lernen» im «Tagesspiegel», den ich abonniert habe, zeugt von großer Sachkenntnis.
Sie haben ihn abonniert? Meine Mutter hat das Abo abbestellt, nachdem der «Tagesspiegel» mich ja regelmäßig verreißt.
32 Aber nicht der Sport!
Nein, aber auf Filme kriege ich regelmäßig Verrisse, im Gegenzug darf ich mich über meinen Lieblingsverein ausbreiten. Das ist der Deal.
33 Was wurde denn verrissen? «Elementarteilchen»?
Alles. Ich sähe aus wie Reinhold Beckmann, nein, wie Kerner, hieß es über mich als Lehmann. Na ja, meine Mutter hat den «Tagesspiegel» ja dann auch abbestellt.
34 Mit Brief an die Chefredaktion?
Das nicht, aber die Abo-Abteilung hat angerufen, und nach den Gründen gefragt, und meine Mutter hat geantwortet: Mir gefällt Ihr Kulturteil nicht mehr.
35 Wie sind Sie Fan geworden?
Mich hat es ja zufällig erwischt. Ich ging mit meinem Patenkind zum Spiel, und dann habe ich mich ertappt, wie ich nach den Ergebnissen der Hertha-Spiele schielte. Ich finge an, traurig zu werden, wenn sie verloren haben, und mich zu freuen, wenn sie gewonnen hatten. Dann musste ich irgendwann so konsequent sein und dazu stehen. Es gibt aber keine Erklärung für meine Wahl, denn es war keine freie Wahl es ist schlicht geschehen.
36 Oft ist es einfach der Verein, in dessen Nähe man aufgewachsen ist.
In meinem Fall wären das HSV oder St. Pauli. Wobei mich St. Pauli inzwischen nervt in seiner politischen Korrektheit und dem überall bestätigten Anspruch, als zwölfter Mann alles richtig zu machen. Fankulturell sind Pauli-Fans Streber. Und ich glaube, dass das auch Hand in Hand geht mit schlechtem Fußball, bzw. der Tabellen- und Abstiegssituation. Nehmen Sie Köln. Geniale Fans. Immer gute Stimmung. Trotzdem steigt Köln andauernd ab. Da vermute ich einen Zusammenhang.
Peter Zadek hat in seiner Biographie sinngemäß geschrieben, dass er nie mehr in Köln arbeiten möchte. Wenn er als Regisseur gegenüber einem Schauspieler Kritik anbringen wollte, sagte jener, komm, wir reden heute Nachmittag beim Kölsch darüber. Und beim Kölsch war dann alles gemütlich und halb so schlimm. Das heißt, es entsteht eine Immunität gegen Kritik, die wird einfach bei Kölsch und Klüngel begossen.
Beim FC ist das auch so. Da wird ausgelassen gefeiert. Auch wenn sie absteigen, denn sie steigen ja nächstens Jahr mit doppeltem Etat wieder auf und Schuld waren sowieso nur die bestochenen Schiedsrichter. Während in Berlin die Leute aus dem Verein austreten, weil es nur zum UI-Cup gereicht hat. Ich glaube aber, dass das gesünder für den Verein ist, denn für einen Fußballer ist es doch ein Ansporn, die Fans immer wieder überzeugen zu müssen.
37 Sie sitzen aber nicht im Fan-Block?
Nein, ich schaue lieber von der Mitte auf das Spiel. Seit ich diese «Hertha lieben lernen»-Kolumne schreibe, werde ich ab und zu sehr freundlich in eine Loge eingeladen. Da gibt es so kleine Lachshäppchen.
38 Ich weiß, ich habe mich mal in die Katakomben des VIP-Bereichs verirrt, als ich aufs Klo musste. Und dann sah ich da diese Westberliner Mischpoke, teils mit Pferdeschwanz, teils mit Diepgen-Scheitel, und man fragt sich, womit die eigentlich ihr Geld verdienen.
Wie im alten Rom, über fünf, sechs Stockwerke, wo manche Leute sogar während des Spiels sitzen bleiben, sich das am Bildschirm angucken und lecker dazu essen. Toll finde ich auch, dass man diese Katakomben von außen gar nicht ahnt. Dass da plötzlich so eine Geheimtüre aufgeht, und sich eine Fußballglitzerwelt auftut.
39 Ursprünglich wollte ich mit Ihnen über die WM und den ganzen Rummel ablästern, aber das geht nicht, ich freue mich wahnsinnig.
Geht mir genau so. Erst seit zwei Wochen, aber nun gehe ich ins Kaufhaus und da in diese WM-Abteilung, wo es Teddys und Trikots gibt und finde es toll. Ich habe mir sogar Brotbrettchen gekauft, auf denen ein Fußballfeld abgebildet ist. Ich erfreue mich an diesem Kommerz-Gedöns.
Mit Christian Ulmen sprach Michael Angele

