24. Mai 2006 07:31
Sein «Spreeblick.com» ist für den Grimme-Online-Preis nominiert: Die Netzeitung sprach mit Johnny Haeusler über leidenschaftliches und professionelles Bloggen.
Haeusler (41) hat schon einiges gemacht: Er war in den achtziger und frühen neunziger Jahren Sänger der Rockband «Plan B», danach Radiomoderator unter anderem bei «Fritz», nebenbei baute er eine Multimediafirma auf. Und heute betreibt er in Berlin-Kreuzberg also «Spreeblick», eines der bekanntesten und am besten besuchten Weblogs in Deutschland. Wir treffen uns am Haus der Kulturen der Welt. An der nahe gelegenen Anlegestation soll gleich ein kleines Ausflugsschiff zu einer so genannten Stadtkernfahrt auslaufen. Wegen eines Missverständnisses treffen wir uns aber erst, als das Schiff gerade abfährt.
1 Nun haben wir unser Schiff verpasst und müssen im so genannten Biergarten des Haus der Kulturen der Welt Platz nehmen, der mehr einer Baustelle gleicht. Ganz schön laut hier…
Ja, aber das wäre auf dem Schiff mit diesen ganzen Lautsprecherdurchsagen nicht anders gewesen, Sie wissen schon: «Zur Linken sehen Sie jetzt...». Aber wir sitzen an der Spree, naja, einem Spreekanal, immerhin.
2 Können Sie aus Ihrem «Spreeblick»-Büro wirklich auf die Spree blicken?
Als der Name entstand, war das noch so. Heute arbeiten wir in einem kleinen Souterrainbüro in Kreuzberg – ohne Spreeblick.
3 Wie ist «Spreeblick» entstanden?
Anfangs sollte «Spreeblick» ein Berliner Stadtmagazin werden, ein gedrucktes Magazin, das in Konkurrenz zum «Tip» und zur «Zitty» tritt. Mittlerweile hat es sich ein wenig gebessert, aber damals fand ich diese beiden Magazine schrecklich konservativ und spießig. Man kann den Lesern mehr abverlangen als ein interessant angekündigtes Thema, das dann im Heft aber nur lau abgehandelt wird.
4 Wie genau hätten Sie das mit einem «Spreeblick»-Magazin anders gemacht?
Weiß ich nicht, es gab nur einige Ideen. Auf dem Cover sollte immer eine Berliner Persönlichkeit zu sehen sein, kein Prominenter, sondern jemand, der interessant aussieht und spannende Sachen in der Stadt macht. Von Stadtstreichern bis zu Selbständigen. Das Ganze wäre vermutlich schief gegangen. Ich hatte damals noch meine Multimedia-Agentur und gar keine Zeit für so was.
5 Und daraus ist das Weblog mit den derzeit zweitbesten Besucherzahlen in Deutschland geworden.
Es ist im Jahr 2002 entstanden. Ich habe mich damals häufig in US-Weblogs nach Antworten auf technische Fragen umgesehen und dabei bemerkt, dass sich dort viele interessante und gut informierte Beiträge finden lassen. Mit der Technik kannte ich mich ganz gut aus und habe dann mit kleinen, eher belanglosen Themen angefangen.
6 Haben Sie vorher schon Artikel geschrieben?
Wenig. Ich habe ja jahrelang beim Radio gearbeitet, meistens als Moderator. Klar, da habe ich hier und da auch mal einen Beitrag für die nächste Sendung geschrieben. Und vorher das eine oder andere für Musikmagazine. Aber ich schreibe sehr gerne.
7 Irgendwie erinnert mich «Spreeblick» an ein gutes Musik-Fanzine, gemacht mit anderen, moderneren Mitteln. Haben Sie irgendwann mal ein Fanzine herausgegeben?
Nein, nur eine Schülerzeitung. So 1979/80 muss das gewesen sein, es war das «Heimatblatt» des Canisius-Kollegs im Bezirk Tiergarten. Da ging es zwar auch um Punkrock, es war aber kein Fanzine. Der Verkauf in der Schule wurde verboten, das hat uns sehr stolz gemacht. Und wir haben viel Geld damit verdient, weil einer von uns den ganzen kleinen Läden in Spandau Anzeigen für 50 Mark verkauft hat. Bei «Plan B» haben wir auch eine eigene Bandzeitung gemacht. Aber Ihren Hinweis aufs Fanzine begreife ich als Kompliment. Im Idealfall decken Blogs heute das ab, was Fanzines früher abgedeckt haben.
8 Und das ist?
Es geht nicht um die Themen selbst, sondern um die Art, wie man es macht: leidenschaftlich und radikal subjektiv die eigene Meinung im kleinen Kreis verbreiten. Früher mit der Kultur des Fotokopierens, heute im Blog. Plötzlich merkst du aber, dass jeden Tag einige tausend Leute deine Beiträge lesen und du fängst an, das eigene Schreiben zu überdenken. Um Missverständnisse zu vermeiden. Das kann auf Kosten von Leidenschaft und Subjektivität gehen. «Either you get it or you don't», diese Einstellung hatte ich lange, habe sie jedoch abgelegt, um mehr Leute erreichen zu können.
9 Das klingt nach einer Professionalisierung, die sich mit dem Fanzine-Charakter nun gar nicht mehr verträgt.
Ich bin kein Hobby-Typ, der irgendwas nebenher macht. Wenn mich etwas packt, dann soll es zu meinem Lebens- und Arbeitsinhalt werden. So ist das auch mit «Spreeblick». Das ist ja mehr als nur ein Weblog. «Spreeblick» ist ein Online-Verlag, der verschiedene Weblogs entwickelt, betreut und vermarktet. Eigentlich sollen die Blogs gemeinsam vermarktet werden. Aber das mit den Zugriffszahlen funktioniert immer noch nicht so richtig. Nur die wenigsten «Spreeblick»-Besucher sehen sich auch regelmäßig unsere anderen Blogs an.
10 Kein Wunder bei Spezialistenblogs wie «d-frag.de» über Computerspiele oder «zoomo.de» über Radio und Fernsehen. Gibt es von solchen Blogs nicht schon mehr als genug?
Nicht unbedingt. Das Problem ist vielmehr eines der Verortung im Netz. Die Besucher wollen offensichtlich nur ein, zwei Blogs lesen. Wenn ich von «Spreeblick» auf ein anderes unserer Blogs verlinke, dann folgen die Besucher dem Link manchmal. Aber im absurdesten Fall lesen sie einen Artikel auf «d-frag» und kommentieren ihn dann doch wieder auf «Spreeblick». Da fühlen sie sich scheinbar zuhause.
11 Kann ein einziger Artikel ein Blog für immer verändern? Den größten Besucherandrang hatte «Spreeblick» nach einem satirisch-kritischen Artikel über den Klingeltonanbieter «Jamba!».
Zeitweilig haben uns damals eine Million Leute besucht, vorher waren es ein paar hundert, in guten Tagen knapp über tausend. Das war schon lustig. Und es war beängstigend. Das ist, als ob plötzlich tausende Leute in deine Wohnung stürmen. Danach hat sich die Besucheranzahl bei 2000 Leuten eingependelt. Heute sind es zwischen 6000 und 12000 pro Tag. Nur wenn mal was ganz besonderes zu sehen ist wie neulich das Grup Tekkan-Video («Sonnenlischt»), bevor es so richtig bekannt wurde, schnellen die Zahlen auch mal auf 150000 hoch. Von diesen Besuchern bleiben dann aber kaum welche bei uns hängen.
Da hätten wir richtig Geld mit verdienen können – die Band anrufen, vorschlagen, ein MP3 gegen 50 Cent Gebühr auf die Seite stellen, den Gewinn mit der Band teilen -, aber wir haben es zu spät realisiert und uns vor allem gegen das schnelle Geld gewehrt, was einige Leute für dumm halten.
12 Aber Gebühren und Weblogs gehen doch gar nicht zusammen. Selbst im Rest des Internet gehen die meisten Leute offline, wenn sie zum Bezahlen aufgefordert werden – außer auf Pornoseiten.
Sehe ich nicht so, im Netz wird doch Geld bezahlt. Das funktioniert überall dort, wo man dafür Qualität bekommt. Natürlich nicht bei einem dieser «Spiegel-Online»-Dossiers, die aus alten Artikeln bestehen und nur thematisch zusammengefasst werden. Aber irgendwann werden wir lieber etwas bezahlen, damit wir nicht mit immer mehr Werbung zugeschüttet zu werden.
Das bedeutet nicht, dass Weblogs kostenpflichtig werden. Wir bei «Spreeblick» müssen mehr Sponsoren finden und ihre Produkte oder Dienstleistungen intelligent und witzig mit unseren Angeboten verknüpfen. Bestimmt ließe sich etwa ein Sponsor für das Musikrätsel finden, das ich regelmäßig in unseren Podcasts mache. Damit sich das lohnt, muss «Spreeblick» noch weiter wachsen.
13 Bedeutet weiter wachsen auch, sich weiter von dem zu entfernen, was «Spreeblick» bisher war und heute ist? Dem chronistischen Schreiben, dem Tagebuchartigen...
Nein. Diese Tagebuchfunktion ist zu wichtig, um sie einfach fallen zu lassen. Obwohl meine Artikel zu wenig «Google»-optimiert sind, sodass ich lange suchen muss, bevor ich etwas wiederfinde. Aber ich habe es schon immer gehasst, mich Maschinen anzupassen. Ganz zu vermeiden ist es natürlich nicht, sonst dürfte ich gar nicht mit Computern arbeiten. Doch es gibt Grenzen.
14 Ist das Internet, wie Bewunderer meinen, das größte Archiv der Welt?
Für die letzten 13 oder 15 Jahre mag das zutreffen. Das Internet sammelt so gut wie alles. Aber ist das ausschließlich positiv, dass da wirklich alles aufgehoben wird? «Spreeblick» hat die Rubrik «Heute vor einem Jahr» und wenn ich mir ansehe, was ich damals geschrieben habe, über was ich mich aufgeregt habe, dann muss ich schon manchmal lachen.
Daneben finden sich Artikel, zu denen ich auch heute noch stehen kann. Dennoch: Wie steht ein Mädchen, das heute seine Bikinifotos auf MySpace zeigt oder wie steht jemand, der sich heute in einem S/M-Forum outet in ein paar Jahren dazu, wenn sie oder er – im schlechtesten Fall - bei einem wichtigen Bewerbungsgespräch von Menschen darauf angesprochen wird, die das nichts angeht? Manchmal wünsche ich mir eine selektiv funktionierende Löschfunktion fürs Netz, empfehle aber, da es sie nicht gibt, sich im Netz mehrere Identitäten zuzulegen.
15 Was möchten Sie über sich selbst nicht aus dem Internet erfahren?
Über mich? Das ist mir relativ egal, solange es keine dreisten Lügen sind. Ich achte darauf, was ich von mir preisgebe. Durch die Band- und Radiozeiten war ich schon immer zum Teil eine öffentliche Person. Aber nur zum Teil. Ich möchte nicht, dass die Namen meiner Kinder oder Bilder von ihnen oder detaillierte Geschichten über sie ohne ihre Zustimmung im Netz kursieren. Es gibt Blogger, die stellen die Fotos ihrer Neugeborenen schneller online, als dass die Großeltern welche bekommen.
16 Über Ihre Punkphase und Ihre frühere Band «Plan B» ist im Internet nicht viel zu finden.
Punk war das nicht, eher Postpunk. Oder Poprock, ein bisschen Undertones, ein bisschen Clash. Wir haben 1994, kurz vor dem Internetboom aufgehört. Und damit sind wir fürs Netz so gut wie nicht existent. Bestimmte Zeiten gibt es dort einfach nicht. Das Web hat, außer durch Zusammenfassungen und Rückblicke, kein Gedächtnis, das hinter die frühen neunziger Jahre zurückreicht. Heute hat niemand mehr Zeit, diese Phase nachträglich zu dokumentieren. Ich habe noch hunderte an Bildern aus jener Zeit, schaffe es aber nicht, sie zu digitalisieren und ins Netz zu stellen.
17 Sind Sie selbst ein Sammlertyp?
Nicht mehr. Zeitschriften und Vinyl habe ich lange gehortet. Doch bei jedem Umzug hat mich das aufgeregt und irgendwann habe ich die Sammlung aufgelöst. Übrig geblieben sind viele Ausgaben von «Wired» und 500 Platten. Das Vinyl gehört zu den Jugenderinnerungen. Spannend ist, was im Zeitalter der Digitalisierung aus Jugenderinnerungen wird. Werden sich die heute 20Jährigen im Jahr 2030 ihren alten Flickr-Account ansehen oder wie funktioniert das dann?
18 Das klingt jetzt aber wehmütig.
Ein gewisser Verlust der Haptik ist schon beklagenswert. Deswegen haben gedruckte Sachen für mich ihren eigenen Wert. Ein gutes Magazin wie «Dummy» kann ich nicht einfach wegwerfen. Ich sage das, obwohl ich in Deutschland einer der ersten war, der Bilder digitalisiert und alles Mögliche auf der Festplatte statt in Pappkartons gesammelt hat.
Beim Vinyl ist es ähnlich. Reizvoll sind nicht nur die Cover, man sieht einer Platte auch an, wie alt sie ist und wie oft man sie benutzt hat. Das Altern von Dingen ist nichts Schlechtes.
19 Woher kommt Ihre Begeisterung fürs Internet, oder allgemeiner, für die Technik?
Von Batman. Mit Superman konnte ich nie. Wenn ich wie er von einem anderen Planeten käme, könnte ich auch alles. Batman war aber von diesem Planeten und musste die Probleme nur mit seinen eigenen Fähigkeiten, also Wissen und Technik, lösen. In der Musik hat mich das auch immer interessiert. Selbst bei «Plan B» haben wir zum Ende hin viel in Richtung Computerkultur experimentiert und uns inhaltlich mit Technologie beschäftigt.
20 Was viele «Plan B»-Fans nicht verstanden haben oder nicht hören wollten.
Das stimmt. Es sollte Rock mit Technik und tanzbaren Rhythmen sein, so wie «Jesus Jones» oder die «Charlatans». Die Fans waren irritiert und einige Musikkritiker konnten damit nichts anfangen. Aber es hat uns einen ganz besonderen Fan beschert: William Gibson. Ich durfte ihn, dessen Bücher ich sehr bewundere, 1994 in Kanada interviewen, und er hat sich sehr darüber gefreut, von einem seiner Lieblingsmusiker interviewt zu werden. Erstaunlich war, dass er als einer der wenigen Visionäre der modernen Datenwelt damals noch nicht mal eine Mailadresse hatte. Er interessierte sich für Cyberspace, nutzte die vorhandenen Möglichkeiten aber kaum.
21 Heute bloggt auch er...
Ja, aber nur sporadisch.
22 Ist «Spreeblick» so erfolgreich, weil ihr im Gegensatz zu anderen Weblogs neben Textbeiträgen auch Ton- und Videospuren, also Pod- und Videocasts anbietet?
Weiß ich nicht, es ist aber sicher kein Nachteil, dass ich seit den 80er Jahren beim Radio gearbeitet habe.
23 Was verbindet Radio und Internet?
«Fritz» zum Beispiel war einer der ersten Radiosender, der interaktiv sein wollte. Nicht nur mit einer eigenen Website, sondern auch über Chats. Ich hatte in meinen Sendungen den Chat immer auf und habe den Hörern gesagt: «Klinkt euch ins Programm ein, benutzt den Chat!» Anfangs war es sehr anstrengend, gleichzeitig die Sendung zu machen und zu chatten, obwohl sich nur zehn Leute beteiligten. Wir haben Anreize geschaffen, um die Beteiligung zu erhöhen. Wer zuerst im Chat die Lösung für ein Gewinnspiel tippt, gewinnt eine Single. Dann kamen Schnitzeljagden durch die Stadt hinzu, die man online verfolgen konnte. Später ließ sich «Fritz» auch mal die Website hacken und die Hörer mussten sie aus ihren Caches wieder zusammensetzen.
24 Als Sie noch bei «Fritz» moderierten, wussten Sie, wer das Zielpublikum ist: Jugendliche und junge Erwachsene. Aber für wen führt man ein Weblog?
Weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es auch viele junge Leser gibt. Das Alter des Durchschnittslesers dürfte irgendwo zwischen 25 und 50 Jahren liegen.
25 Würden Sie es gerne genauer wissen?
Schon, oder? Nein, es ist völlig egal. An dem, was wir auf «Spreeblick» machen, würde ein genaueres Wissen über unsere Besucher nur wenig ändern. Wenn ich für eine Zeitung schreibe, versuche ich beim Schreiben einzubeziehen, wie die Zeitung ausgerichtet ist und was die Leser vielleicht erwarten. In der «De:Bug» muss ich, wenn ich über Technik schreibe, nicht so viel erklären wie etwa beim «Tip». Für «Spreeblick» schreibe ich so wie ich jetzt hier mit Ihnen rede, na ja, vielleicht etwas geschliffener.
26 Ihr legendärer Jamba-Artikel endet, nachdem ein Bild der «Jamba!»-Gründer gezeigt wurde und im Artikel detailreich und systematisch entwickelt wurde, wie diese Gründer und ihr Konzern Kinder und Jugendliche abzocken, mit den Sätzen: «Und jetzt, liebe Kinder, guckt euch das Foto von dem Marc, dem Oliver und dem Alexander noch einmal ganz genau an. Wenn ihr die mal auf der Straße trefft, dann könnt ihr überlegen, wie ihr das findet, was die so machen. Ihr könnt ihnen sagen, wie toll sie sind. Wie schlau sie sind. Und wie klug. Ihr könnt sie aber auch anspucken.»
Der letzte Satz ist wirklich schwierig. Ich habe für den Artikel sehr lange gebraucht, damit er leicht zu lesen ist und doch alles Wesentliche drin steht. Er sollte in Foren verlinkt und somit verbreitet werden und gleichzeitig juristisch nicht anfechtbar sein, weil die Fakten stimmen. Diesen letzten Satz habe ich immer wieder herausgenommen, wieder eingesetzt, herausgenommen, eingesetzt. Am Ende habe ich mich für ihn entschieden. Denn hierzulande erfahren Leute, die Großartiges leisten, kaum Beachtung, während Leute, die andere bis aufs letzte Hemd ausnehmen, von Politik und Medien als unternehmerisches Vorbild gefeiert werden.
27 Schon jetzt richten immer mehr Redaktionen Blogs ein. Verfolgen Sie solche Medienblogs regelmäßig?
Nö! Wenn ich Zeitungen lese, dann in gedruckter Form und nicht online.
28 Wie altmodisch.
Beim Milchkaffee eine Zeitung durchzublättern gehört bei mir zur Kategorie Luxus, das ist ganz wunderbar.
29 Was stört Sie an den Zeitungsblogs?
Die meisten dieser Zeitungsblogs sind nicht sonderlich gut. Die gehen das falsch rum an. Beim Bloggen geht es ja nicht nur um Stil. Klar kann ich da lockerer schreiben. Aber das kann ich auch, wenn ich eine Kolumne habe. Beim Bloggen geht es, wenn auch nicht zwingend, um Geschwindigkeit und darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was nach dem eigenen Blogeintrag kommt. Denn das ist es ja hauptsächlich, was Blogs von Zeitungen unterscheidet: dass die eigenen Kommentare von den Besuchern ständig kommentiert werden, dass es ein Hin und Her gibt, dass man sich schnell korrigieren kann.
Was ich an diesen Zeitungsblogs nicht verstehe, ist, warum verdammen die Redaktionen ihre Autoren dazu, jetzt auch noch zu bloggen? Autoren, die darauf vielleicht gar keine Lust haben. Die sich meistens damit nicht auskennen. Warum holen die sich keine Blogger mit Erfahrung?
30 Vielleicht weil das Misstrauen zu groß ist. So im Sinne von: Erst laufen uns die Blogger im Netz den Rang ab und zwingen uns, wenn wir mithalten wollen, selbst Weblogs einzurichten. Und die sollen jetzt auch noch von diesen komischen Typen, diesen Nerds und Hobbyjournalisten betreut werden?
Einige Verleger wissen, dass Blogs für eine Renaissance der Meinung sorgen. Aber mit ihren Leuten werden Sie nur selten diese Subjektivität hinbekommen, die für gute Blogs charakteristisch ist. Und die führt halt manchmal dazu, dass auch mal was nicht korrekt ist – politisch oder inhaltlich. Das wollen die Zeitungen nicht dulden. Aber sie begreifen dabei nicht, dass Fehler in den Besucherkommentaren quasi automatisch korrigiert werden. Außerdem ist es ja nicht so, dass Zeitungen keine Fehler machen. Vielleicht liegt dieses Misstrauen auch daran, dass Blogs als Organe der Gegenöffentlichkeit wahrgenommen werden
31 Wo genau zwischen den Polen Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit würden Sie «Spreeblick» verorten?
Es gibt alle möglichen Blogs, neoliberale Blogs, rechte Blogs und so genannte unpolitische Blogs, die ich allein durch diesen Begriff teilweise schon in einer gefährlichen Nähe zu rechten Blogs sehe, da sie mit einer beinahe nihilistischen Fun-Attitüde erstellt werden, die die Tore für bestimmtes Gedankengut öffnen kann. Im Vergleich dazu ist «Spreeblick» sicher links. Andererseits weiß ich aber gar nicht mehr, was das heute noch ist: links. Da trifft es der Begriff Gegenöffentlichkeit schon besser.
32 Gegenöffentlichkeit – das klingt für mich eher nach Indymedia, nach Demoaufrufen, Delegiertenberichten aus Venezuela, Kampfansagen gegen «Bullen» und «Faschos»...
Nein, so etwas will ich nicht. Indymedia ist das Ergebnis einer guten Idee. Aber der Ton ist furchtbar, alles wird pauschalisiert, Kleingrüppchen bekriegen sich, das schmort im eigenen Saft. So erreicht man nur sich selbst und den Verfassungsschutz. Gegenöffentlichkeit kann doch auch bedeuten, eigene Schwerpunkte zu setzten, nicht jedes Mainstream-Thema zu behandeln, schlecht gelaunt zu sein und die schlechte Laune auch zu zeigen.
33 Sind Sie ein «Alles-Scheiße-Finder»?
Nein, alles nicht. Viele Dinge finde ich großartig. Aber die gehen immer in all der anderen Scheiße unter.
34 In welcher denn?
Fernsehen zum Beispiel, das ist nur noch furchtbar. Oder der Einfluss der Werbeindustrie auf die Gesellschaft. Der ist viel größer als man denkt. Größer als der der Politik.
35 Und das sagen Sie, obwohl Sie selbst auf Werbeinnahme angewiesen sind?
Paradox, nicht wahr? Ich will ja nicht die Werbung verbieten. Aber, als Beispiel, Werbung für Kinder – das geht gar nicht. Auf «Spreeblick» habe ich kein Problem damit, wenn für Technik geworben wird, für Dienstleistungen, Einzelhandel, Literatur, Film, Musik. Das alles ist okay. Noch besser ist es, wenn es gar nicht um das jeweilige Produkt des Herstellers geht, sondern wenn sich Unternehmen in gewisser Hinsicht zu «Spreeblick» bekennen. Also, wir denken uns eine gute Aktion aus, die vielleicht mit einem Produkt zu tun hat, verhandeln das dann im Blog und bekommen dafür Support.
36 Das bedeutet?
Unternehmen und Marken sollten verstehen, wie unser Blog funktioniert. Und dass auch ein kritischer Beitrag, wenn er gut ist, manchmal genauso viel für eine Marke tun kann wie ein Hype. Wir gestalten unsere Seite nicht in Magenta, weil die Telekom gerade für ihren neuen Tarif wirbt. Sondern: Wenn sie unseren Videocast «Toni Mahoni» powerten, dann könnten sie auch gerne mit einem Banner darauf hinweisen, dass sie einen Breitbandinternetanschluss im Angebot haben. Toni selbst wird das sicher nicht erzählen, die Inhalte sind mir heilig.
37 Am besten wäre es, gar keine Werbung zu bringen. Dann aber müssten wahrscheinlich die Leser bezahlen.
Ja. Außerdem ist es auch fairer so. Denn die Werbeindustrie nimmt immer noch weniger Einfluss auf ein Blog als die Leser. So ist meine bisherige Erfahrung. Wenn wir beispielsweise fünf Euro im Monat für ein «Spreeblick»-Abo verlangten und dann einen Kommentar bringen, der den Lesern nicht gefällt, dann kündigen einige gleich ihr Abo. Ähnliche Reaktionen kommen jetzt schon manchmal, obwohl es nichts kostet. Ist der Podcast zweimal hintereinander ein wenig launisch geraten, heißt es gleich: «Das hier ist aber nicht mehr mein Spreeblick!»
38 Was ist denn IHR Spreeblick?
Der ist sich noch am Entstehen. Auf jeden Fall witzig, aber ohne prollige Schenkelklopfer. Intelligent, aber nicht unbedingt intellektuell, also inhaltlich für alle zugänglich und doch klug. Sexier, aber nicht sexistisch. Überhaupt sollten sich Frauen stärker angesprochen fühlen. Zwar lesen uns viele Frauen, aber nur wenige kommentieren die Artikel.
Ganz praktisch: Wir könnten durchaus mehr gute Podcasts, Videocasts, Gewinnspiele, Downloads usw. anbieten. Vielleicht kommen auch noch weitere Autoren oder regelmäßige Gastkommentatoren dazu.
39 «I live by the River» aus dem Song «London Calling» von «The Clash» ist nicht nur das Motto von «Spreeblick», sondern steht auch auf einem T-Shirt, das ihr verkauft. Ist das eine letzte Duftmarke des Postpunk?
Nein, «London Calling» ist mehr ein guter Gassenhauer als typischer Punk. Der Song sagt trotzdem viel über meine Lebenseinstellung aus. Und das Motto kommt genauso gut an wie das T-Shirt. Übrigens nicht nur in Berlin. Es scheint überall in Deutschland Leute zu geben, die so etwas tragen wollen. Ob sie sich damit zu «The Clash», zum «Spreeblick» oder zum Leben am Fluss, der ja nicht immer aus Wasser bestehen muss, bekennen wollen, werden sie selbst am besten wissen.
Mit Johnny Haeusler sprach Maik Söhler.