39 Fragen Spezial:
Harald Schmidt: Der Klappentextsurfer
03.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Gerne.
41 «Köln wird von einer unbekannten Macht unterwandert». Ganz oben in der Taschenbuch-Bestsellerliste.
Ich hätte gedacht Wallraff, aber das kann es ja dann nicht sein.
42 Frank Schätzing «Der Schwarm».
Habe ich das erste Kapitel gelesen. Weiß aber nicht, welche Macht da gemeint ist.
43 «Welche Werte sind es, die tragen, halten, und die es zu verteidigen gilt?» Einfach.
Entweder Schirrmacher oder Sigmund Gottlieb oder Peter Hahne.
44 Hahne. Und «Ein Buch wie ein Orkan»?
Das steht doch auf jedem zweiten Sachbuch. Ach so, ja! Das ist das Fake vom KiWi-Verlag für mein letztes Buch. Das ist das Klischee vom Klischee für einen Sachbuchklappentext. A la «Ein Buch, das zugleich nachdenklich und fröhlich macht». Ich wusste lange gar nicht, dass das da steht. Aber kürzlich habe ich mal auf die Rückseite geguckt.
Was in dem Buch steht, im ersten Teil, diesen fiktiven Tagebüchern, ist ja fast alles wörtlich abgeschrieben, aus Zeitungsartikeln oder Büchern. Ich habe meinen Verleger gefragt, ob das nicht rechtliche Probleme gebe, er meinte nein, weil es eine eigene künstlerische Weiterverarbeitung sei.
45 Die nur Laien mit pseudointellektuellem Geschwätz verwechseln können...
Ja, 150.000 Mal verkauft. Es gibt ein Publikum von mir, das genau daran seinen Spaß hat.
46 Früher war ja der «Spiegel» das Zentralorgan der Neunmalklugen. Meines zum Beispiel.
Meines auch, diese Häme vor allem, die ja praktisch passé ist. Ich vermisse sie sehr. Unter meinen Schulaufsätzen stand manchmal: «Versuche nicht, den Spiegel zu kopieren!» Mein Lieblingseinstieg war so in der Art «Die Herren speisten erlesen». So was lese ich nur noch ganz selten.
47 Auch dieses herrliche «schon mal» ist fast verschwunden. «CDU-Kandidat Meier (36) geht schon mal in die Disco, wenn es dem Stimmenfang dient.»
Ja, an solchen Versatzstücken erkannte man den «Spiegel». Oder auch «Frau Müller hat schon bessere Tage erlebt». Neulich war dieser Ton in Ansätzen da, es wurde beschrieben, wie sich ein Ehepaar den neuen VW abholt in der Autostadt. Unter dem Vorwand aber da musste man schon sehr naiv sein, um das zu glauben hier würden einfache Menschen ernstgenommen, war das eine totale Herunterschreibe. Es gibt aber nur wenige, die das noch können.
48 Obschon es eine Masche ist.
Natürlich, deshalb hat man es ja auch gelesen. Mich haben doch Inhalte nicht interessiert, sondern die Sprache.
49 Die Entwicklung ging ja dann von «Spiegel» zu Thomas Bernhard. Zum «naturgemäß» und den Übertreibungsformeln. Auch er leicht zu imitieren.
Aber nicht wirklich! Bei Thomas Bernhard kommt halt doch noch etwas hinzu: der Ekel. Aber da ist mein Lieblingsbuch sowieso das von Karl Ignaz Hennetmair, dem Nachbarn von Thomas Bernhard.
50 Hennetmair war ja quasi eine Nebenfigur in einem Roman von Thomas Bernhard.
Absolut. Solche Figuren braucht ein Thomas Bernhard. «Meine Gattin tischte auf. Wir haben den ganzen Abend gelacht. Dann schaute Thomas den Blauen Bock. 'Ich halte den Verleger nicht mehr aus', rief Thomas, 'Er will die Werke von Architekt Hufnagel zerstören'».
51 Ihr Gedächtnis ist wirklich bewundernswert.
Das habe ich einfach. Wenn ich einen Satz lese, der in Stein gehauen ist, und von dem ich weiß, dass ich den brauchen kann, dann merke ich mir, ohne dass ich es mir vornehme, wo ich ihn gelesen habe, von wem er im Original ist, und wann er geschrieben wurde.
Darin besteht übrigens ein Großteil meiner Arbeitsweise. Ich kann mögliche oder überraschende Assoziationen machen ohne nachzudenken. Das nennen die Leute dann Schlagfertigkeit.
52 Umso mehr dürfen Sie von Glück reden, dass Ihr Gedächtnis bisher von Ihren Neurosen verschont blieb. Die Neurose sucht sich immer die verwundbarste Stelle.
Verstehe ich nicht ganz.
53 Die zwanghafte Angst, Dinge gleich wieder zu vergessen. Was dann leider auch passiert, ich weiß wovon ich spreche. Für Ihre Arbeit wäre es verheerend...
Ja. Bestimmt. Aber ich sage auch, dass noch die beschissendste Erfahrung einmal als Nummer verwertbar ist.
Mit Harald Schmidt spricht Michael Angele. Lesen Sie am Dienstag den fünften Teil des Interviews.

