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netzeitung.deHarald Schmidt: Mensch oder Natur

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Freut sich auf den Luchs: Harald Schmidt (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Freut sich auf den Luchs: Harald Schmidt
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

strong { display: block; margin: 0; padding: 0; font: bold italic 15px/20px "times new roman", times, serif; } Diese und kommende Woche spricht Harald Schmidt im großen Interview. Heute über reiche Russen, öde Orte und das Recht auf Lichttherapie.

14 Herr Schmidt, nach dem Fall des Kommunismus wurden die Russen angekündigt. Zwanzig Millionen schon auf dem Weg. Wo sind die denn? Es kann also sein, dass auch Ihre Afrikaner nicht kommen.

Aber die reichen Russen sind da. Siehe Côte d’Azur, siehe Nizza, siehe Genf. Sie sind überall da, wo unsereiner sich die Nase am Schaufenster plattdrückt wegen einer schönen Patek Philippe. Da kommt der Russe raus, und Mamuschka mit ihrer Pellfigur wird in irgendwelche Lutschiputschigutschiklamotten gezwängt.

15 Was für Klamotten?

Lutschiputschigutschiklamotten. Aber zurück zu den aussterbenden Deutschen. Ich finde all diese Gebiete, die nun veröden, großartig, ich verstehe beim besten Willen nicht, wo das Problem liegen soll.

15 Man hört, dass Mecklenburg-Vorpommern bald frauenfrei sein soll, weil die Frauen dort keine Zukunft sehen.

Na und? Wo die Frau wegrennt, kommt der Luchs hin. Nehmen Sie den neuen dtv-Bevölkerungsatlas, er kommt im April raus, ich habe ihn schon gesehen. Da steht tatsächlich, wirklich, dass in den verödeten Orten, Fabriken und so weiter, schon wieder seltene Pflanzen auftauchen, die sozusagen in die Festplatte reinwuchern, und Luchse wieder heimisch werden.

Wo ist da das Problem? Halb Schweden ist leer, Island ist praktisch vereist, Grönland überhaupt nur mit dem Schiff zu erreichen. Ich sehe in der Tatsache, dass der Deutsche sich aus dem Weltgeschehen zurückzieht, überhaupt keinen Nachteil.

16 Allerdings werden manche menschenleeren Orte immer noch öder. In den Bergen schmelzen die Gletscher.

Auch da muss ich ehrlich sagen: Warum nicht? Ich selber stand vor drei Gletschern: Aletschgletscher, Franz Josef Gletscher in Neuseeland, und noch ein Riesenteil in Grönland. Tut mir leid, ich sehe da nur dreckiges Eis.

17 Dann lieber Dreck ohne Eis?

Ich selber brauche keine Gletscher. Ich möchte auch endlich wissen, ob nun eigentlich die Polkappen abschmelzen oder ob wir einer neuen Eiszeit entgegengehen. Ich war da, in Grönland. Mit dem Kreuzfahrtschiff. Und so lange der Steward noch mit dem Pickel das Eis von der Gletscherwand haut - für den Whiskey am Abend, weil Fachleute sagen «Das knistert anders» -, so lange das noch gewährleistet ist, bin ich mir nicht sicher.

18 Nur weil dieser Winter so kalt war, sollte man nicht gleich an Allem zweifeln.

Er war gar nicht so kalt, er war ja statistisch normal.

19 Aber mit viel Schnee. Oder stimmt auch das nicht?

Auch da werden sich Statistiken finden, die sagen, dass vor zwölf Jahren doppelt so viel Schnee lag. Nur kann man sich nicht mehr daran erinnern. Dieser Winter ist glaube ich auch mehr im Gedächtnis haften geblieben durch die einstürzenden Neubauten.

20 Auch. Aber schlicht auch durch Schnee, finde ich.

Ich sehe das als ein weiteres Thema, das medial in regelmäßigen Abständen durchs Dorf getrieben wird. Es berührt mich null.

21 Mich berührt das Wetter schon.

Warum?

22 Weil die Menschen und vor allem: die Medien es nicht in den Griff kriegen.

Das Wetter in Europa ist doch putzig.

23 Mich fasziniert, dass die Wetterprognosen trotz Hightech so ungenau sind. Man schaut aus dem Fenster und sagt sich: sie liegen schon wieder daneben.

Egal, ich bin wetterunabhängig, wissen Sie. Wenn mir das Wetter auf den Sack geht, gehe ich ins Studio und mache den Scheinwerfer an. Das ist diese positive Beleuchtung, diese Lichttherapie, die es auch auf Krankenschein gibt. So. Und wenn Sie irgendeinmal rund um den Äquator unterwegs waren, dann wissen sie, dass bei uns absolut menschenfreundliches Wetter herrscht. Denken Sie an den Tsunami. Hier dagegen: elf Monate im Jahr Pissbrühe. Dafür aber keine Erdbeben, keine Hurricanes.

24 Das Wetter ist eben nicht nur freundlich, es ist - wie man ja nun auch von der Familie sagt - eine «Urgewalt».

In Europa ist es keine Urgewalt. Nochmals zum Aletschgletscher. Da sehe ich immer diese zwei Postkarten: 1912 und heute. Na und? 1912 wurden die Menschen 43 Jahre alt, heute werden sie 95. Man kann nicht alles haben. Entweder Gletscher oder frühes Ende. Oder kein Gletscher und elf neue Hüften. Man muss sich auch mal entscheiden. Entweder der Mensch oder die Natur.

25 Im Zweifelsfall die Natur.

Das ist jetzt aber zynisch. Wir reden über den Menschen.


Mit Harald Schmidt spricht Michael Angele. Lesen Sie am Freitag den dritten Teil des Interviews.