29. Mrz 2006 07:14
Diese und kommende Woche spricht Harald Schmidt im großen Interview. Heute übers Internet, die Angst vor dem Untergang und einen schon vergessenen Zaun in Afrika.
Harald Schmidt hat sich vor allem als Conferencier im Fernsehen einen Namen gemacht. Aktuell ist der 48-Jährige in der ARD mit einer Show zu sehen. Er ist aber auch ein Mann des Theaters und des gedruckten Worts. Das Interview fand im Sitzungsraum der Firma Bonito TV in Köln-Mülheim statt. Das Wetter war heiter und nicht minder freundlich war Harald Schmidt. «Als echter Zyniker sind Sie ja ein äußerst angenehmer Zeitgenosse», wird er später sagen. Warum? Man wird sehen.
1 Herr Schmidt, wie nutzen Sie das Internet?
Ich google meinen Namen einmal pro Stunde. Ich kann im Internet eigentlich nichts, ich würde mir nie eine Reise buchen oder ein Hotel, weil ich immer Angst hätte, dass ich es falsch absende. Ich kann mir auch keine Musik herunterladen. Ich benutze im Grunde nur zehn Seiten.
2 Gehört da die Netzeitung dazu?
Ja. Aber dieses News googlen ist schon enorm.
3 Für Ihren Namen könnten Sie ja Google Alert einrichten.
Ist mir zu langweilig. Für mich liegt die Spannung darin, meinen Namen zu googlen und eine neue Meldung zu haben. Der Zweischritt aus Relevanz und Datum. Und so ein Alert meldet einem vielleicht auch Dinge, die man nicht wissen will.
4 Sie könnten die Suchergebnisse verfeinern. Harald Schmidt - minus Feuerstein zum Beispiel.
Ist mir schon zu aufwendig. Der andere Wahn, der ja jetzt überall gepflegt wird, sind Blogs. Als würden Blogs demnächst die «FAZ», die «Süddeutsche» und den «Spiegel» ablösen. Das ist so ein Journalistengewixe.
5 Ja, und leider gehört zu den schlimmsten Bloghysterikern Süddeutsche.de. Wenn diese Blogs funktionieren, dann müssen sie von irgendwelchen Freaks im Äther geschrieben werden.
Selbstverständlich. Diese Blogs aus den Redaktionen sind eines bestimmt nicht: cool. Ich stelle mir vor, wie die ARD in zehn Jahren eine Blogredaktion einführen wird. «Ich höre da was, ist da einer von Euch an dem Thema dran?»
Gut, aber da wäre sowieso meine Frage: Gibt es mittlerweile nicht ein unglaublich inzestuöses Business? Berichten nicht ständig die gleichen Leuten übereinander, häufig eingeleitet mit «Die Nation spricht darüber»? Was nicht stimmt, denn der Nation geht es am Arsch vorbei. Ich finde es aber toll, denn es erspart den Stress mit Verdi, Müllabfuhr und so weiter. Man sagt jetzt einfach: «Heute schon geschwängert?»
Sie sprechen das Befruchtungsthema an?
Ja, das ist für mich natürlich Weltklasse. Denn mit vier Kindern kann ich von einer kommerziell wahnsinnig interessanten Warte aus argumentieren.
7 Auch von einer moralisch interessanten Warte aus.
Ich komme jetzt sozusagen mit Backing von Ratzinger! Das Thema ist mir als warm up für die WM in den Schoss gelegt worden. Im wahrsten Sinn des Wortes. Denn das wird noch lange ein Riesenthema sein. Jetzt müssen erst mal die People-Magazine nachziehen, und der «Stern»-Titel war ja gerade. Aber wenn es wirklich in die breite Masse absinkt, wenn das Volk anfängt, sich sinnlos zu vermehren, weil sie Angst haben, von wegen die Rente, dann wird es spannend.
8 Erreicht die Debatte das Volk überhaupt? Ich weiß zum Beispiel nicht, ob diese Volksausgabe von Schirrmachers «Minimum» in der «Bild»-Zeitung auch gelesen wurde.
Der «Bild»-Zeitungsleser hat ja im Idealfall drei erfrischend aufsässige Kinder, die nur noch einmal pro Jahr einen Urlaub auf den Seychellen möglich machen. Warum sollte jemand «Minimum» lesen, wenn er das Maximum schon geleistet hat? Das Volk weiß also noch gar nicht, dass es das Thema gibt. Aber im Talkshow-Inzestbusiness ist es riesig. Versteht man ja auch, ist nicht ganz einfach im Moment, ein wenig Streik, gut, aber politisch ist absolut Windstille, der Irak kriegt so vor sich hin...
9 Ich war eben noch in der Straße da vorne, wo das «Medien Kebabhaus» ist. Der «Kampf der Kulturen». Schwieriges Thema für Sie?
Aber in dieser Straße gibt es keinen Kampf der Kulturen.
10 Stimmt, da gibt es nur noch türkische Läden.
Das ist eine grundsolide Ecke, da gab es einmal ein Nagelbombenattentat, den Täter haben sie nie gefunden. Aber sonst ist das ein türkischer Stadtteil, der sich selbst reguliert. Das ist wunderbar für mich. Da kann man das Geld offen im Wagen liegen lassen, es wird einem nicht geklaut.
11 Wie in New York. Mit seinen neighborhoods.
Das ist genau das Beispiel. Natürlich wird das auch bei uns kommen. Leute, die da ein bisschen informiert sind, bestreiten das ja auch gar nicht. Multikulturell ist eine Grünenerfindung.
12 Aber die Konsequenzen sind vielleicht noch nicht überall bekannt.
Doch, liest man schon.
13 Dass es, nur mal so gefragt, vielleicht nicht mehr für jeden vonnöten ist, gut deutsch zu können?
Finde ich auch nicht. Was ich sowieso nicht verstehen kann, ist dieses Gejammer: «Wir Deutschen sterben aus.» Wo ist da das Problem? Zumal ja schon geklärt ist, wer nachrückt - der Afrikaner.
Ich bin ja auch mit den Kabarett unterwegs und das ist ein Riesenthema: Wo bleiben eigentlich die Migranten aus Afrika, die man uns versprochen hat? Stichwort: Zaun in Marokko. Um die Weihnachtszeit hatte man ja noch das Gefühl, wer in Zukunft nicht schwarz ist, kommt gar nicht mehr in den Supermarkt.
Mit Harald Schmidt spricht Michael Angele. Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Interviews.