Moritz von Uslar: 

netzeitung.de«Mich erschreckt die Weite des Internets»

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Moritz von Uslar 

Lupe «Mich erschreckt die Weite des Internets»

strong { display: block; margin: 0; padding: 0; font: bold italic 15px/20px "times new roman", times, serif; } Moritz von Uslar ist der legendäre Erfinder der «100 Fragen». Die Netzeitung sprach mit ihm über seine Beziehung zum Internet, Pop-Journalismus ...


Die Netzeitung hat ein neues Format. Im Stile der berühmten 100-Fragen-Interviews von Moritz von Uslar werden wir an dieser Stelle künftig längere Unterhaltungen mit einer interessanten Persönlichkeit präsentieren. Sie finden jeweils an drei aufeinander folgenden Tagen statt.

Moritz von Uslar ist damit einverstanden, dass seine ursprüngliche Idee nun im Internet weiterverfolgt wird. Das freut uns. Wir beschränken uns allerdings auf 39 Fragen und sind gespannt auf die Überraschungen, die die neue Form bestimmt hervorbringen wird. Natürlich kam für den ersten Teil unserer neuen Serie nur ein Gesprächspartner in Frage: Moritz von Uslar.


Wir sitzen vor dem Café Bravo im Innenhof der Berliner Kunst-Werke. In der Nähe schreibt Moritz von Uslar. Sein erster Roman sei bald fertig, erzählt der 35-Jährige. Er ist höflich, aufmerksam, unkompliziert, entspannt. Ganz anders, als befürchtet.


1 Duzen oder Siezen?
Als Leser hat man es einfach gerne, wenn im Interview gesiezt wird. Ich schlage vor, dass wir uns für das Interview siezen. Auch wenn wir uns eben noch geduzt haben...

2 Warum haben Sie damals eigentlich mit den 100 Fragen-Interviews aufgehört?
Weil ich meinen so genannten ersten Roman schreiben wollte. Weil ich einen sauberen Cut mit dem «SZ»-Magazin wollte, mit der Option wieder einzusteigen.

(Im Vorgespräch war seine Antwort ehrlicher gewesen. Fluch der Vorgespräche. Stopp! Gedankeneinschübe in Interviews sind seine Erfindung. Kopieren verboten.)

3 Die «100 Fragen» sind ein gutes Internetformat. Nie daran gedacht, sie online zu veröffentlichen?
Nein. Weil ich zu wenig Erfahrungen mit dem Internet habe. Bin immer noch Anfänger. Ich habe immer noch keinen eigenen Anschluss im Büro, gehe im Moment noch durch die Luft, da vorne ist die Station.

4 Waren Sie nicht an dem Projekt Am Pool beteiligt? (Am Pool war eine Art frühes Weblog von Literaten.)
Stimmt. Aber nur sporadisch. Zu jener Zeit war Rainald Goetz mit seinem Internettagebuch draußen. Er war der Pionier. Mich erschreckt die Beliebigkeit und Weite des Internets. Man müsste Strenge und Konstanz entgegensetzen.

5 ( Kellnerin) Darf es noch was sein?
Ein Stück Kuchen Deiner Wahl.

6 (Kellnerin) Ich kenne die nicht. Außer Mokka-Brombeere. Soll es der sein?
Sehr gut. Und ein «Espressoleinchen»

7 Wir sitzen hier im Hof der Kunst-Werke. Für das Magazin Monopol schreiben Sie nun eine Kolumne «Kunstpause». Sind Sie Kunstkenner?

Nein. Weiß wenig von der Kunst. Die Idee der «Kunstpause» ist es allerdings auch, dass man die Inhalte «absaufen» lässt. Im Sinne von: interessant, aber jetzt sind wir gerade am Joggen.

8 So wie neulich mit Tobias Rehberger. Sie schreiben in Ihrem Bericht: «Da wo wir umdrehten, liegt der Main so breit und grün und friedlich wie der Genfer See.» Wie kam es?
Ein geisteskranker Vergleich. Aber ich war oft am Genfer See, ein Patenonkel hatte dort ein Haus am Wasser. Entschuldigung, eine Sache noch, ich muss um 14 Uhr 15 weg. Schaffen wir das?

– Ja.
– Cool.

9 Als was bezeichnen Sie sich?

Als Journalist. Das besagt ja nichts, jeder darf sich so nennen. Andererseits war das Wort in meiner Kindheit mit einer großen Aura behaftet. Dahin möchte ich zurück.

10 Müsste man sich nicht sogar Pop-Journalist nennen?
Doch, finde ich auch. Jedenfalls zu der Zeit, als alle Leute darauf gespuckt haben.

11 Neulich auf das Wort «Hipster» gestoßen. Klingt ja extrem altmodisch. Geht es Ihnen auch so?
Klar. Lange her, dass Norman Mailer den White Negro geschrieben hat, den Essay, der den Ursprung des Hipsters erklärt.

12 Hat Subversion auch so einen veralteten Klang?
Ist für mich eher ein fremder Begriff. So aus der Diederichsen-Ecke. Ein Universitätsbegriff.

13 Coolness
Von uns Deutschen nie begriffen worden. So schwer ausfüllbar. Aber natürlich ein wunderschönes Wort.

14 Haben Sie manchmal Angst davor, etwas zu verpassen?
Schon. Aber noch mehr Angst habe ich davor, dass sich die Angst legen könnte. Ich komme nun langsam in ein Alter, wo man meint, die Dinge alle schon erlebt zu haben.

15 Sind Sie auch noch mit Platten groß geworden?
Ja. Und das letzte Mal, das ich wirklich abgehoben bin mit Musik war 1993 bei den Beastie Boys.

16 DVD oder Kino?
Ganz klassisch Kino.

17 Angst vor dem Kinosterben?
Ist mir völlig wurst. Ich finde, es stirbt eh zu wenig weg. Weg mit den alten Stinkekinos!

18 Wissen sie was die «39 Stufen» im gleichnamigen Film von Hitchcock bedeuten?
Nein.

19 Eine Geheimorganisation. Ich wusste lange nicht, was «camouflage» bedeutet (Tarnung). Fallen Ihnen auch Wörter ein, die in aller Munde sind, von Ihnen aber nicht klar verstanden werden?
Sicherlich. Lassen Sie mich überlegen. Ich spreche weniger gut Englisch, als man meinen könnte. «I heard it trough the grapevine». Ich dachte lange, das sei reine Poesie, nun weiß ich, es heißt, «habe ich so um die Ecke gehört». Kann man nun mal fallen lassen.

20 Wurden die «100 Fragen» vorab schriftlich fixiert?
Ja. Ich habe lange an der Fragenfindung gearbeitet.

21 Wurden die Interviews redigiert?
Ja. Und auch zunehmend stark. Heidi Klum zum Beispiel hat aus einem sympathischen O-Ton so ein DDR-Deutsch gemacht.

22 War das nicht ihre Agentin?
Nein. In dem Fall war sie es wohl selbst. In Telefonschlachten habe ich dann einzelne Sachen mühsam zurückerkämpft.

23 Gab es auch Leute, die gesagt haben: «mir doch egal, was du damit machst»?
Es gab Leute, die gesagt haben «Ich vertraue Dir». Aber alle wollten es gegenlesen. Wie gesagt (im Vorgespräch), bis auf Willy Nelson, der nur meinte: «I don't care», Hillary Clinton, die stenografieren und mit aufnehmen ließ, und der Dritte fällt mir auch noch ein... Omar Sharif, ja.

24 Ist redigieren gut oder schlecht?
Doch eher gut, weil es die Wahrheit konzentriert. Das ist etwas schwer zu verstehen, man glaubt ja, dass die Wahrheit im gesprochenen Wort liegt. Das stimmt nicht, sie liegt in dem, was herausdarf.

25 Also verschiebt sich der Akzent auf die Frage?
Richtig. Die Idee meiner Interviews ist es, dass ein reines Ja oder Nein eine gelungene Antwort bilden kann. Das gelingt nicht immer, aber das ist die Intention.

26 Wurde es mit steigender Bekanntheit als Frager schwierig, die Interviews zu führen?
Schon, es hieß dann plötzlich, gerne ein Interview, aber keine 100 Fragen. Oder auch umgekehrt, es müssen 100 Fragen sein. Oder Leute, die gezielt um ein «100 Fragen»-Interview beworben haben. Oder Arnold Schwarzenegger, der plötzlich gemerkt hat, Hoppla, der macht bestimmt sein 100 Fragen-Ding. Ich habe versucht, es durch eine kleine Charme-Offensive zu lösen... ging nicht. Schade, ich konnte das Monster nicht überlisten.

27 Die «100 Fragen» wurde ja aus der Not geboren. Die unsäglichen Rituale bei den üblichen Promi-Interviews sollten durchbrochen werden, oder?
Klar. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn die Menschen versuchen, der Form zu entsprechen. Wenn sie besonders witzig sein wollen. Grauenvoll, kann man wegschmeißen.

28 Ist Mitte auch grauenvoll?
Als ich nach Berlin zurückgekehrt bin, habe ich ein Gesetz unterschrieben, dass ich nicht über Berlin nachdenke...

29 Gehören Sie zu denen, die auch schon mal überlegt haben, nach Kreuzberg umzuziehen? Oder in den Alten Westen, wo Sie ja aufgewachsen sind?
Na ja bei diesem neunmalklugen Bezirksvergleich mache ich nicht mit. Ich bin lieber im aktuellen Scheiß-Viertel, als in einem Viertel, das 1978 mal hip war.

30 Berlin oder München?
Berlin

31 SPD oder CDU?
SPD

32 FAZ oder SZ?
SZ

33 Was macht der Reiz dieser Entweder-Oder-Fragen aus?
Der Ausschluss von Tiefsinn. Die Armut der Antwort. Ich kann sehr gut verstehen, dass Sie fragen «FAZ oder SZ?» und gleichzeitig noch auf einen klärenden Satz warten. Der sollte aber nicht kommen.

34 Ein anderer Reiz ist natürlich die Schlagfertigkeit, die herausgefordert wird. Zuviel davon ist allerdings ätzend, oder?
Es mag aus meinem Mund vielleicht erstaunen, aber ich gehe davon aus, dass Charme, Witz etc. auch deprimierende Dinge sind. Ich fragte mich: Wie kann man das deutlich machen. Man muss halt immer wieder die Fragen entsprechend herunterfahren, auf die Gesprächssituation reflektieren.

35 Siehe Gedankeneinschübe im Interview-Text...
Harald Schmidt zum Beispiel durfte ich nicht zur Originalität aufzupuschen. Ich musste ganz low in das Gespräch reingehen. Alles klar, Herr Schmidt? und dann: gut gegessen, Herr Schmidt? Bis dann irgend einmal ein echtes Gefühl, eine echte Regung kommt. Es klingt kitschig, aber es geht mir tatsächlich um Wahrheit. Sie ist geiler als die Pointe, geiler als Originalität. Der kultivierte Stopper zwischen Wahrheit und Gerede ist der Charme, das wird mir gerade klar, während wir darüber reden.

36 Was lesen sie gerade?
Lolita von Nabokov, endlich. «Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten» von Joachim Kaiser, Und ein Buch über Vögel, brauche ich für den Roman. Habe aber ein Schmus gekauft.

37 Natur...
Fragezeichen?

38 Ist mir gerade eingefallen. Weiß nicht, ob das eine Frage ist.
Das Wort ist ja «in», mehr fällt mir auch nicht ein. Löst aber eher angenehme Empfindungen aus.

39 Sind Ihnen jemals die Fragen ausgegangen?
Nein.

Mit Moritz von Uslar sprach Michael Angele