Mariusz Szczygiel: 

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Mariusz Szczygiel 

Lupe Eine gute Reportage funktioniert wie ein Roman

Auf dem immer härter umworbenen polnischen Zeitungsmarkt behauptet sich die «Gazeta Wyborcza» mit ausführlichen literarischen Reportagen. Ein Gespräch mit dem Reporter Mariusz Szczygiel.

Wo es immer mehr um schnelle und kurze Informationen geht, ist der Beruf des Reporters vom Aussterben bedroht. Eine Ausnahme bildet Polen. Hier haben literarische Reportagen in der Tradition eines Ryszard Kapuscinski eine ganz besondere Tradition. Diese wird insbesondere in der Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» gepflegt, in deren Redaktion sich nicht weniger als dreißig fest angestellte Mitarbeiter ausschließlich diesem Format widmen.

Dokumentiert wird das nun in der von Martin Pollack herausgegebenen Textsammlung «Von Minsk nach Manhattan». Die Netzeitung sprach über das Phänomen mit Mariusz Szczygiel, dem Leiter der Reportageabteilung bei der «Gazeta Wyborcza».

Netzeitung: Herr Szczygiel, kommen Sie als Leiter der Reportageabteilung der «Gazeta Wyborcza» selbst noch zum Schreiben?

Szczygiel: Leider immer seltener, dafür kann ich mich auf Themen konzentrieren, die mich interessieren, vor allem auf die Tschechische Republik und ihre Geschichte. Überhaupt ist es bei der «Gazeta» üblich, dass die Journalisten eigene Themenvorschläge machen, und da wir die größte Reportageabteilung aller polnischen Zeitungen haben, ist die Themenvielfalt entsprechend groß. Am Tag bekommen wir zirka zehn fertige Texte angeboten. Beim Lesen einiger dieser Texte wird einem langweilig – die lehnen wir dann auch ab.

Netzeitung: Arbeiten Sie mit freien oder festangestellten Reportern?

Szczygiel: Meine Abteilung ist ein purer Luxus, sie besteht aus 30 festangestellten Mitarbeitern. Jeder kann auch mal einige Wochen oder sogar Monate aussetzen und kriegt weiterhin sein festes Gehalt. Wer bei uns landet, hat sich seine Sporen schon verdient, er muss auch nicht mehr bei den anderen Ressorts aushelfen.

Netzeitung: Wie kommt es zu der besonderen Rolle, die die Reportage bei der «Gazeta» spielt?

Szczygiel: Ich denke, dass diese außergewöhnliche Sonderstellung, die die Reporter bei uns innehaben, ein Verdienst von Ryszard Kapuscinski und Hanna Krall ist, die noch in der Zeit des Kommunismus die Tradition der literarischen Reportage begründet und als eine äußerst beliebte Gattung etabliert haben.

Dieser Tradition fühlten sich Adam Michnik und sein Redaktionsteam verpflichtet, als sie 1989 die «Gazeta Wyborcza» (Wahlzeitung) gründeten, um der Bewegung der Solidarnosc bei den ersten freien Wahlen zum Sieg zu verhelfen. Hanna Krall wurde die erste Chefin des Reportageteams, und bis heute werden die Bücher Kapuscinskis zuerst als Vorabdruck in der «Gazeta» veröffentlicht.

Netzeitung: Wie viele Reportagen erscheinen wöchentlich in der «Gazeta»?

Szczygiel: Immer montags erscheint die Beilage «Großes Format», die ausschließlich Interviews und fünf bis sechs Reportagen enthält. Hinzu kommen zwei am Samstag, zwei in der Frauenbeilage und zwei werktags, es erscheinen also zirka zehn bis zwölf Reportagen pro Woche. Die Texte haben im Schnitt eine Länge von 20 Standardseiten (eine Standardseite hat 1800 Anschläge), können aber auch schon mal um einiges länger sein.

Zum Vergleich: In Tschechien, wo ich mich ein bisschen auskenne, haben Reportagen im Schnitt einen Umfang von sieben Seiten. Als mein Text «Reality», für die «Gazeta» ein durchschnittlicher Beitrag, in der österreichischen «Presse» erschien, sagte man mir anschließend, dass es sich um den längsten jemals dort erschienenen Beitrag handelte.

Netzeitung: Was waren die Highlights der letzten Beilage?

Szczygiel: Der Aufmacher handelt von nordkoreanischen Arbeitern, die in einem Landwirtschaftsbetrieb der polnischen Provinz angestellt sind und dort wie Sklaven gehalten und gleichzeitig als Spione benutzt werden. Der Großgrundbesitzer ist ein persönlicher Freund von Nordkoreas Diktator Kim Jong Il. Dann gibt es den Bericht eines Reporters aus Weißrussland, der fünf Tage und Nächte mit den Studenten auf dem Oktoberplatz in Minsk verbracht hat.

Netzeitung: Wie wird man bei Ihnen Reporter?

Szczygiel: 1989 gab es außer Hanna Krall und Ryszard Kapuscinski keine ausgebildeten Reporter, wir haben alles von ihnen gelernt. Ich zum Beispiel kam 1989 zur «Gazeta» und habe mich von Anfang an mit Reportagen beschäftigt und vorher nicht in der Nachrichtenredaktion gearbeitet, wie es der normale Weg ist. Es gibt mittlerweile auch Journalismus-Schulen in Polen, doch von denen kommt kein Nachwuchs zu uns. Die Texte jüngerer Menschen sind oft nicht tief genug.

Es müssen zwei Dinge zusammenkommen, damit man Reporter wird. Zum einen muss man Talent, zum anderen muss man schon ein Stück Leben hinter sich haben. Jacek Hugo-Bader («Die Revolution sollte doch eine Freude sein») etwa, der uns viele Berichte aus Russland liefert, war früher Lehrer und Arbeiter, bevor er mit dem Schreiben begann. Irena Morawska («Ein Schmetterling in Manhattan») war früher Sportlehrerin, Pawel Smolenski («Beisetzung eines Mordbrenners») hat zur Zeit des Kriegsrechts in einer Untergrundpresse gearbeitet.

Man kann die Art des Schreibens, die wir bei uns pflegen, nicht in synthetischer Weise an einer Schule lehren. In meinen Seminaren an der Warschauer Universität sage ich den Studenten immer, dass ich ihnen die Reportage nicht beibringen kann, sondern ihnen nur zeigen kann, was sie ist.

Netzeitung: Was macht eine gute Reportage aus?

Szczygiel: Eine gute Reportage muss überraschen und darf nicht vorhersehbar sein. Sie muss viele Details aufweisen, die es dem Leser einerseits erlauben, dem Hauptprotagonisten sehr nah zu kommen, sie sollen andererseits aber auch metaphorisch verstanden werden können. Als herausragendes Beispiel für den Gebrauch von Details lese ich meinen Studenten jedes Jahr eine Passage aus einer der Reportagen aus «Imperium. Sowjetische Streifzüge» von Ryszard Kapuscinski vor.

Er beschreibt dort eine Szene an der Grenze zwischen Russland und China, wo die Zollbeamten mit äußerster Akribie Millionen von Grießsamen befühlen, bis sie schließlich ein ungewöhnliches Korn finden, das ihnen suspekt ist. Ohne es offen auszusprechen, macht Kapuscinski durch diese sehr detaillierte Szene klar, dass es sich um einen totalitären Staat handelt, der die absolute Kontrolle über alle Lebensaspekte behauptet. Ein weiteres Merkmal einer guten Reportage ist, dass sie manchmal auch schmerzlich, nachwirkt, wie ein guter Film oder Roman. Doch solche Texte gibt es nicht so häufig.

Netzeitung: Auf ausführliche Reportagen wird bei immer mehr Tageszeitungen verzichtet, weil sie nicht aktuell genug seien, zu teuer und zu Platz raubend. Was entgegen Sie solchen Vorbehalten?

Szczygiel: Reportagen müssen nicht mit Nachrichten konkurrieren, sie können von ganz anderen Dingen erzählen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel illustrieren. (Er entfaltet auf dem Tisch die Kopie einer alten Zeitung, in der ein Inserat markiert ist.) Diesen Ausschnitt aus der Ausgabe einer polnischen Lokalzeitung von 1946 hat mir jemand zugeschickt.

Hier findet sich folgendes Inserat: «Ein schönes, siebenjähriges Mädchen ist als Besitz abzugeben.» Die Geschichte dieses Mädchens, wenn man sie denn erzählen möchte, muss in keiner Weise mit dem aktuellen Weltgeschehen konkurrieren. Sie ist für sich genommen interessant genug, da sie alle möglichen Fragen aufwirft, wie ein gelungener Romananfang.

Netzeitung: Wie findet man als Reporter seine Geschichten? Wie sind Sie zum Beispiel an die junge Frau gekommen, von deren Mutter Janina Turek Ihre Reportage «Reality» erzählt? (Janina Turek führte von 1943 bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 akribisch Buch über alle Aspekte ihres Alltagslebens. In insgesamt 728 Heften, die ihre Tochter nach ihrem Tod fand, notierte sie Mahlzeiten, Aktivitäten, Begegnungen, so dass sich ein Großteil ihres Lebens in genauen Zahlen ausdrücken lässt. Sie hat in ihrem Leben 70042 Fernsehsendungen gesehen.)

Szczygiel: Ich habe früher in einer TV-Talkshow gearbeitet, und dort haben mich viele Menschen angerufen, um ihre Geschichten zu erzählen. Die Tochter von Janina Turek wollte unbedingt in der Show auftreten und über die Hefte der Mutter erzählen. Ich habe gesehen, dass die Geschichte für mehr reicht als für fünf Minuten vor der Kamera. Ich habe der Tochter vorgeschlagen, mich näher mit der Sache zu befassen, und habe dann sämtliche 728 Hefte der Mutter durchgelesen. Nur so ließ sich die wirkliche Geschichte dieser Frau erfahren.

Letzte Woche, fünf Jahre nach Entstehung des Textes, habe ich mich mit der Tochter noch einmal getroffen und ihr gesagt, dass meine Reportage über ihre Mutter in Frankreich, Deutschland und Österreich erschienen ist. Sie sagte, dass sie dann ja endlich mit der Geschichte im Fernsehen auftreten könnte. Dieser Auftritt vor einer Kamera ist ihr großer Traum, weil sie nicht an die Kraft des geschriebenen Wortes glaubt. Darin ist sie den meisten Menschen unserer Gesellschaft ähnlich.

Netzeitung: Wie finden Sie eine Form für Ihre Reportagen, wie bauen Sie sie auf?

Szczygiel: Das ist schwer zu erklären. Am Anfang stehen bei mir immer der erste und der letzte Satz des Textes, die muss ich zuerst finden. Dann suche ich nach einer Dramaturgie, die mich vom ersten zum letzten Satz führt, die sie miteinander verbindet. Dieser Prozess kann manchmal sehr lange dauern, für meine letzte Reportage über einen tschechischen Förster, der im Kommunismus ein Doppelleben geführt hat, habe ich einen Monat in Prag recherchiert. Für das Schreiben hatte ich einen weiteren Monat eingeplant, aber es sind dann vier daraus geworden.

Netzeitung: Gehört es zu den Merkmalen einer guten Reportage, dass sie das Geheimnis der porträtierten Menschen wahrt?

Szczygiel: Nicht notwendigerweise, aber es gibt viele herausragende Reportagen, die mit Fragen anfangen und auch mit ihnen aufhören. Der Reporter ist Zuhörer, Beichtvater, Therapeut, aber manchmal eben auch Polizist. Bei einigen Gelegenheiten muss er sein Schweigegeheimnis wahren, ein andermal muss er die harten Fakten ans Tageslicht befördern.

Netzeitung: Hat sich die polnische Reportage seit den Anfängen der «Gazeta Wyborcza» verändert?

Szczygiel: Man kann schon von einer neuen Generation von Reportern sprechen. Unsere Vorgänger und Lehrer, vor allem Ryszard Kapuscinski und Hanna Krall, mussten literarische Kniffe und Metaphern anwenden, um die Zensur der kommunistischen Regierung zu umgehen. Uns ist es erlaubt, alles zu schreiben.

Auch die Reporter meines Alters benutzen noch literarische Methoden, weil wir es, zum Teil selbst noch unter der Zensur arbeitend, von Kapuscinski und Krall so gelernt haben. Doch die uns nachfolgende Generation schreibt viel direkter, knapper, nachrichtenmäßiger.

Netzeitung: Macht sich da die neue Konkurrenz durch das Springer-Boulevardblatt «Fakt» bemerkbar, das seit 2003 in Polen erscheint und die «Gazeta» als meistverkaufte Tageszeitung abgelöst hat?

Szczygiel: Auf die Reportageabteilung hat das keine Auswirkungen, da ich glaube, oder zumindest sehr hoffe, dass wir eine große und treue Leserschaft haben. Aber ich glaube, der Verrat von vielen Lesern, die zu «Fakt» übergegangen sind, die also von einer Intellektuellen- zu einer Boulevardzeitung gewechselt sind, hängt vor allem mit dem niedrigen Preis zusammen.

Letztlich zeugt das aber nur von einer Normalisierung des polnischen Pressemarktes und beweist, dass die polnischen Leser sich nicht von denen in anderen Nationen unterscheiden. Aber Menschen mit Kultur und literarischer Bildung werden auch weiterhin das lesen wollen, was wir ihnen anbieten.

Netzeitung: Ist Deutschland auch ein Thema für Reportagen in der «Gazeta»?

Szczygiel: Vor kurzem haben wir die erschütternde Geschichte eines damals 18-jährigen Wehrmachtssoldaten veröffentlicht, der aus seiner Perspektive über die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto erzählt hat. Dieser Text hat viele Reportage-Preise in Polen gewonnen. Was uns ein bisschen fehlt, sind Beiträge über das zeitgenössische Deutschland. In den 90er Jahren, kurz nach dem Mauerfall, gab es sehr viele Texte über Deutschland, aber momentan liegen die Brennpunkte des Weltgeschehens anderswo.

Der letzte zeitgenössische Beitrag aus Deutschland war eine Reportage über die «Bild-Zeitung», die beleuchtete, welche Mentalitätsunterschiede es in der deutschen und der polnischen Presselandschaft gibt. Unser Autor hat sich aber nicht wie seinerzeit Günter Wallraff bei «Bild» anstellen lassen. Der ist übrigens auch heute noch ein Beispiel für einen ausgezeichneten Reporter, den ich in meinen Vorlesungen immer lobend erwähne.

Netzeitung: Hat die Reportage im Internet eine Zukunft?

Szczygiel: Nur dann, wenn man sie mit ergänzenden Angeboten verknüpft, zum Beispiel Audio- und Videodateien. Es muss mehr Möglichkeiten zur Interaktion geben. In reiner Schriftform ist das schwierig. Die Reportagen der «Gazeta», die alle im Internet veröffentlicht werden, lesen sich sehr schlecht. Um noch einmal «Reality» als Beispiel zu nehmen: Da fangen viele Abschnitte mit dem gleichen Wort an, was gedruckt einen bestimmten typografischen Eindruck hinterlässt. Es ist schwierig, den im Internet wiederzugeben.

Mit Mariusz Szczygiel sprach Volker Hummel

Sämtliche mit Titeln genannten Reportagen sind in folgendem Band erschienen: Martin Pollack (Hrsg.): Von Minsk nach Manhattan. Polnische Reportagen, Zsolnay Verlag 2006, 270 Seiten, 21,50