Futbolistas:
Der letzte Pass geht ins Tor
«Das da vorn, was aussieht wie eine Klobürste, das ist Valderrama». Diese besonders unschöne Bemerkung des Fußballkommentators Béla Réthy kann wohl auf unabsehbare Zeit den ersten Platz auf der Rangliste rhetorischer Unsportlichkeiten für sich reklamieren. Der Satz war aber seinerzeit kein Ausrutscher, denn Carlos Valderrama, der die kolumbianische Nationalmannschaft 1998 zum dritten und letzten Mal bei einer Weltmeisterschaft anführte, war gerade deutschen Reportern bei diesem Turnier ein Dorn im Auge.
Béla Réthy verstand es auch, das sich häufende 'r' im Namen des Mittelfeldspielers so grausig zu rollen, dass es dem Zuschauer daheim kleine Schauer über den Rücken jagte. Hier, so schien es, nahm jemand zu Unrecht an einem Wettbewerb ansonsten adretter Sportsfreunde teil. Von einem 'Schattenfußballer' war die Rede, also von einem, der sich immer auf derjenigen Seite des Spielfeldes aufhält, wo ihn die Sonne nicht belästigt und bloß rumsteht, wo die andern arbeiten.
Nun ja, er spielte 1998 nicht mehr so auffällig wie in früheren Tagen, tatsächlich blieb er sogar ziemlich matt. Noch immer beherrschte er aber diesen Steilpass aus dem Fußgelenk, der wie von Zauberhand gezogen eine ganze Abwehr überwinden und vor dem Tor einen Raum öffnen konnte, in den die schnellen Stürmer Asprilla oder Valencia schon unterwegs waren, um den Ball an einem hilflos herausstürzenden Keeper vorbei ins Tor zu schieben.
Immerhin kann er die Ursprünge der Faszinationsgeschichte für lateinamerikanischen Fußball freilegen. Sie lassen sich zum einen auf die Olympischen Spiele des Jahres 1924 in Paris datieren, wo eine Mannschaft aus Uruguay (sprich: «die Ugus») den Rest der Welt an die Wand spielte. Zum anderen auf die WM von 1958 in Schweden, bei der Brasilien ähnlich überlegen auftrat. Beide Ereignisse setzen aber simpel gestrickte Völkerpsychologie außer Kraft.
Für den Erfolg waren nämlich jeweils nüchternere Gründe ausschlaggebend, als südliches Temperament oder die vermeintlich ungehemmte Spielfreude der Latinos. Uruguay hatte die Konkurrenz durch eine Kombination von überlegener Technik und einem geordneten Spielaufbau geschockt, Brasilien wurde durch die Einführung der Raumdeckung Weltmeister.
Klagte doch eine anarchistische Tageszeitung aus Argentinien bereits 1917 darüber, dass sich die Arbeiter des Landes keine Zeit mehr zur politischen Aktion nähmen, wohl aber zum Tangotanzen und zum Besuch des Fußballstadions. «Messe und Ball: die schlimmste Droge für die Völker» schrieb damals «La Protesta».
Was «Futbolistas» aber angenehm von vielen anderen Neuerscheinungen abhebt, ist die Nähe, die die versammelten Texte zu ihren Gegenständen haben. Es geht um Mädchenfußball in Honduras, lateinamerikanischen Fußballfilm, Zapatismus, Korruption im Spielerexport und darum, wie der DFB die Menschenrechte bei der WM von '78 mit Füßen trat. Zudem werden die wichtigsten Spieler Lateinamerikas portraitiert: Pelé, Maradona, Garrincha, Alfredo di Stefano, Hugo Sánchez und eben Carlos Valderrama, den man in seiner Heimat von jeher nur «El Pibe», kleiner Junge, ruft.
Menottis häufig umstrittene Entscheidungen (etwa die Nichtberücksichtigung Diego Maradonas bei gleichzeitigem Festhalten an dem erfahrenen Stürmer Mario Kempes im Jahr 1978) führten zum Erfolg, was der Autor Jan Dunkhorst auf die ganz spezielle Spielphilosophie des Trainers zurückführt.
Zur Galionsfigur vieler Fußballintellektueller wurde Menotti durch sein Plädoyer für einen «linken Fußball», bei dem es, wie er sagte, um nicht weniger ginge, als «das Leben zu verändern.» «Beim Fußball der Linken», sagte er, «spielen wir nicht einzig und allein, um zu gewinnen, sondern um besser zu werden, um Freude zu empfinden, um ein Fest zu erleben, um als Menschen zu wachsen.»
Wiewohl sich der Trainer als politisch renitent inszenierte und dem Chef der Militärjunta, Videla, nach gewonnener Weltmeisterschaft vor laufenden Fernsehkameras sogar den Handschlag verweigerte, fiel am Ende dennoch ein Schatten des Zweifels auf die Integrität des Trainers. Schließlich war die Mannschaft von Peru in der Zwischenrunde bestochen und der argentinischen Mannschaft so der Weg ins Finale erst ermöglicht worden. Und der Trainer musste sich vorwerfen lassen, dem Militärregime den Titel zum Geschenk gemacht zu haben.
Der lateinamerikanische Fußball ist noch nicht ins Zeitalter der «Flaneurisierung» eingetreten. Er ist ein Sport der Massen und erreicht insbesondere die Menschen am unteren Ende der sozialen Skala. Also jene, die sich zum Fußball bekennen, ohne dabei mit dem Auge zu zwinkern ohne Ironie und die permanente Vergewisserung, dass es Wichtigeres gibt im Leben.
Dario Azzellini, Stefan Thimmel: Futbolistas. Fußball und Lateinamerika. Hoffnungen, Helden, Politik und Kommerz, Assoziation A 2006, 256 Seiten, 18 Euro

