Türkisch für Anfänger:
Hohe Gagdichte in deutsch-türkischer Familie
16.03.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Im Berliner Bezirk Kreuzberg, führt ein versonnener junger Mann namens Götz einen Schallplatten-Laden. Götz wird als «der letzte Deutsche in der Straße» vorgestellt. Zunächst wird ihm die Schaufensterscheibe eingeschmissen, später muss er noch einiges mehr einstecken. In derselben Gegend kommt die 16-jährige Lena nach dem Umzug ihrer Mutter auf eine neue Schule. «Die meisten gehen ins Solarium, um nicht so aufzufallen», erfährt sie gleich.
Die beiden Zitate stammen aus zwei neuen Fernseh-Produktionen. Steigern sie die Kulturkampf-Atmosphäre, die vom Karikaturenstreit, dem türkischen Kinoerfolg «Im Tal der Wölfe» und den Feuilletons angefeuert wird?
Erfreulicherweise nicht. Die ARD-Serie «Türkisch für Anfänger», die am Dienstag angelaufen ist, und der für Pro Sieben produzierte Fernsehfilm «Meine verrückte türkische Hochzeit», der Ende März gezeigt wird, liefern Gegenentwürfe für ein Zusammenleben der Kulturen, die wie im Unterhaltungsfernsehen gewohnt freundlich-optimistisch sind und dennoch aus dem Einerlei hervorstechen.
Zwei bislang Alleinerziehende, die deutsche Mutter Lenas und der Türke Metin, ziehen mit ihren jeweils zwei Kindern zusammen. Die Zahl der Mitglieder der multikulturellen Patchwork-Großfamilie übersteigt die Zahl der Zimmer im Haus. Und weil jede Figur als Träger gängiger Klischees funktioniert, ergibt sich eine Fülle von Verwicklungs-Möglichkeiten.
Das Mädchen Lena führt als Stellvertreterin «westliche» Zuschauer in die Vielfalt der Konflikte ein, die von Schweinefleisch in Fastfood über die Kopftuch-Frage bis zu Fragen des ersten Alkohols und der ersten Liebe reicht. Schlagworte wie «Regeln» und «Respekt», die in intellektuellen Debatten und aggressiven Straßen-Streits häufig auftauchen, werden bei hoher Gagdichte mit Leben gefüllt. Auch vor religiösen Sphären macht das Prinzip nicht Halt: In Folge II sorgt Lena für einen Eklat in einer islamischen Gebetsschule. Weil alle im Ensemble austeilen und einstecken, finden aber auch Zuschauer nichtdeutscher Herkunft Stellvertreter.
Tatsächlich hängt die bislang geringe Präsenz der Deutschtürken im deutschen Fernsehen mit eben dieser «Währung» der Fernsehwerbung zusammen. Grundlage sind dabei die Daten der Gesellschaft für Konsumforschung. Die GfK berechnet Einschaltquoten und Marktanteile anhand von rund 5700 laut eigener Angaben für das ganze Land repräsentativen Haushalten. Diese wiederum ermittelt die GfK aber aus den Wahlregistern, in denen deutsche Staatsbürger und EU-Ausländer erfasst sind Türken ohne deutsche Staatsbürgerschaft also nicht.
Als Zielgruppe der kommerziell orientierten Sender spielen in Deutschland lebende Türken ohne deutschen Pass folglich keine Rolle. Die desintegrativen Folgen, die der Konsum türkischsprachiger Fernsehprogramme in deutsch-türkischen Haushalten hat, erreichten währenddessen über Umwege wie den «Schulhofstreit» in Berlin-Wedding die Feuilletons.
Im Genre des pubertären Humors wiederum zählen Filme wie «Das beste Stück», die um Geschlechtsorgane kreisen, ohne sie zu zeigen, zu den großen Pro Sieben-Erfolgen. Also gilt hier ein etwas zotiger Subplot dem Thema Beschneidung. Auch einer solchen möchte sich «der letzte Deutsche in der Straße», Götz (Florian David Fitz), unterziehen. Zum Islam konvertieren will er seiner türkischen Braut zuliebe ohnehin. Zum Erfolg kommt der junge Mann aber erst, als er sich nicht mehr so anpassungswillig zeigt.
Die Unterhaltungsindustrie des deutschen Fernsehens hat einen ungeheuren Output an Filmen, wöchentlichen und täglichen Serien. Wenn sie nun ohne pädagogischen Impetus, sondern mit kommerziellen Rezepten die vielen Milieus, die im Land längst existieren, künftig als Erzählstoff entdecken sollte, wäre fürs Fernsehen einiges gewonnen.

