Hamas gewinnt:
Hamas muss mehr als Tod «liefern»
Jetzt ist Arafat auch politisch tot. Nach seinem biologischen im November 2004 haben die Palästinenser am 25. Januar 2005 das «System Arafat» abgewählt. Es war korrupt bis über die Halskrause, beutete die ohnehin gebeutelten Palästinenser skrupellos aus, war ineffizient und brachte der eigenen Bevölkerung nicht mehr, sondern immer weniger Sicherheit.
Gewiss, Präsident Abbas war redlich bemüht, er wollte einen neuen Weg einschlagen: Doch, wie so oft, wollen genügt nicht, können muss man. Außerdem sägten in seiner eigenen zunehmend zerstrittenen Fatah so viele an seinem Stuhl, dass er sowohl innen- als auch außenpolitisch gelähmt war.
Hamas ist wieder der Traum schlafloser Nächte von Israelis, Amerikanern, Europäern. Hamas ist bisher eine Terrororganisation. Das ist die eine Seite. Es gab und gibt eine andere, innenpolitisch wirksame Wahl entscheidende: Hamas ist ein sozialpolitisches Netzwerk. Und das kommt überall an, nicht nur bei den Palästinensern.
Aus der Sicht der Palästinenser gab es, recht besehen, keinen überzeugenden Grund mehr, Fatah zu wählen. Außen- und sicherheitspolitische Fragen entscheiden jegliche Wahlen eher selten. Weshalb sollte es bei den Palästinensern anders als bei Deutschen und anderen sein?
Außen- und sicherheitspolitisch besteht das bisherige Hamas-Programm aus Mord = Terror, der unweigerlich zum kollektiven Selbstmord der Palästinenser führen muss. Wenn Hamas als Regierung Terror gegen Israel zu Programm plus Wirklichkeit macht, wird Israel reagieren. Den harten Schlägen der Palästinenser werden noch härtere der Israelis folgen.
Die Folge: Die ohnehin schon absterbende Wirtschaft «Palästinas» stürbe vollends und damit die Menschen. Sie stürben durch Israels Gegenschläge und durch den Tod ihrer Wirtschaft.
Wer kollektiven Selbstmord zum Regierungsprogramm erhebt, wird nicht wiedergewählt. Weil jedoch Hamas (wieder erst nach zehn Jahren wie bei Fatah?) eines Tages wiedergewählt werden will, muss die Bewegung mehr als Tod «liefern»: Das Überleben - physisch und wirtschaftlich. Und nicht nur das Überleben, sondern ein besseres Leben.
Das bedeutet: Hamas muss umprogrammieren. Das hatte sich schon während des abgelaufenen Wahlkampfes abgezeichnet, und es wurde gerade in Israel sehr genau registriert: In Hamas-Wahlveröffentlichungen war von der Beseitigung Israels oder der «Zionistischen Einheit» nicht mehr die Rede.
Wie so oft, bietet sich ein Vergleich der israelischen mit der palästinensischen Politik und Geschichte an: Als Begin 1977 zum Ministerpräsidenten Israels gewählt wurde, haben selbsternannte oder medial bestimmte Fachleute in Deutschland und Europa fast schon den «Weltuntergang» kommen sehen. Ähnlich war es nach der Wahl und Wiederwahl Scharons.
Diese Falken haben dann doch den Ist-Zustand verbessert. Nein «den» Frieden haben sie nicht erreicht, aber den Status quo verbessert.
Das könnte auch mit Hamas gelingen wenn man dort auf Mord und Selbstmord verzichtet. Die Qualität der Analyse und Politik wird von Reflexion bestimmt, nicht durch Reflexe. Zum Jubel besteht wahrlich kein Grund, aber noch ist Palästina nicht verloren.
Michael Wolffsohn, 1947 in Tel-Aviv (Israel) geboren, ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte.

