Attila Ambrus:
Betrunken zur Arbeit
23.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Wenn man noch nie eine Bankräuberbiografie gelesen hat, dann ist Julian Rubinsteins «Ballade vom Whiskeyräuber» eine wunderbare Einführung ins Thema. Hier erfährt man alles über das Leben und Wirken eines professionellen Verbrechers. Attila Ambrus war in Ungarn eine Zeit lang so berühmt wie Béla Bartók oder Imre Kertész.
Das Magazin «Magyar Hirlap» bezeichnete ihn einmal als «ausdauerndsten, umsichtigsten und meistgesuchten Bankräuber des Jahrhunderts» und übertrieb dabei nur wenig. 29 Bank-, Post- und Reisebüroüberfälle mit einer Gesamtbeute von 775.000 Euro können sich egal wie man zur Aneignung fremden Geldes steht sehen lassen.
Als Attila Ambrus am 12. Oktober 1988 nach einer nicht ungefährlichen Flucht aus dem rumänischen Siebenbürgen zum ersten Mal den Boden Budapests betritt, regiert in Ungarn noch die Kommunistische Partei. Noch, denn sie wird schneller abtreten als Ambrus in der Hauptstadt Fuß fassen und ungarischer Staatsbürger werden kann.
In Ungarn ist Ambrus ökonomische Situation von Beginn an noch prekärer. Er wird Platzwart beim nationalen Eishockeymeister UTE, wofür es aber kein Geld gibt. Als Entlohnung wird die freie Unterkunft in einem Kämmerchen des Vereinsgebäudes festgelegt. Mittlerweile ist der Sozialismus zusammengebrochen und das Land wird, wie Rubinstein schreibt, das «beliebteste Einfallstor für den größten und rücksichtslosesten Goldrausch der letzten Jahre.»
Das ist die Stunde des völlig abgebrannten UTE-Platzwartes, oder, in Rubinsteins Worten: «Jeder war sich selbst der nächste. Und mit diesem Motto hatte sich Attila Ambrus seit jeher identifiziert.» Nach einer kurzen Karriere als Pelzschmuggler zwischen Rumänien und Österreich merkt Ambrus, dass es in Budapest noch einfacher ist, an Geld zu kommen. Es liegt ja auf der Bank, beziehungsweise der Post, die viele Ungarn traditionell dem Bankwesen vorziehen. Und auch in Reisebüros ist was zu holen, da die Kundschaft dort häufig in bar bezahlt.
Der Bankräuber behandelt das überfallene Personal sehr höflich, verzichtet auf Gewalt und ist betrunken. Anders gesagt: Attila Ambrus kann den Raub zwar nahezu perfekt und nüchtern planen, doch wenn der Einsatz ansteht, flattern seine Nerven so sehr, dass er vorher zur Whiskeyflasche greift oder sich in einer dem Überfallort nahe gelegenen Bar einige Whiskeys gönnt.
Deswegen nennt ihn die Presse den «Whiskeyräuber». Es folgen 28 weitere Raubzüge, mal allein, mal mit wechselnden Komplizen, meistens erfolgreich, fast immer gewaltfrei und immer angeheitert. Mehr als sechs Jahre lang ermittelt die Polizei, und in dieser Zeit wächst sein Ruhm und seine Beliebtheit.
Ganz nebenbei steigt Ambrus im Eishockeyverein auf: vom Platzwart zum Ersatztorhüter und schließlich zum Keeper des Profiteams. Dazu konnte es nur kommen, weil die UTE-Mannschaft ihre guten Zeiten bereits hinter sich hat. Ambrus Einsatz macht es nicht besser: «Attilas 1995/96-Saison als Stammtorwart des UTE war die vermutlich schlechteste Performance eines Torhüters in der Geschichte des Eishockeys überhaupt.» Er kassiert 88 Gegentore in fünf Wochen.
Um nicht zu sagen: der Prozess wartet auf ihn und wird auch noch ein wenig warten müssen. Denn Ambrus bricht im Juli 1999 kurzerhand aus und löst damit, wie sein Biograf schreibt, «den Beginn der größten Verbrecherjagd in der Geschichte des postkommunistischen Europa» aus.
Noch drei Bankfilialen müssen dran glauben, bevor er am 27. Oktober erneut erwischt wird. Diesmal gibt es kein Entkommen, das Gerichtsurteil lautet «15 Jahre Haft», der Delinquent soll auf Anweisung der Richterin nicht in eine normale Haftanstalt kommen. Im Hochsicherheitsgefängnis von Sátoraljaújhely sitzt Attila Ambrus bis heute ein. Im Jahr 2016 soll er voraussichtlich entlassen werden, er wäre dann 49 Jahre alt.
Dass Rubinsteins Buch letztlich gelungen ist, liegt daran, dass er nicht nur Augen für das Leben und Handeln seines Protagonisten hat, sondern auch die Spielregeln der postkommunistischen Epoche in Ungarn kennt.
«Budapest war ein Schaukasten für Scheiße geworden», schreibt er über die turbokapitalistische Besitznahme einer Stadt Mitte der neunziger Jahre, das «einen Kriminellen zum ersten international bekannten Symbol der eigenen modernen Kultur» machte.
Julian Rubinstein: Die Ballade vom Whiskeyräuber. Rogner & Bernhard 2005, 480 S, 21 Euro

