Christen in Bethlehem:
Wir haben keinen Platz in ihrem Denken
Mukarker: Ich fand den Film schwach, weil er für Zuschauer, die keinen Hintergrund haben, zuwenig von den alltäglichen Problemen zeigt, den Checkpoints und überhaupt der Besatzung, unter der die Palästinenser leiden.
Er zeigt also nicht die Hintergründe, vor der diese Selbstmordanschläge stattfinden, was natürlich nicht heißen soll, dass ich diese Attentate in irgendeiner Weise rechtfertigen möchte.
Netzeitung: Was der Film aber sehr deutlich zeigt, ist die starke Verbreitung der Idee des Märtyrertums.
Mukarker: Es kommt sehr häufig vor, dass Extremisten junge Leute zu Attentaten überreden, es kommt aber durchaus auch vor, dass solche Anschläge aus eigener Initiative verübt werden. Aber auch, wenn Menschen dazu überredet werden: Damit die Ideologien der Extremen ankommen können, muss vorher eine Situation herrschen, die dafür eine Grundlage bildet.
Die Palästinenser leben so gerne wie alle anderen Menschen auch. Wenn Extremisten jungen Leuten weismachen können, dass das Leben nach dem Leben viel lebenswerter ist und nicht nur der eigene Tod, sondern auch der Tod von vielen anderen einen Wert darstellt, muss man sich fragen, warum das funktionieren kann.
Menschen ohne Zukunftsperspektive, Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, werden gefährlich. Daher ist es wichtig, dass vor allem die Jugend eine Zukunftsperspektive bekommt.
Netzeitung: Die Initiative Open Bethlehem versucht, auf die Situation der Stadt aufmerksam zu machen, und Künstler, aber auch Touristen aufzufordern, in die Stadt zu kommen. Was denken Sie als Einheimische darüber?
Mukarker: Pilgerreisen ins Heilige Land sind immer nur mit einer kleinen Stippvisite nach Bethlehem, genauer der Geburtskirche verbunden, die sich meist so abspielt: Die Pilger springen aus dem Bus, gehen in die Kirche hinein, kommen nach kurzer Zeit wieder heraus, steigen wieder in den Bus, und weg sind sie.
Die Stadt hat aber mehr zu bieten als die Geburtskirche, die natürlich wichtig ist aus religiöser Sicht. Die Reisen auf den Spuren Jesu, die in der Realität Reisen von Kirche zu Kirche sind, sind meiner Ansicht nach zu wenig: Vor allem vor dem Hintergrund der Ereignisse der letzten fünf Jahre sollten die Pilger auch mit den Menschen aus Bethlehem zusammentreffen.
Es ist sehr wichtig für die Menschen hier, dass nicht nur Künstler in die Stadt kommen, sondern auch normale Leute, die ein paar Tage in der Stadt bleiben.
Netzeitung: Eine Pilgerreise ins Heilige Land sollte also auch die Begegnung mit noch lebenden Menschen zum Ziel haben.
Mukarker: Ich mache selbst Führungen in der Geburtskirche und in der Stadt. Meine eigentliche Arbeit aber habe ich mir selbst erfunden: Ich habe damit begonnen, deutsche Pilger zu mir nach Hause einzuladen, für sie arabisches Essen zu kochen und über unser Leben zu erzählen. Da habe ich gemerkt, dass viele Europäer kein Bewusstsein davon haben, dass es überhaupt palästinensische Christen gibt.
Ich habe oft die Frage gehört, warum ich überhaupt Christin sei. Ich glaube herausgehört zu haben, dass bei solchen Fragen oft das Klischee mitschwang, dass Araber Muslime zu sein haben. Eine andere Frage, die häufig wiederkehrte, war, seit wann wir denn Christen seien?
In der Pfingstgeschichte ist auch die arabische Sprache vertreten, das war die Geburtsstunde der arabischen christlichen Kirche. Es gibt also eine gewisse Überheblichkeit unter Europäern, die glauben, das Christentum sei in Europa entstanden.
Netzeitung: Die Tatsache, dass es Christen an Orten wie Bethlehem gibt, ist heute wiederum nicht mehr selbstverständlich. was ist der Grund dafür, dass insbesondere viele palästinensische Christen das Land verlassen?
Mukarker: Die Mehrheit der palästinensischen Christen lebt heute im Ausland. In Bethlehem sind noch ein Sechstel der Christen übrig geblieben, die ursprünglich hier gelebt haben.
In den letzten fünf Jahren sind wieder einige hundert Familien ausgewandert, was dazu geführt hat, dass wir heute nicht nur eine kleine, sondern eine schwindende Minderheit sind, vermutlich weniger als zwei Prozent der Palästinenser. Wir haben außerdem meist weniger Kinder als die Muslime.
Die Gründe für die Auswanderung sind politischer und wirtschaftlicher Natur, vor allem die Intifada und die Unruhen motivieren viele zur Auswanderung. Sieben der neun Geschwister meines Manns leben im Ausland, in den USA, in Argentinien, in Peru, in Schweden. Lediglich eine Schwester kehrte wegen der Invasion Iraks in Kuwait von dort hierher zurück.
Die Geschwister im Ausland fragen uns oft, warum wir nicht auswandern. Für mich kommt das nicht in Frage, weil ich denke, dass es einen Sinn haben muss, dass ich als Christin in Bethlehem geboren wurde. Es wäre schade, wenn aus unseren Kirchen tote Museen würden. Eine Kirche ist nur durch ihre Gemeinde lebendig.
Ich glaube außerdem, dass die Christen, die hier leben, die heiligen Stätten bewachen. Als die Geburtskirche im April 2002 belagert war, haben wir gesehen, dass sich die Christen in der Welt leider nicht so um die Kirche gekümmert haben, wie wir gehofft hatten. Wir betrachten die Kirche nicht als unser Eigentum, sondern als Religionserbe für alle Christen dieser Welt.
Als zweihundert palästinensische Kämpfer und Zivilisten die Kirche besetzt haben, wurden sieben Menschen vom Israelischen Militär getötet, die Kirche hat auch gebrannt. In den Gemeinden im christlichen Abendland, wie ich es einmal nennen möchte, hat sich damals niemand für die Kirche eingesetzt.
Nichts gegen die buddhistische Religion, aber als die Taliban die Buddhastatuen zerstört haben, war der Aufschrei groß. Daher verstehen wir uns heute auch als Wächter der Kirche.
Wenn wir Christen selbst keinen Respekt vor unseren heiligen Stätten zeigen, können wir nicht erwarten, dass Angehörige anderer Religionen das tun. Das ist insbesondere in diesem Land sehr wichtig, weil man hier über seine Religion definiert wird. Wir können als Minderheit nicht lasch mit unserem Glauben umgehen, wir müssen ihn bewusst zum Ausdruck bringen, sonst werden wir nicht respektiert.
Man wird deswegen auch keinen palästinensischen Christen finden, der sich an einem Anschlag beteiligt, weil unsere Lehre dies ablehnt. Natürlich leisten wir auch Widerstand, aber auf eine Weise, die mit unseren religiösen Vorstellungen vereinbar ist.
Netzeitung: Die offizielle Religion in Palästina ist laut der Autonomiebehörde der Islam, die Religionsfreiheit ist nicht per Gesetz garantiert. Es gibt immer wieder Fälle der Diskriminierung von Christen, ich denke dabei zum Beispiel an den Fall einer christlichen Familie aus Bethlehem, die ein Haus im Stadtzentrum besaß, das seitens eines Gerichts zu Gunsten einer muslimischen Familie enteignet wurde.
Mukarker: Ich möchte Ihnen so antworten: Streit zwischen Nachbarn, etwa über Eigentum, gibt es überall. Wenn es einen Streit zwischen muslimischen Nachbarn gibt, wird es als Streit zwischen Nachbarn abgehakt, dasselbe gilt für einen Streit zwischen christlichen Nachbarn. Streiten sich aber Christen und Muslime, wird womöglich ein Religionskrieg daraus gemacht.
Dabei liegt in dieser Geschichte leider eine Normalität: Die Institution des Gerichts ist einfach schwach in Palästina. Das, was da passiert ist, passiert auch bei Streitigkeiten zwischen Muslimen. Es gibt hier im Moment keine Rechte für die Bürger, sondern es herrscht das Recht des Starken. Wenn man jemanden kennt, der jemand kennt, der im Gericht arbeitet, hat man das Recht auf seiner Seite.
Netzeitung: Unter diesen Bedingungen fällt es einer Mehrheit aber doch deutlich leichter, eine Minderheit zu diskriminieren?
Mukarker: Wir haben natürlich Extreme, aber ich kann ja nicht von wenigen Verrückten auf das Verhalten der Allgemeinheit schließen. Im allgemeinen leben wir gut mit unseren muslimischen Mitmenschen zusammen.
Wir sind keine ethnische Minderheit, wir haben die gleichen Traditionen. Oftmals erscheinen bestimmte Traditionen als muslimisch, die lediglich arabisch sind. In Fragen der Kultur, der Tradition und der Erziehung gibt es kaum Unterschiede.
In vielen christlichen Familien sind zum Beispiel die Familienväter sehr streng. Die Mädchen müssen zwar kein Kopftuch tragen, haben aber dennoch so gut wie keine Freiheiten. Gleichzeitig gibt es muslimische Familien in Ramallah, die mit ihren Töchtern locker umgehen. Das hat also nicht unbedingt mit der Religion zu tun, sondern auch mit Bildungsunterschieden und den Unterschieden zwischen kleinen Orten und einer Stadt wie Ramallah.
Natürlich gibt es im Islam auch Extreme, die es allerdings auch unter Christen und Juden gibt. Kurioserweise heißt Religiosität im Heiligen Land nichts Gutes. Wenn man hier jemanden als Religiösen bezeichnet, hat das immer einen faden Beigeschmack und meint eigentlich Fanatismus.
Netzeitung: Die Hamas, die einen islamischen Gottesstaat für Palästina fordert, hat bei Wahlen in Nablus vor einigen Tagen 80 Prozent der Stimmen erhalten. Hat dieser Trend keine Auswirkungen auf das Leben religiöser Minderheiten?
Mukarker: Die Hamas hat nicht gewonnen, weil die Menschen extrem sind, die sie gewählt haben, sondern weil die regierende Partei die Menschen enttäuscht hat. Auch der Übergang von Arafat zu Abbas hat den Menschen nichts gebracht. Abbas hat nicht die bisherigen Politiker mit ihren Phrasen abgesetzt, und er hat auch nicht die Korruption bekämpft.
Man kann gegen die Hamas sagen, was man will, aber sie ist nicht korrupt. Die Hamas verfügt über Geld, und die Menschen sind arm, nicht zuletzt durch die Intifada und die Abriegelung. Die Mehrheit der Leute waren Tagelöhner in Israel, ihnen ist ihre Existenzgrundlage genommen worden.
Hinzu kommt, dass Israel während der ganzen Besatzungszeit hier nie wirtschaftlich etwas aufgebaut hat, weil Palästina nach den USA der zweitgrößte Absatzmarkt für Israel ist. Würden Sie meinen Kühlschrank aufmachen, würden Sie dort beinahe ausschließlich Waren aus Israel finden, unsere Lebenshaltungskosten sind hoch. Man spricht von 70 Prozent, die unter der Armutsgrenze leben.
Und da kommt die Hamas mit ihrem sozialen Netz: Sie haben Krankenhäuser, sie haben Kindergärten, all das, was die Autonomiebehörde den Menschen nicht bieten kann. So haben sie die Menschen an sich herangezogen.
Sie haben mich gefragt, was das für die Christen heißt, und ich muss sagen, dass mir das schon Angst macht. Wenn ich höre, dass ein extremer Siedler in der Westbank von Eretz Israel spricht, einem Israel nur für Juden, dann macht es mir Angst. Wenn ich Hamas-Führer höre, die ein Palästina nur für Muslime fordern, dann macht mir das genauso Angst, weil ich in ihrem politischen Programm überhaupt nicht vorgesehen bin. Wir haben keinen Platz in ihrem Denken, wir sind gar nicht da.
Wir müssen uns also an diejenigen halten, die gemäßigt sind. In Israel sind das diejenigen, die an ein friedliches Zusammenleben glauben, die Friedensaktivisten, die mir sehr nahe sind. Viel näher als meine Landsleute, die extrem sind. Umgekehrt sind wir diesen Israelis vermutlich näher als die Siedler, wenn wir sagen: Wir wollen neben Israel in Frieden leben, aber auf Augenhöhe und nicht als Unterdrückte unser Leben fristen.
Netzeitung: Heute war der Weg nach Beit Dschala offen, doch der Checkpoint kann jederzeit geschlossen werden. Auf der anderen Seite der Stadt steht jetzt eine Mauer, die Bethlehem von Jerusalem trennt.
Mukarker: Wir haben nie gedacht, dass Scharon das umsetzen wird. Es schien ja wie eine Wahnsinnsidee, die man nicht realisieren kann. Eine Mauer durch das Land? Das ist doch unmöglich! Als ich zum ersten Mal davor stand, hatte ich noch keine Erfahrung, wie man sich eine Mauer anschaut. Ich stand davor, schaute hoch und fiel beinahe um. Ich habe das Gleichgewicht verloren, weil man nicht an ihr hoch schauen kann, wenn man nahe dran ist.
Als ich vor kurzem Berlin besucht habe, war ich am Mauermuseum an der Bernauer Straße. Mit meinem Schengenvisum konnte ich mich in ganz Europa frei bewegen, was mir deutlich machte, dass die Berliner Mauer längst ein Stück Geschichte ist.
Wieder zuhause habe ich mit anderen Augen auf die Mauer hier in Bethlehem gesehen: Nach all dem Leid, das dieser Konflikt verursacht, nach all den Menschenleben, die dieser Konflikt auf beiden Seiten gekostet hat, hat man im 21. Jahrhundert also nun die Lösung gefunden, dass die Palästinenser eingemauert werden?
Ist das die Lösung für einen Konflikt, der schon seit Jahrzehnten dauert? Es muss doch eine andere Lösung geben als eine Kollektivstrafe für alle Palästinenser, die diese Mauer darstellt. Und schließlich habe ich mich gefragt - nicht als Palästinenserin, die davon konkret betroffen ist, sondern als Mensch - wer das Recht hat, auf dieser Welt Millionen von Euros auszugeben für Beton?
Faten Mukarker lebt in Beit Dschalla, der Schwesterstadt von Bethlehem. Ihr Buch «Leben zwischen Grenzen. Eine christliche Palästinenserin berichtet» ist im Thoma Verlag erschienen und kostet 15,25 Euro.
Mit Faten Mukarker sprach Ulrich Gutmair.

