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Kreationisten: 

Im Biounterricht hat Gott nichts verloren

20. Dez 2005 07:23
Thomas Junker
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In Amerika wird Kreationismus bereits an der Schule unterrichtet. Aber auch in Europa sind die christlichen Fundamentalisten auf dem Vormarsch. Die Netzeitung spricht darüber mit dem Biologiehistoriker Thomas Junker.

Wer mit religiösem Fundamentalismus nur islamische Gotteskrieger assoziiert, übersieht eine Entwicklung, die sich seit geraumer Zeit im Zentrum der USA vollzieht. Hier führen dogmatische, meist evangelikale Christen einen Kulturkampf, der auch vor Schulen nicht halt macht.

Die wichtigsten Begriffe dabei sind Kreationismus und Intelligent Design (ID). Unter Kreationismus versteht man die klassische Schöpfungslehre: Wie es in der Bibel steht, habe Gott die Welt und das Leben vor 6000 Jahren in sechs Tagen erschaffen. Als Intelligent Design bezeichnet man eine modernisierte Variante dieses Schöpfungsmythos.

Im Gegensatz zu den Annahmen Darwins und anderer Wissenschaftler gehen die Verfechter des ID davon aus, dass die Entstehung der Erde und des Menschen kein Zufall ist, sondern dass sie Produkte einer steuernden Kraft innerhalb der Evolution sind.

In einigen Bundesstaaten der USA haben es die Kreationisten und IDler bereits erreicht, dass ihre Weltsicht im Schulunterricht gelehrt wird. Und zwar nicht im Fach Religion, sondern gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie im Biologieunterricht. In gut der Hälfte aller US-Bundesstaaten wird derzeit vor Gericht verhandelt, wie die Entwicklungsgeschichte in der Schule behandelt werden soll.

Kreationisten in Europa

Aber auch in Europa sind in jüngster Zeit immer häufiger kreationistische Stimmen zu vernehmen. Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) wollte im Herbst Deutschlands wohl bekanntesten ID-Verfechter Siegfried Scherer zu einer Veranstaltung einladen. Erst nach Protesten zog er seinen Vorschlag zurück.

Über Kreationismus und Intelligent Design sprach die Netzeitung mit Thomas Junker. Er ist Biologiehistoriker, Privatdozent an der Universität Tübingen und stellvertretender Sprecher der AG Evolutionsbiologie im Verband deutscher Biologen.

Netzeitung: Was ist neu an der Debatte um Kreationismus und Intelligent Design? Schon Charles Darwin musste sich mit Anhängern diverser Schöpfungsmythen auseinandersetzen.

Junker: Neu ist nur das Label. Die dahinter stehenden Ideen und Inhalte sind alt. Den so genannten Kurzzeitkreationismus, also die Vorstellung, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, gab es lange vor der Evolutionstheorie. Aber auch die Vorstellung, es gebe zwar eine Evolution, diese sei aber von Gott gesteuert, entwickelte sich im 19. Jahrhundert rasch, nachdem Darwin seine Theorie veröffentlicht hatte.

Netzeitung: Woran liegt es, dass sich in den USA der Kreationismus nun so stark bemerkbar macht?

Junker: Über Jahrzehnte gab es dort eine Kompromisslinie zwischen religiösen und wissenschaftlichen Weltbildern. Dieser Kompromiss währte fünfzig Jahre und war ein Ausdruck der gesellschaftlichen Einflüsse von Wissenschaft und Religion. Diese Kräfte hielten sich lange die Waage.

Seit einigen Jahren fühlen sich die zahlreichen religiösen Gruppen in den USA offenbar stark genug, um den Kompromiss aufzukündigen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie mittlerweile eine stärkere politische Unterstützung erfahren.

Netzeitung: Seit wann ist das so?

Junker: Wenn wir zurückblicken, sehen wir zuerst einmal, dass das Wirken der Kreationisten nie ganz aufgehört hat. Eine deutliche Stärkung erfuhren diese Leute in den frühen achtziger Jahren unter dem Präsidenten Ronald Reagan. Dann traten die Befürworter der Schöpfungslehre wieder in den Hintergrund und seit drei, vier Jahren ist die Debatte wieder aktuell. So etwas hängt immer an der politischen Großwetterlage.

Netzeitung: Also auch daran, dass der aktuelle Präsident George W. Bush sich öffentlich für die Lehre von Intelligent Design-Konzepten im Schulunterricht einsetzte?

Junker: Auch, aber nicht nur. Die religiöse Weltanschauung wird von der derzeitigen Regierung ja insgesamt gefördert.

Netzeitung: Welche Bedeutung haben Kreationisten und Verfechter von Intelligent Design denn momentan in den USA?

Junker: Wenn Sie mal in Wissenschaftszeitschriften wie «Nature» oder «Science» schauen, sehen Sie, dass es kein kleines Problem ist. Es vergeht kaum ein Monat, in dem in diesen Zeitschriften mal kein Bericht oder Kommentar zum Thema erscheint. Die amerikanischen Evolutionsbiologen sehen das als ein gravierendes Problem an. Denn immer mehr Studenten an den Universitäten wurden in der Schule einer religiösen Gehirnwäsche unterzogen. Das sind keine guten Voraussetzungen, um an einer Universität Naturwissenschaften zu unterrichten.

Netzeitung: Kreationisten haben durchgesetzt, dass ihre Weltsicht im Biologieunterricht der Schulen gelehrt wird. Ist Ähnliches für Colleges und Universitäten denkbar?

Junker: Davon habe ich noch nichts gehört. Es ist aber unwahrscheinlich, weil die Universitäten ihre Lehrpläne selbst zusammenstellen können, vor allem die privaten. Eher besteht die Gefahr, dass sich Kreationisten in die Aufsichts- und Elternbeiräte wählen lassen und auf diese Weise Einfluss ausüben. Noch problematischer ist, dass Intelligent Design in den Schulen gelehrt wird und dass Schulabgänger so etwas dann auch von ihren Universitäten verlangen könnten.

Netzeitung: Wie steht es um die Bedeutung von Kreationismus und Intelligent Design jenseits der Schulen und Universitäten?

Junker: Auch hier ist die Bedeutung nicht zu unterschätzen. Der berühmte Evolutionsbiologe Ernst Mayr hat mir mal folgende Geschichte erzählt: In den achtziger Jahren besuchte er in den US-Südstaaten eine Tagung. Auf dem Rückweg zum Flughafen fragte ihn der Taxifahrer, was er beruflich mache, und auf seine Antwort «Evolutionist» habe ihn der Fahrer beschimpft und beinahe aus dem Taxi geworfen. Sie sehen, da wird «Evolutionist» so aufgefasst wie «Satanist». Das war vor 20 Jahren, und nun sind die Anhänger der Schöpfungslehre eben noch offensiver geworden.

Netzeitung: Hat die kreationistische Bewegung in den USA ihren Höhepunkt schon erreicht?

Junker: Es handelt sich um religiös überzeugte Menschen, und weil sie von ihrer Sache so überzeugt sind, werden sie versuchen, noch mehr zu erreichen. Die entscheidende Frage dabei ist, inwiefern es sich ein moderner Industriestaat leisten kann, im Bereich der Wissenschaft wieder eine Art Black Box einzuführen, etwas Unhinterfragbares.

So was kann ja Auswirkungen haben – auf die Forschung, die Industrie, die Gentechnik etc. Man muss auf dem Weltmarkt konkurrieren und kann die Zukunftstechnologien, etwa die Stammzellenforschung, wegen religiöser Bedenken nicht einfach den Südkoreanern überlassen. Sollte die Evolutionstheorie völlig zurückgedrängt werden, hätte das drastische Auswirkungen.

Zum Glück gibt es viele vernünftige Menschen, die versuchen, dem ganzen Spuk auf alle möglichen Arten ein Ende zu bereiten: wissenschaftlich, juristisch, weltanschaulich, satirisch.

Netzeitung: Wie ist denn die Situation in Europa und Deutschland zu bewerten?

Junker: In Deutschland haben die großen christlichen Kirchen einen anderen Einfluss und evangelikale Gruppen sind bei weitem nicht so stark. Die großen Kirchen halten sich bei diesem Thema zum Glück noch zurück – das 'noch' muss man aber betonen. Denn leider gibt es Versuche, auf diesen Zug aufzuspringen.

Hier ist besonders der Wiener Kardinal Schönborn zu nennen mit seiner Meinung, die Evolution sei kein Zufall, sondern beinhalte einen zielgerichteten Plan. Das, was die Kreationisten sagen, ist den Weltbildern der großen Kirchen offensichtlich nicht ganz fremd. Aber zum Glück sind beide Kirchen noch sehr zurückhaltend. Es hängt einiges von der Stärke der evangelikalen Sekten und Freikirchen ab, die 1,5 Millionen Mitglieder haben sollen. Das ist nicht wenig. Aber eine richtige Breitenwirkung konnten sie bisher nicht erzielen.

Netzeitung: Haben Sie sich mal direkt mit Kreationisten auseinander gesetzt?

Junker: Ja, neulich auf einer Tagung in Iserlohn waren mehrere und ganz unterschiedliche Anhänger der Schöpfungslehre anwesend. Im Grunde sind sie sich einig, dem Glauben an Gottes Wirken möglichst viel Raum zu verschaffen. Interessant war, dass sie aber in den Details untereinander streiten. Die etwas moderner argumentierenden Evangelikalen behaupten zum Beispiel, die Evolutionstheorie könne die Evolution des Auges nicht erklären.

Einem jesuitischen Theologieprofessor war das viel zu konkret. Er befürchtete wohl, keine Argumente mehr zu haben, wenn die Evolution des Auges wissenschaftlich schließlich doch erklärt würde.

Netzeitung: Haben Kreationisten nicht schon einen Teilerfolg errungen, wenn man sich mit ihren Thesen beschäftigt? Die Vertreter des Intelligent Design zielen ja erstmal darauf ab, gesellschaftlich anerkannt zu werden.

Junker: Wenn man die öffentliche Diskussion vermeidet, dann schwelt das nur untergründig weiter. Die Auseinandersetzung ist auch gut, um herauszufinden, wie diese Leute eigentlich denken. Etwas anderes ist es aber, wenn Kreationisten politisch hofiert werden wie vor kurzem in Thüringen. Auch im Schulunterricht sollte klargemacht werden, dass so etwas Religion und nichts anderes ist. Am Besten aber stellt man dar, was die Evolutionsbiologie kann. Dabei wird schnell klar, wer die besseren Argumente hat.

Netzeitung: In den USA lehnen über 60 Prozent der Bevölkerung die Evolutionstheorie ab. In Deutschland sind es immerhin mehr als 35 Prozent. Erschrecken Sie solche Zahlen?

Junker: Nein. Diese Ideen gab es schon immer, nur werden sie heute offener vorgetragen. Die Gefahr, dass das weiter zunimmt, besteht auf jeden Fall. Hier sind nun die Gesellschaft und die Medien gefragt.

Das Gespräch führte Maik Söhler.

 
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