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Ludwig Lugmeier: 

Der Dieb muss den Schlaf seines Opfers behüten

15. Dez 2005 07:37
Frankfurter Bankenviertel. Hier überfiel Lugmeier seinen zweiten Geldtransporter.
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Ludwig Lugmeier stand auf der anderen Seite des Gesetzes und hat dort nicht nur Ronnie Biggs getroffen, sondern auch Walter Sedlmayr. Heute vermisst er seine Waffen. Zweiter Teil des Netzeitungs-Interviews mit Lugmeier.

Netzeitung: Als Verbrecher zieht man doch vermutlich ziemlich viele Leute an, die das Kaltblütige, das Radikale bewundern.

Lugmeier: Ich bin solchen Leuten vor allem in der linken Szene begegnet. Für die ist ja ein Banküberfall ein Angriff gegen die Macht, gegen das Etablissement. Am besten fänden sie es, wenn eine politische Motivation dahinter steckte, oder wenn man das Geld an die Armen verteilte. Dieser idealisierten Rolle entspreche ich nicht. Ich habe auch keine große Lust, Gangstergeschichten zu erzählen. Mein Leben ist kein Kriminalroman.

Netzeitung: Haben Sie denn nie das Bedürfnis gehabt, sich eine moralische oder politische Rechtfertigung für Ihre Taten zuzulegen?

Lugmeier: Das habe ich nie versucht. Ich wusste immer: Ich stehe auf der anderen Seite. Da gibt es andere Regeln, auch wenn sie wieder gebrochen werden. Freundschaften halten eine Weile und zerbrechen dann. Im Lauf der Zeit ist vor allem eine große Vereinsamung entstanden.

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  • Ich wusste, dass ich außerhalb stehe und mich auf die Leute, mit denen ich zu tun habe, nur bis zu einem gewissen Grad verlassen kann. Wenn man verraten wird, sitzt man in der Patsche. Man wird dann unter Umständen so wütend, dass man den andern am liebsten über den Haufen schießen würde.

    Netzeitung: Ihre Großmutter hat Ihnen gesagt: «auf den lieben Gott kannst du dich nicht verlassen, weil der Tod sowieso von unten kommt». Als Sie während Ihrer Frankfurter Gerichtsverhandlung aus dem Fenster gesprungen sind, kam von unten aber nicht der Tod, sondern die Freiheit. Dafür, dass Sie es mit dem Glauben nicht so haben, haben Sie aber ganz schön oft Ihren Schutzengel in Anspruch genommen.

    Lugmeier: Das stimmt. Der stand mir ziemlich oft zur Seite. Nun sind Engel nicht unbedingt christliche Wesen, die sind Jahrtausende älter als das Christentum. Der Aufprall auf dem Straßenpflaster war hart, aber es war ein Sprung in die Freiheit.

    Netzeitung: Wären Sie hier aus dem zweiten Stock auch gesprungen?

    Lugmeier: (Blickt aus dem Fenster.) Nein, nein. Damals war es auch nicht ganz so hoch, aber immerhin fünf Meter. Ich hab mir den Gerichtssaal nach dreißig Jahren noch einmal angeschaut. Heute würde ich dort nicht mehr springen.

    Netzeitung: Wenn man Ihre Erinnerungen liest, hat man den Eindruck, dass es sich beim Gefängnis immer auch um eine Bildungseinrichtung handelt. Sie selbst und andere, von denen Sie erzählen, haben sich dort die halbe Weltliteratur angeeignet.

    Lugmeier: Nun ja, zunächst einmal werfen Gefängnisse vor allem Profit für den Staat ab. Man arbeitet den ganzen Tag, und wenn man abends nicht allzu müde ist, hat man noch Zeit zum Lesen. Viele haben sich dort tatsächlich weitergebildet. Das ist aber heute nicht mehr so. Seit im Gefängnis Fernseher stehen, wird kaum noch gelesen.

    Netzeitung: Wie haben denn Sie die Energie dazu aufgebracht?

    Lugmeier: Ich habe mir den Raum zum Lesen und Schreiben erkämpft. Acht oder neun Jahre habe ich die Arbeit verweigert. Das hat mir natürlich Sanktionen eingetragen. Zunächst musste ich alle vier Wochen in den Bunker. Um im Arrest, wo ich keine Bücher hatte, von Literatur nicht abgeschnitten zu sein, habe ich Texte und Gedichte auswendig gelernt. Irgendwann hat man mich dann in Ruhe gelassen, und ich hatte Zeit zum Lesen, Studieren und Schreiben.

    Netzeitung: Sie erzählen ja vom Pudding Shop in Istanbul und von den Studentenunruhen in Berlin. Haben Sie die politischen und gesellschaftlichen Bewegungen dieser Zeit damals eigentlich immer nur als Außenstehender wahrgenommen, oder haben Sie sich auch einmal selbst als Hippie oder Revolutionär gefühlt?

    Lugmeier: Mit keiner dieser Bewegung habe ich mich jemals identifizieren können. Auch wenn später im Gefängnis sehr intensive Freundschaften mit Leuten aus politischen Bewegungen, etwa der RAF entstanden sind. Ich habe mich aber nie als politischen Menschen empfunden.

    Netzeitung: Und ihre Haltung gegenüber Deutschland?

    Lugmeier: Davor habe ich mich geekelt. Das hatte mit meiner Kindheit zu tun, wurde aber nicht zur politischen Motivation meines Handelns.

    Netzeitung: Sie haben einmal versucht, Walter Sedlmayr eine aus einer Kirche gestohlene Madonna zu verkaufen. War der damals schon bekannt für dermaßen obskure Vorlieben?

    Lugmeier: Allgemein bekannt wurde es erst danach, als Sedlmayr in die Geschichte um die Blutenburg-Madonna verwickelt war. Er hatte sie von einem Dieb gekauft, den ich kannte. Weil Sedlmayr ein bekannter Volksschauspieler war, wurde seine Beteiligung an der Geschichte unter den Teppich gekehrt. Der andere ging dafür in den Knast.

    Netzeitung: Ist es nicht ein Widerspruch, wenn man Millionensummen erbeutet, mit denen man ein luxuriöses Leben führen könnte - aber eigentlich nur Schriftsteller sein will? Was haben Sie gesucht: Freiheit und Weite oder die Enge der Schreibstube?

    Lugmeier: Vielleicht hat es etwas mit Ernest Hemingway zu tun, den ich sehr bewundert habe. Ich hatte geglaubt, dass das, was er schrieb, und die Art und Weise, wie er lebte, in Übereinstimmung standen. Der Krieg, die Jagd, die fernen Länder, der Stierkampf. Heute weiß ich, dass sich Leben und Schreiben schwer vereinbaren lassen. Schreiben ist ein einsames Geschäft.

    Netzeitung: Außerdem gibt es doch diesen Konflikt: Wenn man auf einen Schlag viel Geld hat, kann man nicht plötzlich ein luxuriöses und auffälliges Leben führen. Wenn man auffliegt, ist es damit vorbei.

    Lugmeier: Nicht unbedingt. Wenn man in London lebt und in besseren Kreisen verkehrt, ist die Gefahr aufzufliegen ziemlich gering. Die Reichen werden nicht von der Polizei kontrolliert. Das Problem ist eher, dass man sich nichts aufbauen kann. Ich hatte zum Beispiel die Chance, an ein Hotel auf den Bahamas zu kommen.

    Aber plötzlich wurde ich erkannt und mir wurde bewusst: alles, was du tust, ist auf Sand gebaut. Erkennt dich jemand, musst du rennen. Man kann sich nichts aufbauen. Ronald Biggs hat es geschafft, sich in Brasilien niederzulassen, weil er mit einer Brasilianerin ein Kind hatte und deshalb nicht ausgeliefert wurde.

    Netzeitung: Hätten Sie das nicht auch versuchen können?

    Lugmeier: Für mich wäre das nichts gewesen. Ich wollte nie ein Kind zeugen und eine Familie gründen. Allein die Vorstellung erzeugt noch heute Panik in mir.

    Netzeitung: In einer nicht völlig jugendfreien Passage Ihres Buches berichten Sie davon, wie Sie sich ins Schlafzimmer eines Privathauses schleichen, um die dort schlafende Frau zu bestehlen. Sie unternehmen dabei den Versuch, den Schlaf und die Atmung der Frau zu beruhigen, indem Sie sich eine erotische Situation mit ihr vorstellen. Das mutet an wie eine magische Technik.

    Lugmeier: Es gibt eine sehr schöne Szene in «Felix Krull» von Thomas Mann. Da ist Felix im Zimmer einer reichen Frau, die ihn als eine Art Hermes imaginiert, der sich ihren Besitz aneignet. Derjenige, der mich dazu gebracht hat, in das Zimmer einzusteigen, war ein Zigeuner. Er machte das schon seit langem. Es war für ihn, viel mehr als für mich, ein erotisches Erlebnis. Er hat mir das beigebracht.

    Um an die Schätze zu kommen, musste ich den Schlaf des Opfers behüten. Der Schlaf ist ein ungeschützter und intimer Bereich. Ich schlich mich über meine Vorstellung ein wie eine Katze, die unter die Bettdecke kriecht. An der Atmung der Frau konnte ich erkennen, wie sicher ich war und der Diebstahl selbst wurde zu einem erregenden sexuellen Akt. Wir haben nur Frauen bestohlen, denn schließlich waren wir beide nicht schwul.

    Netzeitung: Was passiert in diesem Moment mit einem Dieb?

    Lugmeier: Es geht ja um das Eindringen in einen fremden, verbotenen Raum. Aus Angst wird Erregung. Es sind sehr konzentrierte und intensive Minuten. Man wird zu einem Anderen.

    Netzeitung: Zu einem Anderen?

    Lugmeier: Man nähert sich dem Opfer an und verwandelt sich dabei. Man eignet sich schließlich einen fremden Raum an, einen Atem- und Lebensraum, um an jene Dinge zu gelangen, die einem selbst nicht gehören. Es handelt sich um eine raffinierte Form der Jagd.

    Netzeitung: Auch später mussten Sie immer wieder in einen Anderen verwandeln.

    Lugmeier: Das war eine andere Art der Verwandlung. Als ich an einem Kiosk stand und mein Bild in den Zeitung sah, musste ich mich abspalten. Ich trat neben mich und dirigierte denjenigen, der sich nun wie eine von mir gesteuerte Figur verhielt. Eine Form von Schizophrenie, wenn man so will. Als Schriftsteller erlebt man ähnliche Dinge.

    Netzeitung: Sie sind einmal von einer Nonne erkannt worden.

    Lugmeier: Das war auf einem Bahnhof am Tag nach meiner Flucht aus dem Gerichtssaal. Auf den Titelseiten der Zeitungen war mein Bild zu sehen. Sie beobachtete mich und lächelte ein wenig. Ich habe geglaubt, sie weiß wer ich bin, aber ich denke, dass sie mich nicht wirklich erkannte. Sie hat gespürt, in was für einer Verfassung ich war. Nachdem sie gezahlt hatte, kam sie zu mir her und legte mir ein Bild von Franz von Assisi auf den Tisch.

    Netzeitung: Seit 16 Jahren sind Sie jetzt aus dem Gefängnis. Wie kommen Sie zurecht im bürgerlichen Leben?

    Lugmeier: Ich brauche eine Aufgabe und Lebensperspektive. Zwar beneide ich manchmal meine Katze, die braucht das nicht. Aber wenn ich zwei oder drei Tage nicht schreibe, fühle ich mich äußerst unwohl. Ich bin jetzt 56 Jahre alt und möchte noch meine Hausaufgaben machen. Ich möchte schreiben, aber das habe ich ja schon immer gewollt.

    Netzeitung: Katzen und Einbrecher. Das passt.

    Lugmeier: Ja.

    Netzeitung: Das Geld ist jetzt aber weg.

    Lugmeier: Was von dem Beutegeld noch da war, wurde von uns zurückgegeben. Nun ist es natürlich nicht so, dass ich kein Geld brauchen könnte. Ich esse gerne gut, und ich gehe gern ins Spielcasino. Bedauert habe ich die damalige Entscheidung trotzdem nie. Ich brannte mit der Rückgabe des restlichen Geldes hinter mir die Schiffe ab. Seitdem marschiere ich Richtung Tenochtitlan.

    Netzeitung: Vermissen Sie gar nichts?

    Lugmeier: Meine Waffen - die vermisse ich. Sie üben einen ästhetischen Reiz auf mich aus. Außerdem schieße ich gern. Schade, dass das in Deutschland nicht möglich ist. Aber vielleicht gehe ich irgendwann wieder nach Mexiko.

    Mit Ludwig Lugmeier sprach Ronald Düker.

     
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