Willy Brandt: 

netzeitung.deBrandts Kniefall als Denkmalsturz? Teil 2

 Herausgeber: netzeitung.de

Michael Wolffsohn (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Michael Wolffsohn
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit seinem Kniefall hat Willy Brandt einen gordischen Knoten zerschlagen. Wie aber insbesondere die 68er das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel wieder belasteten, beschreiben die Historiker Wolffsohn und Brechenmacher.

Vor 35 Jahren, am 7. Dezember 1970, kniete der SPD-Kanzler Brandt am Warschauer Ghetto-Mahnmal. Zu dieser Politik-Geste haben die Historiker Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher bisher unbekannte Dokumente aus Deutschland, den USA, Frankreich, Großbritannien und Israel ausgewertet und in dem Buch «Denkmalsturz? Brandts Kniefall» zusammengefasst. Die Netzeitung dokumentiert im Folgenden den zweiten Teil des Schlusskapitels:

Gordischer Knoten und Grenzen

Von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher

Im Kalten Krieg wurde es durch Brandts Friedenspolitik wärmer, in der Israel- und Judenpolitik wurde es, ebenfalls unter Brandt, vor dem Kniefall eiskalt und danach nicht wirklich wärmer.

Bis zum Kniefall war im und durch das sozialliberale Deutschland ein neuer deutsch-jüdisch-israelischer Gordischer Knoten entstanden; mit vielen Peinlichkeiten, auch monetären (Nau-Mission), die wiederum nicht frei von verinnerlichten, möglicherweise nicht einmal gewussten, bewussten, gar gewollten antisemitischen Schablonen geprägt waren.

Jenen Gordischen Knoten wollte Brandt durchhauen, mit oder ohne Kniefall. Auf jeden Fall - und geplant - durch den Abstecher zum Getto-Mahnmal; so gut wie sicher spontan durch den Kniefall.

Brandt hatte mit dem Kniefall den Gordischen Knoten tatsächlich zerschlagen. Doch der Gordische Knoten erwies sich als Hydra: neue Köpfe wuchsen nach. Das war einmal mehr das Verdienst von Außenminister Scheel und dessen Ministerialbürokratie plus Diplomatie.

Nicht zu vergessen sei die Kopfvermehrung der neulinken 68er, innerhalb und außerhalb der SPD. Sie stellte damals meinungs- und lautstark das Existenzrecht des jüdischen Staates als eines jüdischen Staates grundsätzlich in Frage. Vom politischen Rand bewegten sich die 68er seit 1970 immer mehr ins Zentrum deutscher Politik, dann altersgeläutert, sich dem Alter 68-Jähriger nähernd, später angegrünt, zumindest taktisch, bei manchen sicher auch strategisch judenstaatsmilder.

Nicht nur ein Kopf wuchs auf diasporajüdischer israelischer Seite nach. Israelische und diasporajüdische Politik achtet nach dem Holocaust mehr auf harte Überlebensinteressen als auf weiche Gesten, zu denen zweifellos der Kniefall gehört. Wieder: «Gebranntes Kind». Weil «gebranntes Kind», galt für Israel die jüdische Lehre aus der Vorgeschichte und Geschichte von Auschwitz: «Nie wieder Opfer!» und «Nie wieder Gewaltlosigkeit als Prinzip!»

Ganz anders die Lehre «der Deutschen», besonders der sozialliberalen, «nach Auschwitz»: «Nie wieder Täter!» und «Nie wieder Gewaltanwendung, wenn nur irgend möglich!» Das war der Kern der Ostpolitik, das Credo, ja, Dogma. Fundamental mental unterschieden sich fortan Israelis und immer mehr Deutsche, auch weit jenseits der Sozialliberalen, in dieser Frage: «Gewalt als Mittel der Politik?» Nein, nein und nochmals nein – das ist «die» deutsche Antwort. Sie war, recht und unparteiisch besehen, schon 1950, wenngleich zähneknirschend, bei den Vertrieben erkennbar, die auf Anwendung von Gewalt feierlich verzichtet hatten. Ohne Zähneknirschen und vorbehaltlos erschallte dieses Nein als Teil deutscher Staatssubstanz spätestens seit der Brandt/Scheelschen Ostpolitik.

«Ja, wenn wir müssen, wenden wir Gewalt an», – sagen «die» Israelis. Das ist der Pfeiler ihrer Überlebensstrategie. Wo, gegen wen, wie viel, wie heftig, ob – das sehen «die» Deutschen, erst recht im Zeitalter der Gewaltlosigkeit seit 1969 meistens ganz anders als «die» Israelis.

Beide, Juden und Deutsche, haben recht – nach Auschwitz und wegen Auschwitz. Aber die jeweiligen «Lehren aus der Geschichte» sind fundamental verschieden und deshalb trennen nach Auschwitz Lichtjahre die deutsche und die jüdische Welt. Im Jahre 1970 schnappte diese «Geschichtsfalle» erstmals bei Deutschen und Israelis zu. Es sollte nicht das erste Mal bleiben. Doch dieses erste Mal wurde beispielhaft für «Kommende Dinge». Bis heute? Bis heute!

Weniger Gesten, mehr Politik. Das fand die jüdische Seite innerhalb und außerhalb Israels eher bei der CDU/CSU. Die Wende von Kiesinger zu Brandt wurde von den meisten jüdisch-israelischen Akteuren weniger als vielversprechender Neuanfang betrachtet, vielmehr als ein Wandel, der Erreichtes gefährdete. Praktische Politik, nicht Geschichtspolitik bestimmte ihr jüdisch-israelisches Sein. Kein Wunder. Seit den Zeiten Ben-Gurions hatte Israel das Gedenken der Toten als Verpflichtung den Überlebenden und Nachkommen gegenüber verstanden: Die Existenz des Jüdischen Staates zu sichern. Dabei und dafür war man sogar bereit, mit dem Teufel einen Pakt zu schließen, wie die Gründungsväter des Staates 1933. Um die Auswanderung von Juden zu ermöglichen, schlossen sie sogar mit Hitler-Deutschland das Transfer- bzw. «Haawara»-Abkommen.

Warme Worte widmete am Tag nach dem Kniefall Israels Deutschlandexperte im Außenministerium, Yochanan Meroz, dem Kanzler. Doch vom feuerhaften Symbol des Kanzler-Kniefalls kein Wort! Hier legte sich der Israeli feurig für Brandt und die deutsch-israelischen Beziehungen ins Zeug. Ein Israeli, Meroz, der eigentlich alle deutschen Schwingungen kannte: politisch-historische ebenso wie kulturelle. Oder hatte selbst er kein (neudeutsch) «Feeling» für die Größe des Kniefalls? Wurde auch er von den Kleinigkeiten des Alltags zerfressen? Er ging zur wohlmeinenden Tagesordnung über als wäre nichts gewesen. Wirklich so erstaunlich? Nein, denn Israelis sind, wie die meisten Juden nach leidvoller Geschichte geradezu reflexartig geschult, zuerst und vor allem ans oft harte Überleben zu denken, weniger an weiche Gesten. «Gebrannte Kinder».

Das klingt hart, ist jedoch historisch und psychologisch verständlich. Und wer das nicht versteht, versteht nichts von Juden und Judentum und mache als Nichtjuden «den Juden» deshalb keine Vorwürfe. «Die Juden» wurden wie sie von «den Nichtjuden» in Jahrtausenden und nicht zuletzt im Holocaust gemacht – sofern sie überlebten.

Bundesdeutsche Gegner der Ostpolitik, zum Beispiel Springer, betonten, wie die Israelis und «die Juden» Amerikas und Deutschlands die praktischen, sprich: Sicherheitsbelange Israels. Ihre Gleichung sah so aus: Ostpolitik = Stärkung der Antisemiten in Polen 1968 und der Sowjetunion, die von Januar bis August 1970 am Suez-Kanal Piloten gegen Israel einsetzte und als Weltmacht-Goliath gegen Israel-David kämpfte.

Israels Politik und Diplomatie stand vor der Quadratur des Kreises: Intakte Kontakte zur ostpolitisch aktiven, den europäischen Status Quo – auch aus israelischer Sicht «endlich»- anerkennenden, doch israelpolitisch eher weichen Bundesregierung und sicherheitspolitisch-seelische Verwandtschaft mit der sowjetkritischen Opposition, die Israels harte militärische Wirklichkeit, innenpolitisch sehr gerne, gerade im Zusammenhang mit der Ostpolitik der Regierung nutzte, andere sagen: ge- oder missbrauchte. Zudem behagte die neudeutsche Linke der 68er den Israelis ganz und gar nicht. Diese fand zum Teil bei der SPD ihre neue Heimat und machte aus ihrer Israel-Kritik keinen Hehl. Der Jüdische Staat war für sie «Speerspitze des Imperialismus». Bei der CDU/CSU erhielten die Israelis Kuscheleinheiten.

Aber: die SPD war an der Macht. Und weil sie an der Macht war, hatte sie Machtmittel, zum Beispiel den Export deutscher Waffen, auch natürlich an Israel. Die SPD hatte auch Einfluß – und Geld. Diese Folterinstrumente nutzte sie, bevor es im Oktober 1970 zum Beinahe-Knall mit Israel gekommen wäre. Vor und ohne Kniefall war dadurch Israels Politik dem sozialliberalen Deutschland gegenüber weich und brav geworden, danach erst recht – selbst ohne internen Bezug zum Kniefall. Erst als einer (Alfred Wolfmann) den Kniefall verächtlich machte, wurde in einer deutsch-israelischen Gemeinschaftsaktion versucht, dem Ruhestörer einen Maulkorb umzuhängen. Wir berichten über diese Tatsache, wir erfinden sie nicht – und finden sie selbst nicht gut, weil unerfreulich und gegen grunddemokratische Prinzipien verstoßend. Die wissenschaftliche Redlichkeit und Genauigkeit, der menschliche Anstand, sie gebieten trotz Peinlichkeit Vollständigkeit.

Die diasporajüdische und israelische Reaktion war – diplomatisch formuliert – zugeknöpft, zurückhaltend, nicht nachdrücklich und grundsätzlich genug. Sie war alltäglich, zu klein und ließ die Größe der Brandtschen Geste und damit der deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen schrumpfen.

Das ist die eine Seite. Die andere hat Golda Meir, oft, gerne, vereinfacht und polemisch so auf den Punkt gebracht: «Die Welt vergießt für tote Juden gerne Krokodilstränen.» Manchen mag das zynisch klingen. Gemeint war und ist Juden dies: «Die» Juden haben aus ihrer Geschichte nicht zuletzt gelernt, dass schöne Worte, Gesten, Mitleid und Sympathie ihr Leben nicht sicherer gestalten. Genau so äußerte sich Golda Meir am 7. Juli 1971 gegenüber Außenminister Scheel: sie glaube nicht an «schöne Formulierungen und Worte.» Allein die Taten zählten, um Sicherheit zu gewähren. Trotz der großen Geste Brandts quälten Israelis und Diasporajuden existentielle Sorgen. Ja, «Gebrannte Kinder».

Kann man das nicht verstehen, zumal die Ostpolitik West-Deutschland tatsächlich dem mächtigsten Gegner Israels erheblich näher brachte? Dieser mächtige Gegner war 1970 an der Nahost-Front, besonders in Ägypten, mit Menschen und Material kriegerisch gegen Israel aktiv. Das wog fürs Überleben des Jüdischen Staates und damit der Jüdischen Welt weit mehr als der weltweit zurecht beachtete und bewunderte, moralisches Weltformat beweisende Kanzler-Kniefall.

Schon bald nach dem Kniefall fielen deshalb alle deutsch-jüdisch-israelischen Akteure von den Brandtschen Visions- und Emotions-Wolken auf die Erde – trotz des Kniefalls. Mit der Zeit gingen auch die deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen in einer Art Doppelbewegung weiter: vorwärts und sich dabei inhaltlich im Kreise drehend. Brandtsche Höhen wurden nicht mehr erreicht. Unter seinem Nachfolger Helmut Schmidt, 1969/70 noch von Israels Politik und Diplomatie als Freund betrachtet, kam es von Mai 1981 bis zur «Wende» der Auseinandersetzungen mit Israels Premier Begin wegen zur vollkommenen, fast feindseligen Funkstille. Nach Startschwierigkeiten zog freundschaftlicher Alltag unter Helmut Kohl ein. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel «waren nie enger, waren nie besser», bilanzierte am 5. Dezember 2004 Deutschlands Botschafter Rudolf Dressler in Israels Prestigezeitung «Haaretz». Wirklich? Im Herbst 2002 sagten 71% der Israelis, die Bundesrepublik sei «ein anderes Deutschland». Im Herbst 2004 sagten es nur 58%. «Nie enger, nie besser»? Mehr Daten? Sie beinhalten das Gleiche.

Nach 35 Jahren ist – unter heute vorherrschenden Zeitvorstellungen – die Kurz- und Mittelfristigkeit längst vergangen. Langfristig schuf Brandts Kniefall ein anderes, prägendes Bild: das Bild vom wirklich neuen, besseren, menschlichen Deutschland, nicht mehr polternd, gar mordend, sondern demütig. Ein bisschen, nein viel mehr Brandt brächte Besserung – nicht nur in die deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen.

Dankbar schilderten wir jene deutsche Demut. Demut – nicht Unterwürfigkeit. Denn, wer kniet, unterwirft sich nicht, doch kennt seine Grenzen: kosmisch, religiös, irdisch, weltlich, menschlich, politisch, innenpolitisch, außenpolitisch.

Absurd und beschämend war die deutsche Kritik am Kanzler-Kniefall: «Durfte Brandt 1970 am Warschauer Getto-Mahnmal knien?»

Absurd, denn:

Wo, wenn nicht dort?

Wer, wenn nicht Brandt?

Wann, wenn nicht dann?

Was, wenn nicht das?

Nie zuvor oder danach wurde so beredt über den Holocaust gesprochen wie durch den Kniefall Brandts. Die demutsvolle Körpersprache des Kanzlers sagte unendlich mehr als damals die heute längst bekannten, immerwährend benannten, platten Platten über «Vergangenheitsbewältigung» und die millionenfache Judenermordung.

«Der König hat geweint.» Das ist deutsche Klassik in der Literatur (Schiller, «Don Carlos»). «Der Kanzler hat gekniet.» Das ist deutsche Klassik in der Politik.

Jede Klassik ist ein Leitstern.

Brandt ist ein Leitstern, er war kein Heiliger, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, Vollblutpolitiker, auch mit spitzen Ellenbögen, trotz weicher Gesten knallhart gegen Kritiker, auch jüdisch-israelische. Vor und nach dem Kniefall menschelte es gar sehr. Eine einmalige, wunderbare menschliche Geste als Reaktion auf jenes Menscheln war der Kniefall. Trotz des Menschelns:

Kein Denkmalsturz!

Der Text wurde entnommen dem Buch «Denkmalsturz? Brandts Kniefall» von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher. München. Olzog Verlag 2005.