Brandts Kniefall als Denkmalsturz? : 

netzeitung.deBrandts Kniefall als Denkmalsturz? Teil 1

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Historischer Augenblick: Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Historischer Augenblick: Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Vor 35 Jahren kniete der SPD-Kanzler Brandt am Warschauer Ghetto-Mahnmal. Erstmals haben dazu die Historiker Wolffsohn und Brechenmacher Dokumente aus verschiedenen Ländern ausgewertet - sie stießen auf pikante Details.

Am 7. Dezember 1970, vor genau 35 Jahren, kniete Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) am Warschauer Ghetto-Mahnmal. Über die noble deutsche Politik-Geste ist schon viel geschrieben worden, doch es ist noch nicht alles bekannt.

Das beweisen bisher unbekannte Dokumente aus Deutschland, den USA, Frankreich, Großbritannien und Israel. Die Historiker Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher haben das Material ausgewertet und in dem Buch «Denkmalsturz? Brandts Kniefall» zusammengefasst. Die Netzeitung dokumentiert den ersten Teil des Schlusskapitels des Buches:

Gordischer Knoten und Grenzen

Von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher

Ironie der Geschichte? Willy Brandt, sicher nicht die Personifizierung des Christentums, triumphierte durch die christliche Geste der Demut. Hatte der alte Fuchs Kissinger das nicht doch irgendwie geahnt und eben diese Wirkung Brandts befürchtet: Deutschland als Phönix aus der Asche, aus der totalen Unterwerfung, diese dann demütig billigend und gerade aus ihr neue Kraft schöpfend, gar Kraftmeierei entwickelnd? Brandt, das wusste Kissinger, war kein politischer Muskelprotz. Sein Misstrauen galt wohl eher den auch ihm noch unbekannten Kindern oder Enkeln Brandts – und bereits in den 1970-er Jahren Egon Bahr. Doch das dürfte selbst der Ober-Realist Kissinger nicht geahnt haben: Ausgerechnet in rechtslastigen Zeitschrift «Junge Freiheit» erklärte der langjährige Wegbegleiter Willy Brandts und einstige strategische Vordenker der Neuen Ostpolitik in einem Interview am 5. November 2004: «Brandt hat sich zu seinem Land bekannt. Sein Kniefall hat deutsche Schuld bezeugt. Aber kein Volk kann dauernd knieend leben.» Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Egon Bahr Bundeskanzler Brandt vom Denkmal stürzen würde? Henry Kissinger! Er hatte Egon Bahrs langfristigen Kurs und die Renaissance des Nationaldeutschen geahnt, gesehen, gefürchtet. Was dächte Willy Brandt?

Zu den «bedenkenlosen Leuten» wird man Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Egon Bahr natürlich nicht zählen, denn – auch ganz christlich – «alle Obrigkeit ist von Gott», aber im stillen Kämmerlein drängen sich vielleicht nicht nur Henry Kissinger, in der Gegenwart rückblickend, vergleichbare Gedanken auf.

Vielleicht haben die kommunistisch atheistischen Ostblock-Politiker die langfristig wirklichkeitssprengende Wucht der Brandtschen Demut besser erahnt und, wie sich spätestens 1989/90 zeigte, zu Recht gefürchtet, als westliche Steuermänner wie Pompidou, den der Kniefall «schockiert» hatte? Die Tatsache, dass die Medien im kommunistischen Machtbereich Brandts Demutsgeste nicht zeigten, legt diese Schlussfolgerung nahe. Ob diese Entscheidung rational, gar historisch durchdacht war, bleibt Spekulation. In Dimensionen jesuanischen Demutsdynamits vertieften sich Ostblocklenker bestimmt nicht, aber sie haben intuitiv traumwandlerisch sicher die ihnen drohende Gefahr der Sanftheit Brandts gespürt und konsequent gegenzusteuern versucht: die polnische Regierung bereits im Vorfeld. Brandts ganz persönliche Entscheidung, das Warschauer Getto-Mahnmal zu besuchen, nahm die polnische Regierung widerstrebend hin, weil Brandt sie mit Bestimmtheit verfolgte und durchsetzte. Sie tat alles, um diesen Abstecher zur Marginalie des Staatsaktes verkümmern zu lassen. Vergeblich.

War der Kniefall ein spontaner Akt? Wer weiß das wirklich. Alles spricht dafür, nicht alle stimmen dem zu. Ob spontan oder nicht, entscheidend bleibt dies: Der Kniefall war eine große Geste. Wie jede große Geste bewirkte er große Emotionen und Reaktionen.

Sollte der Kniefall geplant gewesen sein, was wir – einmal mehr sei es erwähnt – weder vermuten noch gar beweisen können (und wollen), hatte er eine Vorgeschichte, und der Bundeskanzler bezweckte Konkretes. War der Kniefall spontan, hatte er, wie jede spontane Geste, auch eine Vorgeschichte – dieselbe.

Die deutsch-jüdisch-israelische Vorgeschichte des Kniefalls haben wir bis in ihre Einzelheiten rekonstruiert und geschildert. So ist es gewesen, so war es, so ist es «wahr», im Sinne von belegbar, nachvollziehbar, empirisch. Strenger und wissenschaftlich braver: so ist es noch nicht widerlegt und, weil nicht widerlegt, gilt es als noch bestätigt.

Die deutsch-jüdisch-israelische Vorgeschichte des Kniefalls ist eine Geschichte der immer größer gewordenen Klein-Klein-Ärgernisse und Sticheleien innerhalb dieses Dreiecks. Wie in fast jeder Geschichte gibt es auch in dieser einen «Bösewicht». In unserer (Vor-)Geschichte des Kniefalls waren es besonders Walter Scheel und das Auswärtige Amt, zeitweilig auch Hans-Jürgen Wischnewski, «Ben-Wisch» «.

Diese Klein-Klein-Ärgernisse und Kleinstkariertheiten passten nicht zu den großen Visionen und Wünschen des Aufbruch-Kanzlers Willy Brandt. Seine Ostpolitik war eine Vision, keine Utopie, wenn überhaupt, dann eine »konkrete Utopie«, die letztlich – jawohl! – die Dynamik mit auslöste, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. Im Jahre 1970 war Brandts ostpolitische Vision erst Teil-Wirklichkeit.

Nicht ohne Pikanterie ist die Tatsache, dass Brandt und Bahr, später auch Roman Herzog den Aufstand vom Warschauer Getto 1943 mit dem Warschauer Aufstand vom Sommer 1944 verwechselten. Dass er irgendwie in ein politisches Fettnäpfchen getreten war, hatte der Bundeskanzler freilich unabhängig von der Verwechselung bemerkt, auch die judenpolitische Distanz der polnischen Partner. Die Verwechselung ist historisch peinlich und dokumentiert die nicht seltene Kenntnis- und Ahnungslosigkeit staatlicher Repräsentanten. Politisch ist sie unerheblich, denn so oder so schuf sich Brandt selbst zusätzliche Probleme bei den kommunistischen Machthabern. Diese selbst verursachten Probleme – das Gedenken an die jüdischen Opfer und an die gefallenen polnischen Widerstandskämpfer - ehren ihn.

Auf dem juden- und damit dem noch grundsätzlicheren geschichtspolitischen Feld gab es vor dem Kniefall nichts der Ostpolitik vergleichbar Visionäres. Ja, deshalb hat Willy Brandt, der ein großer Kanzler werden wollte (und wurde!) bewusst oder unbewusst vom politischen Erdstaub abheben wollen und jene von Klaus Harpprecht im Oktober 1970 empfohlene »große Geste« angepeilt.

Ganz eindeutig bewusst war seine – und nur seine – Entscheidung, das Getto-Mahnmal überhaupt aufzusuchen. Mag sein, dass Brandt die Intensität der polnisch- amtlichen Abneigung unterschätzte. Wahrgenommen hat er sie gewiss, denn dieser Programmpunkt musste kurzfristig in und gegen Warschau von seiner Regierung regelrecht durchgeboxt werden. Das war mutig, weil in Polen und im gesamten Ostblock unpopulär und weil unpopulär für seine Ostpolitik durchaus riskant, denn, so die amtlich kommunistisch-staatlich-parteiliche Lesart der Geschichte: nicht »die Juden« waren die Hauptopfer, sondern »die Polen« und »die Sowjetbürger«. Nicht der millionenfache, spezielle, einzigartige Judenmord, sondern das allgemeine Völkerabschlachten war für Brandts ostpolitische Partner die historische Folie, auf der Geschichts- und Realpolitik in der Gegenwart für die Zukunft gestaltet werden sollte. Schon der von Brandt geplante Abstecher zum Holocaust-Mahnmal war ein dicker Strich durch diese Ostblock-Rechnung. Der Kniefall war für sie eine Provokation. Schweigen, verschweigen – das war das für Polen und den Ostblock politisch vernünftig, wollte man die Beziehungen zur Bundesrepublik grundsätzlich verbessern. Man wollte, und deshalb schwieg man zum Kniefall. Natürlich verschwieg man ihn, soweit man konnte, der eigenen Bevölkerung gegenüber.

Dass die polnische und sowjetische Gesellschaft auf Grund der antisemitischen Traditionen Osteuropas in der Judenpolitik von ihren alles andere als judenfreundlichen Regierungen abwich, darf ohnehin bezweifelt werden. Das wiederum bedeutet: Brandt riskierte die Brüskierung der Herrschenden und Beherrschten Osteuropas. Das tat er wissentlich und damit willentlich. Womit die Grundsätzlichkeit seiner juden- und geschichtspolitischen Geste und deren Größe zusätzlich bewiesen wären.

War die Einzigartigkeit des Judenmordens sozialliberal-deutsche Wahrnehmungsfolie? Auch nicht. Gerade diese Tatsache war eine der Ursachen deutsch-jüdisch-israelischer Verstimmungen vor und nach und trotz Kniefall. Böser Wille, gar Provokation? Von Brandt und seinem Umkreis sicher nicht, bei Scheel und den Seinen wurde die Skepsis empirisch nicht widerlegt, denn mehr als nur Nasenstüber gerade gegenüber Israel gehörten zur Strategie des Auswärtigen Amtes und der FDP. Eine Feststellung ist eindeutig: Die Einzigartigkeit des Judenmordens gehörte 1970 noch nicht zum »Basiskonsens« bundesdeutscher Geschichtsinterpretation. Diese Grundübereinstimmung war eine Folge des »Historikerstreits«, der seit Juni 1986 deutsche, jüdische und andere Gemüter erregte.

Lesen Sie am kommenden Dienstag (15.11.2005) den zweiten Teil des Textes in der Netzeitung.

Der Text wurde entnommen dem Buch «Denkmalsturz? Brandts Kniefall» von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher. München. Olzog Verlag 2005.

Das Buch wird am Montag, den 14. November 2005, von Professor Dr. Richard Schröder vorgestellt. Um 11 Uhr im Lichtburgforum, Behmstraße 13, 13357 Berlin.