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Jean Ziegler: 

Wer an Hunger stirbt, wird ermordet

01. Nov 2005 07:34
Jean Ziegler
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Wer die Menschen liebt, muss hassen, was sie unterdrückt. Im Gespräch mit der Netzeitung erklärt Jean Ziegler, warum Hunger und weltweite Armut keine Naturgesetze sind.

Jean Ziegler ist Ökonom, lehrt an der Genfer Universität und war bis 1999 Nationalrat im Parlament der Schweizer Eidgenossenschaft. Der 1934 geborene Autor hat nie den Skandal gescheut und sich in seiner Heimat viele Feinde gemacht, als er zeigte, wie die Schweiz von den Verbrechen der Nationalsozialisten profitiert hat.

In seinem neuen Buch rechnet er mit den so genannten Kosmokraten ab, also jener Wirtschaftsmacht, die heute stärker sei, als jemals in der Geschichte ein Kaiser, König oder Papst. Mit der Netzeitung spricht Ziegler über die ungeheuren Ungerechtigkeiten der globalen Ökonomie.

Netzeitung: Ihr neues Buch trägt den Titel «Imperium der Schande» und fordert nichts weniger als die Wiederaufnahme der Französischen Revolution. Was hat Sie dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?

Ziegler: Das ist eine gute Frage. Hunderttausend Menschen sterben jeden Tag am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Im letzten Jahr ist alle fünf Sekunden ein Kind unter 10 Jahren verhungert, alle vier Minuten verliert jemand das Augenlicht wegen Vitamin-A-Mangel. 865 Millionen Menschen, das ist jeder Dritte, waren im letzten Jahr dauerhaft und schwer unterernährt, also invalid.

Das alles passiert auf einem Planeten, von dem derselbe World Food Report der Vereinten Nationen, aus dem diese Zahlen stammen, sagt, er könne 12 Milliarden Menschen ernähren, wenn man davon ausgeht, dass ein erwachsender Mensch 2700 Kalorien am Tag benötigt. Das ist ungefähr das Doppelte der heutigen Weltbevölkerung.

Es gibt also keine Fatalität. Wer an Hunger stirbt, wird ermordet.

Netzeitung: Sie schreiben, die derzeitige Weltordnung sei nicht nur mörderisch, sondern auch absurd.

Ziegler: Sie ist absurd, weil sie unnütz tötet. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wäre es zu Beginn des neuen Jahrtausends möglich, die Utopie der Französischen Revolution, nämlich das gemeinsame Glück, materiell zu realisieren.

Gerade in diesem Moment findet aber tragischerweise die Refeudalisierung der Welt statt. Mein Buch ist daher folgendermaßen aufgebaut: Zuerst kommen die großen Texte der Französischen Revolution, um zu zeigen, welche Erbschaft wir haben, was die Aufklärung ist: Die Volkssouveränität, die soziale Gerechtigkeit, die Menschenrechte und so weiter. Damals, zur Zeit der Amerikanischen und Französischen Revolution war das gemeinsame Glück noch eine Utopie, weil die Mittel fehlten, um das gemeinsame Glück zu realisieren.

Netzeitung: Sie sagen, die transnationalen Privatgesellschaften seien die neuen Feudalherren, sprechen aber gerne von den «Kosmokraten». Warum? Manager und Großaktionäre sind austauschbar, was bleibt, ist das Streben nach Profit.

Ziegler: Sie haben recht, es geht um strukturelle Gewalt, nicht um Personen. Letztes Jahr haben die 500 größten transkontinentalen Konzerne der Welt über 52 Prozent des Bruttoweltproduktes kontrolliert, also über die Hälfte der innerhalb eines Jahres weltweit produzierten Güter und Reichtümer, Kapitalien, Waren und Dienstleistungen. Das ist eine unglaubliche Machtakkumulation.

Diese Unternehmen haben eine Macht, wie sie kein Kaiser, kein König, kein Papst in der Geschichte der Menschheit gehabt haben. Sartre hat gesagt: Wer die Menschen liebt, muss sehr stark hassen, was sie unterdrückt – nicht wer sie unterdrückt, es geht nicht um Psychologie.

Es geht um ein Prinzip der strukturellen Gewalt, nämlich der Markteroberung, der permanenten Profitmaximierung um jeden Preis, und um die Naturalisierung des wirtschaftlichen Geschehens. Denn wenn sie einen Konzernherrn befragen, dann erhalten Sie die Antwort: Hier waltet die unsichtbare Hand des Marktes, ich respektiere nur die Naturgesetze. Deswegen ist die radikal analytische und kritische Vernunft so wichtig.

Netzeitung: Das Grundproblem der armen Länder heute ist die massive Verschuldung.

Ziegler: Die 122 Entwicklungsländer haben eine Auslandsschuld von über 2100 Milliarden Dollar. Die Schuldknechtschaft verhindert radikal die Bekämpfung und Beseitigung des Hungers, weil soziale Investitionen nicht möglich sind. Eines der Musterbeispiele dafür ist Brasilien, ein starkes Land, die zehntgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – ich nehme in meinem Buch ganz bewusst keines der subproletarischen Länder wie Honduras, Bangladesch zum Beispiel.

Brasilien hat 182 Millionen Einwohner, von denen 144 Millionen permanent schwer unterernährt sind. Präsident Lula da Silvas Programm Foma Zero – Null Hunger – ist ein Programm der Agrarreform, der Kinderspeisung, der Abschaffung von Kinderarbeit, das insgesamt 41 Maßnahmen umfasst.

Netzeitung: Auch Lula da Silva, einst von der Diktatur verfolgt, nun «Arbeiterpräsident», scheitert offenbar an den leeren Staatskassen. Die angekündigte Revision der Rechtmäßigkeit der Schulden wird aber hinausgezögert.

Ziegler: 242 Milliarden Dollar, die zweitgrößte Auslandsschuld der Welt, hat Lula von der Militärdiktatur und den fünf auf sie folgenden neoliberalen Präsidenten geerbt, eine Schuld die bereits mehrmals zurückbezahlt worden ist und zum Teil auf Urkundenfälschung und mehrfacher Verrechnung basiert. Lula hat sich dieser Schuldknechtschaft gebeugt, in einer Doppelstrategie, wie er sagt: Zuerst muss er die Währung, den Real retten, also das Vertrauen der Märkte wiedergewinnen.

Man kann sich als Europäer nicht vorstellen, was das Phantom von Allende für diese Generation von Lateinamerikanern bedeutet: Ein demokratisch gewählter Präsident mit einem sozialen Programm, das Programm der 101 Punkte der Unidad Popular, der ermordet wird. Auf ihn folgt Pinochet. Das ist ein Trauma für Lula, der deswegen übervorsichtig ist: Wir sollen diese wilden Tiere nicht provozieren, wir werden zahlen, zahlen, zahlen, und wenn sie sich beruhigt haben, dann, erst dann, werden wir die Schuld prüfen.

Netzeitung: Sie fragen sich, ob die Regierung Lula da Silva diesen Spagat überleben kann.

Ziegler: Ob er das durchstehen kann oder nicht? Jetzt ist der kritische Moment, wo die Partei beginnt auseinander zu fallen und die Mehrheit der Armen sich fragt: Was nützt denn das? Ein Arbeiter mit Bart, dem Finger fehlen, einer von uns, ist an der Macht. Aber was macht er besser als die anderen?

Jetzt also ist ein kritischer Moment, und jetzt ist die internationale Solidarität gefragt, der Druck auf unsere Regierung und unsere Presse, damit der deutsche, schweizerische, französische Finanzminister im Weltwährungsfonds für die Schuldenstundung in Brasilien stimmt – im Namen der Kinder, die am Hunger sterben.

Netzeitung: Sie sprechen auch von korrupten nationalen Eliten, die das Volk bestehlen. Der westliche Verbraucher kann sich zwar Boykott-Maßnahmen gegen besonders gnadenlose Unternehmen anschließen, gegen korrupte Beamte in Afrika hat er jedoch nichts in der Hand.

Ziegler: Die Korruption ist ein schlimmes Phänomen, aber es ist ein Sekundärphänomen, induziert von der generellen Machtlosigkeit der armen Staaten, wo die Produktionskräfte nicht entwickelt sind, wo sich keine Zivilgesellschaft entwickeln konnte, die den Staat kontrolliert. Was wir in diesem gegenwärtigen Zustand machen können, ist, dass wir die internationalen Institutionen und die Konzerne überwachen, damit diese die Korruption nicht weiter fördern.

Dass etwa Kredite nur gegeben werden, wenn der Nutzen für die Bevölkerung nicht nur vorher festgelegt, sondern auch tatsächlich kontrolliert wird. Das kann die öffentliche Meinung bei uns tun. Gegen die korrupten Minister selbst kann nichts unternommen werden.

Netzeitung: Um auf die unsichtbare Hand zurückzukommen: Solange vor allem die westlichen Gesellschaften von der Naturwüchsigkeit des Ökonomischen überzeugt sind, nützt alle Kritik im Einzelnen wenig.

Ziegler: Das ist ja unser Kampf. deswegen schreiben Sie, und deswegen schreibe ich. Um diesen neoliberalen Wahn zu entlarven als das, was er ist. Bourdieu hat gesagt: Neoliberalismus ist wie Aids, er zerstört zuerst das Immunsystem des Opfers. Es gilt die Immunkräfte zu mobilisieren durch die analytische Vernunft und sich daran zu erinnern, was die Aufklärung gefordert hat: Der Austritt des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Es gibt keine ökonomischen Naturgesetze, Ökonomie ist eine Instrumentalität, sie dient lediglich gesellschaftlichen Zielen, die normativ und demokratisch definiert werden. Und der Konsensus von Washington, also die Ultraliberalisierung, ist eine falsche Weltsicht, die zu den gegenwärtigen Opferzahlen und zur Praxis der Erschleichung des Reichtums führt.

Netzeitung: Man könnte einwenden, dass der Reichtum heute stetig wächst, was auf die eine oder andere Art allen zugute kommt.

Ziegler: Die Privatisierung aller öffentlichen Güter bringt unglaubliche Profite und schafft Reichtümer, das ist auch gar kein Problem. Seit die Sowjetunion zusammengebrochen ist, also in der Dekade von 1992 bis 2002, hat sich das Weltsozialprodukt mehr als verdoppelt. Der Weltmarkt hat die magische Sechs-Milliarden-Dollar-Grenze pro Jahr durchbrochen und sein Volumen somit mehr als verdreifacht. Der Energieverbrauch verdoppelt sich alle vier Jahre.

Natürlich funktioniert der Neoliberalismus und die Privatisierungsstrategie in der Akkumulation. Aber es entsteht keine Weltordnung, die annehmbar wäre. Nein, es entstehen oligarchisch monopolisierte Reichtümer. Und es entstehen Pyramiden der Opfer, die in den Himmel wachsen. Deswegen ist die Profitmaximierung als Ziel wirtschaftlichen Tuns und die Naturalisierung wirtschaftlicher Vorgänge eine Lüge, die bekämpft werden muss.

Netzeitung: Das Beispiel der Gentechnologie, insbesondere der Patentierung von Lebewesen, das Sie in Ihrem Buch anführen, scheint sich für den Kampf um die Gewinnung der öffentlichen Meinung am besten zu eignen.

Ziegler: Dieses Beispiel zeigt, dass in der Mentalität der Kosmokraten kein Lebensbereich der Profitmaximierung entkommen soll. Leben reproduziert sich gratis, und das ist ein Horror für die Kapitalisten. Deshalb gibt es jetzt bereits Patente auf alle möglichen Lebewesen. Das ist die inhärente Logik des organisierten Mangels.

Mit Jean Ziegler sprach Ulrich Gutmair.

 
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