Du bist Deutschland:
Du bist von gestern
Der alles in allem begrüßenswerte Umstand, in dem Land geboren zu sein, in dem man die Sprache von Meister Eckart, Karl Marx und Feridun Zaimoglu spricht, wird neuerdings zum Anlass, sich zu fragen, wo man eigentlich lebt: Wenn man beispielsweise morgens das Feuilleton der «FAZ» aufschlägt, freudig einen Text von Dietmar Dath oder Jordan Mejias erwartet, stattdessen aber lesen muss, es sei oberste Patriotenpflicht, sich mit Katarina Witt zu identifizieren.
Der Slogan «Du bist Katarina Witt» und ein Schwarzweißfoto derselben beherrschen eine doppelseitige Anzeige, die im Kleingedruckten munter vor sich hin plappert: «Der Weg an die Spitze ist eishart. Die Gefahr auszurutschen groß.» Während ihres Trainings, so ist weiter zu erfahren, «stürzte die Eiskunstläuferin über 10.000 Mal. Doch ihr Wille war gut gepolstert und ihr Sportsgeist half ihr wieder und wieder auf die Beine.»
Fällt einem sensiblen Menschen angesichts derart kaputter Metaphern und einem Lobpreis auf den so linientreuen wie geschäftstüchtigen Honecker-Darling schon nichts mehr ein, gelingt es dem Kampagnenslogan, die Peinlichkeit noch auf die Spitze zu treiben: Ich bin also Deutschland. Sonst noch Wünsche?
Die These, dass es sich ganz genau so verhält, lässt sich in einem eben auf Deutsch erschienen Buch des Briten Steve Crawshaw nachlesen. Im Vorwort zu «Ein leichteres Vaterland» schreibt er: «Wenn man von Normalität als Ziel besessen ist, wird das wenig helfen. Aber von einer Beinahe-Normalität ist das Land nur einen Schritt entfernt, was immer als nächstes passiert. Und das ist kein Grund zur Panik.» Das heutige Deutschland scheint Crawshaw gar «das Beste zu sein, das wir je hatten». (Dass der Übersetzer statt des hier wohl gemeinten «besten Deutschlands» gleich «das Beste» überhaupt erblicken will, dürfte über das von Crawshaw anvisierte Ziel allerdings hinausschießen.)
Während es überdies lange Zeit gute Gründe dafür gegeben hat, dass die Deutschen das eigene Leid hintan stellten, sei es inzwischen «kein Tabu» mehr, den eigenen Toten, vor allem den Vertriebenen und im Bombenkrieg Getöteten, zu gedenken. Möglich wurde dies, so der Dialektiker Crawshaw, aber gerade nicht, weil sich die Mentalität des Schlussstrichs, die sich während des Historikerstreits der Achtziger Geltung verschaffen wollte, endlich durchgesetzt habe. Vielmehr sei das genaue Gegenteil der Fall: Deutschland könne heute gerade deswegen als relativ normales Land gelten, weil es sich nach langen Kämpfen seiner Geschichte gestellt habe.
Erst die Erinnerung an die singulären Verbrechen des 20. Jahrhunderts ermögliche dem Land, «sich in eine weniger komplexbeladene Zukunft zu bewegen», glaubt Crawshaw. Nun allerdings gelte es angesichts der wirtschaftlichen Probleme des Landes, den schon sprichwörtlichen Reformstau endlich aufzulösen, was angesichts der deutschen Konsensdemokratie keine leichte Aufgabe sei.
Einen Hinweis darauf liefert vielleicht ein Beitrag in dem ebenfalls gerade erschienenen Sammelband «Stolz deutsch zu sein?». Die Psychoanalytikerin Ute Benz geht dort dem Zusammenhang zwischen Stolz und Scham nach und liefert gewissermaßen das Gegenstück zu Crawshaws dialektischer These, das folgendermaßen lautet: «Überall dort, wo Stolz mit besonderer Vehemenz proklamiert wird, erhalten wir zugleich einen Hinweis darauf, dass gegenteilige Gefühle der Scham direkt oder unterschwellig beunruhigen mit der Folge, dass sie aus dem Bewusstsein getilgt, d.h. abgewehrt werden müssen.»
Benz kommt zum Schluss: «Vorausgesetzt diese Rechnung sei erlaubt, um abstrakte Zahlen in ihre reale Bedeutung zu übersetzen , in leitenden Positionen der Unternehmen sitzen mindestens vier Personen, die den Entschluss, nicht auszubilden, tragen, so gibt es zwei Millionen Erwachsene an entscheidenden Stellen, die mit der nächsten Generation verantwortungslos umgehen.» Wenn es im Manifest der «Mutmacher-Kampagne» heißt: «Egal, welche Position du hast. Du hältst den Laden zusammen. Du bist der Laden», dann dürfte sich so mancher Angesprochene fragen, von welchem Laden hier überhaupt die Rede ist.
In Amerika, wo das Recht auf das Streben nach Glück Verfassungsrang hat, würde man jedenfalls wohl kaum darauf kommen, junge Menschen motivieren zu wollen, indem man ihnen erzählt, was das Manifest der Kampagne zum Besten gibt: «Dein Wille ist Feuer unterm Hintern. Er lässt Deinen Lieblingsstürmer schneller laufen und Schumi schneller fahren. Egal wo du arbeitest.»
Die Vorstellung, die Zielgruppe könne den Ehrgeiz besitzen, selbst mal Lieblingsstürmer oder ein zweiter Schumi zu werden, kommt den Copywritern, die ihre Leser ständig und auf penetrante Art und Weise duzen, anscheinend nicht in den Sinn. Stattdessen weisen sie ihrer Klientel ganz selbstverständlich den Rang von fleißigen Ameisen zu, die brav am großen deutschen Ganzen werkeln sollen: «Wieso schwenkst du Fahnen, während Schumacher seine Runden dreht? Du kennst die Antwort: Weil aus deiner Flagge viele werden und aus deiner Stimme ein ganzer Chor.»
Anlässlich der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung seines Buchs diskutierte Steve Crawshaw in der Britischen Botschaft vor kurzem mit den Historikern Frederick Taylor («Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945») und Götz Aly («Hitlers Volksstaat») über Deutschland im 21. Jahrhundert.
Aly bedauerte dort das weiterhin in Deutschland herrschende Missverständnis, Staat und Gesellschaft für Synonyme zu halten. Erst der nicht mehr zu leugnende Zwang zu Reformen habe endlich den zwangsweisen Abschied von der Volksgemeinschaft eingeläutet. Das aber ist ein Gedankengang, der in den Korridoren von Jung von Matt & Co. nicht verstanden wird. Hier träumt man selig weiter den Traum vom Staat, mit allem eins zu sein: «Du bist von allem ein Teil. Und alles ist ein Teil von dir.»
Steve Crawshaw: Ein leichteres Vaterland. Deutschlands Weg zu einem neuen Selbstverständnis, Campus Verlag 2005. 310 Seiten, 24,90 Euro.
Wolfgang Benz, Ute Benz (Hrsg.): Stolz, deutsch zu sein?, Aggressiver Anspruch und selbstverständlicher Patriotismus, Metropol Verlag 2005, 17,- Euro.

