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Esther Schapira: 

Keine Sympathie mit den Attentätern

11. Okt 2005 07:35
Der 16-jährige Attentäter Mohammed Besharat unmittelbar nach seiner Festnahme
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Im Gespräch mit der Netzeitung kritisiert die Regisseurin Esther Schapira den Kinofilm «Paradise Now». Sie selbst hat auch einen Film über Selbstmordattentate gedreht, kommt darin aber zu anderen Schlüssen.

Esther Schapira ist Redakteurin beim Hessischen Rundfunk und hat mit «Der Tag, als ich ins Paradies wollte» einen Dokumentarfilm gedreht. Es geht darin um einen gescheiterten Selbstmordattentäter, dessen Familie und den israelischen Busfahrer, der das geplante Attentat verhindert hat.

Schapira kritisiert nicht nur den neuen Spielfilm «Paradise Now» zum selben Thema, sondern auch die Entscheidung der Bundeszentrale für politische Bildung, diesem ein Filmheft zu widmen.

Am 11. Oktober diskutiert Schapira mit Roman Paul, dem Produzenten von «Paradise Now», und Dr. Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für Politische Bildung, auf einer gemeinsamen Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung und des American Jewish Committees. Ihr Film ist am 16. Oktober um 23:45 im HR3 zu sehen.

Netzeitung: Was bemängeln Sie an dem Film «Paradise Now», der jetzt in mehreren deutschen Städten angelaufen ist?

Schapira: Er stellt auf einer irrationalen Ebene Sympathie mit Selbstmordattentätern her und ist in seiner Aussage sehr missverständlich. Der wirkliche Held ist derjenige, der am Ende seine Ängste überwindet und das Attentat durchführt.

Esther Schapira
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Die einzige Person, der eine andere Position zu Selbstmordattentaten zugestanden wird, ist eine Exilpalästinenserin, die dadurch, dass sie die Situation nicht am eigenen Leib erlebt hat, nur eine geringe Glaubwürdigkeit besitzt. Für ein arabisches Publikum diskreditiert Suha sich außerdem auch durch ihr westliches Verhalten.

Netzeitung: Aber das würde ja ein deutsches Publikum nicht stören.

Schapira: Dieses nimmt einen jungen gutaussehenden Mann wahr, der mit einer jungen Frau flirtet, die ihm erklärt, er solle das Attentat nicht ausführen. Er erklärt ihr, warum er es dennoch tun muss, was sie, als Außenstehende, nicht versteht. Die Botschaft heißt also: Wir im Westen können nicht verstehen, was in der West Bank vorgeht.

Netzeitung: Welche Bedeutung hat die Tatsache, dass Suha ihren besten Freund überredet, den Anschlag nicht durchzuführen?

Schapira: Das tut sie ja nicht. Er kehrt zurück, weil er im entscheidenden Moment Angst bekommen hat. Der Ablauf des Attentats ist sehr unrealistisch geschildert, weil das Auto, das sie über die grüne Linie bringt, von jüdischen Israelis gefahren wird. Dann ist der Bus in Tel-Aviv, in dem er sich in die Luft sprengt, voller Soldaten. Das ist nicht realistisch, aber natürlich kann Abu-Assad keinen Bus mit Zivilisten zeigen, weil sonst der simple Effekt verwässert würde.

Netzeitung: Es sind mindestens zwei Zivilisten im Bus.

Schapira: Der Eindruck ist, dass das Militär dominiert. Es ist offensichtlich, dass Abu-Assad das tut, weil er weiß, dass er den Film im Westen nicht verkaufen könnte, wenn der Eindruck entstünde, er ruft zum Mord an Zivilisten auf.

Menashe Nuriel, Busfahrer der Linie 963
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Wenn der Film wirklich eine Absage an Selbstmordattentate wäre, wie hier in den Medien immer behauptet wird, dann könnte er ja auch in einen Bus mit Zivilisten steigen. Der Film wurde außerdem nach den Anschlägen in London vom Cambridge Film Festival abgesetzt.

Netzeitung: Wie erklären Sie sich, dass die allermeisten deutschen Kritiken den Film positiv sehen?

Schapira: Häufig wird der Film gelobt, weil es schon als Erfolg angesehen wird, dass ein Palästinenser überhaupt einen Film macht. Das halte ich für reine koloniale Arroganz. Auch ist Hany Abu-Assad in Holland zur Universität gegangen und ein bekannter Filmemacher. Er ist also kein Olivenbauer, der plötzlich eine Kamera in die Hand genommen hat. Den Film in dieser bevormundenden Art zu loben, bedeutet, ihn nicht ernst zu nehmen. Der Film hat aber von allen politischen Vorbehalten abgesehen auch große filmische Schwächen.

Netzeitung: Sehen Sie Ihren Film als Gegenfilm zu «Paradise Now»?

Schapira: Dass beide Filme gleichzeitig entstanden sind, ist Zufall, und dennoch ist es in dem Sinne ein Gegenfilm, als er eine ganz andere Realität darstellt als «Paradise Now». Dieser blendet die wichtigste Frage der Rekrutierung der Selbstmordattentäter völlig aus und zeigt die Konsequenzen des Anschlages nicht. Ein Film, der nicht beide Seiten personalisiert, hat immer auch einen propagandistischen Effekt.

Netzeitung: Wie bewerten Sie die Entscheidung der Bundeszentrale für politische Bildung, «Paradise Now» an Schulen zu zeigen?

Schapira: Diese Entscheidung ist falsch. Der Film ist nicht für eine Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt in der Schule geeignet. Er setzt zuviel Hintergrundwissen voraus, das weder Schüler noch Lehrer haben.

Leider wird der Spielfilm auch nicht als solcher rezipiert, sondern als Dokumentarfilm. Die deutschen Kritiker sehen den Film alle politisch, niemand fragt nach seinem künstlerischen Wert. Wenn der Bundeszentrale das Thema wirklich so am Herzen liegt, dann sollte sie eine Unterrichtseinheit zum Nahostkonflikt konzipieren.

Netzeitung: Warum wird der Film als Dokumentarfilm verstanden?

Schapira: Hany Abu-Assad erklärt immer, wenn er auf inhaltliche Schwächen hingewiesen wird, es sei ja nur ein Spielfilm. Wenn man ihn dann aber darauf anspricht, dass die Realität doch ganz anders aussehe, erklärt er, er habe sehr lange recherchiert und der Film sei sehr authentisch. Man kann ihn so nie auf eine Haltung festlegen.

Unser Film ist für das Fernsehen gedreht worden. In einem zweiten Schritt wird er nun in Zusammenhang mit «Paradise Now» in einigen Kinos gezeigt. Unser Film wäre sehr gut für die Schule geeignet, gerade weil er zeigt, was in so einem palästinensischen Jungen vorgeht und nicht alles schwarz-weiß malt.

Netzeitung: Ihr HR-Kollege bei diesem Film, Georg Hafner, meint, die Israelis trügen indirekt Mitschuld an den Selbstmordattentaten. Hier zum Beispiel wurde vorher Walid, ein Cousin des Attentäters Mohammad, durch die israelische Armee getötet.

Schapira: Sicherlich hatte die «gezielte Tötung» von Walid eine enorme motivierende Wirkung auf Mohammad. Aber das war nicht allein der Grund für seine Entscheidung. Die Rekrutierung wurde durch die anti-jüdische Schulbildung und das Fernsehprogramm ermöglicht. Seine Helden waren die Anführer des Islamic Jihad und der Hamas, die die Palästinenser als Helden verehren. Diese Jungs wollen solchen Vorbildern nacheifern. Zu Mohammads Rekrutierung gehören auch der Märtyrerkult sowie die Versprechung der Jungfrauen im Paradies, die während der Pubertät enorm attraktiv ist. Der damals 16-jährige Mohammad hat dies nach seiner Festnahme selbst geschildert.

Netzeitung: Mohammad wurde bei Walids Beerdigung rekrutiert.

Schapira: Er wurde dort von seinem besten Freund gefragt, ob er Mitglied beim Islamischen Dschihad werden wolle. Nachdem er zugestimmt hatte, wurde sehr bald gefragt, ob er sich vorstellen könne, ein Selbstmordattentat auszuführen. Er ist also gezielt rekrutiert worden und hat nicht selbst diese Idee entwickelt.

Netzeitung: Ist es nicht sehr ungewöhnlich, dass sich Mohammads Eltern in ihrem Film so offen gegen Selbstmordattentate aussprechen?

Schapira: Heute hört man solche Statements häufiger, und das ist ein gutes Zeichen. Aber auch früher haben viele Palästinenser Selbstmordattentate abgelehnt und doch den Gruppenzwang nicht ausgehalten.

Fathye Besharat, Mohammeds Mutter
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Es ist immer noch gefährlich, so offen seine Meinung zu sagen und daher sehr mutig, dass die Eltern Selbstmordattentate grundsätzlich so offen kritisieren.

Sie erklären, dass der, der ihn geschickt hat, in zweifacher Hinsicht ein Mörder ist: Er ermordet Israelis und die Attentäter, die im Alter von 15 oder 16 Jahren nicht in der Lage sind, zu beurteilen, ob sie das wirklich tun wollen. Insbesondere die Mutter hat keinen Zweifel daran gelassen, dass sie das grundsätzlich ablehnt. Der Vater fühlt sich auch in seiner väterlichen Autorität gekränkt, schließlich wurde sein Sohn ohne seine Zustimmung rekrutiert.

Mit Esther Schapira sprach Igal Avidan.

 
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