Osangs «Nachrichten»: 

netzeitung.deDie Stasi als Opferlamm

 Herausgeber: netzeitung.de

Der Dokumentarfilmer Konrad Weiß erkennt in Alexander Osangs Film «Die Nachrichten» eine «denunziatorische Grundhaltung».

Von Konrad Weiß

Als Kind hatte ich unter meinen Bücherschätzen ein schmales Reclam-Bändchen von Franz Werfel. Es übte auf mich wegen seines merkwürdigen Titels enorme Anziehungskraft aus: Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig. An diesen paradoxen Satz fühlte ich mich erinnert, als ich gestern im ZDF den Film «Die Nachrichten» nach Alexander Osangs gleichnamigen Kolportageroman sah.

Ein paradoxer Film über intrigante Journalisten und Stasijäger, korrupte Fernsehleute und Behördenleiter, einen angepassten Tagesschausprecher, der aus dem Osten kommt und sich in eine steinreiche Bierbrauertochter verliebt (wie sie bekanntlich im Westen auf jeder beliebigen Party aus- und anzumachen sind), und über einen wahrhaft edlen und charaktervollen tragischen Helden, der nur leider früher Stasioffizier war.

Was das ZDF bewogen hat, diesen Film ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit seinen Zuschauern zuzumuten, ist mir rätselhaft. Wollte man den Kollegen von der ARD, denn die sind im Film unübersehbar gemeint, eins auswischen? Wollte man sein Gespür für die wirklich naheliegenden, relevanten und wichtigen Themen in Ostdeutschland - die Befindlichkeit ehemaliger Stasileute? - unter Beweis stellen und damit vielleicht gar den Ostdeutschen etwas Gutes tun? Glaubt man wirklich, so seien wir, die DDR-Bürger gewesen, wie dieser Film es seinen Zuschauern weismachen will? Oder hat man bloß nicht gemerkt, was für ein Kuckucksei Alexander Osang dem Sender ins Nest gelegt hat?

Osangs Osten wie Osangs Westen haben jedenfalls mit der Realität nichts zu tun.

Was «Die Nachrichten» so ärgerlich macht, ist die völlige Verzerrung der deutsch-deutschen Wirklichkeit, die Reduzierung schwieriger Auseinandersetzungen und Prozesse auf primitive - und deshalb letztlich auch langweilige - Klischees. Und eine denunziatorische Grundhaltung, die den ganzen Film durchzieht.

Der Regisseur Matti Geschonneck schreibt, wenn er sich ein Plakat für seinen Film wünsche, dann sollte es ein Strichmännchen zeigen und daneben, so groß wie das Strichmännchen selbst, einen Zeigefinger, der sich bereit macht, das Männchen wegzuschnipsen.

Genauso strichmännchenhaft ist ihm der Film geraten. Es gibt keine Charaktere, sondern Abziehbilder, die Osang und Geschonneck akribisch gesammelt und in ihr Album – das Buch, den Film – geklebt haben. Und es gibt den unübersehbar roten Zeigefinger. Leider bleibt die Wahrheit, auch die politische Wahrheit, auf der Strecke. Der Film bedienet alle Vorurteile jener, denen die Wiedervereinigung sowieso nicht passt.

Und für die die friedliche Revolution der Ostdeutschen nichts anderes als ein Verrat an ihren menschenverachtenden Idealen war und ist.

Jan Josef Liefers, der den Tagesschausprecher Landers spielt, meinte in einem ZDF-Interview, es gehe im Film nicht um die Stasi, sondern um die Spätfolgen. «Osang sieht die Stasi eher wie eine traurige, deutsche Blüte, diesen Blick teile ich.» Das ist ein Satz, den man ihm um die Ohren schlagen sollte. Auch wenn Schauspieler nicht klug sein müssen, so blind kann doch niemand sein, den schlimmsten und ekelhaftesten Repressionsapparat, der sich denken läßt, als eine «traurige, deutsche Blüte» zu umschreiben.

Aber, und das ist das Schlimme, der Satz passt zum Film. Und er entlarvt ihn zugleich. Der Sozialismus war doch gar nicht so schlecht, heißt das zum hundertsten Mal. Dieses großartige Projekt ist leider nur von ein paar unfähigen alten Männern vor die Wand gefahren worden. Dass aber das ganze Unternehmen per se ein Verbrechen war, kommt in der blassen Weltsicht des Films nicht vor.

So hat es auch eine innere Logik und eine dramaturgische Konsequenz, dass die einzige sympathisch gezeichnete Figur des Films Landers Führungsoffizier ist.

Landers selbst ist ein überangepasster, langweiliger Strebertyp, der nicht zu dem steht, was er war und ist, sondern sich in die bunten Oberflächlichkeiten eines Westlebens geflüchtet hat, das bei Osang bloß noch Karikatur ist.

Der Roman wälzt es bis zur Unerträglichkeit aus, es muß Osang wohl wirklich fasziniert und besoffen gemacht haben.

Der Film gibt sich darin sparsam, aber er denunziert den Osten auf subtilere Art: Er setzt die dumpfe Neubrandenburger Bahnhofskneipe gegen das schrille Hamburger Nachtlokal, die verstaubte Amtsstube der Provinzzeitung im Osten gegen die klare Sachlichkeit des Spiegel-Redaktionssaals, die verfallenden Plattenbauten gegen die Attraktivität des Hamburger Speicherviertels, die unprätentiöse Landschaft Vorpommerns gegen ein pittoreskes Sylt.

Ganz ähnlich verzerrt und verzeichnet er die Charaktere. Die Spiegel-Redakteurin ist bei Osang eine fanatisch verbissene und korrupte Karrierefrau, die für eine Geschichte bereits ist, nicht nur in jedes Bett, sondern auch über Leichen zu gehen. Anders, so die unterschwellige Botschaft, kommt eine aus dem Osten im Westen nicht weiter.

Der Lokalreporter ist etwas sympathischer, schließlich ist er ja auch im Osten geblieben, aber für seine Story besticht er einen armen, unterbezahlten Archivar, der dann nachts an sein Gartentor geschlichen kommt und ihm die Landers inkriminierende Karteikarte verkauft. Ein Judas aus der Gauckbehörde.

Dass Geschonneck diese Rolle mit einem Schauspieler besetzt, den jeder DDR-Zuschauer als ewigen FDJ-Funktionär oder Edelkommunisten vor Augen hat, ist eine der vielen kleinen Injurien, die zeigen, worum es wirklich geht.

Unerträglich platt auch die Beamten der Bundesbehörde, der eine ein unfähiger, eitler Wessie, der in den Osten abgeschoben worden ist. Der andere ein glatter, in die Spiegel-Reporterin verknallter alter Narr, der Informationen gegen schmachtende Blicke verkauft.

Mit der realen, akribischen Arbeit der Bundesbehörde und ihrer Außenstellen hat das nichts, aber auch gar nicht zu tun. Auch das wiederum ist nichts anderes als gewollt diskreditierend. Mitte der neunziger Jahre, die der Film zeigen soll, war der Umgang mit den Stasiakten längst festen Regeln unterworfen und wurde jedenfalls anders gehandhabt, als der Film glauben machen will.

Die Medienleute schließlich, sei es beim Spiegel, sei es bei der Tagesschau, sind durchweg unangenehme Fieslinge, eben Wessies. Sie alle jagen den armen Landers, der sich, wie alle überführten Spitzel im wirklichen Leben auch, an nichts mehr erinnern kann. Nur, beim ihm war wohl wirklich nichts, nur ein Lied von Udo Lindenberg, was dann für seinen Tarnnamen «Pankow» herhalten musste.
Sein Führungsoffizier entlastet ihn jedenfalls noch, bevor er aus dem Fenster springt.

Wieviele andere Leben er zuvor zerstört hat, darüber sagt der Film nichts. Das ist auch nicht der Grund für den Selbstmord, sondern das Westgeld, von dem er fürchtet, es könne ihn zum Verrat verleiten. Zum Verrat von Interna eines Unterdrückungsapparats, der im Parteiauftrag systematisch die Menschenrechte verletzt, das Recht gebrochen und Menschen zerstört hat.

Und an dem er wissend und aktiv beteiligt war. Buch und Film aber versuchen den Eindruck zu oktroyieren, der Stasioffizier sei das eigentlich Opfer, das Opfer eines Komplotts von Medien, Politik und Behörden. Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig... Der sentimentale Abschiedsbrief, den Osang seinen aufrechten Tschekisten schreiben lässt, wird unbedarfte Gemüter zu Tränen gerührt haben.

Zumal doch die herzlose Spiegel-Frau die nachgelassene Stasiprosa dem Reißwolf überantwortet - mal eine andere Variante des bekannten Themas.

Alexander Osang, das sticht ins Auge, schreibt wie einer, der immer überall dazugehören wollte, aber nie dazugehört hat, weder damals in der DDR noch heute im wiedervereinigten Land.

Das kann ja sympathisch sein. Aber bei Osang ist daraus purer Zynismus geworden. Der entscheidende Unterschied zu seinem Helden Jan Landers, so sagt Osang über sich, sei der, dass er nie etwas bei der Stasi unterschrieben habe. Sonst ist er wirklich so wie sein Held? Wahrscheinlich macht gerader dieser kalte Zynismus den Erfolg seines eher belanglosen Textes aus.

In einem Nachsatz bedankt Osang sich bei der Gauck-Behörde und bei der Tagesschau, die ihn hätten recherchieren lassen, ohne dass er seine Absichten offengelegt habe.

Er mag das für investigativen Journalismus halten. Mich erinnert sein Vorgehen und sein infantiler Stolz darauf eher an die Schnüffelpraxis des Staatssicherheitsdienstes. Auch dessen Berichte waren immer eine wüste Mischung aus Ideologie und Wahrheit.

Osangs Buch und Film, dessen bin ich mir sicher, werden den herzlichen Beifall der Stasirentner und SED/PDS-Genossen gefunden haben, ihr hämisches Gewieher über die dämlichen Demokraten wird das Opus begleiten.