29.09.2005
Herausgeber: netzeitung.de
'Smiley Mandala' von Virginia Fleck
Foto: Finesilver Gallery
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Das Art Forum Berlin feiert zehnten Geburtstag und erweist sich weiterhin als Umschlagplatz für aktuelle Kunst. Dass bei manchem Gemälde die Farbe noch feucht ist, ist nicht nur eine Metapher.
Von Ulrich GutmairWo sind die Bürger? Auf Candida Höfers Fotografie «Palais Garnier Paris XIV», das bei der Galerie Karlheinz Meyer aus Karlsruhe für 21.000 Euro erworben werden kann, sind die Ränge des altehrwürdigen Opernhauses völlig leer. Als Architekt Charles Garnier von Kaiserin Eugénie de Montijo gefragt wurde, ob sein Haus denn in griechischem oder römischem Stil erbaut sei, antwortete der Meister der Legende nach: «Im Stil Napoleons III., Madame.» Als die Oper 1875 fertig gestellt war, herrschte schon die Dritte Republik. Vorher hatte der Usurpator der Revolution von '48 allerdings noch dem Impressionismus den Weg in die Öffentlichkeit geebnet. Die Wege des Fortschritts sind verschlungen.
Mit einem ganz anderen überkommenen Format bürgerlicher Repräsentationskultur beschäftigt sich ein weiterer Künstler der Galerie. Auf Axel Weis' Gemälde, «Ohne Titel» (6200 Euro), stützt sich ein merkwürdig unscharf wirkender, Anzug tragender Mann mittleren Alters auf einen Bücherstapel. Als das Bild in die Ermisch-Hallen transportiert wurde, war die Farbe noch feucht, sagt Karlheinz Meyer, der seit zehn Jahren auf der Messe ausstellt, und er meint es keineswegs metaphorisch.
Vorübergehende EinfuhrDer Galerist bestätigt damit den Ruf des Art Forum, die aktuellste unter den großen Kunstmessen zu sein. Viele der hier vertretenen Galerien stützen sich auf ein Heer junger, darunter auch vieler internationaler Künstler, deren Ateliers sich dank vergleichsweise günstiger Mieten und einem weithin gerühmten Klima kultureller Produktivität häufig in Berlin befinden. Das Stadtmarketing beruft sich gerne auf das Labor Berlin, ohne allerdings nennenswert zu dessem Erhalt beizutragen.
Die im zehnten Jahr der Messe nun zum zweiten Mal angeschlossene Ausstellung mit Arbeiten von in Berlin arbeitenden Künstlern will mit ihrem Titel «Temporary Import» auf eben diesen Umstand hinweisen. Denn Kuratorin Susanne Titz hält den viel gepriesenen Zustand einer vitalen Kunstszene durchaus für prekär: «Wie sichtbar ist diese Internationalität, wo sind die Ausstellungen? Wie viel Aufmerksamkeit kann die internationale Szene auf sich ziehen, wenn es in dieser Stadt an öffentlichen Institutionen, Kunsthallen und Museen für Gegenwartskunst fehlt? Und: Bemerkt Berlin in seiner Metropolenstimmung, dass es allzu leicht bei einer nur 'vorübergehenden Einfuhr' bleiben könnte, wenn sich in dieser Hinsicht nichts ändert?»
Verlorene SeelenDer Appell der Kuratorin richtet sich nach draußen, an die Politik, während drinnen, auf dem Marktplatz, an der Konsolidierung des Standorts gearbeitet wird. Berlin ist gewissermaßen der Wilde Westen des internationalen Kunstmarkts. Auch wenn die Preise auch in diesem Segment ganz offensichtlich stetig steigen, können nirgendwo anders Arbeiten so vieler junger Künstler relativ günstig erworben werden. Etwa diejenigen des 1979 in Berlin geborenen Dennis Rudolph, der am Stand von Jette Rudolph präsentiert wird. Er arbeitet mit einer immer schon seltenen, und heute kaum mehr angewandten Technik der Kombination von Radierung und Kaltnadel.
Auch Rudolphs Sujets drängen aus der Vergangenheit, aus den Archiven des Unbewussten und Verdrängten ans Licht. Darunter finden sich Porträts eines deutschen Soldaten und eines Generals aus dem Zweiten Weltkrieg, aber auch allegorische Kompositionen, die unter anderem von deutscher Romantik und ihrer totalitären Apotheose handeln. «Der Marsch der verlorenen Seelen» (1.200 Euro) zeigt ein Heer kaum erkennbarer Figuren, deren endlos erscheinender Treck sich durch eine Gebirgslandschaft schleppt. Eingerahmt wird die Szenerie von zwei gerade in sich zusammen stürzenden Säulen.
Auf der linken der beiden thront ein Reichsadler auf einem Augapfel. Das aus dem Bildrepertoire von Splatter und Horror-Comics stammende Zeichen stört den affirmativen Blick der Einfühlung ins Pathos dieses Untergangs. Rätselhaft bleiben die ebenfalls gezeigten Porträts von Männern aus der Zwischenkriegszeit, etwa dem «Sonnengott». Wer hier zu sehen ist, weiß zwar vorerst nur der Künstler, doch auch dieses anonyme Gesicht spricht auf seine eigene Weise von Körperpanzern und wenig Glück.
Urszenen und OrnamenteBei Grimm / Rosenfeld aus München ist die Reihe «Verbannung aus dem Regenland» von Dennis Scholl zu sehen, drei Aquarelle, die auf eine andere Art altmodisch erscheinen und eben dadurch Aufmerksamkeit erregen. Am gespenstischsten ist Nummer 3 der Reihe, das eine Urszene zu zeigen scheint. Eine Frau mit einem Tierkopf, auf der Lehne eines Sessels sitzend, ist wohl Herrin der Situation, in der ein kleiner Junge mit einer augenlosen Frauengestalt konfrontiert wird, die nur aus Bein und Mund zu bestehen scheint.
Diese so anspielungsreiche wie beunruhigende Komposition katapultiert sich aus dem Rahmen der rundum immer noch gern gezeigten neuen Popmalerei heraus, die Fantasy-Ornamentik, Märchenwälder und leicht depressive, aber gut gestylte junge Leute in immer neue Kombinationen bringt, meist in Gestalt von Bleistift- oder Tuschezeichnungen, die durch zusätzlichen Farbauftrag etwas aufgepoppt werden.
Wenn der offensichtlich etwas träge Markt vom inflationären Überangebot dieser Trendkunst doch einmal Wind bekommen sollte, müssten seine ehernen Gesetze derselben schnell den Garaus machen. Derzeit sind jedoch noch keine Ermüdungserscheinungen auszumachen, Eigen + Art etwa hat mit Yehudit Sasportas erst jüngst eine der technisch versierteren Künstlerinnen des Genres unter Vertrag genommen. Könige sind bei Eigen + Art allerdings bis auf weiteres die hoch gehandelten Rauch + Eder, als durchaus erholsames Kontrastprogramm hat Galerist Gerd Harry Lybke aber auch eine der streng minimalistischen Arbeiten von Carsten Nicolai prominent platziert.
Mandalas mit Wal-MartEin paar Ecken weiter ist bei Carlier / Gebauer ein Modell der Concorde von Marko Lehanka zu bewundern, das aus groben Holz- und Rindenstücken zusammengezimmert ist und 22.000 Euro kostet. Trotz des Materials, das jede Idee von Eleganz dementiert, verliert das beeindruckende Design dieser Fortschrittsikone nichts von seiner Wirkung.
Das Design der bunten Verpackungen der Warenwelt, nämlich die allgegenwärtige Plastiktüte, macht hingegen die amerikanische Künstlerin Virginia Fleck zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten. Sie setzt die mit Logos und Werbeslogans bedruckten Teile solcher Tüten zu filigran gearbeiteten Mandalas zusammen, über denen man in der Koje der Finesilver Gallery aus Texas lange meditieren kann.
Denn zwischen den großen Strukturen und Farbmustern bleiben die Botschaften aus dem Kosmos des Konsums in den Mandalas sicht- und lesbar. Hier erscheint ein einzelner Superman, da die Cover von amerikanischen Trivialromanen, hier ein Werbeslogan, dort eine ganze Smiley-Armee: Der Smiley ist das Logo der Supermarktkette Wal-Mart.
Im Zentrum des «Liberty Mandala» hingehen ruht die Freiheitsstatue, die eine Plastiktüte New Yorker Supermarktkette Morton Williams in der Hand hält, auf der wiederum eben dieses Morton-Williams-Logo zu sehen ist und so fort. Darunter ist zu lesen: «Things you never knew existed... things you thought had gone forever.»
Diskurs der nackten DingeDass man auch Kunst palettenweise verkaufen kann, beweist das «Storage Piece» der koreanischen Künstlerin Haegue Yang, das eigentlich eine Wundertüte ist. Denn die Künstlerin, die ständig auf Achse und immer auf der Suche nach Lagerplatz ist, hat Arbeiten einer ganzen Werkphase, vorwiegend minimalistische Installationen aus Bierkästen, Steckregalen und anderen ganz alltäglichen Gegenständen, zu einem Paket verschnürt, das jetzt den Stand der Galerie Barbara Wien gut zur Hälfte ausfüllt.
Die banale Bierkiste aus Korea, die einst Baustein eines Kunstwerks war, ist hier scheinbar wieder zur Bierkiste, gleichzeitig aber auch zum Bestandteil einer noch größeren Skulptur geworden. Dieses Konglomerat nackter und teils mit Plastikfolie bekleideter Waren erscheint obszöner als alle Verweise auf Pornographie und Gewalt rundherum, vielleicht sogar erhabener.
Das «Storage Piece» lässt keinen Zweifel daran, dass auch die Erzeugung künstlerischen Mehrwerts erstens Ergebnis von Arbeit ist, die zweitens und vor allem im gänzlich immateriellen Raum des Diskursiven wirksam ist. Das transportfertige Paket enthält 13 große Installationen und Objekte, 16 Lackbilder und 4 Photoarbeiten und kann zum Discountpreis von 12.000 Euro erworben werden.