05. Sep 2005 08:35
Der Historiker Wolffsohn bewertet das TV-Duell zwischen Kanzler Schröder und Herausforderin Merkel in einem Beitrag für die Netzeitung als «Farce». Es habe eine Scheinwirklichkeit präsentiert - was am Wahlausgang wenig ändere.
Von Michael WolffsohnScheinwirklichkeit präsentierte das TV-Duell. Eine Farce war es. Und auf diese Weise ist es leider typisch für das heutige Deutschland. Es gaukelte eine Wirklichkeit vor, die es nicht gibt. Wie bei der Medizin gilt in der Politik: Ohne richtige Diagnose keine erfolgreiche Therapie.
Dass Deutschland kränkelt, ja, krank ist, kann bedauerlicherweise nicht bestritten werden. Jeder kennt die Krankheit und fürchtet ihre Verschärfung: Arbeits-, Perspektiv- und Mutlosigkeit, Behäbigkeit, Wachstumsschwäche, Leben von der schrumpfenden Substanz, Pessimismus, immer weniger nachwachsende Menschen, die immer mehr und älter werdende langfristig finanzieren müssen. Das sind nur einige Symptome der deutschen Krankheit.
Wie kann Deutschland geheilt werden, wenn der Heilungsprozess falsch programmiert ist? Falsch programmiert war das TV-Duell Schröder-Merkel von Anfang an. Das ist weder Schröders noch Merkels Schuld. Die schau- und quotensüchtigen Medien haben einen Zirkus veranstaltet und Als-Ob-Politik geliefert. Weshalb?
Ganz einfach: Die personalistische Zuspitzung auf 'Entweder Schröder oder Merkel' ist derzeit total falsch. Sie spielt in Deutschland USA, ohne dass Deutschland USA wäre. Die US-Bürger wählen ihre Nummer eins direkt, wir nur indirekt. Wir wählen Parteien, und die Parteien wählen im Bundestag den Bundeskanzler.
Schröder wirbt für Rot-Grün. Der Abstand von Rot-Grün zu Schwarz-Gelb von CDU/CSU und FDP ist derzeit riesig, ja, uneinholbar. Die meisten Bürger machen – ob zu Recht oder zu Unrecht – Rot-Grün für die deutsche Krankheit verantwortlich.
Bliebe Schröder theoretisch die Möglichkeit von SPD/Rot-Lafontaine/Gysi-Rot und Grün. Diese Koalition wäre eher denkbar – doch nicht mit einem Kanzler Schröder. Das will und kann er nicht, und den wollen und können auch PDS plus Lafontaine nicht. Wenn es also Rot-Rot-Grün gäbe, dann ohne Schröder.
Eine große Koalition? Bundeskanzler Schröder? Dann müsste die SPD stärkste Partei werden. Wer glaubt daran? Niemand. Wer will das derzeit? Eine Minderheit. Eine große Koalition mit Angela Merkel als Nummer eins und Schröder als Nummer zwei? Das wollen weder Merkel noch Schröder. Das macht auch keiner der Beiden.
Das alles beweist: Das TV-Duell bot strukturell, weil falsch programmiert, Nicht- oder Scheinwirklichkeiten. Vor lauter Personalisierung wurde Politik übersehen. Warum? Um Schau und Quoten zu erzielen. So «seriös» ist heute die Darstellung deutscher Politik und Probleme.
Ein Land, das sich das bieten lässt, braucht sich nicht zu wundern, dass seine Krankheit nicht geheilt wird, hat kene Besserung verdient und darf sich getrost auf den weiteren Abstieg vorbereiten
Dass sowohl Merkel als auch Schröder, also Union und SPD, sich diesem Duell stellten, darf man keinem ankreiden. Dass jeder für sich werben wollte, ist (selbst)verständlich.
Schröder ist seit 1998 Deutschlands Chefarzt und konnte die deutsche Krankheit, die er nicht auslöste, weder lindern noch gar heilen. Da er Chefarzt bleiben möchte, redet er den deutschen Patienten ein, dass und wie es ihm und ihr besser ginge. Das TV-Duell bot ihm hierzu eine vortreffliche Gelegenheit. Er nutzte sie.
Angela Merkel hat es schwerer: Sie muss dem kranken Patienten sagen: «Du bist krank.» Das hört kein Kranker gern. Lieber geht er, auch sie, zum anderen Arzt, der eine erfreulichere Diagnose stellt und die schmerzhafte Therapie erspart. Dieser Selbstbetrug ist nachvollziehbar, doch lebensgefährlich.
Dass alle vier Journalisten als Repräsentanten der Patienten nicht darauf pochten, die deutsche Krankheit zu thematisierten, also die Diagnose zu erstellen oder den seit sieben Jahren verantwortlichen Chefarzt Schröder erstellen zu lassen, ist das journalistische Gegenstück zum «Kunstfehler» der Ärzte.
Wie auch immer: Schröder bleibt nicht Chefarzt. Das wird der deutschen Krankheit sicher nicht schaden. Sollte Rot-Rot-Grün koalieren, wird ein anderer Sozialdemokrat Chefarzt. Das brächte der kranken BRD die tödliche DDR-Krankheit.
Mit Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot wird Angela Merkel Bundeskanzler.
Das TV-Duell hat bewiesen: Wie einst Israels Premier Golda Meir ist sie «einer der wenigen Männer» in der Politik ihres Landes. Eine Frau von Format. Ernsthaft, kompetent ums Gemeinwohl bemüht und auch charmant. Angenehm weiblich und alles andere als ein Püppchen.
Die erste Frau und erste «Ossi» an der Spitze unseres kranken Hauses. Das ist jenseits aller Parteigrenzen gut für alle Deutschen. Endlich eine Frau ganz oben. Endlich jemand aus dem Osten in und für und durch ganz Deutschland. Denk ich an Merkels Deutschland in der Nacht, bin ich nicht um den Schlaf gebracht.
Michael Wolffsohn, 1947 in Tel-Aviv (Israel) geboren, ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte.