Weltjugendtag:
Nächstenliebe international
19.08.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Benutzen junge Katholiken wirklich keine Kondome? Diese Frage, die Außenstehende und den Boulevard so sehr faszinieren, spielt bei den Jugendlichen, die sich zum Weltjugendtag in Köln versammelt haben, höchstens eine untergeordnete Rolle. Für sie stehen andere Dinge im Vordergrund: Vor allem das starke Gefühl, einer großen Gemeinschaft anzugehören, die hier ganz besonders intensiv zu erleben ist.
Die junge Pilgerin Sara ist vor allem beeindruckt. Noch nachts um eins sitzt sie mit glänzenden Augen auf der Domplatte in Köln. Gerade hat sie die Domwallfahrt absolviert, ist also auf demselben Weg, den schon die Pilger des Mittelalters beschritten, durch den Dom und am Schrein der Heiligen Drei Könige vorbei gegangen. Faszinierender als die Reliquien findet sie allerdings die Begeisterung und Offenheit der Gläubigen: «Das ist der Hammer! Man kennt einander nicht, aber man tanzt miteinander und begrüßt sich, als ob man sich schon Jahre kennt. Es ist ein total anderes Gefühl als sonst in der Kirche. Man klatscht und singt aus vollem Hals mit. Das ist interessanter und aufregender als normale Sonntagsmessen.»
Für die 16-Jährige ist durch den Weltjugendtag etwas anders geworden: «Meine Art zu glauben hat sich verändert. Ich habe auch vorher an Gott geglaubt, aber immer mit einem Fragezeichen. Ich habe immer gehofft, dass er mir ein Zeichen gibt. Durch den Weltjugendtag hat sich mein Glaube verstärkt. Es ist das schönste Erlebnis in meinem Leben.»
Dagmar geht es ähnlich. «Die KJG gehört fest zu meinem Leben dazu. Auch wenn Verantwortung oft stressig ist, ist es ein geiles Gefühl, etwas bewegen zu können und das, was man erlebt und gelernt hat, an andere weitergeben zu können.» Mehr Bewegung wünscht sich die 22-jährige Studentin allerdings von Seiten der Institution Kirche. «Wenn Kirche weiter eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen spielen will, muss sie versuchen, sich zu bewegen. Wir brauchen zum Beispiel mehr in Richtung Jugendgottesdienste. Andere Musik, andere Arten von Predigt. In der Schule ist Frontalunterricht ja auch out. An so was muss die Kirche auch mal denken.«
Die jungen Christen wollen selbst bestimmen und selbst Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Sie suchen ein offenes Ohr und Unterstützung, aber keine Einschränkungen und Verbote. Sie wollen wahrgenommen werden. Jörg beschreibt dieses Gefühl an einem Beispiel. «Der Papst hat auf seiner Begrüßungstour immer nur zur anderen Seite gewinkt. Das fand ich nicht korrekt. Bei uns war viel mehr los, die Leute sind bis zu den Knien ins Wasser gegangen, ihm entgegen. Sie wollten beachtet werden.»
Trotzdem hat ihm die Begrüßung des Papstes gefallen. Beim Warten hat er viele Leute kennen gelernt. «Es ist das erste Mal, dass ich solch ein Gefühl gehabt habe. Das lässt sich nur schwer beschreiben. Das ist weltumspannend, international. Da gibt es keinen Zwiespalt zwischen den Leuten, nicht wegen der Rasse, nicht wegen Geld. Das hier ist eine Harmonie der Menschen durch die Religion. Wie ein Fußball-Länderspiel mit vielen verschiedenen Ländern, aber die feiern nicht gegeneinander, sondern miteinander.»
Dominique sieht das ähnlich und zieht politische Schlüsse: «Wenn ich Kreuze aus Klassenzimmern verbanne, dann ist das ein Verbot von Glauben. Und das widerspricht einem zentralen Gedanken des Glaubens, nämlich ihn nach außen zu tragen. Wenn ich Glauben ins Private zurückdränge, dann schränke ich eines der zentralen Grundrechte ein, nämlich das der Religionsfreiheit.» Als der Papst kommt, stehen jubelnde Massen am Rheinufer. Die Jugendlichen, die Benedikt XVI. offiziell begrüßen, betonen: «Eine junge Kirche braucht die Jugend, und die Jugend braucht eine junge Kirche.»

