Weltjugendtag: 

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Zwei Pilgerinnen tanzen in der Kölner Innenstadt (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Zwei Pilgerinnen tanzen in der Kölner Innenstadt
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Papst und seine Haltung zu Kondomen interessiert die jungen Pilger weit weniger als das Erlebnis der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Begeisterung der Jugendlichen ist groß.

Von Inga Rapp

Benutzen junge Katholiken wirklich keine Kondome? Diese Frage, die Außenstehende und den Boulevard so sehr faszinieren, spielt bei den Jugendlichen, die sich zum Weltjugendtag in Köln versammelt haben, höchstens eine untergeordnete Rolle. Für sie stehen andere Dinge im Vordergrund: Vor allem das starke Gefühl, einer großen Gemeinschaft anzugehören, die hier ganz besonders intensiv zu erleben ist.

Die junge Pilgerin Sara ist vor allem beeindruckt. Noch nachts um eins sitzt sie mit glänzenden Augen auf der Domplatte in Köln. Gerade hat sie die Domwallfahrt absolviert, ist also auf demselben Weg, den schon die Pilger des Mittelalters beschritten, durch den Dom und am Schrein der Heiligen Drei Könige vorbei gegangen. Faszinierender als die Reliquien findet sie allerdings die Begeisterung und Offenheit der Gläubigen: «Das ist der Hammer! Man kennt einander nicht, aber man tanzt miteinander und begrüßt sich, als ob man sich schon Jahre kennt. Es ist ein total anderes Gefühl als sonst in der Kirche. Man klatscht und singt aus vollem Hals mit. Das ist interessanter und aufregender als normale Sonntagsmessen.»

Für die 16-Jährige ist durch den Weltjugendtag etwas anders geworden: «Meine Art zu glauben hat sich verändert. Ich habe auch vorher an Gott geglaubt, aber immer mit einem Fragezeichen. Ich habe immer gehofft, dass er mir ein Zeichen gibt. Durch den Weltjugendtag hat sich mein Glaube verstärkt. Es ist das schönste Erlebnis in meinem Leben.»

Mehr Bewegung in die Kirche
«Kirche ist da, um Gemeinschaft zu erleben», sagt auch Barbara. Die 23-jährige Pharmazeutisch-technische Assistentin findet diese Gemeinschaft nicht erst beim Weltjugendtag, sie ist in der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) aktiv. «KJG ist für mich lebendige Kirche. Wir haben alle eine ähnliche Einstellung, können über alles reden und diskutieren, und die Meinung des anderen wird akzeptiert. Ein Leben ohne Kirche könnte ich mir nicht vorstellen – und ohne KJG schon gar nicht.»

Dagmar geht es ähnlich. «Die KJG gehört fest zu meinem Leben dazu. Auch wenn Verantwortung oft stressig ist, ist es ein geiles Gefühl, etwas bewegen zu können und das, was man erlebt und gelernt hat, an andere weitergeben zu können.» Mehr Bewegung wünscht sich die 22-jährige Studentin allerdings von Seiten der Institution Kirche. «Wenn Kirche weiter eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen spielen will, muss sie versuchen, sich zu bewegen. Wir brauchen zum Beispiel mehr in Richtung Jugendgottesdienste. Andere Musik, andere Arten von Predigt. In der Schule ist Frontalunterricht ja auch out. An so was muss die Kirche auch mal denken.«

Nächstenliebe genießen
Glauben bedeutet für viele der jungen Pilger vor allem, Nächstenliebe zu leben. Fast alle betonen diesen Aspekt. Sandra, 21, ist morgens um zwanzig vor sechs aufgestanden, um ihren Dienst als Freiwillige Helferin am Hauptbahnhof anzutreten. Wann sie wieder auf ihre Luftmatratze kommen wird, weiß sie nicht, und eigentlich ist das auch nebensächlich: «Es ist so toll, ein Teil davon sein zu können, ein unglaubliches Gefühl! Hier kann ich helfen, hier bin ich ganz nah dran an den Menschen.»

Zu Hause sang sie bis vor zwei Jahren aktiv im Kirchenchor. Seit ihrem Auszug aus dem Elternhaus ist die Anbindung an die Gemeinde lockerer geworden. Um so mehr genießt sie das Gemeinschaftsgefühl auf dem Weltjugendtag. «Ich habe mir gedacht, einfach nur dabei sein, das ist zu wenig: Wenn Du dahin gehst, dann hilfst Du auch mit. Ein einzelnes Highlight gibt es für mich nicht. Es sind die vielen kleinen Dinge, die das Gefühl hier ausmachen. Es sind so viele verschiedene Leute hier, und einer steht für den anderen ein. Das ist Gemeinschaft pur.»
Sie wollen beachtet werden
Doch diese pure Gemeinschaft hat auch ihre Grenzen. Dominique ist evangelisch und hat sie deswegen deutlich zu spüren bekommen. «Im Gottesdienst wurde explizit darauf hingewiesen, dass nur Katholiken die Kommunion empfangen dürfen. Ich habe mich an diesem Punkt sehr ausgeschlossen gefühlt. Es war nicht meine Entscheidung, nicht zur Kommunion zu gehen, weil ich nicht an die Wandlung glaube, sondern es wurde mir verboten. Und das tat sehr weh.»

Die jungen Christen wollen selbst bestimmen und selbst Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Sie suchen ein offenes Ohr und Unterstützung, aber keine Einschränkungen und Verbote. Sie wollen wahrgenommen werden. Jörg beschreibt dieses Gefühl an einem Beispiel. «Der Papst hat auf seiner Begrüßungstour immer nur zur anderen Seite gewinkt. Das fand ich nicht korrekt. Bei uns war viel mehr los, die Leute sind bis zu den Knien ins Wasser gegangen, ihm entgegen. Sie wollten beachtet werden.»

Trotzdem hat ihm die Begrüßung des Papstes gefallen. Beim Warten hat er viele Leute kennen gelernt. «Es ist das erste Mal, dass ich solch ein Gefühl gehabt habe. Das lässt sich nur schwer beschreiben. Das ist weltumspannend, international. Da gibt es keinen Zwiespalt zwischen den Leuten, nicht wegen der Rasse, nicht wegen Geld. Das hier ist eine Harmonie der Menschen durch die Religion. Wie ein Fußball-Länderspiel mit vielen verschiedenen Ländern, aber die feiern nicht gegeneinander, sondern miteinander.»

Kreuze in die Klassenzimmer
Viele Teilnehmer genießen es, ihren Glauben nach außen tragen zu können. Stephanie bringt es auf den Punkt: «Sonst muss ich mich immer zurückhalten, denn sonst kommen blöde Sprüche. Leute, die nicht mit dabei sind, sehen Kirche oft als etwas mittelalterliches. Die sehen nur die Dogmen.« Um so mehr freut sich die 23-jährige Studentin, in Köln Gleichgesinnte zu treffen. »Glaube lässt sich doch nicht auf Kondome reduzieren. Und Glaube ist keine Sache des stillen Kämmerleins. Das passt nicht.»

Dominique sieht das ähnlich und zieht politische Schlüsse: «Wenn ich Kreuze aus Klassenzimmern verbanne, dann ist das ein Verbot von Glauben. Und das widerspricht einem zentralen Gedanken des Glaubens, nämlich ihn nach außen zu tragen. Wenn ich Glauben ins Private zurückdränge, dann schränke ich eines der zentralen Grundrechte ein, nämlich das der Religionsfreiheit.» Als der Papst kommt, stehen jubelnde Massen am Rheinufer. Die Jugendlichen, die Benedikt XVI. offiziell begrüßen, betonen: «Eine junge Kirche braucht die Jugend, und die Jugend braucht eine junge Kirche.»