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Stadtguerilla: 

Die Bombe vom 9. November

29. Jul 2005 07:49
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Der erste, und bis vor kurzem völlig vergessene Anschlag der deutschen Stadtguerilla schlug fehl. Dass er sich 1969 gegen die Jüdische Gemeinde in Berlin richtete, sorgt nun für Diskussionen.

Von Ulrich Gutmair

Am 9. November 1969 versammeln sich rund 250 Menschen auf dem Hof des Jüdischen Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße zur jährlichen Gedenkfeier für die Opfer des Pogroms in der so genannten «Reichskristallnacht». An diesem Jahrestag tickt im Gemeindehaus eine Bombe. Ihr Zeitzünder soll den Sprengsatz während der Gedenkfeier zur Explosion bringen, doch aufgrund eines technischen Defekts scheitert das Attentat: Ein Draht ist korrodiert.

Als die Berliner Polizei kurze Zeit später einen Nachbau der Bombe zündet, zeigt sich eine erhebliche Sprengwirkung, die das Haus vermutlich «zerfetzt» hätte, wie sich der Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchungsanstalt in Berlin ausdrückt. Die in einem Flugblatt gelieferte Begründung für den Mordversuch an Juden, unter denen sich Überlebende der Konzentrationslager befanden, ist so krude wie gnadenlos: «Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Feddayin», also den palästinensischen Guerillas.

Der Anschlag sei daher ein «entscheidendes Bindeglied internationaler sozialistischer Solidarität»: Aus den vom Faschismus vertriebenen Juden seien selbst Faschisten geworden. Nach Vietnam, so kündigen die Verfasser des Flugblatts weiter an, werde man mit dem Kampf gegen Israel nun «die erneute Niederlage des Weltimperialismus» forcieren.

Bomben vom Verfassungsschutz

Das gescheiterte Attentat wurde nie aufgeklärt und schließlich vergessen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es nach dem Willen seiner Urheber den Beginn der Guerilla in Deutschland markieren sollte, wie die unterzeichnenden «Schwarzen Ratten TW» (das Kürzel TW stand für Tupamaros West-Berlin) wissen ließen. Der Terroranschlag sollte außerdem mit einer Bombe durchgeführt werden, die aus den Händen eines Provokateurs des Berliner Verfassungsschutzes stammte. So hatten sowohl die Linke als auch der Staat ihre guten Gründe, Gras über die Angelegenheit wachsen zu lassen.

Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung hat diesen Fall nun im Kern aufgeklärt, auch wenn einige Fragen, insbesondere zur Rolle staatlicher Behörden, die möglicherweise ein gut kalkuliertes strategisches Interesse an einer Radikalisierung der antiautoritären Bewegung hatten, offen bleiben müssen. In seinem eben erschienen Buch «Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus» breitet Kraushaar detailliert die Ergebnisse seiner Forschungen aus, die sich zum Teil auf lange bekanntes Material, aber auch auf aktuelle Interviews mit einigen Protagonisten stützen.

Rauschgift, Terror

Das Buch hat inzwischen zu Diskussionen darüber geführt, inwiefern seine Erkenntnisse in Bezug auf die Neue Linke nicht verallgemeinert werden müssten, oder ob eben dieser Schluss nicht maßlos überzogen sei. Sicher ist, dass es sich manche Kritiker des Anschlags in der Berliner Linken des Jahres 1969 diesbezüglich recht einfach machten. Sie erklärten die Urheber des Anschlags einfach zu Geistesgestörten oder Faschisten, die sie und ihr eigenes politisches Umfeld also nichts angingen.

Dieter Kunzelmann, nach seiner spektakulären Todesanzeige 1999 zu Besuch bei
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Kraushaar hat mit Albert Fichter nun nicht nur den ausführenden Bombenleger ausgemacht, der ihm bereitwillig Auskunft über den Tathergang und seine Vorgeschichte gab, sondern auch den, wie der Autor formuliert, «mutmaßlichen Urheber» des Attentats ans Licht gebracht: Es handelt sich dabei um den Kommunarden Dieter Kunzelmann, eine der Schlüsselgestalten der radikalen Linken in West-Berlin, der als Situationist begann, mit Rudi Dutschke und Bernd Rabehl die «Subversive Aktion» anführte, dann zur Galionsfigur der «Umherschweifenden Haschrebellen» und schließlich zum Guru der militanten Tupamaros West-Berlin wurde, die sich durch übermäßigen Konsum von LSD und anderen Drogen in revolutionäre Stimmung brachten, um sich zu «entwurzeln».

Vorbehaltlose Identifikation

Obwohl nach Aussagen einiger Zeitgenossen der Anschlagsversuch die Tupamaros West-Berlin in der antiautoritären Bewegung der Stadt isolierte, konnte die Argumentationsweise des oben genannten Flugblatts doch darauf bauen, dass sich die Führungsriege des SDS nach dem Sechs-Tage-Krieg auf eine strikt antiisraelische Linie begeben hatte.

Aufruf zu einem
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Ein Bewusstsein von der Genese der historischen Bewegung des Zionismus als Antwort auf die blutigen Judenverfolgungen des 19. Jahrhunderts fand sich in den nun zirkulierenden, gänzlich abstrakten antiimperialistischen Begriffsgebilden ebenso wenig wie eine Analyse der komplizierten Verhältnisse in Nahost, die den Namen verdient hätte.

Der kapitalistisch-imperialistische Feind stand exemplarisch in Tel Aviv, der «Volksbefreiungsbewegung» von Al-Fatah galt hingegen uneingeschränkte Solidarität. Letztere erschien als Avantgarde einer internationalen revolutionären Bewegung, die die Welt mit Feuer und Schwert von allem Übel reinigen würde. Der sich solchermaßen manifestierende Antizionismus vermochte die Welt sauber in Gut und Böse aufzuteilen, inzwischen hat er eine durchaus bemerkenswerte Karriere gemacht.

Bomben gegen den «Weltzionismus»

Im Sommer 1969 blieb es nicht mehr bei Solidaritätsadressen und Verbalradikalismus, einige SDS-Mitglieder reisten nun nach Jordanien in Trainingscamps der Guerilla. Auch Dieter Kunzelmann weilte mit einigen Genossen, darunter Albert Fichter, in Jordanien. Offensichtlich, um sich ein Alibi zu verschaffen, so vermutet Kraushaar, ließ er in der Zeitschrift «Agit 883» seinen «Brief aus Amman» mit der Zeitangabe «Mitte November 1969» abdrucken.

In diesem Brief bezeichnete Kunzelmann den Bombenanschlag als «Bombenchance», um «den Feind wieder sichtbar» zu machen. Palästina sei für «die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax». Die «Vorherrschaft des Judenkomplexes» hindere die Linke an notwendigen Taten gegen die Zionisten und an der praktischen Solidarität mit Al-Fatah, «die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat».

Albert Fichter erinnert sich daran, wie Kunzelmann und sein Tupamaro-Genosse Georg von Rauch nach der Rückkehr aus dem Trainingslager immer häufiger über «die Scheißjuden» fluchten. Bald darauf schickte Kunzelmann Fichter mit einer Bombe des Verfassungsschutz-Mannes Peter Urbach los, den er offensichtlich für einen besonders zuverlässigen Genossen hielt, um den Vertretern des «Weltzionismus» im Haus der jüdischen Gemeinde in Berlin «mal richtig Angst einzujagen», sagt Fichter.

Alte Stereotypen im Gewand des Antikapitalismus

Dass der krude Antikapitalismus von Teilen der undogmatischen Linken im neuen Gewand des «Zionisten» das alte Stereotyp des «jüdischen Kapitals» und seiner zersetzenden, menschenfeindlichen Umtriebe rekonstruierte, hatte der Auschwitz-Überlebende Jean Améry bereits im Sommer desselben Jahres konstatiert: «Der Antisemit 'demystifiziert' den Pionierstaat mit Wohlbehagen. Es fällt ihm ein, dass hinter dieser staatlichen Schöpfung immer schon der Kapitalismus stand.»

Als Amérys Artikel in der «Zeit» erschien, war es bereits einige Wochen her, dass der israelische Botschafter in Deutschland, Asher Ben-Natan, versucht hatte, in mehreren deutschen Universitäten seine Position zum Thema «Frieden in Nahost» darzulegen. Ben-Natans Auftritte gingen beinahe überall in Tumulten unter oder wurden zumindest gestört. Zu hören waren Slogans wie «Zionisten raus aus Deutschland». In München ließ ein linker Aktivist seinen Vernichtungsphantasien freien Lauf. Auf einer der Tafeln im Hörsaal war zu lesen: «Erst wenn in Israel in 50 Supermärkten Bomben explodiert sind, wird dort Frieden herrschen.»

Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge

Kraushaars Buch begnügt sich also nicht damit, einen Kriminalfall aufzuklären. Er zeigt, dass der Antisemitismus «für die in Deutschland operierende Stadtguerilla nichts weniger als ein Konstituens gewesen ist, das sich – wie die Geschichte der RAF beweist – als kontinuitätsstiftend erwiesen hat.» Er spielt damit unter anderem auf den Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft im Jahr 1972 an, den Ulrike Meinhof absurderweise gerade dafür pries, «eine Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge dokumentiert» zu haben.

Die Kommune I in besseren Zeiten: Kunzelmann, Langhans, Teufel in der
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Kraushaar behauptet nicht, dass die deutsche Stadtguerilla in dieser Frage exemplarisch für die Neue Linke gewesen sei. Doch er liest ihren ersten Anschlagsversuch im Kontext eines so stereotypen wie manichäischen Antizionismus, auf den sich nicht unbedeutende Teile der auseinander fallenden Studentenbewegung, allen voran der SDS, Ende der sechziger Jahre einigten. Kraushaar erblickt hier einen «antisemitischen Latenzzusammenhang», der auch in Teilen der Linken ungebrochen wirksam gewesen sei.

Im Namen der Gerechtigkeit

Es gab also Kontinuitäten, die die Kinder mit ihren Eltern verbanden und die sich paradoxerweise in Form eines rigorosen Antifaschismus äußerten. In diesem Sinn handelt es sich tatsächlich um einen linken Schuldabwehrantisemitismus, den Kraushaar mit Adorno hier am Werk sieht, wenn auch zweiter Ordnung, da er sich aus einer unmöglich gewordenen Identifikation mit den Eltern speiste.

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  • Da die Elterngeneration die Verantwortung für die Naziverbrechen trug, und die Präsenz alter Nazis im öffentlichen Leben seit langem als Skandal empfunden wurde, verstanden sich ihre aufbegehrenden Kinder selbst als Antifaschisten. Ein wahrhaft antifaschistisches Bewusstsein schien sich nun gerade darin zu beweisen, den Zionismus unerschrocken als bösartige Variante des Imperialismus bloßzustellen und zu bekämpfen – im Namen der Gerechtigkeit und einer höheren Moral.

    Psychologisch erfüllte der vehement vorgetragene Antizionismus vieler Linker laut Kraushaar eine entlastende Funktion: «Die Kinder aus dem Land der Täter schienen nunmehr frei von der ihnen offenbar lästig gewordenen Verpflichtung zu sein, wegen der von ihren Eltern begangenen, mitgetragenen oder geduldeten Verbrechen eine demütige Haltung einzunehmen.» Kunzelmann aber habe von der Linken nicht nur gefordert, sich von ihrem Schuldgefühl gegenüber Juden freizumachen. Er beklagte laut Kraushaar, dass sie zögerte, «die nach wie vor vorhandenen Aggressionen nicht erneut gegen ihre ursprünglichen Objekte, nicht nur gegen die in Israel, sondern auch im eigenen Land geborenen Juden zu lenken».

    Wolfgang Kraushaar: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus. Hamburger Edition, 2005. 300 Seiten, 20,- Euro.

     
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