28.07.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Luis Trenker als Johann August Sutter
Foto: Universum Film
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Luis Trenker drehte 1936 in Amerika einen Western. Die Weiten Kaliforniens erscheinen dabei als geeignetes Sehnsuchtsgebiet für ein «Volk ohne Raum» - bis raffgierige Goldgräber das Land überrollen.
Von Ronald DükerDer Wilde Westen, aus der Sicht eines Tirolers: «Zwoatausend Meilen bis Santa Fee, tausend Meilen dazuo bis ans Meer, san dreitausend Meilen. Das heißt: A guats Jahr im Sattel sitzen. Guate Pferd und harte Ärsch und wir packens». Derart hemdsärmelig erläuterte Luis Trenker 1936 zunächst deutschen Kinozuschauern und ein Jahr später auch einem Publikum in der Neuen Welt, wie der beschwerliche Weg vom amerikanischen Osten in den Westen den nötigen Mumm und entsprechendes Sitzfleisch vorausgesetzt zu schaffen sei.
«Der Kaiser von Kalifornien» ist ein Markstein in der Geschichte des Westernfilms. Stellt er doch etwa dreißig Jahre, bevor ein Franzose namens Pierre Brice und ein Jugoslawe namens Gojko Mitic im west- und ostdeutschen Kino edelmütige Indianerhäuptlinge verkörpern sollten, den ersten Versuch dar, vor amerikanischer Geschichtskulisse eine durchweg deutsche Story zu erzählen.
Volk ohne RaumIm Unterschied zu seinen Nachfolgern war Luis Trenker nicht auf amerikaähnliche Filmsets in Jugoslawien oder Südspanien angewiesen, er drehte in Kalifornien, also in 'John Ford's own Country', lange bevor der Meister aus Hollywood dort seine stilbildenden Geschichtsepen in Szene setzte.
Die ideologischen Vorgaben, denen Trenker 1936 noch unter kalifornischer Sonne genügen musste, waren zwingend, und der Regisseur hat es verstanden, die deutschen Raum- und Geschichtsutopien von «Blut und Boden» und «Volk ohne Raum» nahtlos auf amerikanische Landschaften abzubilden. So ist «Der Kaiser von Kalifornien», der nun als DVD wieder erscheint, schließlich ein durch und durch deutscher Heimatfilm geworden.
San Francisco in Neu-HelvetienDie Geschichte, die Trenker erzählt, ist nicht ohne Vorbild in der Realität. Es geht um den aus dem badischen Kandern stammenden Johann August Sutter, der 1834 völlig mittellos auf einem Dampfer mit dem programmatischen Namen «Esperance» in New York an Land gegangen war, um sich dann buchstäblich vom Tellerwäscher zum ersten Multimillionär der Neuen Welt hochzuarbeiten. Er hatte schließlich den Kontinent von Ost nach West durchmessen und in Kalifornien ein riesiges Wirtschaftsimperium errichtet.
Eine gigantische Kraftanstrengung war vonnöten, um auf vermeintlich unwirtlichem Land und unter sengender Sonne Viehzucht, Obstplantagen, und den ersten Weinbau in Kalifornien zu etablieren. Sutters Besitzungen, denen er den Namen Neu-Helvetien gab, umfassten die Fläche, auf der später die Städte San Francisco und Sacramento entstanden. Sutters Geschichte könnte als der wahr gewordene amerikanische Traum firmieren, hätte sie nicht im Jahr 1848 einen tragischen Bruch erlitten.
Faustrecht der PrärieIn diesem Jahr nämlich wurde auf seinem Grund und Boden das erste kalifornische Goldnugget gefunden, was den Einwanderer nicht etwa noch reicher machte, sondern ganz im Gegenteil völlig ruinierte. Innerhalb kürzester Zeit wurden Sutters Besitzungen von unzähligen Goldgräbern und Glücksrittern überrollt, die seine Farmen zerstörten, Obstplantagen zertrampelten und das Vieh töteten. Von all dem war nach nur wenigen Monaten nichts geblieben als verbrannte Erde.
Sutter fühlte sich bis zu seinem Tod, der ihn im Jahr 1880 und der Legende nach auf den Stufen des Washingtoner Kapitols ereilte, entrechtet und vom Staat im Stich gelassen. In der Tat hatte er zwar das geltende Recht auf seiner Seite, doch war in Kalifornien, das erst 1848 von Mexiko an die Vereinigten Staaten abgetreten worden war, kein Gericht stark genug, sich gegen das Gewohnheitsrecht der Pioniere durchzusetzen. Auf die Belange von Goldgräbern angewendet besagte das stets, das sich ein jeder, der einen Fund gemacht hatte, durch das Abstecken eines Claims als Grundbesitzer behaupten konnte.
Gold wächst nicht nachZwar konnte Sutter, dem sein Land noch vom mexikanischen Vizekönig geschenkt worden war, das auch urkundlich nachweisen, doch wurden seine fortdauernden Klagen vor immer höheren Gerichten zunehmend aussichtsloser. Schließlich hätte eine Anerkennung seiner Besitzansprüche auch den Grund und Boden einschließen müssen, auf dem erst durch den Goldrausch von 1848 die Stadt San Francisco entstanden war.
Sutters Fall stellt einen Paradigmenwechsel dar, der gerade der nationalsozialistisch gefärbten Rezeption durch den Regisseur Luis Trenker hochwillkommen sein musste. Schließlich wird in Sutters Gestalt der rechtschaffene Arbeiter ein Bauer, der der heiligen Erde im Zyklus der Jahreszeiten mit eigenen Händen die Früchte seiner Saat abgewinnt überrannt von zerstörerischen Ausbeutern, die heuschreckenartig das Land ruinieren, um den einmaligen Gewinn direkt in die Kreisläufe des Kapitals einzuspeisen.
Ein BefreiungsschlagDie rasend wachsenden Städte an der Pazifikküste erschienen manchem Zeitgenossen ihrer Bordelle, Spielhöllen und Chinatowns wegen als Hort des Lasters als Hure Babylon, die ihr Haupt aus dem völlig enthemmten Fluss des Kapitals erhebt. Wenn Sutter sich in Gestalt von Luis Trenker bitter über die Goldgräber beschwert, ist das Ressentiment gegen das zersetzende Treiben eines so genannten Finanzjudentums als Echo hörbar: «Gold kann uns doch kein Brot aus der Erde zaubern. Gold hat auch noch niemand glücklich gemacht.»
Johann August Sutter ist in der Lesart Luis Trenkers der Heros eines deutschen Volkes, dem es zu seiner schicksalhaften Entfaltung vor allem an Raum fehlt. So erscheint dem Abenteurer, kurz bevor er der Enge seines badischen Heimatortes entflieht, eine Art Schutzengel, der ihm seine persönliche Mission in einer Diktion vorzeichnet, die ähnlich und kurz darauf deutschen Kämpfern und Siedlern die Weiten Russlands anpreisen sollte: «Überall kannst du dienen. Überall kannst du kämpfen. Schau! Ist die Welt nicht schön. Ist sie nicht groß? (...) Da ist doch Platz für alle. Erobere sie dir, wenn du Mut dazu hast.»
Operation WinnetouDass Trenkers Film in der nationalsozialistischen Führungsriege auf freundliche Aufnahme stoßen würde, war absehbar, schließlich hatte der Wilde Westen als Vorstellungsraum dort eine hohe Konjunktur. Karl May gehörte zu den Lieblingsautoren von Adolf Hitler, der dessen Bücher auf dem Obersalzberg direkt neben jenen zur Zucht des deutschen Schäferhundes ins Regal gestellt hatte.
Vor kurzem hat der Literaturwissenschaftler Marcus Hahn sogar nachzuweisen versucht, dass sich die Pläne zum Russland-Feldzug und der nationalsozialistischen Großraumordnung direkt aus dem Amerikabild Karl Mays ableiten lassen. Als sich Rüstungsminister Albert Speer noch kurz vor seiner Festsetzung durch die Alliierten mit der Absicht trug, nach Skandinavien zu fliehen, trug der entsprechende Geheimplan den Namen «Operation Winnetou».
Wild West statt OlympiaSo passte Luis Trenker der historische Umstand, dass Johann August Sutter die Indianer mit Gewalt aus ihren kalifornischen Jagdgründen vertrieben hatte, auch gar nicht gut ins Bild. Im Film präsentiert sich Sutter als Freund der edlen Wilden: Wie Old Shatterhand lässt er sich bei ihnen zur Friedenspfeife nieder, schließlich so suggeriert der Film pflegen die Ureinwohner Amerikas ein den Nationalsozialisten ähnliches Verhältnis zur Heimaterde und sind zugleich von der moralischen Erkenntnis durchdrungen, dass man Geld nicht essen kann.
In seinen Memoiren schreibt Luis Trenker, dass man ihm 1935 ein Angebot für den offiziellen Film über die Olympiade im folgenden Jahr unterbreitet hätte, das habe er aber abgelehnt, weil er bereits mit dem «Kaiser von Kalifornien» beschäftigt gewesen sei. War also Leni Riefenstahl, die den berühmtesten Propagandafilm des Dritten Reiches schließlich drehte, wie Trenker impliziert, nur eine Regisseurin zweiter Wahl, weil ein deutscher Western zur selben Zeit wichtiger gewesen ist? Trenkers Behauptung lässt sich heute nicht mehr verifizieren.
Hitlers Alter EgoWie hoch der Regisseur mit dem Film hinaus wollte, lässt aber allein schon eine Szene erkennen, die belegt, dass mit dem «Kaiser von Kalifornien» eigentlich niemand geringeres gemeint war als der 'Führer des tausendjährigen Reiches'. Sutter schreitet da die Reihe seiner Arbeiter ab, ganz so wie es das Publikum vom Führer aus der Wochenschau kannte. Nacheinander fragt er sie «Wo bist denn du her?» «Italiano» «Wo bist denn du her?» «Switzerland» und so weiter.
In diesem Moment erscheint Luis Trenker als gleichsam telegeneres Alter Ego von Adolf Hitler und zugleich als Musterbild des virilen, lässigen und überall bewunderten Cowboys, das in ihrem schmächtigen Staatsoberhaupt wieder zu erkennen auch den verblendetsten Zeitgenossen schwer gefallen sein dürfte. Bei soviel Führerprinzip kann ein Aspekt aus der Entstehungsgeschichte des Films kaum verwundern. Während nämlich Luis Trenker die Meriten als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller beanspruchte, blieb eine zumindest wesentliche literarische Quelle ungenannt.
Heuschrecken über Paris«Das Manuskript ist nach vorhandenen Aufzeichnungen frei bearbeitet», heißt es im Vorspann, womit die Tatsache kaschiert wird, dass sich das Drehbuch weitgehend auf einen Roman des Schweizer Schriftstellers Blaise Cendrars stützt. «L'Or», Gold, war 1925 im französischen Original und noch im selben Jahr in deutscher Übersetzung erschienen. Darin hatte Cendrars das historische Material zum ersten Mal gesammelt und in einem, wenn auch dokumentarischen Stil, literarisch zusammengefügt.
Zwar sind die Umdeutungen, die Trenker vornimmt, nicht zu übersehen: Aus dem «Bankrotteur, Ausreißer, Landstreicher, Vagabund, Dieb und Betrüger», als den Cendrars Johann August Sutter charakterisiert, wird in Trenkers Version schließlich ein ungebrochener deutscher Held. Und doch fühlte sich der in Paris lebende Schriftsteller schlichtweg um seinen Stoff und sein Recht betrogen wie Sutter selbst.
Cendrars verklagt Luis Trenker von Paris aus und kündigt an, mit seinem juristischen Kampf so standhaft sein zu wollen, wie es auch Sutter war. Ein wahrhaft ironische Pointe der Geschichte: das drohende Verfahren gegen Trenker wurde niedergeschlagen, als die Deutschen 1940 über Paris herfielen. Wie die Heuschrecken.
Der Kaiser von Kalifornien, DVD, Universum Film, 97 Min., 14,99 Euro