Kurt Gerstein:
Ein SS-Mann im Widerstand
«Und dann hat er mich in seine Wohnung mitgenommen und mir alles erzählt», erinnert sich Herbert Eickhoff an seinen Freund Kurt Gerstein. «'Herbert, wir dürfen diesen Krieg nicht gewinnen.' Und ich dachte: 'Wieso sagst Du mir das? Ich fahr doch gleich wieder an die Front, wo ich mich vielleicht für diesen blöden Hitler erschießen lasse.' Aber dann hat er mir das alles erzählt, was da lief in den Konzentrationslagern.» Eine grausige Bestätigung für das, was er geahnt habe, sagt Eickhoff heute.
Der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein war einer der ersten, der detaillierte Berichte aus den Konzentrationslagern weitergab: an Freunde, an leitende Kirchenmänner und an Ausländer. Bei einer Dienstreise nach Maidanek, Belzec und Treblinka im August 1942 hat Gerstein eine Vergasung mit Dieselabgasen miterlebt und in einem schriftlichen Bericht später beschrieben.
Dem schwedischen Diplomaten Göran von Otter vertraute Gerstein sich im Zug an, als er von seiner ersten Dienstreise zu den Vergasungsöfen zurückkam. Göran von Otter erzählte nach dem Krieg davon: «Ich bot ihm eine Zigarette an. Er dankte, gab Feuer und fragte im gleichen Atemzug, ob er mir eine schlimme Geschichte erzählen dürfe. 'Geht es um die Juden?' 'Ja um die Juden, die im Osten umgebracht werden.' Gerstein war nur mit Mühe zu bewegen, leise zu sprechen. Er schluchzte und schlug die Hände vors Gesicht. Ich dachte, er wird diese Gewissensqualen nicht mehr lange aushalten. Er wird sich verraten und sie werden ihn dann verhaften.»
Hochhuth inszenierte Gerstein als Gegenspieler zu Papst Pius XII., der nicht öffentlich gegen den Holocaust protestieren wollte. Der Showdown zwischen SS-Mann und Papst ist freilich fiktiv. Gersteins einziger Kontakt zur katholischen Kirche war ein vergeblicher Versuch, den päpstlichen Nuntius in Berlin zu informieren.
Gerstein als Zeuge gegen die evangelische Kirche so wurde die Geschichte noch nicht erzählt. Zwar würdigte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, dieses Jahr Kurt Gerstein mit «besonderem Respekt» als einen evangelischen Widerständler. Aber als Anlass zu kirchlicher Selbstkritik nahm Huber den Jubeltag nicht.
Weil er Schriften der Bekennenden Kirche verschickt hatte, wurde er inhaftiert und verlor seine Staatsanstellung als Bergbauassessor. Finanzielle Sorgen erzwangen eine berufliche Neuorientierung. 1941 trat Gerstein in die SS ein. Als Motiv für diesen Schritt gab er später an, dass er den Gerüchten auf den Grund gehen wollte, wonach geistig behinderte Menschen umgebracht wurden. Seine Schwägerin war eines der «Euthanasie»-Opfer.
Gerstein wurde neben anderen Dienststellen der SS damit beauftragt, Zyklon B zu beschaffen. Er wusste nun, was damit geschah. Er habe alle Lieferungen, die auf seinen Namen angefordert wurden, unschädlich gemacht, sagte er später. In der Tat hat er die Blausäuredosen an die «Abteilung für Entwesung und Entseuchung» im Konzentrationslager Auschwitz schicken lassen.
Trotzdem bleibt das Dilemma, dass Gerstein durch seine Arbeit in der SS den Mördern zum Verwechseln ähnlich wurde, wie es Hochhuth in seinem Drama formulierte und zugleich rechtfertigte: «Einfach emigrieren? Herrgott, ich sehe / jede Stunde die Menschen in den Kammern sterben. / Solang mir die geringste Hoffnung bleibt, / dass ich nur einen von euch retten kann, / muss ichs riskieren, dass ich später / den Mördern zum Verwechseln ähnlich sehe.»
Der Wachmann, der am Nachmittag des 25. Juli 1945 Gersteins Zellentür im Pariser Gefängnis Cherche-Midi öffnete, fand ihn am Fensterkreuz erhängt. Warum beging der, der sich nach seinen eigenen Worten schuldlos fühlte, Selbstmord? «Wie gern wäre ich mit ihnen in die Kammern gegangen, wie gern wäre ich ihren Tod mit gestorben», hatte Gerstein in seinem Bericht geschrieben, «sie hätten dann einen uniformierten SS-Offizier in ihren Kammern gefunden die Sache wäre als Unglücksfall aufgefasst und behandelt worden und sang- und klanglos verschollen. Noch also darf ich nicht, ich muss noch zuvor künden, was ich hier erlebe!»
Wie immer man den Tod und die moralischen Entscheidungen von Gerstein bewerten mag eines hebt ihn über viele seiner Landsleute: Sein Mut zum Hinsehen. Nach dem Krieg haben sich viele Menschen damit entschuldigt, dass sie nichts Genaues gewusst hätten. Besser nicht hinsehen und sich raushalten.
Kurt Gerstein hat nicht nur hingesehen, er hat das Gesehene auch anderen zugemutet. Er wusste um die Gefahr, in die er sich manövrierte, und wusste auch, dass aus dem, was er zu sehen bekam, eine schaurige Verantwortung erwuchs.
Literatur:
Jürgen Schäfer: Kurt Gerstein - Zeuge des Holocaust. Ein Leben zwischen Bibelkreisen und SS, Luther Verlag Bielefeld 1999, 260 Seiten, 19,90 Euro
Pierre Joffroy, Der Spion Gottes. Kurt Gerstein. Ein SS-Offizier im Widerstand? Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1995, 552 Seiten, 10 Euro

