Kurt Gerstein: 

netzeitung.deEin SS-Mann im Widerstand

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Kurt Gerstein (Foto: kurt-gerstein.de<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kurt Gerstein
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der SS-Mann Kurt Gerstein war mit der Beschaffung von Zyklon B befasst und gilt heute dennoch als heimlicher Saboteur. Trotzdem wurde der gläubige Christ als Kriegsverbrecher angeklagt und erhängte sich vor sechzig Jahren in seiner Zelle.

Von Christoph Fleischmann

«Und dann hat er mich in seine Wohnung mitgenommen und mir alles erzählt», erinnert sich Herbert Eickhoff an seinen Freund Kurt Gerstein. «'Herbert, wir dürfen diesen Krieg nicht gewinnen.' Und ich dachte: 'Wieso sagst Du mir das? Ich fahr doch gleich wieder an die Front, wo ich mich vielleicht für diesen blöden Hitler erschießen lasse.' Aber dann hat er mir das alles erzählt, was da lief in den Konzentrationslagern.» Eine grausige Bestätigung für das, was er geahnt habe, sagt Eickhoff heute.

Der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein war einer der ersten, der detaillierte Berichte aus den Konzentrationslagern weitergab: an Freunde, an leitende Kirchenmänner und an Ausländer. Bei einer Dienstreise nach Maidanek, Belzec und Treblinka im August 1942 hat Gerstein eine Vergasung mit Dieselabgasen miterlebt und in einem schriftlichen Bericht später beschrieben.

Eine schlimme Geschichte
«Nach zwei Stunden 49 Minuten – die Stoppuhr hat alles wohl registriert! – springt der Diesel an. Bis zu diesem Augenblick leben die Menschen in diesen vier Kammern, viermal 750 Menschen in viermal 45 Kubikmeter! – Von neuem verstreichen 25 Minuten. Richtig, viele sind jetzt tot. Man sieht das durch das kleine Fensterchen, in dem das elektrische Licht die Kammer beleuchtet. Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Endlich nach 32 Minuten ist alles tot!»

Dem schwedischen Diplomaten Göran von Otter vertraute Gerstein sich im Zug an, als er von seiner ersten Dienstreise zu den Vergasungsöfen zurückkam. Göran von Otter erzählte nach dem Krieg davon: «Ich bot ihm eine Zigarette an. Er dankte, gab Feuer und fragte im gleichen Atemzug, ob er mir eine schlimme Geschichte erzählen dürfe. 'Geht es um die Juden?' 'Ja um die Juden, die im Osten umgebracht werden.' Gerstein war nur mit Mühe zu bewegen, leise zu sprechen. Er schluchzte und schlug die Hände vors Gesicht. Ich dachte, er wird diese Gewissensqualen nicht mehr lange aushalten. Er wird sich verraten und sie werden ihn dann verhaften.»

Der zögerliche Papst
Noch etwas Schlimmeres geschah: nämlich nichts. Der schwedische Gesandte gab Gersteins Informationen zwar an seine Regierung weiter, dort hielt man sie aber für zu brisant, um sie an eine kriegführende Macht zu geben. Wobei die britische Regierung aus anderen Quellen etwa zur selben Zeit sichere Nachrichten vom Holocaust hatte. Die Welt wusste vom millionenfachen Mord und tat nichts dagegen – dieses Drama hat der Schriftsteller Rolf Hochhuth 1963 in seinem Theaterstück «Der Stellvertreter» in Szene gesetzt und Gerstein damit ein Denkmal geschaffen.

Hochhuth inszenierte Gerstein als Gegenspieler zu Papst Pius XII., der nicht öffentlich gegen den Holocaust protestieren wollte. Der Showdown zwischen SS-Mann und Papst ist freilich fiktiv. Gersteins einziger Kontakt zur katholischen Kirche war ein vergeblicher Versuch, den päpstlichen Nuntius in Berlin zu informieren.

Evangelische Kirche ehrt Gerstein
Der überzeugte Protestant Gerstein hatte aber gute Kontakte zur kirchlichen Opposition in der evangelischen Kirche, zur so genannten Bekennenden Kirche. Deren leitende Geistliche wussten von Gerstein über die Konzentrationslager. Sie gaben die Informationen zwar an die schwedische Kirche weiter, wollten aber die Gläubigen in Deutschland nicht mit diesen brisanten Informationen belasten.

Gerstein als Zeuge gegen die evangelische Kirche – so wurde die Geschichte noch nicht erzählt. Zwar würdigte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, dieses Jahr Kurt Gerstein mit «besonderem Respekt» als einen evangelischen Widerständler. Aber als Anlass zu kirchlicher Selbstkritik nahm Huber den Jubeltag nicht.

Schwägerin war Euthanasie-Opfer
Kurt Gerstein gehörte zur Bekennenden Kirche und war während seines Studiums in der christlichen Jugendarbeit aktiv. Dem Nationalsozialismus stand er anfangs durchaus aufgeschlossen gegenüber und trat im Mai 1933 in die NSDAP ein. Aber nach und nach erlebte er, «dass wir in religiöser Beziehung vom Nationalsozialismus seit 1933 in der tollsten Weise an der Nase herumgeführt werden, und dass das praktische kulturelle Ziel nicht nur die Vernichtung der katholischen und evangelischen Kirche, sondern jedes ernsthaften Gottesglaubens in Deutschland überhaupt ist.»

Weil er Schriften der Bekennenden Kirche verschickt hatte, wurde er inhaftiert und verlor seine Staatsanstellung als Bergbauassessor. Finanzielle Sorgen erzwangen eine berufliche Neuorientierung. 1941 trat Gerstein in die SS ein. Als Motiv für diesen Schritt gab er später an, dass er den Gerüchten auf den Grund gehen wollte, wonach geistig behinderte Menschen umgebracht wurden. Seine Schwägerin war eines der «Euthanasie»-Opfer.

Zyklon B für Auschwitz
In der SS wurde Gerstein zum Desinfektionsfachmann ausgebildet. Desinfiziert wurde mit dem hochgiftigen Blausäurepräparat Zyklon B. Genau diese Tatsache führte Gerstein im August 1942 auf seine furchtbare Dienstreise: Die Ermordung der Juden erfolgte in den KZs bis dahin mit Dieselgasen. Man suchte aber eine «bessere und schnellere Sache».

Gerstein wurde neben anderen Dienststellen der SS damit beauftragt, Zyklon B zu beschaffen. Er wusste nun, was damit geschah. Er habe alle Lieferungen, die auf seinen Namen angefordert wurden, unschädlich gemacht, sagte er später. In der Tat hat er die Blausäuredosen an die «Abteilung für Entwesung und Entseuchung» im Konzentrationslager Auschwitz schicken lassen.

Nur einen retten
Nach der Aussage eines KZ-Häftlings wurden die Zyklon B-Dosen aus dieser Abteilung tatsächlich nicht für die Ermordung der Juden benutzt. Ein Indiz, dass Gerstein das Zyklon B, das er bestellt hatte, tatsächlich der Mordmaschine entziehen konnte.

Trotzdem bleibt das Dilemma, dass Gerstein durch seine Arbeit in der SS den Mördern zum Verwechseln ähnlich wurde, wie es Hochhuth in seinem Drama formulierte und zugleich rechtfertigte: «Einfach emigrieren? Herrgott, ich sehe / jede Stunde die Menschen in den Kammern sterben. / Solang’ mir die geringste Hoffnung bleibt, / dass ich nur einen von euch retten kann, / muss ich’s riskieren, dass ich später / den Mördern zum Verwechseln ähnlich sehe.»

Am Fensterkreuz erhängt
Die Verwechslungsgefahr wurde Gerstein zum Verhängnis. In den letzten Kriegstagen stellte er sich den französischen Truppen. In der Kriegsgefangenschaft fing er sofort an, alles aufzuschreiben, was er bei seiner Arbeit in der SS über den Holocaust gesehen und gehört hatte. Der so genannte Gerstein-Bericht wurde zu einem wichtigen Dokument über den Judenmord. Die Franzosen sahen darin aber die Geständnisse eines deutschen SS-Mannes und klagten Gerstein als Kriegsverbrecher an.

Der Wachmann, der am Nachmittag des 25. Juli 1945 Gersteins Zellentür im Pariser Gefängnis Cherche-Midi öffnete, fand ihn am Fensterkreuz erhängt. Warum beging der, der sich nach seinen eigenen Worten schuldlos fühlte, Selbstmord? «Wie gern wäre ich mit ihnen in die Kammern gegangen, wie gern wäre ich ihren Tod mit gestorben», hatte Gerstein in seinem Bericht geschrieben, «sie hätten dann einen uniformierten SS-Offizier in ihren Kammern gefunden – die Sache wäre als Unglücksfall aufgefasst und behandelt worden und sang- und klanglos verschollen. Noch also darf ich nicht, ich muss noch zuvor künden, was ich hier erlebe!»

Mut zum Hinsehen
Die Mission war erfüllt mit dem Aufschreiben seines Berichtes. Es wird Gerstein nicht nur gequält haben, dass die französischen Behörden ihn anklagten; viel mehr noch wird ihn belastet haben, dass er nicht noch mehr verhindern konnte. Auch Pater Riccardo, die fiktionale Figur aus Hochhuths Drama, geht mit den Juden in den Tod, als er merkt, dass er den Papst nicht zum Einschreiten bewegen kann.

Wie immer man den Tod und die moralischen Entscheidungen von Gerstein bewerten mag – eines hebt ihn über viele seiner Landsleute: Sein Mut zum Hinsehen. Nach dem Krieg haben sich viele Menschen damit entschuldigt, dass sie nichts Genaues gewusst hätten. Besser nicht hinsehen und sich raushalten.

Kurt Gerstein hat nicht nur hingesehen, er hat das Gesehene auch anderen zugemutet. Er wusste um die Gefahr, in die er sich manövrierte, und wusste auch, dass aus dem, was er zu sehen bekam, eine schaurige Verantwortung erwuchs.

Literatur:

Jürgen Schäfer: Kurt Gerstein - Zeuge des Holocaust. Ein Leben zwischen Bibelkreisen und SS, Luther Verlag Bielefeld 1999, 260 Seiten, 19,90 Euro

Pierre Joffroy, Der Spion Gottes. Kurt Gerstein. Ein SS-Offizier im Widerstand? Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1995, 552 Seiten, 10 Euro