Struwwelhitler wieder veröffentlicht: 

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Struwwelhitler wieder veröffentlicht 

Lupe Die Briten und der Zappel-Adolf

Der Stoizismus der Briten speist sich auch aus ihrem Humor. Bestes Beispiel dafür ist der «Struwwelhitler», eine Satire, die Britanniens Widerstandskraft angesichts deutscher Bomben stärken sollte.

Von Ulrich Gutmair

Nach den Londoner Terroranschlägen war viel von der sprichwörtlichen Gelassenheit der Briten die Rede. So pries Tony Blair prompt den Stoizismus, der den Londonern eigen sei. Die britischen Medien zogen dabei unvermeidlich Parallelen zu den dunklen Stunden, als London von deutschen Raketen und Bomben getroffen und der moderne Mythos einer genuin britischen Idee gleichmütiger Widerstandskraft geschaffen wurde. Sie, so die Legende, brachte den Feind schon deswegen zur Verzweiflung, weil sie sich abgesehen von soldatischer Kampfmoral in erster Linie als stures Beharren auf den zivilen Ritualen des Alltags zeigte.

Die These, dass der Stoizismus der Briten auch etwas mit ihrem Humor zu tun haben könnte, liegt nahe. Zumindest die beiden Brüder Philip und Robert Spence dürften von diesem Zusammenhang überzeugt gewesen sei. Unter dem Pseudonym Dr. Schrecklichkeit veröffentlichten sie 1941 den «Struwwelhitler», eine satirische Fassung des damals längst international bekannten «Struwwelpeter», die den britischen Kampfgeist stärken sollte.

Stinnes, Flick und Thyssen
Der «Struwwelhitler» erschien im Verlag der illustrierten Zeitung «Daily Sketch»; die Einnahmen des kriegsbedingt auf schlechtem Papier und in Kleinformat gedruckten Buchs gingen an den «Daily Sketch War Relief Fund», der die Truppen und die Opfer des Bombenkriegs unterstützte. Jetzt sind die Geschichten aus dem Struwwelhitler wieder nachzulesen in einer zweisprachigen Ausgabe, die durch die kongeniale Übersetzung Dieter H. Stündels glänzt, der den Rhythmus und den lakonischen Humor des englischen Originals einzufangen vermochte.

Geschrieben wurde das Nazi Story Book, so der Untertitel, zwar zum Vergnügen der Briten, gewidmet ist es aber wie das Original den unartigen deutschen Kindern, wie die Vorrede erläutert:

Wenn die Kinder stets sind gute,
anders, als man es vermute:
gut im Töten, gut im Lügen,
gut sich auch als Spitzel fügen;
ihre vierzehn Pas und Mas,
Großmamas und Großpapas,
und die Urgroßeltern alle
arisch sind in jedem Falle,
so daß lauter hübsche Dinge
Krupp von Bohlen ihnen bringe,
Segensgaben haben müssen,
bringen Stinnes, Flick und Thyssen,
weil den Sparstrumpf sie euch leeren,
müßt mit Gras und Span' euch nähren.
Deren Beifall nur ersuch'
dieses hübsche Bilderbuch.

Schwerer bricht die Krust' der Torte
Nach und nach erscheinen sodann die bösen Helden desselben, allen voran der Struwwelhitler, von dem es treffend heißt: «Schwerer bricht die Krust' der Torte als der Hitler seine Worte.» Die Geschichte vom grausamen Adolf führt sogleich vor, was mit dem armen Dackel Fritz passiert, der sich einmal erdreistet, über zuwenig Essen zu klagen: Adolf droht dem Hund mit einem Aufenthalt in Dachau und schlägt mit der Peitsche zu. «In seinem Zorn mit viel Geschrei ruft die Gestapo er herbei.»

Da wird es Fritz zu bunt, er beißt sein Herrchen kräftig ins Bein. Adolfs Doktor Onkel Sam hat aber wenig Mitleid und verabreicht dem Patienten eine gute Dosis Rattengift. «Hund Fritz erlebt Glückseligkeit, zum Bellen hat er keine Zeit. Er sitzt, wo Adolf früher saß, und isst, was dieser immer aß. Den Durst löscht er mit Ribbys Sekt, verschlingt auch Adolfs Creme-Konfekt.»

Musso-Guck-in-die-Luft und Schnauze Goebbels
Aus Außenminister von Ribbentrop wird hier Ribby, Goebbels wiederum heißt Gobby, was seinen Reiz auch dadurch erhält, dass «gob» ein englischer Slangausdruck für Schnauze ist. In der Geschichte von Gobby der Giftfeder muss der kleine Gobby für seine Lügengeschichten bezahlen: Kaum ist Mutter Europa aus dem Haus, kritzelt Gobby trotz Verbot seine giftigen Kommentare aufs Papier, doch da naht auch schon der schwarze Vater aller Lügen und schneidet ihm die Finger ab.

Weiter treten auf Genosse Joseph, der die Nazi-Buben in sein rotes Tintenfass tunkt, und Hermann der Flieger. Er, der anderswo Bomben regnen lässt, tönt laut: «Hierhin wird’s kein Bomber wagen.» Keine Frage, es kommt anders. Auch Musso-Guck-in-die-Luft wird seiner gerechten Strafe zugeführt. Erst stolpert er vor lauter Prahlerei über die britische Bulldogge, dann fällt er auch schon ins Wasser. Von der italienischen Flotte war zu dieser Zeit nicht viel übrig geblieben.
Trauriges Gretchen
Nichtsdestotrotz hatten Hitlers Armeen zu diesem Zeitpunkt Westeuropa erobert und waren auf dem Weg nach Moskau. Dass diese Abenteuer auf Dauer nicht gut gehen würden, zeigt Dr. Schrecklichkeit am Beispiel der schrecklichen Geschichte von Gretchen und der Kanone: «Es macht mich traurig, euch zu sagen, was sich mit Gretchen zugetragen.»

Das Mädchen kann trotz aller Versprechen und guten Ratschläge nämlich nicht davon lassen, ihre Spielzeugkanone auch gleich auszuprobieren. Doch die Kanone explodiert, Gretchen verbrennt, und nur der Kopf von Puppe Adolf bleibt unversehrt. Zwar geschieht das dem dummen Gretchen recht, doch die beiden Katzen Britannien und Amerika sehen es nicht gern. Sie beklagen Gretchen tränenreich, «die Tränen bilden einen Teich».
Der fliegende Rudolf
Die elfte Geschichte widmet sich einem damals aktuellen Geschehen, nämlich der Geschichte vom fliegenden Rudolf. Rudolf Heß war damals nach England geflogen, möglicherweise, um Friedensverhandlungen zu führen. Die genaueren Umstände sind heute nicht weniger unklar, als sie es damals waren: «Es ist immer noch nicht klar, wozu diese Reise war, nur das eine steht wohl fest, nie mehr kehrt er heim ins Nest.»

Heute, angesichts der heimtückischen Anschläge auf das Herz Londons, die U-Bahn, sind die Briten zwar erschüttert, bleiben aber gelassen. Diszipliniert verließen die meisten Fahrgäste die U-Bahn-Schächte, zu Fuß wanderte das Heer der Pendler aus der Innenstadt. Welche Antwort der britische Humor allerdings auf die Zumutung finden wird, dass es sich bei den Bombenlegern allem Anschein nach um britische Selbstmordattentäter gehandelt hat, bleibt abzuwarten.

Struwwelhitler. A Nazi Storybook by Dr. Schrecklichkeit. Autorenhaus Verlag Berlin, 2005. 60 Seiten, 10,00 Euro.