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Das System Speer: 

Abschied von den Lügen Speers

01. Jun 2005 07:35
Speer auf der Suche nach guten Gründen: Aktennotiz vom 29. September 1940
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Im zweiten Teil ihres Gespräches mit der Netzeitung erläutert die Historikerin Susanne Willems das «System Speer». Aus der Funktionsweise der nationalsozialistischen Sonderbehörden zieht sie politische Lehren für die Gegenwart.

Netzeitung: Sie sehen Speer als Architekten eines Systems, in dem Vernichtung und Zwangsarbeit nebeneinander existieren können. Im allgemeinen scheint demgegenüber noch ein etwas anderes Bild zu herrschen, das im Zentrum der Organisation von Zwangsarbeit die SS sieht, die ja bekanntermaßen auch ökonomisch in das System der Zwangsarbeit involviert war.

Willems: Gewiss, auch die SS hat ihr Geschäft im System der Zwangsarbeit gemacht: als das erste deutsche Leiharbeitsunternehmen. Dies anzuprangern, galt 1990 noch als Provokation, als Waltraud Blass die Firma Siemens auf Nachzahlung des ihr - wie tausenden Gefangenen des KZ Ravensbrück - vorenthaltenen Lohns verklagt hat. Leiharbeit hielt damals auch der Bundesarbeitsminister Norbert Blüm für ungesetzlich. Nur fünfzehn Jahre später lächeln wir darüber, empören uns kaum noch, weil wir uns an Leiharbeit als ungeschütztes Beschäftigungsverhältnis gewöhnt haben.

Mehr in der Netzeitung:
  • Willems-Interview Teil 1:Was die Speer-Biografen nicht wissen wollten 31. Mai 2005 07:09, ergänzt 07:11
  • Interview über Siedler, Fest und den 'Ehrengast':Reich-Ranicki trifft Albert Speer 02. Apr 2004 07:56
  • Speer in der Nachkriegszeit:Das patriotische Projekt des Duos Siedler und Speer 27. Mai 2005 07:32, ergänzt 07:34
  • Entzauberter Biograf:Gefangen in der Geschichte 19. Mai 2005 07:00
  • Der krasseste Gegensatz zwischen Vernichtung und Arbeit zeigte sich den Opfern der Deportation in der Entscheidung eines SS-Chargen, die bei jeder Selektion durch einen einzigen Wink verkündet wurde. Selektionen fanden ja nicht nur bei der Ankunft von Deportierten an der Rampe statt, sondern auch unter den Gefangenen im Lager. Für die Gefangenen war jede Selektion bedrohlich: als Entscheidung über Leben oder Tod, oder über ein besseres oder noch schlechteres Arbeitskommando, in jedem Fall also eine willkürliche und ungewisse Gefährdung ihrer augenblicklichen Existenz.

    Susanne Willems
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    In der Geschichtswissenschaft ist viel gestritten worden, ob die Nazipolitik als ein Programm der Vernichtung durch Arbeit oder als das von Vernichtung und Arbeit zutreffend beschrieben ist. Die Annahme einer strikten Trennung der Politik der Vernichtung einerseits und der des Arbeitseinsatzes andererseits ließ sogar jene apologetische Interpretation zu, in der die Zwangsarbeit sogar als lebensrettende Unternehmung erschien. Möglicherweise hat diese Perspektive ihren Ursprung in der Lüge, mit der Speer auch in Nürnberg operiert
    hat.

    Den ersten Teil des Dokuments vom 13. März 1942, das zeigt, dass Speer sich zum Herrscher über die jüdischen Zwangsarbeiter machte, hat Speer im Nürnberger Prozess selbst vorgetragen. Den zweiten Teil, der davon handelt, dass er über den Zeitpunkt des Abtransport der Juden bestimmen könne und werde, hat er der Anklagebehörde vorenthalten.

    So behauptete Speer vor dem Nürnberger Gerichtshof, er habe um den Verbleib der jüdischen Zwangsarbeiter in den Betrieben gekämpft. Und erst im März 1943 sei 'sein Widerstand' zwecklos gewesen. Dies entspricht aber eben nicht der aus den Akten rekonstruierten Wirklichkeit. Es war Speers letzter Deportationsauftrag vom November 1941, den die Berliner Gestapo von November 1942 bis März 1943 abschloss: in dieser letzten Phase der Massendeportationen aus Berlin wurden Juden in Razzien eingefangen, in Straßenaktionen, und zuletzt in der Fabrikaktion. Insgesamt 45.000 Berliner Juden lieferte Speer im Rahmen seiner sämtlich im Jahr 1941 in Auftrag gegebenen Wohnungsräumungen der Gestapo zur Deportation in die Ghettos und Vernichtungslager aus.

    Netzeitung: Ein wesentliches Merkmal der Forschung jüngerer Historiker ist es, Funktionsträger des Regimes zu zeigen, die an der Entrechtung und Vernichtung von Juden und anderen Zwangsarbeitern aus den besetzten Gebieten mitgearbeitet haben, aber keine eigentlich ideologischen Motive dafür hatten. Viele dieser Männer haben sich im Gegenteil als «unpolitisch» verstanden, ihre Beteiligung an Verbrechen hatte oft Gründe, die eher karrieristischer Natur sind. Früher hat man daraus oft den Schluss gezogen: Wer kein radikaler Antisemit war, hatte eigentlich keinen Grund und kein Interesse, an diesen Verbrechen mitzuwirken.

    Willems: Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Wir haben es bei diesen Naziverbrechern meist mit Schreibtischtätern zu tun, die in den Prozessen besser weggekommen sind und auch selten durch bundesdeutsche Gerichte verurteilt worden sind. Der stellvertretende Chef der Berliner Gestapo etwa ist nach an einem langen Prozess 1971 mit der Begründung freigesprochen worden, er habe nur 'ganz allgemein' den Betrieb der Behörde aufrechterhalten. Eine 'konkrete' Tatbeteiligung, nämlich die Berliner Juden der Deportation und damit wissentlich dem Massenmord ausgeliefert zu haben, könne man ihm nicht nachweisen.

    Mehr im Internet:
    Für die Schreibtischtäter war die wilde, judenfeindliche Agitation eher hinderlich. Ihr Handwerkszeug war das geschmeidige, lückenlose bürokratische Verfahren, das auch den ungeheueren Rechtsbruch verdeckt, der im Fall Speers und seines Amts für den Stadtumbau in diesen behördlichen Kündigungsanordnungen gegen Juden steckt. Bei allen, die an dem Prozess der Verelendung der Berliner Juden beteiligt waren, sollte in dem kleinen Ausschnitt ihrer Mitwirkung nicht der Eindruck entstehen, dass sie ganz persönlich die Verursacher gewesen seien.

    Die Rekonstruktion dieser behördlichen Politik, der mit ihr verwirklichten Interessen und ihrer Verknüpfungspunkte zur antijüdischen Politik führt zu einer Paradoxie: Speer und seine Mitarbeiter handelten verbrecherisch aufgrund ihres Interesses und in der Motivation, den Hauptstadtbau zu beschleunigen. Ergebnis ihres Handelns war die Zerstörung jüdischer Existenz in Berlin. Spätestens das festigte auch ihre judenfeindliche Einstellung.

    Teofila und Marcel Reich-Ranicki
    Netzeitung: Marcel Reich-Ranicki hat in Bezug auf Speer den Begriff des «Ehrengasts» geprägt. Er sprach dabei über einen Empfang von Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest, zu dem sowohl Speer, als auch Reich-Ranicki eingeladen worden waren. In einem Interview mit der Netzeitung vor gut einem Jahr hat Reich-Ranicki gesagt, er hatte das Gefühl, man habe es wohl als Ehre empfunden, eine historische Persönlichkeit wie Speer dabei zu haben. Welche Rolle hat Speer nach seiner Freilassung in der Nachkriegsgesellschaft gespielt?

    Willems: Die Debatte, die jetzt durch den Spielfilm und die Dokumentation Heinrich Breloers ausgelöst wurde, findet derzeit vor allem in den uns als konservativ bekannten Medien statt. Vermutlich weil dort der größte Nachholbedarf besteht, von dem Lügengebäude Speers Abschied zu nehmen, das auch das Lügengebäude der deutschen Nachkriegsgesellschaft gewesen ist.

    Als Speer als Hauptkriegsverbrecher vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, schützte das Gericht ihn damit gleichzeitig davor, wegen seiner Verbrechen jemals vor ein anderes europäisches Gericht gestellt zu werden. Und als Speer 1966 in die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft entlassen wurde, spielte er die Hauptrolle in jenem Film 'Lüge und Täuschung', dessen Drehbuch die westdeutsche Nachkriegselite geschrieben hatte. Der Film lief bereits seit 15 Jahren, seit 1951, als die meisten verurteilten Kriegsverbrecher entlassen wurden und ihr Vermögen zurückerhielten - Adenauers Bedingung für Remilitarisierung und Westintegration der Bundesrepublik. Speers Memoiren, zum Bestseller gemacht, wurden dem empfänglichen, weil desinformierten Publikum nachgereicht, 'als ob Nürnberg nie gewesen wäre'.

    Was wäre denn passiert, wenn Speer dieser Rolle nicht entsprochen hätte, sondern sich in aller Öffentlichkeit im Einzelnen erinnert hätte, was seine Liaisons mit den Spitzen des Terrorapparats sowie den Chefs der Industrie und der Banken als Architekt in Berlin und als Rüstungsminister waren? Sein Vertreter etwa, der Finanzwissenschaftler Prof. Karl Maria Hettlage, war, noch bevor er als Stadtkämmerer aus der Berliner Verwaltung in Speers Stadtumbauagentur wechselte, in den Vorstand der Commerzbank aufgestiegen.

    In den fünfziger und sechziger Jahren war Hettlage beamteter Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, bis 1976 Präsident des Münchener ifo Institut für Wirtschaftsforschung. In Speers Behörde war er der Leiter des Hauptamts Verwaltung und Wirtschaft, das die Karteien aller Wohnungen von Juden in Berlin führte und für sämtliche Wohnungsräumungen verantwortlich war. Weder Speer noch Hettlage noch irgendwer sonst hat sich jemals auch nur wegen eines vor der Deportation in der Falle seiner Wohnung zur Selbsttötung getriebenen Berliner Juden verantworten müssen.

    Wenn Speer sich also genau erinnert hätte, mit wem er seine Politik gemacht hat, hätte dies noch Ende der sechziger Jahre unangenehme Nachfragen von Staatsanwälten und kritischer Öffentlichkeit provoziert über die Komplizenschaft vieler Einzelner aus dieser westdeutschen Elite mit Naziverbrechen. Das erklärt auch die Hartnäckigkeit, mit der sich die Lügen Speers und über Speer gehalten haben.

    Netzeitung: Was ist die politische Schlussfolgerung aus Ihrer Forschung zu Speers Wohnraumpolitik in Berlin?

    Willems: Zuallererst die politische Forderung, das Menschenrecht auf Wohnen innerstaatlich anzuerkennen und gegen behördliche Eingriffe zu sichern.

    Die öffentliche Judenfeindschaft, die allein bereits ein Angriff auf Menschen ist, führte in der Nazizeit zu massenhaftem Verbrechen durch ihre Verknüpfung mit anderen politischen Vorhaben. Die rassistischen Trennlinien wurden willkürlich gesetzt. Oft wurden sie auch verdeckt von behördlichen Ausgrenzungen, die eher ökonomischen Motiven folgten. Umso mehr kommt es heute darauf an, die Gefahren einer jeden ökonomisierenden politischen Argumentation zu erkennen, wenn sie die Grundrechte von Menschen bedroht.

    Der Völkermord an den Juden gilt als 'Verwaltungsmassenmord'. Aber die mit dieser Feststellung gewöhnlich verbundene Schelte der öffentlichen Verwaltung teile ich nicht. Denn die Analyse der behördenähnlichen Agentur für den Berliner Stadtumbau unter der Regie Speers zeigt: Sie war – und darin der Vierjahresplanbehörde Görings ähnlich – eine Agentur institutionalisierter Korruption. Sie markierte gerade den Übergang zur Auflösung öffentlicher Verwaltung. Die Architekten, die Speer über seine Agentur an der Planung des Hauptstadtbaus beteiligte, definierten mit dem Zeichenstift den öffentlichen Auftrag, an dessen Durchführung sie und die Bauunternehmer – wiederum vermittelt über das private Büro Speer – verdienten.

    Diese völlig unkontrollierte Struktur hatte auch die Vierjahresplanbehörde, in der, häufig ganz großzügig ohne staatliches Gehalt, die Techniker, Ingenieure und manchmal Aufsichtsräte der Industrie saßen. Zur forcierten Aufrüstung definierten und vergaben sie die Aufträge, an denen ihre Firmen verdienen würden. Als 'Selbstverwaltung der Industrie' übertrug Speer dieses System auf die deutsche Rüstungs- und Kriegswirtschaft. In Gremien wie der Zentralen Planung und speziellen Rüstungsstäben traf Speer sich mit den Vertretern der Industrie. Diese legten den Bedarf technologischer Entwicklung fest, bestimmten die Rüstungsprojekte und Produktionsziele und definierten den entsprechenden öffentlichen Auftrag an ihre Firmen, für den Speer nötigenfalls Hitlers Billigung einholte.

    Diesen – der Erfindung des Goldesels nahen – Selbstbedienungsladen der Kriegsnotwendigkeiten kannte Speer bereits aus seiner Tätigkeit als Architekt. Das System funktionierte, und es war auf eine risikofreie Art lukrativ. Speer war stets bereit, in diesem System auch um den Preis von Rechtsbruch, Verfolgung und Auslieferung von Menschen in die Vernichtung weiterzuarbeiten. Das ist das Verbrecherische an Albert Speers politischem Verhalten.

    Das korrumptive 'System Speer' verstehe ich heute als Warnung dagegen, Institutionen aus der öffentlichen Verwaltung herauszulösen und damit der demokratisch legitimierten Kontrolle durch die Parlamente zu entziehen. Öffentliche Verwaltung in Agenturen aufzulösen, die sich im Rahmen eines «public-private-partnership» privaten Interessenten andienen, findet seinen gefährlichsten Prototyp in den Sonderbehörden der Nazizeit.

    Susanne Willems Studie «Der entsiedelte Jude» ist 2002 in der Edition Hentrich erschienen und kostet 19,95 Euro.

    Der erste Teil des Gesprächs mit Susanne Willems handelt davon, «Was die Speer-Biografen nicht wissen wollten». Mit Susanne Willems sprach Ulrich Gutmair.


    Mehr in der Netzeitung: Das System Speer
  • Teil eins des Interviews mit Susanne Willems: Was die Speer-Biografen nicht wissen wollten
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