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Idealtypus Speer: 

Das patriotische Projekt des
Duos Speer und Siedler

27. Mai 2005 07:32, ergänzt 07:34
Wolfgang Benz
Wolfgang Benz hält die Vorstellung für absurd, Albert Speer habe seine Biografen täuschen können. Dem Nachkriegs-Publikum diente Speer als Idealtypus des eigentlich unschuldigen Büßers, sagt der Historiker im Gespräch mit der Netzeitung.

Netzeitung: Sie haben vor kurzem Heinrich Breloers Speer-Dokudrama kritisiert. Ihm sei es nicht gelungen, den Mythos Speer zu entzaubern. Warum war die Selbststilisierung des Geläuterten und Missbrauchten im Nachkriegsdeutschland so erfolgreich?

Wolfgang Benz: Ich weiß nicht, ob Speer geläutert war, und ich weiß nicht, ob er missbraucht wurde. Ich weiß nur, dass Albert Speer in den Sechziger, Siebziger und Anfang der Achtzigerjahre einer Erwartungshaltung des Publikums entsprochen hat – als der gesäuberte Nazi, der gebüßt hat, der auf dem Wege der Einkehr erkannt hat: Ich habe gefehlt. Der aber an den wirklichen Verbrechen angeblich nicht beteiligt war. Damit hat er die Lebenslüge der Generation der Mitlebenden bestätigt: Es war nur eine kleine, bösartige Clique von Verbechern, denen das Schlimme am Nationalsozialismus anzulasten ist. Die anderen waren Verführte.

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So sah man sich ja auch selbst. Die Mitläufer, sicherlich nicht die fanatischen Nazis, aber die Mitläufer, die «Normalen», haben sich ja auch die Rolle zugeschrieben: Wir haben es erkannt, wir haben es überwunden, wir haben es gebüßt – etwa durch Entbehrungen in der Nachkriegszeit, durch die Wiederaufbauleistung, durch die Trümmerbeseitigung. Jetzt ist das vorbei, und jetzt ist das eine normale Epoche deutscher Geschichte.

Netzeitung: Hat die Tatsache, dass «Speer und Er» mancherorts als «Enthüllung» gefeiert wurde, demnach auch mit dem schlechten Gewissen von Teilen des Bürgertums, der Nachkriegsgeneration zu tun, Speer zu lange als Galionsfigur einer allzu rosa gefärbten «Vergangenheitsbewältigung» akzeptiert zu haben?

Benz: Sicherlich. Schon der grauenhafte Titel dieses Dokudramas, «Speer und Er», ist Führerkult, wie es ihn schlimmer 1940 kaum gegeben hat, wenn man «Ihn» noch nachträglich zur gottähnlichen Gestalt erhebt. Damit wird die Exkulpation verdeutlicht: «Er» ist der Führer, dem man verfallen ist, und so wie Speer sind die Deutschen diesem «Er» verfallen gewesen. «Er» war offensichtlich so stark und mächtig, dass man sich gar nicht wehren konnte. Erst, als das Standbild der Götze zerbrochen am Boden lag, hat man plötzlich erkannt, was passiert ist.

Diese Lebenslüge wird von Speer verkörpert, da ist er der Idealtypus. Eine Fernsehdarbietung, die in dreimal anderthalb Stunden nur dieses Klischee bedient, ist nicht wirklich aufklärend und bringt uns in der Erkenntnis nicht voran.

Netzeitung: Sie kritisieren in Ihrem Beitrag für die «Süddeutsche Zeitung» auch, dass Breloer die Rolle von Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler nicht genauer unter die Lupe genommen hat. Warum?

Benz: Ich kann nur feststellen und bemängeln, dass die beiden Genannten Hauptakteure sind. Der Erfolg eines Buches wie der Memoiren von Speer hängt ja nicht nur von der Machart und der Qualität ab, sondern von der Strategie, mit der es dem Publikum vermittelt wird. Und das war nun wirklich ein patriotisches Projekt des Duos Speer und Siedler. Das nicht erkannt zu haben, wäre ja nun wirklich sträflich, wenn das Herrn Breloer passiert wäre, dass er das nicht bemerkt hat. Ich gehe davon aus, dass er das gewusst haben muss. Denn warum sollte nun ausgerechnet dieser begnadete Fernsehregisseur, das sage ich ohne Ironie, dümmer sein als alle anderen, die das wissen.

Jetzt werden diese beiden Akteure lediglich in den Zeugenstuhl gebeten und dürfen sagen, dass sie getäuscht wurden, dass sie sich geirrt haben, dass ihnen Speer einen Nase gedreht habe, gerade als hätte das der als «vernehmender Redakteur» apostrophierte Fest nicht gewusst. In Fests Speer-Buch kommt Speer dann tatsächlich nicht gut weg. Wie das Bekenntnis einer enttäuschten Beziehung liest sich das Buch. Aber Fest ist ebenfalls nicht naiv, er hat im Jahre 1968, als er Speer die Hand führte, doch gewusst, was Speer gewusst haben muss und was dessen Rolle war.

Netzeitung: Im Vorspann eines am Mittwoch in der «FAZ» erschienenen Interviews mit Joachim Fest heißt es in Bezug auf Speers Mitarbeit an den Memoiren und seine Speerbiographie von 1999: «Unterdessen» hätten Forscher «immer neue Beweise für das Ausmaß der direkten Täterschaft Speers gefunden». Liegen erst in jüngerer Zeit wesentliche Erkenntnisse in Sachen Speer vor?

Benz: Zu der Zeit, als die Speermemoiren fabriziert wurden, war für jeden, einigermaßen mit der Geschichte des Nationalsozialismus vertrauten, die Vorstellung absurd, dass ausgerechnet Speer, der Superminister in besonderer Nähe zu Hitler, nichts gewusst haben soll vom Judenmord. Dieser Gedanke ist einfach absurd. Auch für die Erkenntnisse der letzten Jahre gilt: Susanne Willems etwa wusste das alles viel früher, ihre Dissertation ist nur erst relativ spät, nach 1999 erschienen.

Das ist der selbe Fest, der sich im Feuilleton der «FAZ» über die Historiker mokiert hat, die nur kleinlich Fakten klauben und keinen großen Wurf haben und keine Vision. Er hätte damals auf die Historiker mit ihren kleinen Fakten hören sollen.

Netzeitung: Müssen Historiker sich vor diesem Hintergrund nicht noch mehr der Geschichte der Geschichtsschreibung annehmen, um herauszuarbeiten, wie das Bild von der Nazizeit später von bestimmten Interessenlagen und psychologischen Bedürfnissen der deutschen Nachkriegsgesellschaft bestimmt wurde?

Benz: Aber das tun sie doch! Der Historiker sitzt fleißig an seinem Schreibtisch und im Archiv und arbeitet. Dann erscheint das Ergebnis in einer Schrift mit einer Auflage von 500. Oder in einem Aufsatz in einer Fachzeitschrift, die vierzig Leute lesen. Das Publikum nimmt aber nur zur Kenntnis, was Guido Knopp im ZDF mit theatralischer Geste als Geschichtsbild verkündet oder was im Feuilleton der Zeitungen darüber geschrieben wird. Und dann ist es allemal ganz billig, die Historiker zu schelten.

Der Publizist munitioniert sich in der Regel unter tüchtigem Ausschlachten dessen, was der Historiker zusammengeklaubt hat, mittels der Fachzeitschriften. Er macht dann etwas Schmissiges in der «FAZ», in der «Süddeutschen» oder im «Focus», wobei er womöglich einen in der Zunft geläufigen Sachverhalt mit einer steilen These verziert, und plötzlich wird ein Thema oder Sachverhalt neu entdeckt.

Die beiläufige Historikerschelte wiederum funktioniert genauso wie ebenso geläufige Journalistenschelte, mit der man auf dem Podium immer Punkte machen kann, weil die Journalisten nichts verstehen, alles verdrehen oder nur böse Absichten haben. Genauso gern wirft man den Historikern vor, sie hätten sich um einen Sachverhalt nicht gekümmert, deshalb müsse eben ein Außenseiter einen Sachverhalt aufklären.

Netzeitung: Einer historischen Forschung, die immer detaillierter über die Wirkungsweise des Regimes Auskunft geben kann, stehen Popformate gegenüber, die sich für die Details der Funktionsweise des Naziapparats weniger interessieren als für die vermeintliche Authentizität der Zeitzeugen. Hat die Wissenschaft die Deutungshoheit über unser Geschichtsbild schon verloren, und wo kann der Historiker überhaupt noch wirksam werden?

Benz: Als Stichwortgeber für diejenigen, die die Deutungshoheit beanspruchen und das ist heute zu einem beträchtlichen Teil das Fernsehen. Dort aber wird der Nationalsozialismus sehr häufig als Faszinosum inszeniert. Denn das Publikum will nicht aufgeklärt werden über Details über Machtstrukturen im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, sondern es wird bedient mit großen Schinken wie «Hitler und die Frauen» oder «Hitler und seine Feldherren». Das kommt im Gewande der Aufklärung daher, bietet in Wirklichkeit aber nur Historiengemälde bis zum Überdruss.

Den Historiker braucht man fast nicht mehr, gelegentlich nur – die Juden würden sagen: zum koscher machen, also um die Korrektheit des Gezeigten zu beglaubigen. Deshalb muss gelegentlich ein Historiker mit Titel oder ausreichendem Bekanntheitsgrad auftauchen und sagen: Ja, so ist es. Viel wichtiger aber ist der Zeitzeuge. Er zeichnet sich in diesem Verfahren durch die vollkommene Beliebigkeit aus. Er muss halt im Jahr 1899 geboren sein, weil das auch das Geburtsdatum von irgendjemand anderem war, oder er muss im Jahre 1935 zufällig in dieser oder jener Stadt gelebt haben. Dass er über die Sache nichts weiß, ist völlig egal, er wird vorgeführt, um den Nimbus des Authentischen herzustellen.

So kommt dann irgendein Rentner aus dem Rheinland auf den Bildschirm, der sagt, er könne sich überhaupt nicht vorstellen, dass da irgend etwas Böses geschehen ist. Weil er aber Jahrgang 1899 ist und 1935 in der selben Stadt lebte, in der Joseph Goebbels geboren worden war, hat seine Aussage Beweiskraft und Gültigkeit. In Wirklichkeit kann der Zeitzeuge natürlich gar nichts beweisen, außer, dass er einen subjektiven Eindruck von einem Sachverhalt hat.

Netzeitung: Wenn die Drehbuchschreiber ihren Akteuren anachronistische Sätze in den Mund legen, wird auch die Mentalität der realen Figuren unkenntlich gemacht. Da hört man bei Breloer etwa die Chefsekretärin zur Ehefrau sagen: «Wir waren ein gutes Team in Berlin, und das soll auch so bleiben...» Kommt der Geschichtswissenschaft so die Aufgabe der Medienkritik zu?

Benz: Das führt dazu, dass dem Historiker ständig gesagt wird, dass ihn das nichts angeht und dass er davon nichts versteht. Als ich das Werk von Frau von Trotta über die Rosenstraße ebenfalls in der «Süddeutschen» ziemlich vehement kritisiert habe, weil ich es für Kitsch und Geschichtsklitterung hielt, da hat man mir in den Feuilletons landauf, landab erklärt: Ein Spielfilm ist ein Spielfilm, gerade so, als wüsste ich das nicht.

Da wird dem Historiker dann erklärt, von den Gesetzen des Spielfilms verstehe er nichts. Der Filmemacher hingegen fühlt sich als Historiker ebenbürtig, beansprucht in Bezug auf das Filmische aber die alleinige Kompetenz.

Netzeitung: In einer Gesellschaft, in der alle fernsehen und wenige historische Fachzeitschriften lesen, wird man auch den Dokumentarfilm und den Spielfilm nutzen müssen, wenn man etwas vermitteln will. Ist das grundsätzlich zu bemängeln?

Benz: Nein, keineswegs. Und ich halte auch die Mittel des Spielfilms für gut, wenn man das seriös macht. Als Beispiel würde ich etwa Heinz Schirks Spielfilm über die Wannseekonferenz von 1984 nennen. Da wurde das Protokoll der Wannseekonferenz als Drehbuch für einen Fernsehfilm benutzt, der Aufklärungswert hatte. Dieser Film war außerdem hoch spannend und ein großes Erlebnis. Mit sparsamen Mitteln wurde hier ein historisches Ereignis auf der Grundlage eines Dokuments inszeniert – auf eine Weise, dass man etwas verstehen konnte.

Prof. Wolfgang Benz leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Mit ihm sprach Ulrich Gutmair.

 
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