Speer-Debatte:
Joachim Fest fühlt sich von Speer betrogen
26. Mai 2005 07:45, ergänzt 07:46
 |  Albert Speer | Foto: dpa |
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Speer-Biograf Joachim Fest sieht sich von Hitlers Rüstungsminister betrogen. In einem Interview mit der «FAZ» erklärt er, dieser habe ihm «die Unwahrheit gesagt». Fest steht indessen selbst in der Kritik renommierter Historiker, für den Mythos Speer mitverantwortlich zu sein.
In der Mittwochsausgabe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» blickt Joachim Fest kritisch auf seine Mitarbeit bei den Memoiren von Hitlers Rüstungsminister Albert Speer zurück. Speer habe ihn und den Verleger Wolf Jobst Siedler angelogen: «Ich fühle mich betrogen». Denn Speer hatte immer bestritten, über die Pläne und die Ausführung der Massenvernichtung von Juden und anderen durch Zwangsarbeit und Lager gewusst zu haben. Er hatte sich stets als betrogener Idealist dargestellt. Die historische Forschung hat dieses Bild in den letzten Jahrzehnten längst korrigiert: Speer gilt als skrupelloser Karrierist, der die Deportation etwa der Berliner Juden in die Lager verantwortete, das System der Zwangsarbeit durch Arbeitskräfte aus ganz Europa mitorganisierte und auch am System von Vernichtung durch Arbeit mitwirkte. Fest ist sich sicher: «Gewusst hat er von den Massenmorden in jedem Fall.»
Fest kritisiert außerdem das kürzlich ausgestrahlte ARD-Dokudrama «Speer und Er» von Heinrich Breloer. Der Film habe keine Antworten auf die komplexe Persönlichkeit und das «Rätsel Speer» gegeben, sagt Fest. Vor allem sei der Film in der Frage der Judenverfolgung «ausschließlich auf Speer fixiert» und lasse die Rolle von Goebbels, Himmler und Heydrich außer Acht.
Hebammendienste an Speers Memoiren
Speer hatte nach dem Krieg ganz allgemein eine moralische Schuld eingestanden, sich gleichzeitig aber zum eigentlichen Opfer und Verführten stilisiert. In diesem Zusammenhang ist Joachim Fest in den letzten Monaten selbst zum Gegenstand der Kritik geworden. Der Historiker Heinrich Schwendemann etwa schrieb im Oktober letzten Jahres in der «Zeit», an der Legende vom effizienten, unpolitischen Technokraten habe «nach Speers Entlassung aus dem Spandauer Gefängnis 1966 vor allem der Publizist Joachim C. Fest weiter gewoben, der Speer im Auftrag des Chefs des Ullstein-Verlages Wolf Jobst Siedler als Ghostwriter bei der Abfassung der Erinnerungen zur Seite stand. 1999 gab Fest die Speerschen Erzählungen in Form einer Biografie nochmals heraus, mit viel Verständnis für einen der wichtigsten NS-Funktionäre, zu dem er offensichtlich besonderes Vertrauen gewonnen hatte. Bezeichnenderweise ignorierte Fest in diesem Buch konsequent alles, was Historiker in der Zwischenzeit zum Fall Speer ermittelt hatten.»
 | Joachim Fest | Foto: dpa |
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In einer Kritik des Breloer-Films in der «Süddeutschen Zeitung» wies der Historiker Wolfgang Benz vor kurzem darauf hin, der Erfolg der Memoiren Speers seit Ende der sechziger Jahre sei Resultat einer Strategie gewesen, «die Speer in Nürnberg den Kopf rettete, ihn nach 20 Jahren Haft zur Lichtgestalt erhob und ihn mit der Aura des Geläuterten zum Idealtypus der 'Vergangenheitsbewältigung' machte.» Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, die «an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der sechziger Jahre erheblichen Anteil hatten», gäben sich im Dokumentarteil des Films in dieser Angelegenheit jedoch «distanziert und unbeteiligt».Dabei habe Fest «die Hebammendienste an Speers Memoiren» geleistet, so Benz. «Siedler hatte vom Feldherrenhügel des Verlegers aus die Medienkampagnen geleitet, die Speer reich und berühmt machten. In Breloers Film dürfen sie sich als Zeitzeugen bekümmert über die Unlauterkeit ihres Pfleglings zeigen. Er habe sie getäuscht, habe ihnen eine Nase gedreht, sagen sie. Dass der Speer der letzten Jahre ohne ihre Hilfe nicht hätte agieren können, scheinen sie vergessen zu haben», so Benz.
«So einfach sollte sich ein Historiker die Sache nicht machen»
Auch der Historiker Norbert Frei reagierte auf die fehlende Auseinandersetzung mit dem Mythos Speer in Breloers TV-Produktion verwundert: «Ich finde es schon erstaunlich, wie sehr dieses mediale Zusammenwirken jetzt die beiden Inszenatoren von Speer aus den späten Sechziger- und Siebzigerjahren unerklärt lässt», sagte er der «Tageszeitung». Zu der erst 1999 erschienenen Speer-Biografie von Joachim Fest sagte er: «Zu diesem Zeitpunkt war nun wirklich längst ein Mehr an kritischer Auseinandersetzung mit Speer möglich, als Fest es geleistet hat. Das war ein souveränes Ignorieren des Forschungsstandes.» Fest hat bereits in seinen vor kurzem erschienen Gedächtnisprotokollen der Gespräche mit Speer darauf verwiesen, Speer habe ihn schlicht belogen. Dies kommentierte Frei knapp so: «So einfach sollte sich ein Historiker die Sache nicht machen.»
Freis Historikerkollege Götz Aly urteilte in einer Rezension von Fests Protokollen in der «Welt» schließlich: «Die Notizen und Gedächtnisprotokolle, die Joachim Fest über Gespräche mit dem aus der Haft entlassenen Speer führte und nun nach 35 Jahren unkommentiert veröffentlicht, zeigen nur eines: In der alten Bundesrepublik konnte es einem NS-Verbrecher bis 1980 noch locker gelingen, zum viel gefragten 'Zeitzeugen' zu mutieren. Unwidersprochen und von keinem der damals führenden Geschichtswissenschaftler der Bundesrepublik zur Rede gestellt, reihte Speer Gedächtnislücken, Lügen, Halb- und Unwahrheiten aneinander.» (nz)