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Der neue Protestpop: 

Selbstgefühl gegen das Marketingkalkül

25. Mai 2005 07:09, ergänzt 07:12
Wir sind Helden
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Was haben Müntefering und Wir sind Helden gemeinsam? Sie spielen ihren Antikapitalismus nur. In seinem neuen Buch versucht sich Robert Misik an einer Analyse des neuen Protestpops.

Von Ralf Hanselle

Deutschlands zerschlissenster Rocker hat es geschafft. Udo Lindenberg, seit Dekaden im Dienst der rebellischen Pose unterwegs, ist endlich offiziell geadelter Teil bundesdeutscher Vorzeit. Im Bonner Haus der Geschichte wurde «Panik Udo» Ende April mit einer eigenen Ausstellung geehrt. Und wenn Wolfgang Niedecken auf der aktuellen BAP-Platte «Sonx» gegen die Laberkultur im deutschen Fernsehen oder die «Erlösung von der Stange» polemisiert, dann wirkt dieser Gestus allenfalls noch putzig.

Sicher, die fitten Jahre sind für oben genannte Herren lange vorbei. Das nicht einzulösende Versprechen des Berufsjugendlichen hat auch den Mythos von der linken Protestpose lädiert. Verdammt lang her, dass Popkultur die Sehnsüchte nach einem nicht-entfremdeten Leben authentisch transportieren konnte. Mit dem Ende der Utopien, so haben wir zu glauben gelernt, kann selbst Unterhaltungskultur nicht mehr auf aufrechte Art politisch sein.

Porentief unbeleckt

Seit geraumer Zeit jedoch scheint diese etablierte These aber innerhalb der jüngeren Poptheorie außer Kraft gesetzt zu sein. Plötzlich machen wieder Künstler und Gruppen von sich reden, die beherzt gegen Konsum oder neoliberale Glaubenssätze klampfen. Sie predigen Sozialkritik, ohne dabei auf den ersten Blick peinlich oder kitschig zu klingen. Angefangen vom «Globalmatador» (taz) Manu Chao bis hin zu der deutschen Gruppe Wir sind Helden. Letztere sind bereits vor zwei Jahren durch ihr auf allen Kanälen gefeiertes Debüt-Album als Neo-Revoluzzer aufgefallen. Mit ihrer neuen Platte «Von hier an blind» schreiben sie diese Geschichte fort.

Die Songtexte von Frontfrau Judith Holofernes lassen sogar die alten Feindbilder wieder von den Toten auferstehen: «Warum musst du springen wie der Springer dich schuf», heißt es da etwa in einem Lied über das zu Markte tragen von Körpern und sexuellen Empfindungen. Wie selbstverständlich reimt Holofernes «Selbstgefühl» auf «Marketingkalkül» und versprüht dabei eine porentiefe Unbelecktheit.

Dann wird ein Trend draus

Kritiker stehen in Anbetracht dieses neuen Hypes um die neue «linke» Popkultur vor einem kleinen Rätsel. So geben sie sich entweder dem naheliegenden Zynismus hin oder sie begrüßen mit großem Hosianna die Rückkehr eines Versprechens von Freiheit und besserem Leben. Für letztere Spezies scheint die Zeit, in denen Bands sich Echt nannten und dann doch nur Surrogatgefühle produzierten, endlich zu Neige zu gehen. Der deutsch-österreichische Publizist Robert Misik wollte es da schon etwas genauer wissen. In seinem gerade erschienenem Buch «Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore» fragt er nach den Ursprüngen des neuen Radical Chic.

Wir sind Helden, das Rap-Trio Beginner oder Rage Against the Machine sind für Misik nur die augenfälligsten Erscheinungen einer neuen Sehnsucht nach außerökonomischen Empfindungen. Sie symbolisieren ein Freiheitsverlangen, das vom Neoliberalismus nicht befriedigt werden kann. Bettet man sie ein in die seit Ende der Neunzigerjahre boomende Gegenkultur der No Globals, in die allgemeine Attraktion von Attac, Naomi Klein oder Michael Moore, dann wird für Misik geradezu ein Trend daraus: Linkssein ist wieder chic. Und so, wie für die Vorväter Theodor W. Adorno einst das philosophische Seitenstück zum Sgt.-Pepper-Album gewesen ist, so unterfüttern die Wir-sind-Helden-Hörer ihr Lifedesign mit Slavoj Zizek oder Toni Negri.

Die Macht ist in dir drin

Besonders das 2002 erschienene Werk «Empire» des Literaturwissenschaftlers Michael Hardt und des italienischen Altkommunisten Antonio Negri liefert für viele Neulinke die Schablone, nach der Revolution noch einmal möglich sein könnte. Folgt man den beiden Autoren, dann wird dieses neue Aufbegehren jedoch völlig anders aussehen, als das, was man sich bis dato unter Revolution vorgestellt hat. Denn für Negri und Hardt ist der postfordistische Kapitalismus längst nicht mehr jene große Maschine, in dessen Zentrum das Böse haust. Vielmehr gleicht er einer undurchsichtigen Netzwerkstruktur. Ganz postmodern orten die Autoren Herrschaft nicht mehr im Zentrum, sondern an den «Rändern» menschlicher Gesellschaften: Längst hat sie sich in die Poren jedes einzelnen Subjekts eingeschrieben.

«Jedes Segment der nichtkapitalistischen Umgebung», so Hardts und Negris Fazit, «wird unterschiedlich verändert». Das sollte eigentlich eine zutiefst betrübliche Erkenntnis sein. Doch für Negri und Hardt liegt genau hierin die Chance, das Problem sei die Lösung. Denn wenn jedermann längst zum Agenten des Kapitalismus geworden ist, dann liegt es auch an jedem selbst, ob er in dieser Rolle verharren oder aus ihr ausbrechen will. Revolutionär ist da für die beiden linken Zukunftsoptimisten bereits, wer in dieser Welt sein eigenes Ding zu machen wagt.

Der Wunsch nach Sinn

Für Misik bleibt so die neue Rebellion der allerorts gefeierten Popsternchen letztlich eine halbe Sache. Zu bewusst ist sich heute auch der Musikkonsument, dass zwischen Rebellion und Product-Placement nur ein Steinwurf liegt. Schließlich hat es die Musikindustrie seit den Sechziger Jahren verstanden, die rebellische Pose gewinnbringend zu verkaufen. Ähnlich wie zuvor bereits der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen erkennt auch Misik selbst in Hippies und Woodstock letztlich nur eine clevere «Marktnische». Auf dem Umschlagplatz von Gefühlen und Meinungen hat auch Konsumkritik einen festen Platz im Sortiment. Solange zumindest, wie sie konsumierbar ist.

Dennoch: Die Hipness neuer Gesellschaftskritik, politischen Pops und authentischer Lebensentwürfe scheint einer gewachsenen und tief empfundenen Sehnsucht zu entspringen; einem Überdruss an dem, was die Hamburger Band Blumfeld einst als «Diktatur der Angepassten» besungen hat. Für Robert Misik produziert das ökonomische System Wünsche nach einer sinnvollen Existenz, während es das Leben gleichzeitig bis in seine Poren hinein kolonisiert. Die Freiheit, eigentlich das höchste Ziel des entfesselten Kapitalismus, bleibt für immer größere Gesellschaftsschichten ein uneingelöstes Versprechen. Die von Werbung und Markttheorie gleichermaßen zugesicherte Autonomie entpuppt sich für die wachsende Zahl der Globalisierungsverlierer als Rundumanpassung an die Erfordernisse des Marktes.

Nur noch ein Versuch

In diesem Umfeld klingt der Ruf der Wir-sind-Helden-Sängerin Holofernes, «Guten Tag, Ich will mein Leben zurück!», tatsächlich ein wenig wie der Soundcheck zu einem großen Alternativkonzept. Doch so wie die Protagonisten in Hans Weingartners Film «Die fetten Jahre sind vorbei» ist auch der neue Protestpop letztlich ein wenig verstolpert und ungeplant. Im vollen Bewusstsein, dass die klassischen linken Utopien bis auf den letzten Tropfen Leben ausgequetscht sind, dreht man hier noch einmal an der Retrokurbel. Nur wenige Kritiker entzogen sich dem offensichtlichen Charme pubertärer Antihaltung: Gustav Seibt verteufelte dieses nur scheinbar neue und kritische Denken kurzerhand als «uninformiert-uniformierten Gedankenschrott». Robert Misik spricht allgemeiner und nüchterner vom Ende des «linken Heilsplans», der nun allenfalls noch von einer «Versuchsanordnung» abgelöst worden sei.

Holofernes und die ihren spielen einen Protest, dem das Scheitern bereits eingeschrieben ist. Nachdem das «ganz Andere» der jungen und gefährlichen Rebellion vor Jahren in RAF und Linksfaschismus abgedriftet ist, kann der Radical Chic von heute bestenfalls noch Maskerade sein. Während man mit gut dotierten Plattenverträgen Teil des Systems ist, tut man unverdrossen so, als würde man es von Außen aufmischen. Ganz wie in jenem anderen Hit gegenwärtiger deutscher Chartstürmer, scheinen auch die politischeren unter den deutschen Jungmusikanten letztlich nur ein bisschen spielen zu wollen.

Niedliches Pathos

Eigentlich sind die niedlichen und gut gemeinten Posen von Wir sind Helden geradewegs als tragisch zu beschreiben. Sollte mit dem End of History tatsächlich kein Ausbruch aus dem «Weltinnenraum des Kapitals» (Peter Sloterdijk) mehr möglich sein, dann wirken diese neuen Protestformen allenfalls wie Sisyphosiaden. Doch im Gegensatz zum Grunge – jenes Lebensgefühls, das zu Beginn der Neunziger sich noch einmal wie Punk geben wollte, obwohl selbst die Subkultur längst durchökonomisiert war – spielen die Musiker um Holofernes im vollen Bewusstsein dieses Widerspruchs.

Wo bei Kurt Cobain noch die Verzweiflung stand, da spielt der neue politische Pop ein heiteres «Dennoch» als Mitsinglied. Das macht Gruppen wie Wir sind Helden fast schon wieder zu liebenswerten Anti-Helden. Dieses Gefühl für eine Lage, die hoffnungslos aber nicht ernst ist, hat Judith Holofernes auf ihrer neuen Single «Gekommen um zu bleiben» beschrieben. Voll gebrochener Hybris heißt dort: «Reicht uns wehende Fahnen damit unterzugehn».

Robert Misik: Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore. Aufbau Verlag 2005. 200 Seiten. 17,90 Euro.

 
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