Der neue Protestpop:
Selbstgefühl gegen das Marketingkalkül
25.05.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Deutschlands zerschlissenster Rocker hat es geschafft. Udo Lindenberg, seit Dekaden im Dienst der rebellischen Pose unterwegs, ist endlich offiziell geadelter Teil bundesdeutscher Vorzeit. Im Bonner Haus der Geschichte wurde «Panik Udo» Ende April mit einer eigenen Ausstellung geehrt. Und wenn Wolfgang Niedecken auf der aktuellen BAP-Platte «Sonx» gegen die Laberkultur im deutschen Fernsehen oder die «Erlösung von der Stange» polemisiert, dann wirkt dieser Gestus allenfalls noch putzig.
Sicher, die fitten Jahre sind für oben genannte Herren lange vorbei. Das nicht einzulösende Versprechen des Berufsjugendlichen hat auch den Mythos von der linken Protestpose lädiert. Verdammt lang her, dass Popkultur die Sehnsüchte nach einem nicht-entfremdeten Leben authentisch transportieren konnte. Mit dem Ende der Utopien, so haben wir zu glauben gelernt, kann selbst Unterhaltungskultur nicht mehr auf aufrechte Art politisch sein.
Die Songtexte von Frontfrau Judith Holofernes lassen sogar die alten Feindbilder wieder von den Toten auferstehen: «Warum musst du springen wie der Springer dich schuf», heißt es da etwa in einem Lied über das zu Markte tragen von Körpern und sexuellen Empfindungen. Wie selbstverständlich reimt Holofernes «Selbstgefühl» auf «Marketingkalkül» und versprüht dabei eine porentiefe Unbelecktheit.
Wir sind Helden, das Rap-Trio Beginner oder Rage Against the Machine sind für Misik nur die augenfälligsten Erscheinungen einer neuen Sehnsucht nach außerökonomischen Empfindungen. Sie symbolisieren ein Freiheitsverlangen, das vom Neoliberalismus nicht befriedigt werden kann. Bettet man sie ein in die seit Ende der Neunzigerjahre boomende Gegenkultur der No Globals, in die allgemeine Attraktion von Attac, Naomi Klein oder Michael Moore, dann wird für Misik geradezu ein Trend daraus: Linkssein ist wieder chic. Und so, wie für die Vorväter Theodor W. Adorno einst das philosophische Seitenstück zum Sgt.-Pepper-Album gewesen ist, so unterfüttern die Wir-sind-Helden-Hörer ihr Lifedesign mit Slavoj Zizek oder Toni Negri.
«Jedes Segment der nichtkapitalistischen Umgebung», so Hardts und Negris Fazit, «wird unterschiedlich verändert». Das sollte eigentlich eine zutiefst betrübliche Erkenntnis sein. Doch für Negri und Hardt liegt genau hierin die Chance, das Problem sei die Lösung. Denn wenn jedermann längst zum Agenten des Kapitalismus geworden ist, dann liegt es auch an jedem selbst, ob er in dieser Rolle verharren oder aus ihr ausbrechen will. Revolutionär ist da für die beiden linken Zukunftsoptimisten bereits, wer in dieser Welt sein eigenes Ding zu machen wagt.
Dennoch: Die Hipness neuer Gesellschaftskritik, politischen Pops und authentischer Lebensentwürfe scheint einer gewachsenen und tief empfundenen Sehnsucht zu entspringen; einem Überdruss an dem, was die Hamburger Band Blumfeld einst als «Diktatur der Angepassten» besungen hat. Für Robert Misik produziert das ökonomische System Wünsche nach einer sinnvollen Existenz, während es das Leben gleichzeitig bis in seine Poren hinein kolonisiert. Die Freiheit, eigentlich das höchste Ziel des entfesselten Kapitalismus, bleibt für immer größere Gesellschaftsschichten ein uneingelöstes Versprechen. Die von Werbung und Markttheorie gleichermaßen zugesicherte Autonomie entpuppt sich für die wachsende Zahl der Globalisierungsverlierer als Rundumanpassung an die Erfordernisse des Marktes.
Holofernes und die ihren spielen einen Protest, dem das Scheitern bereits eingeschrieben ist. Nachdem das «ganz Andere» der jungen und gefährlichen Rebellion vor Jahren in RAF und Linksfaschismus abgedriftet ist, kann der Radical Chic von heute bestenfalls noch Maskerade sein. Während man mit gut dotierten Plattenverträgen Teil des Systems ist, tut man unverdrossen so, als würde man es von Außen aufmischen. Ganz wie in jenem anderen Hit gegenwärtiger deutscher Chartstürmer, scheinen auch die politischeren unter den deutschen Jungmusikanten letztlich nur ein bisschen spielen zu wollen.
Wo bei Kurt Cobain noch die Verzweiflung stand, da spielt der neue politische Pop ein heiteres «Dennoch» als Mitsinglied. Das macht Gruppen wie Wir sind Helden fast schon wieder zu liebenswerten Anti-Helden. Dieses Gefühl für eine Lage, die hoffnungslos aber nicht ernst ist, hat Judith Holofernes auf ihrer neuen Single «Gekommen um zu bleiben» beschrieben. Voll gebrochener Hybris heißt dort: «Reicht uns wehende Fahnen damit unterzugehn».
Robert Misik: Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore. Aufbau Verlag 2005. 200 Seiten. 17,90 Euro.

