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Albert Speer und die Historiker: 

Gefangen in der Geschichte

19. Mai 2005 07:00
Joachim Fest
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Joachim Fest ist nach dem jüngsten Film über Albert Speer als Geschichtsschreiber entzaubert. Aber auch der Regisseur Heinrich Breloer ging in die Falle des perfekten Lügners. Jürgen Busche über die Grenzen der unprofessionellen Historiker.

Von Jürgen Busche

Der englische Historiker Thomas Carlyle erreichte mit seiner monumentalen Biographie Friedrichs des Großen viele Leser auch in Preußen, die sich über das Werk begeistert äußerten. Manche hatten auch an dem einen oder anderen Detail etwas auszusetzen, sie entdeckten Fehler. Als Carlyle einmal in London von einem preußischen Offizier hartnäckig auf Irrtümer in der Biographie hingewiesen wurde, antwortete er zuletzt entnervt, das mag ja alles richtig sein, was Sie mir sagen, aber was geht mich Ihr König an?

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  • Diese kleine Anekdote ist geeignet, den Unterschied zwischen einem Historiker und einem Geschichtsschreiber zu pointieren. Der Historiker, der Geschichte wissenschaftlich erforscht, muss unbedingt zuverlässig in der Darstellung der Tatsachen sein. Die Tatsachen müssen für ihn zweifelsfrei feststehen. Der Geschichtsschreiber muss begreifbar machen, was geschehen ist und als Geschehenes Geschichte ist. Für ihn ist es vor allem wichtig, Handlungszusammenhänge zu verstehen, Schwerpunkte zu erkennen und Entwicklungslinien zu beurteilen. Keiner von beiden darf das ignorieren, was der andere tut. Aber ihr Interesse daran ist unterschiedlich.

    Gegenwärtig gibt es an den Stammtischen der Gebildeten in Deutschland ein Kopfschütteln darüber, wie sich der Historiker Joachim Fest jahrzehntelang von Albert Speer, einst Hitlers Lieblingsarchitekt und Rüstungsminister, über dessen Rolle in der nationalsozialistischen Diktatur hat täuschen lassen. Ein Fernseh-Mehrteiler von Heinrich Breloer hatte einem großen Publikum bekannt gemacht, was Fach-Historiker schon seit längerem wussten: Speer hatte von den schlimmsten Verbrechen der Nationalsozialisten nicht nur gewußt, er war Mittäter gewesen. Das hatte er bei seiner großen Geste des Sich-schuldig-Bekennens vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal und später vor seinem Ghost-Writer Fest und seinem Verleger Wolf Jobst Siedler sorgsam verschwiegen. In Nürnberg kam er deshalb mit einem Urteil von 20 Jahren Haft davon, die er in Spandau absaß. Mit Hilfe von Fest und Siedler aber wurde er nach seiner Haftentlassung rasch zu einem wohlhabenden, bald auch wieder angesehenen Mann, der mit seinem Schicksal das Schicksal eines Teils des deutschen Bürgertums veranschaulichte und zu beglaubigen schien, ungewollt und im Innersten unbeteiligt in die Verbrechen Hitlers verstrickt worden zu sein, wehrlos gegenüber der dämonischen Kraft, die von dem Diktator ausgegangen war. Er hat uns alle an der Nase herumgeführt, sagte Fest jetzt, nachdem er noch 1999 eine Biographie Speers publiziert hatte, in der etliches unberücksichtigt geblieben war, was die historische Wissenschaft aus Aktenbeständen schon zu Tage gefördert hatte.

    Heinrich Breloer zwischen seinen Darstellern aus
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    An der Nase herumgeführt – darf es ein Historiker sich so leicht machen? Dazu ist zunächst zu sagen, daß Joachim Fest ein Historiker im strengen Sinne nicht ist. Er hat sein Leben keineswegs forschend und lehrend im Fach Geschichte an der Universität oder in der Klause des Privatgelehrten verbracht. Fest war jahrzehntelang ein überaus erfolgreicher Journalist, Fernseh-Moderator, als er sein berühmtes Buch «Das Gesicht des Dritten Reiches» schrieb, Chefredakteur des Norddeutschen Rundfunks, bevor er daran ging, seine Hitler-Biographie zu schreiben, dann, 20 Jahre lang, Mitherausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», deren Feuilleton unter seiner Leitung einen bedeutenden Aufschwung nahm.

    Zum historischen Schriftsteller wurde Fest angesichts der Frage: Wie war es möglich, daß ein so gebildetes, arbeitsames und auf Anständigkeit verpflichtetes Bürgertum wie das deutsche vom 19. Jahrhundert her, zum Komplizen jener Ansammlung von Ganovenfressen wurde, den undiskutablen Nationalsozialisten, die Oswald Spengler die Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen nannte? Diese Frage, und das mag Fest früh für sich entschieden haben, war aus den von Bürokraten gespeisten Quellen, also aus den Akten der Ämter und Ministerien, kaum zu beantworten. Das historische Interesse muß sich hier auf das psychologische Gespür verlassen, das den geborenen Erzähler befähigt, aus etwas Geschehenem eine Geschichte werden zu lassen. Das Erzählenkönnen einer Geschichte ist die entscheidende Vorstufe zum Verstehenkönnen des Geschehenen.

    Dieser Weg zur Geschichte ist so ungewöhnlich nicht. Das beste Beispiel dafür, mit wieviel Erfolg man ihn beschreiten kann, ist Friedrich Schiller. Der Dichter hatte Medizin studiert und war am Theater beschäftigt gewesen, bevor er, dreißig Jahre alt, in Jena Geschichtsprofessor wurde und mit zwei Büchern, über den Dreißigjährigen Krieg und den Abfall der Vereinigten Niederlande von Spanien, Glanzstücke der Geschichtsschreibung ablieferte. Das Gespür des großen Dramatikers für Personen und Situationen befähigte ihn, das Entscheidende in historisch bedeutsamen Augenblicken zu erfassen und in den Lauf der Dinge überzeugend einzupassen. Sprachkraft tat das Übrige, um die Werke zum Erfolg zu bringen. Mit der kritischen Methode, die wenig später deutsche Historiker entwickeln und zur Meisterschaft bringen sollten, hatte das gar nichts zu tun. Aber als reichlich ein halbes Jahrhundert später Theodor Mommsen seine Römische Geschichte schrieb, für die er, wieder ein halbes Jahrhundert später, den Literatur-Nobelpreis erhielt, war er in der Arbeitsweise Schiller näher als den Kollegen an der Universität. Im 20. Jahrhundert war es Egon Friedell, der mehr mit künstlerischer Intelligenz als mit entsagungsvollem Quellenstudium seine Kulturgeschichten verfaßte, die immer noch lesenswert sind, auch wenn sie kaum zur Vorbereitung auf das Staatsexamen im Fach Geschichte taugen.

    Albert Speer (aufgenommen 1978)
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    Fest ging es, als er sich mit Speer beschäftigte – und immer wieder mit Speer – darum, den Bürger-Typus zu erfassen, dem er sich innerlich verwandt fühlte und der als brillanter Helfer Hitlers zu einer Welt gehört hatte, die ihm so fremd war wie nur irgend möglich. Fest war als Sohn eines katholischen Beamten aufgewachsen, der 1933 zu keinerlei Kompromissen mit den Nazis bereit gewesen war und deshalb aus dem Dienst hatte ausscheiden müssen. Im Bürgertum der 30er Jahre, der Jahre Hitlers, war Fests Vater mithin eine seltene Ausnahme gewesen, er war tatsächlich der Gegenpol zu der Entwicklung, die Albert Speer nahm. Aber Speer war nur das eindrucksvollste Exemplar des Typus, der nach Millionen zählte. Und Millionen haben sich auch – wie Speer – bereitwilliger und weitergehend auf die verbrecherischen Umtriebe der Nationalsozialisten eingelassen, als es ihnen von Hause aus hätte erlaubt sein dürfen und als sie es nachher einzuräumen bereit waren.

    Die Lüge, schreibt Nietzsche, sei die Art von Wahrheit, ohne die der Mensch nicht zu leben vermag. Eine solche Lüge war die Geschichte von der Verstrickung ins Unrechtsregime, die Speer wie Millionen andere nach 1945 sich zusammenfabulierte und an die er wie Millionen andere glauben wollte, mit der er – wie Millionen andere – zumindest durchkommen wollte. Als Speer 1966 aus der Spandauer Haft entlassen wurde, waren Millionen andere damit durchgekommen. Daß dies nun auch Speer gelang, ja, daß er nun gar zur Symbolfigur der mehr oder weniger unschuldigen Verstrickung aufsteigen konnte, daran haben der Publizist Fest und der Verleger Siedler großen Anteil gehabt. Ist ihnen dies als Versagen vorzuwerfen?

    Diese Frage ist so einfach nicht zu beantworten. Die Selbstdarstellung Speers, bei der Fest formal geholfen hat, entsprach in den 60er Jahren einer gesellschaftlichen Realität, die Fakten geschaffen hatte und immer neue Fakten schuf. Vieles davon bestimmt die Bundesrepublik Deutschland bis heute. Speers Selbstdarstellung erlaubt einen einzigartigen Blick in die Grundfigur dieser gesellschaftlichen Realität, wie sie in einem Einzelnen angelegt ist. Das bedeutet einen großen Erkenntnisgewinn für ja auch Fests Frage: Wie war die Liaison Hitlers mit dem Bürgertum möglich gewesen und wie ging das Bürgertum damit um. Ohne die Entfaltung dieser Frage, wie Fest sie – schließlich auch in Zusammenarbeit mit Speer – vorangetrieben hat, wüßten wir heute weniger von dem, worüber uns die Quellen lediglich in winzigen Parzellen Informationen geben. Die gewonnenen Einsichten sind verbucht, und die Lügen Speers ändern daran nichts. Dies gilt umso mehr, wie die Rezeption Speers im Deutschland seit 1966 uns über die Nachkriegsgesellschaft belehrt. Hier gilt wiederum der Gedanke, daß Lügen zwar nicht wahr werden, wenn sie nur lang genug gepflegt werden, daß sie aber in dieser Zeit Tatsachen schaffen, und die sind dann wahr in den Zusammenhängen, in denen sie stehen. In diesem Sinne ist der getäuschte Zeitzeuge Fest als verstehenshungriger Zeitgeschichtler nicht blamiert.

    Ohne die Geschichte Albert Speers, von ihm selbst erfunden, wüßten wir weniger von der Geschichte, mit der sich das Deutschland nach 1945 selber neu erfand oder wieder erfand. Das Faktum, um Johann Gustav Droysen zu zitieren, steht nicht in den Quellen, und die Sicherheit der Fakta, der Nachrichten aus den Aktenschränken, ist stets prekär. Droysen war allerdings ein exzellenter Quellenkenner, als er seiner Überzeugung Ausdruck gab, das Faktum, auf das es in der Geschichte ankomme, müsse man woanders suchen. Wäre Joachim Fest ein Historiker von Profession, müßte er auch quellenkundiger sein. Aber das ist er nicht – ebenso wenig übrigens wie der Fernseh-Star Heinrich Breloer. Diesem wirft nun der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in der «Süddeutschen Zeitung» vor, er sei mit seinem Film ebenso in einem Geschichtsbild befangen geblieben, dessen Regisseur niemand anderes als Albert Speer selber gewesen war. Dieser Vorwurf ist berechtigt. Es ist schwer, der Geschichte zu entkommen – auch bei der Darstellung der Geschichte.

    Jürgen Busche (Jahrgang 1944), studierte Alte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Münster. Er arbeitete (unter Joachim Fest) als Redakteur der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», bei der «Hamburger Morgenpost» und als Redenschreiber für Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er war Ressortchef Innenpolitik bei der «Süddeutschen Zeitung», Chefredakteur der «Wochenpost» und Chefredakteur der «Badischen Zeitung». Heute lebt er in Berlin und arbeitet als freier Autor.

     
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