Albert Speer und die Historiker:
Gefangen in der Geschichte
Der englische Historiker Thomas Carlyle erreichte mit seiner monumentalen Biographie Friedrichs des Großen viele Leser auch in Preußen, die sich über das Werk begeistert äußerten. Manche hatten auch an dem einen oder anderen Detail etwas auszusetzen, sie entdeckten Fehler. Als Carlyle einmal in London von einem preußischen Offizier hartnäckig auf Irrtümer in der Biographie hingewiesen wurde, antwortete er zuletzt entnervt, das mag ja alles richtig sein, was Sie mir sagen, aber was geht mich Ihr König an?
Zum historischen Schriftsteller wurde Fest angesichts der Frage: Wie war es möglich, daß ein so gebildetes, arbeitsames und auf Anständigkeit verpflichtetes Bürgertum wie das deutsche vom 19. Jahrhundert her, zum Komplizen jener Ansammlung von Ganovenfressen wurde, den undiskutablen Nationalsozialisten, die Oswald Spengler die Organisation der Arbeitslosen durch die Arbeitsscheuen nannte? Diese Frage, und das mag Fest früh für sich entschieden haben, war aus den von Bürokraten gespeisten Quellen, also aus den Akten der Ämter und Ministerien, kaum zu beantworten. Das historische Interesse muß sich hier auf das psychologische Gespür verlassen, das den geborenen Erzähler befähigt, aus etwas Geschehenem eine Geschichte werden zu lassen. Das Erzählenkönnen einer Geschichte ist die entscheidende Vorstufe zum Verstehenkönnen des Geschehenen.
Dieser Weg zur Geschichte ist so ungewöhnlich nicht. Das beste Beispiel dafür, mit wieviel Erfolg man ihn beschreiten kann, ist Friedrich Schiller. Der Dichter hatte Medizin studiert und war am Theater beschäftigt gewesen, bevor er, dreißig Jahre alt, in Jena Geschichtsprofessor wurde und mit zwei Büchern, über den Dreißigjährigen Krieg und den Abfall der Vereinigten Niederlande von Spanien, Glanzstücke der Geschichtsschreibung ablieferte. Das Gespür des großen Dramatikers für Personen und Situationen befähigte ihn, das Entscheidende in historisch bedeutsamen Augenblicken zu erfassen und in den Lauf der Dinge überzeugend einzupassen. Sprachkraft tat das Übrige, um die Werke zum Erfolg zu bringen. Mit der kritischen Methode, die wenig später deutsche Historiker entwickeln und zur Meisterschaft bringen sollten, hatte das gar nichts zu tun. Aber als reichlich ein halbes Jahrhundert später Theodor Mommsen seine Römische Geschichte schrieb, für die er, wieder ein halbes Jahrhundert später, den Literatur-Nobelpreis erhielt, war er in der Arbeitsweise Schiller näher als den Kollegen an der Universität. Im 20. Jahrhundert war es Egon Friedell, der mehr mit künstlerischer Intelligenz als mit entsagungsvollem Quellenstudium seine Kulturgeschichten verfaßte, die immer noch lesenswert sind, auch wenn sie kaum zur Vorbereitung auf das Staatsexamen im Fach Geschichte taugen.
Die Lüge, schreibt Nietzsche, sei die Art von Wahrheit, ohne die der Mensch nicht zu leben vermag. Eine solche Lüge war die Geschichte von der Verstrickung ins Unrechtsregime, die Speer wie Millionen andere nach 1945 sich zusammenfabulierte und an die er wie Millionen andere glauben wollte, mit der er wie Millionen andere zumindest durchkommen wollte. Als Speer 1966 aus der Spandauer Haft entlassen wurde, waren Millionen andere damit durchgekommen. Daß dies nun auch Speer gelang, ja, daß er nun gar zur Symbolfigur der mehr oder weniger unschuldigen Verstrickung aufsteigen konnte, daran haben der Publizist Fest und der Verleger Siedler großen Anteil gehabt. Ist ihnen dies als Versagen vorzuwerfen?
Diese Frage ist so einfach nicht zu beantworten. Die Selbstdarstellung Speers, bei der Fest formal geholfen hat, entsprach in den 60er Jahren einer gesellschaftlichen Realität, die Fakten geschaffen hatte und immer neue Fakten schuf. Vieles davon bestimmt die Bundesrepublik Deutschland bis heute. Speers Selbstdarstellung erlaubt einen einzigartigen Blick in die Grundfigur dieser gesellschaftlichen Realität, wie sie in einem Einzelnen angelegt ist. Das bedeutet einen großen Erkenntnisgewinn für ja auch Fests Frage: Wie war die Liaison Hitlers mit dem Bürgertum möglich gewesen und wie ging das Bürgertum damit um. Ohne die Entfaltung dieser Frage, wie Fest sie schließlich auch in Zusammenarbeit mit Speer vorangetrieben hat, wüßten wir heute weniger von dem, worüber uns die Quellen lediglich in winzigen Parzellen Informationen geben. Die gewonnenen Einsichten sind verbucht, und die Lügen Speers ändern daran nichts. Dies gilt umso mehr, wie die Rezeption Speers im Deutschland seit 1966 uns über die Nachkriegsgesellschaft belehrt. Hier gilt wiederum der Gedanke, daß Lügen zwar nicht wahr werden, wenn sie nur lang genug gepflegt werden, daß sie aber in dieser Zeit Tatsachen schaffen, und die sind dann wahr in den Zusammenhängen, in denen sie stehen. In diesem Sinne ist der getäuschte Zeitzeuge Fest als verstehenshungriger Zeitgeschichtler nicht blamiert.
Ohne die Geschichte Albert Speers, von ihm selbst erfunden, wüßten wir weniger von der Geschichte, mit der sich das Deutschland nach 1945 selber neu erfand oder wieder erfand. Das Faktum, um Johann Gustav Droysen zu zitieren, steht nicht in den Quellen, und die Sicherheit der Fakta, der Nachrichten aus den Aktenschränken, ist stets prekär. Droysen war allerdings ein exzellenter Quellenkenner, als er seiner Überzeugung Ausdruck gab, das Faktum, auf das es in der Geschichte ankomme, müsse man woanders suchen. Wäre Joachim Fest ein Historiker von Profession, müßte er auch quellenkundiger sein. Aber das ist er nicht ebenso wenig übrigens wie der Fernseh-Star Heinrich Breloer. Diesem wirft nun der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in der «Süddeutschen Zeitung» vor, er sei mit seinem Film ebenso in einem Geschichtsbild befangen geblieben, dessen Regisseur niemand anderes als Albert Speer selber gewesen war. Dieser Vorwurf ist berechtigt. Es ist schwer, der Geschichte zu entkommen auch bei der Darstellung der Geschichte.
Jürgen Busche (Jahrgang 1944), studierte Alte Geschichte, Philosophie und Germanistik in Münster. Er arbeitete (unter Joachim Fest) als Redakteur der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», bei der «Hamburger Morgenpost» und als Redenschreiber für Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Er war Ressortchef Innenpolitik bei der «Süddeutschen Zeitung», Chefredakteur der «Wochenpost» und Chefredakteur der «Badischen Zeitung». Heute lebt er in Berlin und arbeitet als freier Autor.

