Michael Wolffsohn:
Wolffsohn rechnet mit «schweren Problemen» für deutsch-israelische Beziehungen
Netzeitung: Welche Rolle spielte das Reparationsabkommen 1953 für die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel?
Wolffsohn:Das Wiedergutmachungsabkommen war eine entscheidende vertrauensbildende Maßnahme. Der israelischen Seite fiel es sehr schwer, überhaupt mit Deutschen über Geld zu sprechen. Das wird hier in Deutschland oft vergessen. Die inner-israelische Opposition gegen das Abkommen sprach sogar von Blutgeld, das man nicht annehmen würde.
Netzeitung: Hatten die deutschen Juden dabei eine Art Brückenfunktion zwischen den beiden Staaten?
Wolffsohn: Das sind Legenden, die den deutsch-jüdischen Persönlichkeiten zu viel Bedeutung beimessen. Das deutsch-israelische Abkommen war eine deutsch-israelische Angelegenheit. Allerdings gab es eine Persönlichkeit in der Diaspora, die bei der strategischen Weichenstellung tatsächlich sehr wichtig war, nämlich Nachum Goldmann (der Präsident des Jüdischen Weltkongresses). Alle anderen waren hilfreiche Statisten aber sicher nicht die Leute in der ersten Reihe.
Dass Gespräche mit Deutschland geführt wurden, musste auch in der israelischen Koalition und in der Arbeitspartei regelrecht durchgeboxt werden. Die Israelis haben nur deshalb mit den Deutschen verhandelt, weil sie wussten, dass der jüdische Staat ohne deutsche Hilfe nicht überleben könnte.
Netzeitung: Bevor diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern bestanden, bestanden bereits militärische Beziehungen. Deutschland half Israel zu überleben.
Wolffsohn: Die deutsch-israelischen Waffengeschäfte waren nicht symbolisch, sondern sehr handfest. Der jüdische Staat war von der ersten Minute seiner Staatlichkeit an umstritten und wurde von den arabischen Nachbarn bekämpft. Um überleben zu können, brauchte man Waffen. Amerika war damals nicht der Waffenlieferant, sondern die Sowjetunion, aber nur bis September 1948.
Dann kaufte Israel in der ganzen Welt Waffen zusammen. Ab Mitte der fünfziger Jahre sprang Frankreich ein, weil es israelische Beratung im Kampf gegen die algerischen Aufständischen benötigte. Ende 1956 war Israel klar, dass von Adenauer weit mehr als Geld und schöne Worte zu erwarten waren. Adenauer hat sich dem amerikanischen Druck widersetzt, die Wiedergutmachungszahlungen so lange auszusetzen, wie Israel von Oktober 1956 bis Frühjahr 1957 den eroberten Sinai und den Gazastreifen besetzt hielt.
Adenauer sagte den Amerikanern, dass seine Verpflichtungen dem jüdischen Staat und dem jüdischen Volk gegenüber eine Entscheidung von strategisch grundsätzlicher Bedeutung sei, unabhängig von der Tagespolitik. Ben Gurion wurde klar, dass er auf die Bundesrepublik zählen kann.
Netzeitung: Welche strategische Überlegungen führten zur deutsch-israelischen Annäherung?
Wolffsohn: Der Antikommunismus und das Bremsen des sowjetischen Vordringens im Nahen Osten stellte ein wichtiges Motiv für Franz Joseph Strauß und für Adenauer dar. Die Sowjetunion war der Hauptpartner der arabischen Staaten, allen voran Ägypten und Syrien. Aber entscheidend war für Adenauer, dass er ein neues Kapitel zwischen Deutschen und Juden aufschlagen wollte.
Strauß dagegen war aus wirtschaftlichen Gründen gegen das Wiedergutmachungsgesetz und enthielt sich bei der entsprechenden Abstimmung nur, weil Adenauer großen Druck auf ihn ausgeübt hatte. Die deutsche Wirtschaft setzte verständlicherweise auf die arabischen Staaten. Die Wiedergutmachung gefährdete deutsche Interessen im Nahen Osten, politische und wirtschaftliche.
Netzeitung: Deutsche Wissenschaftler haben den Ägyptern geholfen, Langstreckenraketen zu entwickeln. War dies eine tatsächliche Bedrohung für Israel?
Wolffsohn: Die Bedrohung war durchaus real. Diese Raketen hätten israelische Ziele treffen können. Insofern musste Israel, um sein Überleben zu sichern, dafür sorgen, dass diese Raketen nicht eingesetzt werden. Natürlich hätte Ägypten und auch Syrien von der Sowjetunion Raketen beziehen können. Dennoch stellten die deutschen Raketen eine grundlegende Störung der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel dar. Die bundesdeutsche Außenpolitik konnte in dieser Angelegenheit aber nur sehr schwer etwas steuern.
Netzeitung: Wer ließ denn die Informationen über die Waffenlieferungen von Deutschland nach Israel durchsickern, die letztendlich zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen führten?
Wolffsohn: Meine These ist, dass das Auswärtige Amt und möglicherweise sogar der damalige deutsche Außenminister diese Indiskretion im März 1964 veranlasst hat. Es ist ausgeschlossen, dass es die Israelis waren.
Netzeitung: Die Verjährungsdebatte für NS-Verbrechen stellte später eine neuerliche Belastung der bilateralen Beziehungen dar.
Wolffsohn: Diese war terminbedingt, aber sie war zeitlich für die Bundesrepublik natürlich sehr ungünstig, denn die Waffenlieferungen waren aufgeflogen. Die von den Nationalsozialisten verübten Verbrechen wären nach damaligem Recht 1965, also nach 20 Jahren, verjährt gewesen. Angesichts der Tatsache, dass noch viele dieser Täter lebten, war das aber moralisch und rechtspolitisch untragbar.
In dieser angespannten Situation hatte der Bundespräsident Ludwig Erhardt eigentlich keine andere Möglichkeit, als den gordischen Knoten zu durchschlagen und zu sagen: Wir nehmen diplomatische Beziehungen auf. Das war die Flucht nach vorne und die einzige Chance, noch halbwegs das Gesicht zu wahren.
Netzeitung: Der erste israelische Botschafter Asher Ben-Natan war in den Waffengeschäften aktiv, die nun eingestellt wurden, Grund genug für Bonn, besorgt zu sein.
Wolffsohn: Ben-Natan gehörte zu der kleinen Gruppe, die im Dezember 1957 den damaligen Verteidigungsminister Franz Joseph Strauß besuchte. Es lag nahe, einen Fachmann für das Wichtigste, was die Israelis brauchen, nämlich Waffen, zu schicken. Außerdem sprach Ben-Natan sehr gut deutsch und sah dem bekannten deutschen Schauspieler Curt Jürgens ähnlich. Er war der Typ «junger Siegfried» und daher in Deutschland gut zu verkaufen. Sie wissen: PR ist ein wichtiger Teil des politischen Geschäfts.
Netzeitung: Auch in Israel regte sich Empörung, als ein Wehrmachtsoffizier und Ritterkreuzträger zum ersten deutschen Botschafter gemacht wurde.
Wolffsohn: Pauls war Offizier und kein Widerstandskämpfer. Er gehörte noch in das alte Image der 'sauberen Wehrmacht', die, wie wir heute wissen, nicht sauber war. Aber es gab auch in der nicht sauberen Wehrmacht saubere Offiziere und Pauls war sicherlich ein solcher. Seine Nominierung war ein sehr mutiger Schritt von der Bundesrepublik und eine Provokation gegenüber Israel.
Die Entscheidung war deshalb mutig, weil sie ehrlich war. Man gaugelte den Israelis damit nicht vor, es hätte Deutsche gegeben, die aufgrund ihrer persönlichen Integrität nicht Schuld als Teil des nationalsozialistischen Systems auf sich geladen hätten.
Netzeitung: Aus Anlass des vierzigsten Jubiläums der diplomatischen Beziehungen: Würden Sie einen Blick in die Zukunft wagen?
Wolffsohn: Ich halte es für ausgeschlossen, dass die Beziehungen in der Zukunft so intensiv bleiben. Jenseits der freundlichen Worte haben sich die politischen Klassen und die Gesellschaften beider Staaten völlig voneinander weg entwickelt. Die Deutschen haben aus der Geschichte die für sie richtige Lehre gezogen: Nie wieder Gewalt.
Für die Israelis lautet die richtige Schlussfolgerung dagegen: Nie wieder Opfer. Eines Tages wird das auch in den deutsch-israelischen Beziehungen zu sehr schweren Problemen führen. Die israelfreundliche Politik wird in der deutschen Öffentlichkeit immer schwerer durchsetzbar sein. Und schließlich will jeder Politiker gewählt werden.
Das Gespräch führte Igal Avidan.

