Stefan Aust: 

netzeitung.deEin Gefühl von Informiertheit

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Oliver Gehrs (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Oliver Gehrs
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Unter seinem Chefredakteur Stefan Aust hat sich der «Spiegel» gewandelt. Die Netzeitung sprach mit Oliver Gehrs über sein kontrovers diskutiertes Buch «Der Spiegel-Komplex».

Netzeitung: Herr Gehrs, wo lesen Sie den «Spiegel»?

Oliver Gehrs: In der Badewanne.

Netzeitung: Was lesen Sie zuerst?

Gehrs: Das Rot-Grün-Bashing.

Netzeitung: Wer wurde zuletzt auffallend häufig in der «Hausmitteilung» gelobt?

Gehrs: Susanne Koelbl ist oft drin. Ich weiß nicht genau warum. Auch bei anderen Redakteuren nicht. Es hat wohl vor allem interne Gründe – Lob und Strafe. Das wäre ein schöner Forschungsgegenstand für eine Magisterarbeit. Stefan Aust ist übrigens immer im Bildvordergrund und mittig zu sehen. Neulich gab es ein Foto von der Ausstellung der Titelbilder. Eigentlich ging es um den Gestalter, aber es sah aus, als ginge es um Stefan Aust.

Netzeitung: Er ist ja auch der Chef.

Gehrs: Selbst als Augstein verschieden ist, war er in der Mitte und nicht Augstein.

Netzeitung: Was fasziniert den Austologen an seinem Forschungsgegenstand?

Gehrs: Ich weiß nicht, ob Faszination das richtige Wort ist. Mich interessiert, wie jemand sich durchsetzen kann. Wie er seine Ziele erreicht, wie es ihm gelingt, sich den Medien und Themen seiner Zeit mimikry-artig anzuverwandeln.

Netzeitung: Ist Ihr Forschungsgegenstand demnach ein Machtmensch?

Gehrs: Natürlich, und das ist ja auch in Ordnung. Welcher Chefredakteur ist das nicht. Allerdings muss man Macht auch delegieren können. Und da sehe ich ein Problem, das ich in meinem Buch beschreiben wollte. Der «Spiegel» ist ein großer Laden, vielleicht zu groß für ein autokratisches Führungsmodell.

Netzeitung: Ihr Buch vermittelt den Eindruck, dass der Chef alles kontrollieren will und kann. Also frei nach Max Weber formuliert: Ist der «Spiegel» nicht ein Herrschaftsgebilde, das charismatische und bürokratische Züge vereint, während Sie aber nur die charismatischen beschreiben?

Gehrs: Also, der «Spiegel» ist extrem auf Aust zugeschnitten. Er hat mehr Kompetenzen und Einflussnahme als alle Chefredakteure vor ihm. Deshalb finde ich es legitim zu sagen, wenn ich die Person beschreibe, beschreibe ich auch das Blatt. Auch wenn er nicht alles kontrolliert, so gibt es eben eine Art innere Zensur. Die muss gar nicht mehr exekutiert werden, die meisten Redakteure wissen von vornherein, welche Themen sie vorschlagen können und welche nicht.

Versuchen Sie einmal, etwas über Schwule zu machen, oder ein positives Stück über die Gewerkschaften oder über Jürgen Trittin. Wenn es gut läuft, ernten Sie einen großen Lacherfolg. Bei meinen Recherchen hat mir ein Redakteur gesagt, dass man «den Hierarchien entgegendenkt».

Netzeitung: Ich frage noch einmal: Sind viele Eigenheiten des Blattes nicht weniger Austs Führung, als vielmehr dem Wesen moderner Leitmedien geschuldet? Gefragt ist, was – in homöopathischer Dosis – provoziert, im Guten wie im Schlechten. Das ändert sich natürlich rasch. Schon morgen könnte es an der Zeit sein, eine Lanze für Trittin und sein Dosenpfand zu brechen.

Gehrs: Absolut. Das beste Beispiel dafür ist die Geschichte «Der Windmühlenwahn». Ich bin überzeugt, dass sie gar nicht unbedingt mit den persönlichen Interessen von Aust zu tun hatte, sondern mit dem Impuls, etwas gegen diese Gutmenschen zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch keiner groß gegen regenerative Energien geschrieben, auch in der Bevölkerung gibt es da viel Unterstützung. Da wird man sich gesagt haben: Lass uns mal einen ganz provokanten Titel machen – auch, wenn die Argumente gar nicht so stark sind.

Das läuft dann ein bisschen wie bei «Big Brother» auf RTL2. Und so sollte es beim «Spiegel» eigentlich nicht laufen. Ich vertrete da eine etwas altmodisch klingende Vorstellung: der «Spiegel» hat eine gesellschaftliche Funktion, ob er will oder nicht.

Netzeitung: Will er denn noch?

Gehrs: Natürlich will er nicht mehr, im Grunde genommen will er nur noch ein gut geschriebenes Reportageblatt sein. Und seine Themen gut vermarkten. Die Geschichten werden mittlerweile einer Art Verwertungskette zugeführt. Aus einer Titelgeschichte wird ein Buch wird ein ZDF-Film. Und in vielen Geschichten sind manche Szenenbeschreibungen ebenfalls Module, die für andere Stories und Bücher immer wieder neu zusammengefügt werden. Für diese eher unternehmerisch orientierte Art des Journalismus steht Stefan Aust. Schon damals hat er die linken Themen ja nicht aus einer Überzeugung heraus und mit einem Furor sondergleichen besetzt, sondern aus seinem großen Gespür für das, was gut läuft.

Netzeitung: Falls es so ist: Kann man ihm das vorwerfen?

Gehrs: Tue ich ja gar nicht, ich beschreibe nur. Er macht ja auch keinen Hehl daraus, ist ehrlich. Wenn die Leute ihm vorwerfen: Du warst doch der publizistische Arm der Bewegung, und nun sagst Du, Du bist nie links gewesen, dann kann er antworten: Ich war euer publizistischer Würstchenverkäufer. Da ist es egal, ob mir die Würstchen geschmeckt haben oder nicht. Heute wird lieber Tofu gegessen. Also wird eben Tofu verkauft. Anderseits sagt Aust heute: Wir vom «Spiegel» stehen an einer ziemlich großen Kanone. Da spricht er eine politische Verantwortung an, die vom «Spiegel» lange ignoriert wurde.

Netzeitung: Wie sähe diese Verantwortung aus?

Gehrs: Zum Erbe des «Spiegel» gehört auch Augsteins Spruch: «Im Zweifel steht der Spiegel eher links.» Damit war nicht Parteienzugehörigkeit gemeint, Augstein war ja in der FDP, sondern ein paar Grundüberzeugungen. Es geht um das Gespür für die Probleme von gesellschaftlichen Randgruppen, Obacht gegenüber kapitalistischen Auswüchsen. Damit macht man sich ja heute teilweise lächerlich. Ganze Bereiche der Gesellschaft kommen nicht mehr vor.

Netzeitung: Vielleicht hilft der Unterschied von Gesellschaft und Politik. Könnte man nicht sagen, dass der «Spiegel» zwar die Gesellschaft nicht mehr verändern will, wohl aber, dass er Politik machen will? Ihr Buch zeigt allerdings, dass er pikanterweise an politischem Einfluss verloren hat.

Gehrs: Siehe den Kampf gegen die Rechtschreibreform. Klar, er will mehr denn je Politik machen, das zeigt ja die Verve, mit der gegen Rot-Grün angeschrieben wird. Wegen der Affäre um das Außenministerium wurde wochenlang gegen Fischer geschossen, bis mal ein Redakteur auf die Idee kam, zu recherchieren, was die deutschen Diplomaten denn überhaupt im Dritten Reich getrieben haben. Diesen Reflex hätte es früher schon eher gegeben.

Netzeitung: Geht es nicht auch bei diesen Bashings um Aufklärung? Wenn man es in großen Lettern haben will: klärt sich hier nicht eine Generation über sich selbst auf?

Gehrs: Ein wenig. Aber ein zentrales Merkmal dieser Berichterstattung ist doch die große Redundanz. Irgendwann ist eigentlich alles über Joschka Fischer gesagt. Das Lustige an diesen Geschichten ist ja, dass sie alle so klingen, als wären sie über Stefan Aust geschrieben. Fast alles, was Fischer vorgeworfen wird, trifft auch auf Aust zu.

Netzeitung: Eine steile These, die in der Austologie vermutlich nicht unumstritten ist. Ein verdeckter Vatermord also?

Gehrs: Eher ein Selbstmord. Im Ernst, ich will nur sagen, dass den «Spiegel» zunehmend andere Motive prägen als journalistische. Nehmen wir die Tsunami-Welle. Es war doch diesmal, anders als noch beim 11.9., überhaupt nicht zwingend, die Reporter nochmals ausschwärmen zu lassen und jeden Zentimeter der Verwüstung zu protokollieren. Da fragt man sich schon, warum macht er das noch mal über Wochen, und irgendwann wusste man es. Da lag nämlich das Buch über die Katastrophe im Handel. Man hört bei vielen Geschichten schon sehr laut die Buchdruckmaschine im Hintergrund rattern.

Netzeitung: Die hört man nicht nur beim «Spiegel» rattern. Das Problem scheint mir in der großen Angst der Medien zu liegen. Angst, dass ihnen die Leser davon laufen, wenn sie auf ein Thema, einen Hype nicht aufspringen. Und vermutlich haben sie völlig zu Recht Angst.

Gehrs: Da bin ich mir nicht so sicher. Diese große Themen-Verwurstungsmaschine wird überall angeworfen, hier die «Süddeutsche», Seite 1, Seite 2, Ratzinger-Foto, und der ARD-Brennpunkt weiß am Vorabend schon, dass die Zeitungen am nächsten Tag voll sind, und berichten deshalb auch in Überlänge. Information hat sich als Wert völlig verselbständigt. Es geht nicht mehr um eigene Ansätze und Innehalten, sondern um die schiere Masse. Darum, den Lesern ein Gefühl der Informiertheit zu vermitteln. Der «Spiegel» hat darin eine gewisse Virtuosität entwickelt. Der schickt ein Heer von Reportern raus, die in Erfahrung bringen, welche Flasche Rotwein bei Angela Merkel auf dem Tisch stand, als sie mit Edmund Stoiber telefoniert hat oder wann der Redenschreiber von Gerhard Schröder ins Bett ging.

Netzeitung: Der Erfolg gibt ihm Recht.

Gehrs: Dabei ist der Erfolg des «Spiegel» vor allem dem Umstand geschuldet, dass die regionalen Tageszeitungen ihre Spalten nur noch mit Agenturen füllen. Da sagt sich schon mancher Studienrat in Bremen oder Paderborn, dass er noch ein zusätzliches Medium braucht. Und dann bestellt er halt die «Zeit» oder den «Spiegel» – egal, was drin steht.

Netzeitung: Der Erfolg des «Spiegel» lag früher auch in der für viele verführerischen, leicht mokanten, pseudo-ironischen «Spiegel-Sprache». Sie ist fast verschwunden. Heute erkennt man einen Hang zur genauen Beobachtung. Ist das kein Fortschritt?

Gehrs: Diese detailgenaue Beobachtung, wie sie sich in den vielen protokollartigen Reportagen zeigt, hat ja auch was. Man liest sie gerne. Aber ich meine, dass früher zu dieser skeptischen, ironischen Allwissenheit die Analyse dazugekommen ist. Das eine war die Kür, das andere die Pflicht. Heute fehlt zunehmend das Fachwissen, das nötig wäre, um mit Expertise über politische Themen schreiben zu können.

Schauen Sie sich die großen Stücke heute an: Infosoldaten tragen einzelne Elemente zusammen, ein stimmiger Sound wird darüber gelegt, und geschaut, dass die Überschrift, die manchmal schon am Anfang dazustehen scheint, nicht verändert werden muss. Was nicht passt, fliegt raus, in meinem Buch habe ich das beim «Kopftuch»-Titel nachgezeichnet. Aber zurück zur Kontinuität: Die Fall zu Fall-Meinung, die Enzensberger damals schon dem Spiegel attestiert hat, ist eben noch verschärft worden.

Netzeitung: Herr Gehrs, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Oliver Gehrs war beim «Spiegel» als Medienredakteur tätig, heute ist er Herausgeber des Magazins «Dummy». Mit ihm sprach Michael Angele.

«Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete» ist eben bei Droemer Knaur erschienen und kostet 19,90 Euro.