Einstein in Berlin:
Einstein, der Revolutionär aus Berlin
12.04.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Levenson: Er ist auch heute noch der bedeutendste Wissenschaftler, vielleicht mit Ausnahme Newtons. Er ist niemandem nachgefolgt, alle folgten ihm. Selbst Berlin konnte er sich gefügig machen, eine Stadt, der zu begegnen schon oder vielmehr: damals besonders schwierig war, wenn man sich etwa die Hyperinflation zu vergegenwärtigen sucht. Einstein konnte es mit Berlin aufnehmen.
Netzeitung: Was befähigte ihn dazu?
Levenson: Er war eine Ikone, die sich nicht scheute, auf vielen Feldern Stellung zu beziehen. Grosz und Brecht waren in dem, was sie interessierte, im Vergleich limitiert. Einstein konnte sich mit Rathenau, Heisenberg, Born, aber auch mit Schauspielern, Musikern und so fort unterhalten und genauso zur Masse reden.
Netzeitung: Berlin spielt die zweite Hauptrolle in Ihrem Buch.
Levenson: Mich interessiert immer auch die Zeit, in der ein Mensch lebte, wie er sie geformt hat und umgekehrt sie ihn. Dazu gehe ich von einer guten Story aus. So ist dieses Buch ein eigentlicher Dialog zwischen Einstein und dem Berlin seiner Zeit geworden.
Netzeitung: Sie haben Einstein einmal mit einer Filmfigur von Woody Allen verglichen, Zelig. Zelig taucht überall auf, ist mit den Größen der Zeitgeschichte zu sehen, an vielen Ort dieser Welt. Was hat Zelig mit Einstein zu tun?
Netzeitung: Was wollte Einstein eigentlich?
Levenson: Er war ein Symbol für das Neue. Er war in seinen Taten revolutionär, aber dem Wesen nach konservativ. Er hob sich selbst aus der Zeit, weil er niemandem folgte.
Seine Relativitätstheorie gründete zwar noch auf der klassischen Physik. Mit der Quantenphysik hatte er sich aber zu neuen Ufern vorgewagt. Bestimmt war ihm gerade an diesem Neuen in der Physik gelegen, und er musste zuerst die Gunst der Menschen erlangen, um sie von dem ungeheuerlichen Neuen zu überzeugen, von diesem völlig neuen Verständnis der dinglichen Welt.
Netzeitung: Menschen mögen Neues grundsätzlich nicht?
Levenson: Neues bringt Verunsicherung, das wusste natürlich auch Einstein. Indem er sich dafür entschied, die Quantentheorie voranzutreiben und durchzusetzen, betrieb er seine eigene gesellschaftliche Demontage. Zu dieser also nicht nur wissenschaftlichen Revolution musste er sich wohl selber erst durchringen.
Netzeitung: In den USA kennt man Sie als TV-Dokumentarfilmer, dessen Werke unter anderem mit einem Emmy ausgezeichnet wurden. Woher das Bedürfnis, die Bilder zu verlassen und sich der Schrift, der wissenschaftlichen Erzählung, zuzuwenden?
Levenson: Nun, in Wahrheit war ich schon Autor und Journalist, bevor ich Filmemacher wurde. Meine ersten Dokumentarfilme habe ich gedreht, nachdem mein erstes Buch erschienen war.
Filmen und Schreiben sind für mich komplementär. Denn Schreiben ist etwas Solitäres, und zwar in jedem Abschnitt. Man arbeitet allein, während der Recherche, der Materialsichtung und dann während der Niederschrift.
Netzeitung: Filmemachen ist etwas Gemeinschaftliches.
Levenson: Filmen ist zutiefst gemeinschaftlich. Als Verantwortlicher lasse ich es mir allerdings nicht nehmen, Bildkomposition, Schnitt und so weiter zu überprüfen, Inhalt und Handlung ohnehin.
Ich möchte das Filmemachen mit dem Bildhauen vergleichen. Man zerrt einen Marmorblock heran und beginnt, Stücke herauszuhauen. Dasselbe tue ich sozusagen mit dem mehrstündigen Filmmaterial, das zu einem einstündigen, wohlgeformten Dokumentarfilm reduziert werden muss. Das Schreiben ist dagegen mit dem Malen vergleichbar. Die leere Leinwand steht für das weiße Blatt Papier.
Netzeitung: Gibt es zwischen den beiden Synergieeffekte?
Levenson: Je mehr ich mit Bildern arbeite, desto mehr verstehe ich über die Wörter. Beim Filmen gehe ich wie beim Schreiben von einem Bild aus. Dieses Bild muss präzise sein, damit es andere Bilder in meinem Kopf und dann im Kopf des Lesers oder Betrachters hervorbringen kann. Ein solches Bild steht nie für sich, es ist stets symbolisch, es symbolisiert eine Tatsache oder einen Zusammenhang. Damit kann man dann arbeiten.
Netzeitung: War es auch ein Bild, das Sie dazu gebracht hat, über Einstein zu schreiben? Sie haben davor ein Buch über die Eiszeit und eines über Musik veröffentlicht.
Levenson: Als ich noch Wissenschaftsredakteur beim Fernsehen war, wurde ich nach einer Sendung unvermittelt gefragt, was eigentlich unter Einsteins Relativitätstheorie zu verstehen sei. Ich habe versucht, kurz und bündig zu antworten, und dabei festgestellt, dass das gar nicht so einfach war.
Ich wollte mich näher mit der Beantwortung dieser Frage beschäftigen, und da ich von Hause aus Historiker bin, verlegte ich mein Augenmerk schon bald auf die Person Einsteins und auf das Berlin der Zwischenkriegszeit.
Netzeitung: Wie unterscheidet sich Einsteins Berliner Zeit von seiner Berner, Zürcher und seiner späteren Zeit in den USA?
Levenson: In seinen 20 Berliner Jahren hat Einstein die Quantentheorie verfeinert. Er hat hart gearbeitet, ist daneben viel gereist und aufgetreten.
Später, in den USA, also nach 1933, ist er nicht mehr gereist. Er hat die USA nur ein einziges Mal verlassen. Um die US-Staatsbürgerschaft zu erlangen, musste er aus gesetzlichen Gründen neu einreisen. So fuhr er denn kurz nach Bermuda.
In den USA hat sich Einstein isoliert, kaum mehr öffentlich gezeigt, hielt sich auch vom wissenschaftlichen Mainstream fern. Trotz seiner vielen früheren Reisen war er übrigens nicht ein einziges Mal geflogen, auch konnte er nicht Auto fahren. Das war in den USA mit dem stark ausgeprägten Individualverkehr eine Behinderung.
Netzeitung: Einstein schrieb einmal etwas trotzig an Sigmund Freud: «Sie, der Sie in die Haut so vieler Menschen geschlüpft sind und eigentlich in die der gesamten Menschheit, hatten keine Gelegenheit, in meine zu schlüpfen.» Ist Ihnen das gelungen, Herr Levenson?
Levenson: Ich wollte nicht in Einsteins Haut schlüpfen, mich etwa in ihn «hineinfühlen». Ich bevorzuge, eine historische Figur über ihre engsten Menschen zu verstehen. Wenn Sie so wollen, bin ich in die Haut eines imaginären Freundes von Einstein geschlüpft. Auch wenn es fast unmöglich ist, der Versuchung zu widerstehen, sich bei einer Biographie in die Hauptfigur «hineinzufühlen».
Netzeitung: Was interessiert Sie an Einstein besonders?
Levenson: Mich interessiert, wie seine Wissenschaft in seinen Kopf gekommen ist. Ich denke, das geschah in einer Mischung aus Strenge und Spiel. Ich habe Einsteins Stil studiert, auch seinen Denkstil, seine Bewegungen. Man kann die Freude fast fühlen, die ihn erfüllte, als er merkte, was er da entdeckt hatte.
Zum Ende seiner Arbeit an der Relativitätstheorie war er so beschwingt, dass er drei Tage lang nicht arbeiten konnte. Als ich an meinem Buch schrieb, kannte ich Einstein durch meine Lektüre gut genug, um beurteilen zu können, was das heißt: Der Mann pflegte täglich zu arbeiten.
Netzeitung: In Ihrem Buch beeindrucken die opulenten und gleichzeitig trennscharfen Bilder des früheren Berlins, aber auch die Klarheit, mit der Sie die zentralen wissenschaftlichen Aussagen Einsteins erklären.
Levenson: Schließlich bin ich von der Frage jenes Zusehers ausgegangen, der wissen wollte, was Einstein sagt. Ich wollte kein Buch über die Weimarer Republik oder die Hyperinflation schreiben. In dem Buch finden sich trotzdem genug Schilderungen, um sich ein deutliches Bild von der damaligen Zeit machen zu können.
Thomas Levenson: Albert Einstein. Die Berliner Jahre, 1914-1932, C. Bertelsmann, München 2005, 544 Seiten, 32 Seiten mit schwarz-weiß Abbildungen, 24.90 Euro.
Am Dienstag wird auf dem Mittelstreifen vor der Staatsbibliothek Berlin die Einstein-Meile offiziell eröffnet.
Mit Thomas Levenson sprach Perikles Monioudis in Cambridge, Massachusetts. Thomas Levenson ist derzeit Associate Professor für das «Program in Writing and Humanistic Studies» des Massachusetts Institute of Technology.

