29.03.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Lob des Exotismus
Im inoffiziellen Hubert-Fichte-Jahr und nach knapp zwanzig Jahren Verspätung ist nun der Bildband «Psyche» erschienen. Er handelt von der Psyche der Afrikaner und der Sehnsucht nach dem Anderen.
Von Ulrich Gutmair Auf den Seiten 102 und 104 von «Psyche» sind zwei Fotos gegenüber gestellt: Auf einem kleinen Bild links ist ein Afrikaner zu sehen, der wie ein Testpilot auf einem nach hinten gekippten Stuhl festgeschnallt ist. Über ihm hängt eine Apparatur, die auf seinen Kopf gerichtet ist, offenbar, um diesen zu bestrahlen. Das Bild wurde in der neurochirurgischen Abteilung von Fann aufgenommen, die als modernste von Westafrika gilt, wie eine Notiz am Ende des Buchs vermerkt.
Das andere Foto rechts daneben zeigt einen kleinen Afrikaner am Königshof von Abomey in Benin, der eine leere Medikamentenhülse als Augenmaske benutzt, durch die er anscheinend nicht hindurchblicken kann. Es ist ein merkwürdiger Anblick, der die sprichwörtliche Kreativität der Afrikaner zeigt, die aus Zivilisationsmüll nicht nur Nützliches für den Alltag, sondern auch Spielzeug schaffen.
Botschaften aus der VergangenheitDer kleine Junge sieht wegen seiner Maske beunruhigend fremd aus, als gehöre er einer jener in Sciencefiction-Romanen gern beschriebenen außerirdischen Zivilisationen an, die über Fähigkeiten verfügen, die über das uns Bekannte hinaus gehen. Schützt dieser Außerirdische seine empfindlichen Augen, oder hat er womöglich gar keine, weil er mit Röntgenblick oder telepathischen Fähigkeiten ausgestattet ist?
Was sich vom Foto des Jungen aus Abomey sagen lässt, scheint auch für den Band zu gelten, in dem es erschienen ist: «Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika» ist ein Produkt der gemeinschaftlichen Arbeit der Fotografin Leonore Mau und des Schriftstellers Hubert Fichte, das nicht aus der Zukunft, sondern aus der Vergangenheit auf uns gekommen ist, aber dennoch nicht weniger fremd erscheint als die Monolithen in Kubricks «2001»: Interessiert sich heute jemand für die Irren in Senegal oder die Heilpflanzen der Priester von Togo im Zusammenhang mit dem Problem des Neokolonialismus? Darum geht es unter anderem in «Psyche», das vor gut zwanzig Jahren hätte erscheinen sollen und womöglich schon damals für unzeitgemäß gehalten wurde.
Gott ist ein Mathematiker«Gott ist ein Mathematiker», sagt der Phytotherapeut Messanvi Sessou dem Autor Fichte, der diesen Satz dann aufschreibt. «Wenn Sie das Reich der Pflanzen kennten, würde Ihnen angst werden.» Von außen betrachtet handelt «Psyche» von der afrikanischen Psyche und ihrer afrikanischen Wissenschaft.
«Es gibt eine afrikanische Psychiatrie», erläutert der Klappentext, der seiner Diktion nach von Fichte selbst stammen dürfte. «Wenn man etwas übertreiben will, kann man sogar behaupten: Es gibt eine traditionelle afrikanische Psychoanalyse; eine afrikanische Chemotherapie der Geisteskrankheiten; afrikanische Gruppentherapien, Urschreie, Beschäftigungstherapie. Doch beruhen diese Systeme nicht auf unserem naturwissenschaftlichen Weltbild – sondern auf einem magischen, das ebenso unerbittlich funktioniert.»
Das entfremdete AfrikaMaus Bilder zeigen Gegenstände vom Zaubermarkt in Lomé, Togo, die für magische Praktiken und religiöse Riten benötigt werden. Auf den Fotos sind traditionelle Priester und afrikanisches Pflegepersonal aus der Psychiatrie in Fann zu sehen. Sie dokumentieren Elektroschocktherapien und das Leben in psychiatrischen Dörfern. Vor allem aber zeigen sie die Verrückten, die mittels magischer Riten geheilt werden sollen oder bereits aus dem gesellschaftlichen Leben ausgestoßen sind.
Die Bilder Leonore Maus halten so das moderne, «entfremdete» Afrika fest, das einerseits längst Anteil an westlicher Technologie hat, andererseits aber an seinen eigenen Denkweisen, Riten und religiösen Systemen festhält, die seit jeher das Interesse der Europäer entfacht haben. Hubert Fichte hat den Fotografien seiner langjährigen Lebensgefährtin Gedanken, Aufzeichnungen und Interviews gegenüber gestellt.
Das Gruppen-Ich der AfrikanerNoch die aufgeklärte Psychiatrie von Fann in Dakar, die sich selbst zugute hält, die Traditionen und Denkweisen der Afrikaner ernst zu nehmen, neigt zur Idealisierung des schwarzen Anderen. Professor Dr. Henri Collomb etwa, der Leiter der psychiatrischen Abteilung von Fann, erklärt im Interview mit Fichte im Februar 1974, das afrikanische Ich scheine weniger individuiert zu sein als das europäische: «Hier ist das Gruppen-Ich strukturierter.» Die «Gemeinschaftsseele» der Afrikaner zeige womöglich einen «Weg in die zukünftige Existenz des Menschen», der ein anderer sei als die zwanghafte Individualisierung.
In den Worten des Psychiaters scheint hier die alte Sehnsucht auf, dem Gefängnis des bürgerlichen Ichs zu entkommen, die heute unter dem prosaischen Namen der «Multitude» zu neuen Ehren gekommen ist. Das klingt gut, überzeugt Maurice Dorès aber nicht, einen Dissidenten aus Fann, der dort als Oberarzt in der psychiatrischen Abteilung tätig war. «Es wird behauptet: Der Afrikaner sei immer Teil der Gemeinschaft. Es gebe keinen Individualismus. Das ist nicht wahr. Das Individuum wird bezeichnet, in seinen Verhaltensweisen, in Scham und Scheu genau festgelegt. Für Scham und Scheu gibt es auf Woloff wenigstens sechs Bezeichnungen.»
Alle Gesellschaften brauchen einen SündenbockAuch einen anderen Gründungsmythos von Fann bezweifelt Dorès: «Die afrikanische Gesellschaft integrierte den Irren – ich weiß nicht, was das heißen soll. Alle Gesellschaften brauchen einen Sündenbock.» Der Oberarzt Dorès ist gewissermaßen Fichtes Kronzeuge. Ihm sind die Ärzte und Wissenschaftler in Senegals Vorzeigeklinik Fann so suspekt wie die europäischen Ethnologen, die den Westlern die Welt der Fremden erklären, aber allzu oft noch nicht einmal deren Sprache sprechen.
Im Interview mit Dorès wird dieser Verdacht über den «offiziellen, lügnerischen Diskurs in Fann» schnell zum Thema: «Die Leute kommen nach Afrika, um sich etwas anzueignen: Ländereien, Geld, Psychismen, Körper», so Dorès. Für den französischen Akademiker sei der afrikanische Irre in erster Linie Gegenstand einer «Thèse», die fürs «Diplôme» gebraucht wird. Der europäische Altruismus entpuppt sich für Fichte bei genauerem Hinsehen so als reine Ideologie, als Deckmantel des Neokolonialismus, der die Machtverhältnisse verschleiert.
Schöne NegerDer Exotismus, die geschmähte Begierde nach dem anderen, zeigt sich bei Fichte hingegen als weitaus wahrhaftigere Haltung. «Exotismus wird verachtet; aber verbirgt sich hinter den Verhaltensweisen des Exotismus nicht ein authentisches psychisches Bedürfnis? Denken Sie an die Massenbewegungen der Touristen, der Entwicklungshelfer, der Psychiater.»
Fichte denkt hier vermutlich vor allem an sich selbst. «Vielleicht ist dem Päderasten die Flucht ins Exotische weniger notwendig als dem Homosexuellen, der Gleichaltrige liebt», schrieb er in seinem Roman «Versuch über die Pubertät» von 1974. Dort liest man auch: «Das Echte postulieren ist auch eine Form von Kitsch. Ersatz brandmarken: Atavismus.»
Dass der Schriftsteller Hubert Fichte ein starkes psychisches Bedürfnis hatte, die Kultur der Afrikaner und Afroamerikaner kennen zu lernen, hat er – sich selbst und der Wissenschaft gegenüber polemisierend – einmal so erklärt: «Ich kann ja gar nicht denken. Mich interessiert nur die Praxis. Wenn ich ehrlich sein soll, mich hat nur die Fickerei interessiert. Ich find' Neger schön.»
Ein sogenannter JudeFichtes Skepsis gegenüber dem Echten und Normalen und das exotische Verlangen nach dem Anderen wurde vielleicht schon durch frühe Erfahrungen provoziert. Hubert Fichte wurde am 21. März 1935, ein halbes Jahr vor dem Erlass der Nürnberger Gesetze, in Perleberg geboren. Sein Vater, «ein sogenannter Jude, versucht nach Schweden zu emigrieren», schrieb der Autor in einer biographischen Skizze. Weiter heißt es dort: «Fichte hat ihn nie gesehen. Er gilt als verschollen.»
Seine Mutter versuchte das nun als solches definierte «Mischlingskind» dem Zugriff der Behörden zu entziehen, als sich die rassistische Politik der Nazis radikalisierte, indem sie Hubert 1941 erst mit der Kinderlandverschickung von Hamburg nach Bayern bringen ließ. 1943 kam Fichte in ein katholisches Waisenhaus in Schrobenhausen, die Mutter fand Arbeit in der Stadt.
Das zerlegte IchAm Anfang der Erinnerungen Fichtes, die er 1964 in seinem ersten Roman «Das Waisenhaus» verarbeitete, steht bereits die Erfahrung eines immer gefährdeten und gefährlichen Außenseitertums, die ihn nie verließ und die ihn zeitlebens beschäftigte. «Ich bin ein Mischling ersten Grades, ein uneheliches Kind und nun auch noch schwul – das ist übertrieben», heißt es etwa im Roman «Versuch über die Pubertät» zehn Jahre später. Anlässlich dieses Buchs schrieb Fritz J. Raddatz treffend: «Grundgestus von Fichtes Prosa ist Angst.»
«Versuch über die Pubertät» analysierte auf eine fast brutale und zugleich bewundernswert präzise Weise die eigene Geschichte. Fichte gelang es mit diesem Text, die Struktur des bürgerlichen Romans im selben Atemzug zu zerstören und zu erneuern: Er handelt von einem Ich, das sich selbst und die Anderen betrachtet, genau beschreibt, befragt und zerlegt – und in dieser Operation auch das Gewaltverhältnis erfasst, das man Gesellschaft nennt.
Die Rhythmen des HändeklatschensSpricht Fichte hier von der Nähe der Zärtlichkeit zur Folter, dann spricht er auch vom Wunsch nach Identifikation und Liebe, der hintertrieben wird von der pubertären Unfähigkeit, dauerhaft eine stabile Position im Verhältnis zu den anderen zu besetzen, die Identifikation ermöglicht und von der aus «Ich» sich überhaupt sagen lässt.
Seit den Sechzigern entwickelte Fichte ein stetig wachsendes Interesse für die afroamerikanischen Religionen, das seine Arbeit vor allem nach den vier ersten, stark biographischen Romanen zunehmend prägte. Der Synkretismus dieser Religionen reflektiert zum einen die «transkulturelle», bikontinentale Situation der aus Afrika verschleppten Sklaven und Könige. Zum anderen aber gehört zu ihren Techniken das Zerbrechen des Ichs und seine Neugeburt.
Die Fragilität des Ichs in einer Gesellschaft, deren Grundfesten erschüttert wurden, steht auch im Zentrum von «Psyche». Fichte schreibt dort über die Insassen eines psychiatrischen Dorfs: «Die Rhythmen des Händeklatschens, des Singens sind stärker als Anafranil, Largactil, Haloperidol, Nozinan. Die Rhythmen überwinden Pseudoparkinson, dienzephales Syndrom, extrapyramidales Syndrom. Sollen wir für das Dorf eine Trommel kaufen? Wenn man davon ausgeht, dass die psychischen Störungen Störungen der Familie, der Gesellschaft sind, dann sind Golan, König David im Schumm, Sagna, der Meckerer, Ibraima, der Hermaphrodit, die hochbusige Aidara erkrankt, weil ihre Gesellschaft zwischen Magie und Säkularisation, Kräutern und Chemikalien, Auto und Hacke unverhältnismäßig aus dem Gleichgewicht gebracht wurden.»
Schwule, Neger, Drug AddictsIm Dezember 1985 stellte Fichte die Bilder und Texte von «Psyche» zusammen und legte das Layout fest. Aus wirtschaftlichen Gründen verschob der Fischer Verlag die Veröffentlichung jedoch auf unbestimmte Zeit. Bald darauf starb Hubert Fichte an Aids.
Die Reaktionen auf die neue Krankheit verdeutlichten ihm ein letztes Mal die prekäre Situation desjenigen, der aus der gesellschaftlichen Ordnung heraus fällt: «Schwule, Neger, Haitianer und Drug Addicts. O Neue Züchtigkeit. Wenn es nicht von selbst gekommen wäre – man hätte es erfinden müssen. Und alle schwulen Redakteure im Spiegel schrieben sich – auf Grund der Penetrationsängste ihrer Abteilungsleiter die Finger blutig. Der Spiegel, der ihm einst seine Studien der Bisexualität bezahlt hatte, wollte Jäcki jetzt in einem Internierungslager konzentrieren.«
Diese für seine Texte eher untypische Beschreibung seiner gegenwärtigen Situation ließ er als Gedanken seines Alter Egos Jäcki auf den letzten Seiten seines letzten Romans «Explosion» erscheinen. Diesen konnte er kurz vor seinem Tod noch fertig stellen, er wurde 1993 als einer der zentralen Bausteine der «Geschichte der Empfindlichkeit» veröffentlicht, in die Fichte auch «Psyche» einordnete.
Empfindlichkeit als GebotKnapp zwanzig Jahre nach seinem Tod, im inoffiziellen Hubert-Fichte-Jahr, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des Autors, ist «Psyche» nun in seiner ursprünglich vorgesehenen Fassung erschienen. Als Lob des Exotismus, dem eine Kritik der Idealisierung des Anderen vorangeht, ist dieses Buch tatsächlich unzeitgemäß. Statt Exotismus ist heute Einfühlung ins Authentische gefragt, wobei der Horror vor dem tatsächlichen Kontakt mit den anderen gleichzeitig immer größer zu werden scheint.
Fichtes so naiv klingender wie radikaler Ansatz besteht aber darin, die Empathie, die Empfindlichkeit für den Anderen, als Gebot zu betrachten, dem sich die Erotik nicht austreiben lässt.
Leonore Mau, Hubert Fichte: Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika, S. Fischer 2005. 336 Seiten, 150,- Euro.