Rainer Karlsch:
Karlschs Bombe
Kaum liegt das Buch «Hitlers Bombe» gleich stapelweise in deutschen Buchhandlungen aus, ist der Titel schon ein Riesenerfolg. Nicht, weil die Thesen, die der Berliner Historiker Rainer Karlsch darin zur nationalsozialistischen Kernwaffenforschung formuliert, auf allgemeine Anerkennung gestoßen wären. Ganz im Gegenteil. In den großen Zeitungen hat sich der Autor gleich reihenweise die verdienten Watschen abgeholt.
Ein Erfolg ist das Buch allein, weil es überall der Aufmerksamkeit für wert befunden wird. Man darf der Deutschen Verlags-Anstalt also schon jetzt zu einem Marketingerfolg gratulieren, und darauf wetten, dass die einmal angeworfene Aufregungsmaschine auch gehörig die Kassen klingeln lassen wird.
Zwei eigens aus Übersee eingeflogene Wissenschaftler sollten die offenkundigen inhaltlichen Widersprüche kraft ihrer akademischen Reputation wohl kaschieren helfen. Der 1929 in Deutschland geborene und in den Vereinigten Staaten zu wissenschaftlichen Ehren gekommene Physiker Professor Friedwardt Winterberg demonstrierte, mit farbigen Filzstiften und einer Tafel ausstaffiert, die Funktionsweise von Atombomben – eine für Laien mehr oder minder nachvollziehbare Sendung mit der Maus für Erwachsene.
Und hatte der Verleger Jürgen Horbach den Journalisten nicht gerade noch verkündet, Karlschs Buch leiste das «Unerwartete» – indem es der vermeintlich völlig erforschten Geschichte des Nationalsozialismus etwas überraschend Neues hinzufüge, eine Sensation also, und das noch dazu auf der Grundlage bislang unbekannter historischer Quellen? Muss am Ende nicht etwa die bis heute abgestrittene Existenz einer deutschen Atombombe einer «Neubewertung» unterzogen werden, sondern vielmehr die begriffliche Bestimmung dessen, was eine Atombombe überhaupt ist?
Walther Gerlach, Kurt Diebner und Erich Schumann seien in diesem Bestreben weiter gekommen, als bisher angenommen. Nicht nur, dass sie im Umland von Berlin einen Atomreaktor zum Laufen gebracht hätten – zweimal, nämlich auf Rügen und im thüringischen Ohrdruf, sei ihnen auch ein erfolgreicher «Kernwaffentest» gelungen.
Insbesondere zu letzterem kolportiert Karlsch atemberaubende Zeitzeugenberichte. Man kennt dieses Muster aus tausendundeinem Film – der Todgeweihte haucht mit bereits versagender Stimme einen bruchstückhaften aber zweifellos wahren Bericht über ein mysteriöses Verbrechen aus. Er setzt damit den Racheengel, den Kommissar, oder in diesem Fall den Historiker in die Spur: «Ein Zeuge», so heißt es bei Karlsch, «hatte angeblich noch die letzten Worte eines sterbenden Kriegsgefangenen im Ohr: 'Feuer, viele sofort tot, von der Erde weg, einfach nicht mehr da, viele mit großen Brandwunden, viele blind.»
Bruno Keyser, Professor an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, wird solche Messungen nun vornehmen, und noch in diesem Jahr ist mit Ergebnissen zu rechnen. Diese Ergebnisse könnten Karlschs These unter Umständen falsifizieren: Sie wären nämlich in der Lage, insofern eine erhöhte Strahlung in Ohrdruf gemessen würde, deren Quelle zu datieren. Neben einem Kernwaffentest aus dem Jahr 1945 käme auch die rote Armee als Urheber von radioaktiver Strahlung in Betracht. Die Sowjets hatten in Ohrdruf nach dem Krieg ein Übungsgelände unterhalten und womöglich ebenfalls mit nuklearem Material hantiert.
Wenn es also keine Atombombe war, die damals in Deutschland entstanden sein sollte, dann doch immerhin eine Kernwaffe, schließlich war wohl schwach angereichertes Uran im Spiel. Und überhaupt – so beschwert sich Karlsch – sei der Begriff «nuklear» gerade in Deutschland mit einem überflüssigen Tabu behaftet. Wahlweise bringen der Autor und Walker also offenbar beliebige Vergleiche mit einer «Atomgranate» oder modernen «Mini-Nukes» ins Spiel.
Wirklich gefährlich hätten die Atomwaffen aus Deutschland nicht werden können, kriegsentscheidend schon gar nicht: Eine nukleare Kettenreaktion, die die Bomben von Nagasaki und Hiroschima ausgelöst hatten, sei in den deutschen Waffen, die nach einem völlig anderen Prinzip funktionierten, keinesfalls abgelaufen, stattdessen ein so genanntes «fizzlen», bei dem durch eine Explosion radioaktive Spaltprodukte freigesetzt wurden. Einen Bauplan der Waffe, zu der Karlsch sein über 400-seitiges Buch vorgelegt hat, konnte der Historiker nicht ausfindig machen.
Walker interessiert etwas anderes: Dass nämlich deutsche Wissenschaftler offenbar keine Vorbehalte hatten, eine kriegstaugliche Atomwaffe zu entwickeln – also so gar nicht jener Einschätzung entsprachen, die die Geschichtswissenschaft bislang insbesondere den Starphysikern von Weizsäcker und Heisenberg zugute gehalten hatte. Von ihnen heißt es, sie hätten die deutsche Kernwaffenforschung aus moralischen Gründen hintertrieben und verschleppt.
Am Ende der Veranstaltung scheint immerhin den Verleger noch eine kleine Panik vor den erwartbar missmutigen Reaktionen der Journalisten angeflogen zu haben. Als sei ihm erst gerade zu Bewusstsein gekommen, dass in Sachen Wissenschaftlichkeit hier nicht alles zum Besten steht, bat er die anwesenden Schreiber, sich doch nicht ausschließlich auf die technologischen Spezialaspekte des Buches zu konzentrieren. Schließlich zeige der Autor auch eine Reihe sehr interessanter historischer Querverbindungen auf. Nun gut, Herr Horbach, man wird «Hitlers Bombe» wohl einer grundsätzlichen «Neubewertung» unterziehen müssen.
Rainer Karlsch: Hitlers Bombe, DVA 2005, 416 Seiten, 24,90 Euro.
