Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Medien in den USA: 

Wer glaubt schon den Schreihälsen

09. Mrz 2005 06:35, ergänzt 11:41
Bill O'Reilly auf FoxNews
In den USA vertrauen weniger Bürger denn je darauf, dass ihnen in den traditionellen Medien Fakten präsentiert werden. Schuld daran sollen Kabelfernsehen und Weblogs sein.

Von Miriam Vieregger

Nur noch ein gutes Drittel der Amerikaner glaubt, dass die Medien korrekt über Fakten berichten. Seitdem wird in den USA darüber gestritten, wer an diesem Vertrauensverlust schuld ist: Das auf Krawall setzende «Shout-TV», die Blogger oder gar die Vertreter des gerade auf Objektivität setzenden seriösen Journalismus?

Ende des vergangenen Jahres brachte das renommierte Pew Research Center seinen Bericht zur öffentlichen Meinung über die Medien heraus. Andrew Kohut, Gründer und Direktor des Instituts, fasste die Umfrage nüchtern zusammen: «Wir sehen hier, dass die Glaubwürdigkeit der Medien in der öffentlichen Wahrnehmung stetig abnimmt.» So gaben vor 20 Jahren immerhin noch 55 Prozent der Befragten an, die Medien lägen generell mit der Darstellung von Fakten richtig. Im Jahr 2004 sind nur noch 36 Prozent dieser Meinung.

Die Bürger vermuten zudem, dass Journalisten sich nicht von einer gewissen Voreingenommenheit frei machen können. Lediglich 38 Prozent glauben, dass Reporter tatsächlich objektiv und unbeeinflusst von eigenen Ansichten berichten. 1988 waren es noch 58 Prozent der Befragten.

Er sagte, sie sagte

Die Medienlandschaft der Vereinigten Staaten weist Extreme auf, wie sie in Europa kaum zu finden sind. Es scheint, als orientierte sie sich damit an der geografischen Beschaffenheit des Landes. Auf der einen Seite: die traditionellen Medien, also große Zeitungen und etablierte Fernsehsender. Sie predigen das Ideal der absoluten Objektivität und produzieren Nachrichten in einem Stil, der in seiner Eintönigkeit und asketischen Kargheit an die steinigen Wüstenstriche im Westen der USA erinnert.

Der Fachbegriff dafür lautet «he said, she said»-Journalismus. Hier geht es immer darum, beide Seiten eines Konflikts zu beleuchten, der persönliche Blickwinkel des Reporters oder gar eine Interpretation der Sachlage ist nicht erwünscht.

Gladiatoren auf CNN

Andererseits gibt es viele Medienformate, in denen gerade die subjektive Meinung von Moderatoren im Mittelpunkt steht. Hier gilt: Je ruppiger der Ton und je radikaler die Ansichten, desto besser. Dieser Journalismus gleicht schroffen Gebirgslandschaften mit felsigen Gipfeln und tiefen Tälern. Man findet ihn vor allem im Kabelfernsehen bei Fox, «MSNBC» und bei «CNN», und im Radio. Der erzkonservative Radiotalker Rush Limbaugh beispielsweise verbreitet noch fünf Jahre nach dem Ende der Clinton-Regierung unermüdlich skurrile Theorien über die «linke Verschwörung von Bill und Hillarys Mafia».

Rush Limbaugh, konservativer Radiomoderator
In der Polit-Show «Crossfire» auf «CNN» stehen sich zum verbalen Schlagabtausch zwei ehemalige Clinton-Berater und ein konservativer Zeitungskolumnist gegenüber. Der Sender wirbt dafür, als handele es sich um Gladiatoren: «Paul Begala und James Carville bekriegen sich live und vor Publikum mit Robert Novak!» Solche Runden werden in der Branche «Shout-TV», Schrei-Fernsehen, genannt.

Von den Nachrichten verschaukelt

Zuschauer schätzen den Adrenalingehalt dieser Form der Politikvermittlung. Der andauernde Erfolg solcher Shows wie «Crossfire» (die nun allerdings nach rund 23 Jahren aus dem Programm genommen wird), «Hardball with Chris Matthews» (läuft seit fünf Jahren auf «MSNBC»), oder «The O’Reilly Factor» (seit neun Jahren auf «FoxNews») gab den Machern recht, auch wenn manche Medientheoretiker die aggressiven Shows schon immer für problematisch hielten.

Eine Zeit lang schienen sich das Bemühen um objektive Berichterstattung und die Lust an der ideologisch gefärbten Debatte auszubalancieren. In den letzten Wochen und Monaten jedoch sind beide Formen des Journalismus vermehrt in die Kritik geraten. Der Grund: Die vierte Instanz der U.S.-Demokratie steckt in einer Vertrauenskrise. Die Verbraucher glauben nicht mehr, was ihnen aufgetischt wird. «Weil sie im Shout-TV die unseriöseste Seite des Journalismus präsentiert bekommen», sagen die einen. «Weil das Publikum weiß, dass Objektivität eine Illusion ist und sich deshalb von den Nachrichtensendungen verschaukelt fühlt», sagen die anderen.

Ken Auletta
Ken Auletta, Reporter beim Wochenmagazin «New Yorker», meint, dass «Shout-TV» und der Vertrauensverlust der Bürger Hand in Hand gehen: «Der Zuschauer sieht, wie Journalisten zwischen den Rollen hin und her wechseln. Reporter treten auf einmal als Meinungsmacher auf.» Beim Bürger setze sich so der Eindruck fest, alle Journalisten seien in erster Linie darauf aus, ihre eigene politische Agenda voranzutreiben.

Reine Lehre ist Humbug

«Journalisten sollten doch eigentlich leise und bescheidene Individuen sein, Leute, die zuhören können», sagt Auletta. «Stattdessen kann man Vertreter unseres Berufs vermehrt im Fernsehen dabei beobachten, wie sie subjektive Ansichten verbreiten und sich in vermeintlichem Expertentum ergehen.» Der Autor schnaubt. Als «bloviators», Schwafler, bezeichnet er diese ungeliebten Kollegen.

Manche Beobachter können einer Presse, die politisch Flagge zeigt, aber durchaus etwas abgewinnen. Sie argumentieren, dass die Lehre vom reinen, objektiven Journalismus ohnehin Humbug sei und plädieren dafür, dass jedes Medienorgan Farbe bekennen solle. Dann wisse das Publikum wenigstens, woran es sei, und könne die Botschaft einordnen. Auf lange Sicht mache das die Medien glaubwürdiger.

Objektivität contra Weblogs

Michael Kinsley, ein konservativer Kolumnist der «Los Angeles Times», sieht den Vorteil von Shows wie «Crossfire» oder «Hardball» in ihrer «intellektuellen Ehrlichkeit.» In Sendungen wie «Meet the Press» – vergleichbar dem deutschen sonntäglichen Presseclub – spuckten Journalisten am laufenden Band ihre Ansichten und persönlichen Prognosen aus, müssten dabei jedoch ständig so tun, als hätten sie eigentlich keine eigene Meinung.

Trotz aller Kritik gilt das Ideal der objektiven Berichterstattung an Journalistenschulen und in zahllosen Nachrichtenredaktionen der USA bis heute. Sicherlich wird sich das journalistische Establishment auf absehbare Zeit auch nicht davon verabschieden. Im Gegenteil: angesichts eines Blog-Universums, das sich keinerlei Regeln mehr verpflichtet sieht, gewinnt der unbeteiligte Reporter einen neuen Stellenwert. «Es gibt eine große Anzahl sehr politischer Blogs da draußen, und die unvoreingenommene Berichterstattung wird als Gegengewicht immer bedeutender», erklärte jüngst Jim VandeHei von der «Washington Post» in einer Diskussionsrunde zum Thema.

Nie dagewesene Lagerbildung

Tatsächlich muss man sich fragen, was mit einer Gesellschaft passiert, wenn Bürger nur noch solche Medien konsumieren, die das aktuelle Geschehen den eigenen politischen Überzeugungen genehm präsentieren. Nicht nur einzelne Journalisten, sondern die Medienwelt als ganze wird in den USA zunehmend als parteipolitisch eingefärbt wahrgenommen. Bush-Wähler schauen am liebsten «FoxNews» und lesen den Leitartikel im «Wallstreet Journal», Demokraten schalten «CNN» ein und blättern durch die «New York Times». Das Land ist gespalten, bis vor die Mattscheibe in die heimatlichen Wohnzimmer hinein.

«Wir kommen in eine Ära noch nie da gewesener politischer Lagerbildung», schreibt der Journalist Brent Cunningham im «Columbia Journalism Review». «In dieser Zeit brauchen unsere Leser verlässliche Berichterstattung, die ihnen die Wahrheit mitteilt, oder zumindest so nah an die Wahrheit herankommt, wie möglich.»

Informationsquellen nehmen zu

So wird es weiterhin beides geben im amerikanischen Journalismus, die «he said, she said»-Texte genau wie das Schrei-Fernsehen und die Radioprediger. Die Blogger werden fleißig weiter ihre Erkenntnisse im Netz verbreiten. Die Grenzen zwischen dem etablierten Journalismus und weniger kontrollierbaren Formen politischer Meinungsbildung werden noch fließender werden.

Der Vorteil für das Publikum: Die Auswahl an Informationsquellen wächst stetig. Die Herausforderung, wertvolle Informationen kritisch heraus zu filtern, bleibt. Insofern ist das gewachsene Misstrauen gegenüber den Medien vielleicht nicht nur negativ zu bewerten.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
 
Live Top 5
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.